Schwerer Waffenträger Infanterie wird beschafft
Der Radpanzer bringt Feuerkraft schnell dorthin, wo sie gebraucht wird. Ab 2025 wird er bei den mittleren Kräften der Bundeswehr eingeführt.
Die Bundeswehr hat einen weiteren Meilenstein bei der Einführung des neuen Waffensystems für die Mittleren Kräfte des Heeres erreicht: Bei einer Industrieausbildung in Bergen wurden die ersten Soldaten mit dem Schweren Waffenträger Infanterie vertraut gemacht. Die Radpanzer werden als Nächstes von der Truppe auf ihre Einsatztauglichkeit geprüft.
Jeder Situation gewachsen: Neben einer 30-Millimeter-Maschinenkanone verfügt der neue Waffenträger auch über das leichte Lenkflugkörpersystem MELLS zur Panzerabwehr. Seine Bewaffnung und seine hohe Mobilität machen den Radpanzer besonders.
Das Beste kommt zum Schluss. Rund zwei Monate haben die Soldaten der Schweren Kompanie des Jägerbataillons 413 nun mit ihrem neuen Radpanzer verbracht, sind mit dem Vierachser stundenlang durchs Gelände gekurvt und haben die Abläufe im bemannten Turm wieder und wieder geübt. Jetzt dürfen sie das machen, was der Schwere Waffenträger Infanterie am besten kann: Schießen, was die Rohre hergeben. Mit dem Maschinengewehr, das für die Bekämpfung von Infanterie gedacht ist. Mit der 30-Millimeter-Maschinenkanone, die je nach Munition gegen Truppen, Stellungen, aber auch Gefechtsfahrzeuge wirken kann. Und schließlich mit der ROSY-Nebelmittelwurfanlage, um dem Gegner die Sicht zu rauben und die eigene Position zu tarnen.
„So viel konzentrierte Feuerkraft hatte die Jägertruppe noch nie.“
Nur der MELLS-Raketenwerfer für die Panzerabwehr bleibt noch im Turm verborgen, während auf der Schießbahn 20 des Truppenübungsplatzes Bergen in Niedersachsen geschossen wird. „Der Schwere Waffenträger Infanterie leistet mit weitreichenden Waffen direkte taktische Feuerunterstützung für abgesessene Kräfte“, sagt Oberstleutnant Pascal H.* vom Amt für Heeresentwicklung, der das Projekt zusammen mit dem Bundesamt für Ausrüstung, Infrastruktur und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) vorantreibt.
Bisher sei diese Aufgabe vom Waffenträger Wiesel erfüllt worden, dieser sei aber in puncto Reichweite und Panzerung recht eingeschränkt. „Im Vergleich zum Wiesel haben wir eine enorme Steigerung der Mobilität, des Schutzes der Besatzung und der Feuerkraft“, stellt Pascal H. die Vorzüge des Schweren Waffenträgers heraus, der auf einem Aufklärungsfahrzeug der australischen Streitkräfte basiert. Kurzum: „So viel konzentrierte Feuerkraft hatte die Jägertruppe noch nie.“ Der Radpanzer ist außerdem hochmobil und kann zusammen mit anderen Gefechtsfahrzeugen der Mittleren Kräfte auf eigener Achse in seinen Einsatzraum verlegen – zum Beispiel an die NATO-Ostflanke im Baltikum. Außerdem kann er erhebliche Munitionsvorräte mitführen. „Das erhöht die Durchhaltefähigkeit im Feld“, sagt der Oberstleutnant.
Geschult wird an acht fabrikneuen Exemplaren des Radpanzers. Ausgebildet werden jene Soldatinnen und Soldaten, die als sogenannte Multiplikatoren künftig auch Kameradinnen und Kameraden auf dem Schweren Waffenträger ausbilden werden. „In den ersten sechs Wochen wurden die zukünftigen Ausbilder mit dem Fahrzeug und den Waffensystemen vertraut gemacht“, sagt Pascal H. „Die letzten beiden zwei Wochen sind ausschließlich der praktischen Schießausbildung gewidmet.“ Es gehe darum, den Umgang mit den Aufklärungs- und den Zielsystemen zu verinnerlichen – schließlich sollen mit dem Radpanzer Feuerkämpfe auf Entfernungen von mehreren Kilometern geführt werden. Geschossen wird sowohl stehend als auch aus der Bewegung heraus – und das sowohl auf statische als auch auf bewegliche Ziele. Nach und nach steigt der Schwierigkeitsgrad.
