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„Ein einsatzbereites Heer braucht Reserven“

„Ein einsatzbereites Heer braucht Reserven“

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Datum:
Ort:
Hammelburg
Lesedauer:
5 MIN

„Ein einsatzbereites Heer braucht eine einsatzbereite Reserve!“, so die Kernforderung der Arbeitstagung der Reserve des Heeres am Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg. Zwei Teilnehmer beschreiben ihre ganz unterschiedlichen Wege zur Reserve.

Eine junge Soldatin lächelt freundlich in die Kamera.

Hauptfeldwebel der Reserve Julia Oehlers schreibt ihre Masterarbeit und dient im Panzerbataillon 393.

Bundeswehr/Alena Schleicher

Hauptfeldwebel der Reserve Julia Oehlers ist Stabsdienstbearbeiterin im Lagezentrum des Panzerbataillons 393 in Bad Frankenhausen. Die 32-Jährige behält den Überblick über die weltweiten Einsätze der Soldaten ihres Verbandes. „Alle, die in den Einsatz gehen, laufen über meinen Tisch. Ich sorge dafür, dass die Voraussetzungen passen. Das geht soweit, dass wir die Männer und Frauen an den Flughafen fahren und sie dort nach ihrer Rückkehr wieder abholen“, beschreibt sie ihre Tätigkeit.

Zehn Monate in der Truppe

Soldaten sitzen in Reihen vor einer Bühne mit Rednerpult, dahinter steht ein General und spricht zu ihnen.

Unter den rund 240 Teilnehmern der Tagung ist auch Hauptfeldwebel der Reserve Julia Oehlers. Das Treffen in Hammelburg wird in zwei Durchgängen abgehalten.

Bundeswehr/Alena Schleicher

Ihr Weg in die Reserve war ungewöhnlich: „Nach zwölf Jahren bei der Truppe für Operative Kommunikation schied ich aus und begann mit einem Studium. Da es mich nicht auslastete, suchte ich eine weitere Herausforderung. So entstand die Idee, Reservedienst zu leisten.“ Einen Ort zum Üben fand sie über Facebook, wo ihr jetziger Vorgesetzter, der selbst Reservist ist, informierte, dass in Bad Frankenhausen Bedarf bestehe. „Innerhalb einer Woche gehörte ich zum Panzerbataillon 393.“ Das war im November 2018. Inzwischen übt Oehlers die maximal möglichen zehn Monate pro Jahr und schreibt parallel dazu ihre Masterarbeit. Sie mache das super gern und trage ihr schwarzes Barett mit Stolz. „Ich habe in der Kampftruppe meine militärische Heimat gefunden und bin dankbar, hier üben zu dürfen“, zieht sie ein positives Zwischenfazit.

Eine coole Übergangslösung

Auf die Frage, was den Reservedienst im Heer attraktiv macht, fallen ihr mehrere Punkte ein: „Zum einen ist es die Flexibilität: Ich verpflichte mich für kurze Zeiträume von wenigen Monaten. Wenn es mir nicht gefällt, kann ich einfach wechseln. Zum anderen ist es die Herausforderung: Ich muss immer Leistung bringen, sonst wird mein Verband mich nicht mehr zur Reservistendienst beordern. Insgesamt bietet der Reservedienst eine coole Übergangslösung mit viel Abwechslung.“ Auch für eine weitere Steigerung der Attraktivität hat sie Vorschläge: „Die finanziellen Anreize sind bereits gut. Aber Reservisten brauchen eine längere Perspektive. Warum kann man zum Beispiel nicht für drei Jahre dienen? Hier könnten noch unterschiedlichere Modelle angeboten werden.“

General zum Modell der Grundbeorderung

Ein General steht am Rednerpult und hat zwei Mikrofone vor sich.

Generalleutnant Johann Langenegger leitet als Beauftragter für Reservistenangelegenheiten im Deutschen Heer die Tagung im bayerischen Hammelburg.

Bundeswehr/Jennifer Quehl

Auf der Arbeitstagung Reserve Heer in Hammelburg ist auch dies ein Thema in der Debatte. Eingangs erklärt der einladende Kommandeur Einsatz und Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Johann Langenegger: „Wir müssen die Ausscheider aus der Bundeswehr für die Reserve halten.“ Dies sei eine zentrale Bedingung für eine einsatzbereite Reserve. Um die Besetzungsquoten in der Reserve zu steigern, wird ab dem Jahr 2022 eine Grundbeorderung eingeführt. Das bedeute, dass ausscheidende Soldaten nach dem Ende ihrer aktiven Dienstzeit für sechs Jahre als Reservisten auf einem Reservedienstposten vorgesehen würden. Im Frieden bringe dies keine Verpflichtungen mit sich. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall würden diese Soldaten zum Dienst herangezogen, erklärt Langenegger.

