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Interview

Engagement der Bundeswehr in Litauen: Klares Warnsignal gegenüber möglichem Aggressor

Landes- und Bündnisverteidigung

Brigadegeneral Christian Nawrat ist Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg, die die eVA-Brigade zur Verteidigung Litauens stellt. Ein Gespräch über die Brigade, den vorgeschobenen Gefechtsstand und die aktuelle Übung Griffin Lightning.

Ein Soldat im Porträt

Brigadegeneral Christian Nawrat ist seit Januar 2021 Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg. Im deutschen Engagement in Litauen sieht er eine klare Warnung in Richtung eines möglichen Aggressors.

Bundeswehr/Andre Forkert

Im Sommer 2022 hat Deutschland Litauen Unterstützung bei seiner Verteidigung an der Ostflanke der NATO zugesagt. Diese Aufgabe übernimmt die enhanced Vigilance Activities Brigade Litauen (eVA Brig LTU), die sich namentlich an die sogenannten verstärkte Wachsamkeitsaktivitäten der NATO zur Rückversicherung der osteuropäischen Bündnispartner anlehnt, bisher jedoch auf einer rein binationalen Vereinbarung zwischen Deutschland und Litauen beruht. 

Im Herbst vergangenen Jahres wurde bei der ersten Verlege- und Gefechtsübung Fast Griffin der vorgeschobene Gefechtsstand der eVA-Brigade in Litauen in Dienst gestellt, der dauerhaft vor Ort stationiert ist. Die weiteren Kräfte werden in Deutschland vorgehalten und durch die Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg gestellt. Derzeit üben Teile der Brigade bei der Übung Griffin Lightning erneut in Litauen. Den Abschluss der ersten Übungsserie bildet die binationale Übung Griffin Storm im Sommer 2023 mit bis zu 1.000 deutschen Soldatinnen und Soldaten. 

Kommandeur Brigadegeneral Christian Nawrat im Gespräch über die deutsche Unterstützung für Litauen und die aktuelle Übung Griffin Lightning.

Was ist die eVA-Brigade Litauen?

Mit der eVA-Brigade hält Deutschland eine Kampftruppenbrigade zur Rückversicherung Litauens vor, die direkt in die litauische Verteidigungsplanung integriert wird und auch gemeinsam übt, um die Interoperabilität, also die gemeinsame Gefechtsfähigkeit der Streitkräfte beider Nationen zu erhöhen. Im Moment beruht die eVA-Brigade Litauen auf binationalen Absprachen und ist keine NATO-Maßnahme. Deswegen wird sie auch von der 1. Panzerdivision des Deutschen Heeres geführt und ist keinem NATO-Kommando unterstellt.

Es ist aber zu erwarten, dass sie in das NATO Force Model überführt wird, das ab 2025 regionale Zuständigkeiten in der Bündnisverteidigung vorsieht. Für Deutschland liegt hier der Schwerpunkt im Nordosten, also bei den baltischen Staaten und Polen. 

Gehört die eVA-Brigade zur Battlegroup eFP in Litauen? 

Nein. Die Brigade eVA und Battlegroup eFP in Litauen sind unterschiedlich aufgestellt und unterstellt. Die eFP-Battlegroup Lithuania gehört zur verstärkten Vornepräsenz der NATO in Polen und im Baltikum, die zur Rückversicherung der osteuropäischen Bündnispartner nach der Annexion der Krim 2014 ins Leben gerufen wurde. Seit Aufstellung 2017 führt Deutschland die eFP-Battlegroup Lithuania und ist wesentlicher Truppensteller. Doch die Battlegroup ist von vorneherein als multinationaler Gefechtsverband mit möglichst breiter Beteiligung angelegt. Hier geht es um das Prinzip der Multinationalität zur Abschreckung. Denn auch wenn nur ein Luxemburger oder ein Isländer in die Battlegroup integriert ist, bedeutet jeder Angriff auch einen Angriff auf die gesamte Nation. 

Organisatorisch untersteht die Battlegroup der litauischen Brigade Iron Wolf, die wiederum dem Multinationalen Korps Nordost in Stettin als NATO-Kommando unterstellt ist. Auch hier sieht man den multinationalen Ansatz. 

