Luftwaffe
Historisch

Airbus A310 von VIPvery important person bis Tanker: Abschied nach drei Jahrzehnten Einsatz

Airbus A310 von VIPvery important person bis Tanker: Abschied nach drei Jahrzehnten Einsatz

Datum:
Ort:
Köln
Lesedauer:
5 MIN

Mit dem letzten Start eines Airbus A310 der Flugbereitschaft BMVgBundesministerium der Verteidigung in Richtung Kanada endete am 21. Juni 2022 ein besonderes Kapitel deutscher Militärluftfahrt. Durch seine unterschiedlichen Fähigkeiten stellte das Flugzeug immer wieder seine Vielseitigkeit im Einsatz unter Beweis. Das Anfang der neunziger Jahre in die Luftwaffe eingeführte Flugzeugmuster diente drei Jahrzehnte als wesentliche und verlässliche Fähigkeit der deutschen Luftstreitkräfte.

Ein Airbus A310 startet.

Der Airbus A310 „Kurt Schumacher“ mit der Kennung 10+23 beim Start

Bundeswehr/Toni Dahmen

Truppentransport der Bundeswehr

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 und der daraus entstandenen neuen politischen Rolle stieg der Bedarf an weltweitem parlamentarischen und militärischen Lufttransport stark an. Diese Fähigkeitslücke für Mittel- und Langstreckenflüge wurde durch drei Airbus A310 geschlossen, die von der Fluggesellschaft Interflug der ehemaligen DDRDeutsche Demokratische Republik an die Bundeswehr übergeben wurden. So wurden der A310 10+21 – „Konrad Adenauer“, der 10+22 – „Theodor Heuss“ und der 10+23 – „Kurt Schumacher“ durch die Luftwaffe übernommen.

Alle Luftfahrzeuge wurden für die Nutzung als Passagierflugzeug, kurz PAX, durch die Luftwaffe modifiziert. Als reines Passagierflugzeug war lediglich die 10+23 mit 214 Sitzplätzen eingerüstet. Hier konnte man im Unterdeck, ähnlich wie bei jedem zivilen Passagierflugzeug, Gepäck und kleinere Frachtstücke zuladen. Mit dieser Konfiguration war die „Kurt Schumacher“ prädestiniert für die weltweite Verlegung von Personal und Material bei Übungen und in den Einsatz. Durch interne Zusatztanks war dieser Truppentransporter zudem wie geschaffen für eine hohe Reichweite. Auf Anfrage des Auswärtigen Amtes wurden hiermit auch Bundesbürger in besonderen Krisenlagen nach Hause geholt oder Hilfsgüter transportiert.

Ein Airbus A310 in der Lakierung der weißen Flotte

Der ehemalige Airbus A310 VIPvery important person im Jahr 2009 im Design der Weißen Flotte

Bundeswehr/Ingo Bicker

A310 als Regierungsflugzeug

Für Reisen der deutschen Bundesregierung betrieb die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung zwei Airbus A310-304 mit VIPvery important person-Ausstattung. Diese Flugzeuge wurden durch die Lufthansa-Technik in Hamburg zur VIPvery important person-Version umgebaut und eingerüstet. VIPvery important person steht für Very Important Person, also „sehr wichtige Person“. Gerade diese Idee des VIPvery important person-Fliegers stammte aus der ehemaligen DDRDeutsche Demokratische Republik. Dadurch hatten amtierende Bundespräsidenten, Kanzler und Minister mit ihren Delegationen Zugriff auf die Weiße Flotte der Flugbereitschaft des BMVgBundesministerium der Verteidigung für ihre weltweiten Reisen oder Staatsbesuche.

Beim Umbau wurde im vorderen Kabinenteil ein Privatbereich, ein Reise- und Arbeitsraum für zwölf Personen sowie ein kleiner Konferenzraum eingerüstet. Im Delegationsbereich standen 22 Business Class und 57 Economy Class-Sitze zur Verfügung. Mit der Übernahme des Airbus A340 VIPvery important person endete die Nutzung der Airbus A310 in der VIPvery important person Version als Teil der Weiße Flotte.