Wirtschaft mit ins Boot holen

Ein Teilnehmer steht, umgeben von anderen sitzenden Tagungsteilnehmern, mit einem Mikrofon in der Hand und stellt eine Frage.

Major Marco Koch und alle anderen Tagungsteilnehmer nutzen die Tagung für zahlreiche Fragen und Diskussionen.

Bundeswehr/Alena Schleicher

Major Marco Koch, einer der Tagungsteilnehmer, bringt eine weitere Herausforderung bei der Werbung von Reservisten auf den Punkt: „Reservistendienst kann nur funktionieren, wenn wir Wirtschaft und Industrie mit ins Boot holen. Das ist in Zeiten zunehmender Individualisierung nicht immer einfach.“ Man brauche einen gemeinsamen Ansatz mit einem Mehrwert für Reservist, Arbeitgeber und Bundeswehr, bekräftigt Koch in seinem Statement. Die Steigerung der Attraktivität für Reservedienst ist ein zentraler Punkt der Strategie der Reserve, die bei der Tagung vorgestellt wird.

Aus der Tagung in Hammelburg nimmt Hauptfeldwebel Oehlers auch etwas mit: „Man hat erkannt, dass Reservisten die Rettung bei Personalknappheit sind. Ich spüre einen Aufbruch. Wir sind nicht länger Hobbysoldaten, die Bock haben, mal wieder schießen zu gehen. Der moderne Reservist ist tief in der Truppe verwurzelt und entlastet die Aktiven.“

„Wir sind Dienende unseres Landes“

Soldat im Dienstanzug steht vor dem Stein der Infanterie und lächelt in die Kamera.

Oberst der Reserve Lutz Brade ist Soldat aus Überzeugung: „Wer einmal Kameradschaft erlebt hat, dem kommt es nicht mehr auf den Stundenlohn an.“

Bundeswehr/Alena Schleicher

Einen klassischen Weg zum Reservisten beschritt Oberst der Reserve Lutz Brade. Er trat noch während des Kalten Krieges als Reserveoffizieranwärter in die Bundeswehr ein. Nach seiner Verpflichtungszeit von zwei Jahren war er für 20 Jahre im Investmentbanking tätig. „Während dieser Zeit durchlief ich den normalen Werdegang eines Reserveoffiziers und übte als Zugführer, Kompaniechef, Stabsoffizier und Bataillonskommandeur.“ Während dieser Phase seien 14-tägige Übungen im Zweijahresrhythmus üblich gewesen. „Vor zehn Jahren erreichte ich dann eine Lebensphase, in der ich mir beruflich eine flexiblere Zeiteinteilung erlauben konnte. Seitdem übe ich zwischen zwei und vier Monaten pro Jahr.“

Vertreter des Kommandeurs

Brade vertritt üblicherweise den Chef des Stabes in der Deutsch-Französischen Brigade in Müllheim. Auch den Brigadekommandeur und seinen Stellvertreter hat er bereits vertreten. Zum Selbstbild des Reservistendienstleistenden hat er eine klare Haltung: „Reserveübungen müssen in ein staatsbürgerliches Bewusstsein eingebettet sein. Wir sind Dienende unseres Landes. Wer einmal Kameradschaft erlebt hat, dem kommt es nicht mehr auf den Stundenlohn an.“

Der 54-jährige Hesse war bereits zum wiederholten Mal Tagungsteilnehmer: „Die Veranstaltung ist eine hervorragende Plattform für Informationen aus erster Hand, die man mit dem Hörensagen im Dienstalltag abgleichen kann. Über die Jahre lässt sich eine Entwicklung erkennen. Es war einfach, Verbände und Strukturen aufzulösen. Nun geht es an den mühsamen Wiederaufbau.“ Und weiter: „Wir richten uns stark auf Landes- und Bündnisverteidigung aus. Vieles davon hatten wir schon vor 30 Jahren. Nichtsdestotrotz habe ich gemerkt, dass wir eine gute Aufbruchsstimmung bei Truppe und Leitung haben. Die Trendwenden beginnen zu wirken“, ist sich Brade sicher.

Nächste Termine

Dieser Lageeinschätzung schließt sich auch Generalleutnant Langenegger an: „Im vergangenen Jahr berichtete ich hier von einer Aufbruchsstimmung im Heer. Diese hält an und erfasst zunehmend auch die Reserve. Die neuen Konzepte bringen uns weiter voran.“
Als nächster Termin steht am 17. und 18. Oktober die Jahrestagung der Reserve der Bundeswehr in Berlin auf dem Programm. Die nächste Arbeitstagung der Reserve des Heeres findet im ersten Quartal 2021 wieder am Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg statt.

von Jan Volkmann

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