„Was Feuerkraft und Schutz angeht, liegen Welten zwischen den Fahrzeugen.“
Oberleutnant Heiner S.* vom Jägerbataillon 413 ist einer der Soldaten, die für die Ausbildung nach Bergen gekommen sind. Sein Bataillon gehört zur Panzerbrigade 21, die als erster Großverband der Bundeswehr auf Radpanzer umstellt. Heiner S. wird künftig einen Zug mit vier Schweren Waffenträgern führen. „Was Feuerkraft und Schutz angeht, liegen Welten zwischen den beiden Fahrzeugen“, sagt er. Der kompakte Wiesel sei zwar wendiger im Gelände und schwerer aufzuklären, dafür glänze der Radpanzer aber beim Marsch über große Distanzen. „Alles in allem“, schließt der Oberleutnant, „bedeutet der Schwere Waffenträger für uns eine erhebliche Steigerung des Einsatzwertes.“
Auf dem Weg zur Feuerprobe: Zwei Radpanzer rollen in ihre Feuerstellungen auf dem Truppenübungsplatz Bergen. Die grüne Fahne signalisiert allen auf der Schießbahn, dass die Waffensysteme gesichert sind.
Bundeswehr/Jana Neumann
Treffer, vernichtet: Die Radpanzer bekämpfen ihre Ziele auf der Schießbahn 20 in Bergen sowohl mit dem koaxialen Maschinengewehr als auch mit der 30-Millimeter-Bordmaschinenkanone
Bundeswehr/Jana Neumann
Feuerwerk aus Phosphor: Einer der Schweren Waffenträger zündet seine Nebelmittelwurfanlage, um im Schutz des Rauches eine neue Feuerposition zu beziehen
Bundeswehr/Jana Neumann
Ass im Ärmel: Der Schwere Waffenträger verfügt auch über eine ausfahrbare Startrampe für MELLS-Raketen, um gegnerische Panzerfahrzeuge auf mehrere Kilometer Entfernung zu bekämpfen
Bundeswehr/Jana Neumann
Was vom Training übrigblieb: Beim Schießen mit dem Schweren Waffenträger Infanterie wurden mehrere hundert Schuss Munition am Tag mit der Bordmaschinenkanone abgefeuert
Bundeswehr/Jana NeumannAls nächstes wird der Radpanzer von der Truppe auf seine Einsatztauglichkeit geprüft. Diese Aufgabe ist dem Zug von Heiner S. zugefallen. „Wir werden das Gerät in jeder Hinsicht einem Belastungstest unterziehen“, sagt er. Auch dem Turm werde er gründlich auf den Zahn fühlen: „Wie stabil sind die Waffensysteme, wie wirkt sich das Verschießen großer Munitionsmengen aus, und erzielen die verschiedenen Munitionsarten auch die gewünschte Wirkung?“ Erst nach Abschluss der Tests könne eine verlässliche Aussage über den tatsächlichen Einsatzwert des Schweren Waffenträgers Infanterie getroffen werden, so der Oberleutnant. Er sei aber optimistisch.
„Ich bin zufrieden, dass wir mit den ersten acht Fahrzeugen die Ausbildung starten konnten“, sagt Oberstleutnant Pascal H. später. „Jetzt kommt es darauf an, dass die Industrie zuverlässig weitere Fahrzeuge liefert, um die Truppe weiter zu befähigen und die Mittleren Kräfte der Bundeswehr weiter aufwachsen zu sehen.“ Der Schwere Waffenträger Infanterie werde ein wichtiger Pfeiler für die Mittleren Kräfte, so der Oberstleutnant. In den nächsten Jahren sollen nach und nach insgesamt 123 Exemplare des Wiesel-Nachfolgers an die Bundeswehr ausgeliefert werden. 26 davon werden an das Jägerbataillon 413 gehen.
*Name zum Schutz der Person abgekürzt
von Timo Kather