Die deutsche Position ist übrigens, dass beides parallel weitergeführt wird. Wir stehen Litauen in seiner Verteidigung gegen einen möglichen Aggressor also mit der eVA-Brigade und der eFP-Battlegroup zur Seite.

Was wird in der Übung Griffin Lightning geübt?

Bei der Übung Griffin Lightning werden alle Phasen einer Operation zur Bündnisverteidigung geübt: Aufmarsch und Verlegung nach Alarmierung in das Einsatzgebiet, Zusammenführung von Mensch und Material sowie Weiterverlegung in den Operationsraum, Verteidigung gegen den Aggressor und Gegenangriff und natürlich die Rückverlegung. Verlegt wurden insgesamt rund 200 Fahrzeuge und rund 600 Soldatinnen und Soldaten per Schiff, auf der Straße und im Flugzeug. Der Schwerpunkt lag auf dem Straßenmarsch: 1.200 Kilometer durch Polen nach Litauen unter anderem mit den Gefechtsfahrzeugen Boxer, Fuchs und Fennek

Die gesamte Verlegung hat vier Tage gedauert, denn unter Friedensbedingungen gelten für uns dieselben Regeln wie für zivile Schwerlasttransporte. Im Ernstfall müssten wir die Hälfte der Zeit annehmen, um gefechtsbereit anzukommen, obwohl weitere Aufgaben wie Aufklärung der Route, Tarnung und Sicherung der Konvois dazukommen. Auch die Aufnahme des Personals und Materials vor Ort erfordert dann umfangreiche Absprachen vor Ort. Denn würde die Brigade komplett verlegen, benötigen bis zu 5.000 Männer und Frauen Unterkunft und Verpflegung.

Wir brauchen Stellflächen für Fahrzeuge und Gerät, Lagerflächen für Hunderte von Containern mit Munition, Ersatzteilen und mehr. Es ist Aufgabe des vorgeschobenen Gefechtstandes der Brigade, die Möglichkeiten des Host Nation Supports vor Ort abzuklären, beispielsweise, in welchem Umfang Litauen Treibstoff oder Trinkwasser bereitstellen kann.

Was ist der vorgeschobene Gefechtsstand?

Der vorgeschobene Gefechtstand, das Forward Command Element (FCE), ist seit September 2022 dauerhaft in Litauen stationiert. Er umfasst in der Regel rund 30 Männer und Frauen, kann aber bei veränderter Auftragslage sofort auf rund 70 Beteiligte aufwachsen. Es ist ein ausgelagerter Teil meines Gefechtsstandes in Neubrandenburg, das Personal wechselt sich regelmäßig ab, damit ein enger Austausch gewährleistet ist – wichtig für den Ernstfall. 

Das FCE dient als Führungs- und Verbindungselement zu den litauischen Streitkräften. Er schafft die Voraussetzungen, damit die eVA-Brigade schnell vor Ort verfügbar ist: für Übungen, für Rückversicherungsmaßnahmen im Bündnisfall. Auch wenn der Personenansatz auf den ersten Blick gering erscheint, die Vorausstationierung von Material und die Schaffung von Infrastruktur beispielsweise zur Unterbringung von Soldatinnen und Soldaten oder für umfangreichere Übungen haben eine viel größere Bedeutung. Einsatzkräfte in ein Operationsgebiet zu verlegen, geht vergleichsweise schnell, wenn sie vor Ort problemlos aufgenommen werden können.

Warum ist die schnelle Verlegefähigkeit so wichtig? 

Es geht um mehr als Verlegefähigkeit. Deutschland stellt Fähigkeiten bereit, je nach Bedrohungslage verteidigungsbereit verfügbar sein. Wir sind ein Kräftedispositiv und werden so auch wahrgenommen. Das ist wichtig für eine wirksame Abschreckung. Dazu gehören Verlegefähigkeit ebenso wie Gefechtsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit. Wir müssen unserem Partner Litauen Rückversicherung bieten, Vertrauen und Stärke. Dazu brauchen wir starke Botschaften gegen einen möglichen Aggressor: Wir sind zeitgerecht vor Ort, wir können kämpfen. 

von Simona Boyer

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