Ein A310 MedEvac auf dem Flugplatz in Köln

Der Airbus A310 auf seinem „Heimat“-Flugplatz Köln/Bonn

Bundeswehr/Kevin Schrief

Der Alleskönner: MRT

Bereits bei der Übernahme der ersten drei Airbus A310 war klar, dass die vier bisher eingesetzten Boeing 707-307C noch in den 1990er-Jahren ersetzt werden müssen. Nach Untersuchung anderer Flugzeugmuster fiel die Entscheidung, vier zusätzliche Airbus A310-304 von der Lufthansa zu übernehmen.

Je zwei Passagierflugzeuge wurden in Dresden durch Elbe Flugzeugwerke GmbHGesellschaft mit beschränkter Haftung und in Hamburg durch Lufthansa Technik AGAktiengesellschaft zu Multi Role Transportern, kurz MRT, umgebaut. Neben der seitlichen Frachttür wurde der Kabinenboden verstärkt und ein Rollensystem zum Be- und Entladen der Fracht eingebaut. Hierdurch können Frachtcontainer unterschiedlicher Größen verladen werden. Zusätzlich werden Sicherheitsnetze eingerüstet, die zur Lastensicherung dienen.

Der hintere Teil der Kabine kann aufgrund der Verjüngung des Flugzeugrumpfs nicht für Fracht genutzt werden und ist daher immer mit einer Bestuhlung für Passagiere versehen. Die Kabine kann so innerhalb von fünf Arbeitstagen in jede gewünschte Konfiguration als PAX, Kombi (Fracht) oder MedEvacMedical Evacuation – also für medizinische Evakuierungsmissionen - umgebaut werden. Hierzu wurden für die schnelle Verfügbarkeit alle benötigten Bauteile direkt in einer Halle der Flugbereitschaft des BMVgBundesministerium der Verteidigung in Köln-Wahn gelagert. Am 23. März 1999 fand von Dresden aus der Abnahmeflug für den MRT statt, bei dem die 10+24 „Otto Lilienthal“ auf Herz und Nieren geprüft wurde. Bis 2002 folgten drei weitere Maschinen.

Air-to-Air zwischen einem Airbus A310 MRTT und einem Eurofighter

Ein Airbus A310 MRTTMulti Role Tanker Transport Tanker in Aktion bei der Luftbetankung eines Eurofighter

Bundeswehr/Stefan Petersen

Die fliegende Tankstelle: MRTTMulti Role Tanker Transport

Bereits bei der Planung zur Beschaffung der vier Airbus A310 MRT wurde der Bedarf von Kapazitäten zur Luftbetankung der eigenen Kampfflugzeuge erkannt und der Umbau der vier Boeing 707 geprüft. Die Entscheidung viel zugunsten einer Erweiterung der Fähigkeiten des Airbus A310 auch als Tanker.  So wurden aus den Airbus A310 MRT die A310 MRTTMulti Role Tanker Transport – Multi Role Tanker Transport.

Beim Umbau zum Tanker wird das Flugzeug mit Luftbetankungsbehältern ausgestattet. Durch Schläuche und Trichter können Kampfflugzeuge mit Kerosin versorgt werden. Ein Luftbetankungsoffizier steuert das Tanken über die Fuel Operation Station (FOS), die direkt hinter dem Cockpit eingebaut wird. Über verschiedene Kameras kann er die Flugzeuge bei Tag und Nacht überwachen. Als Tanker ist die Kabine des Airbus A310 in der Kombi-Version eingerüstet. Begleitpersonal und Techniker halten sich im hinteren Teil des Luftfahrzeuges auf.

Ein Ärzteteam steht vor einem airbus A310 MedEvac

Medizinisches Personal vor einem A310 Air MedEvacMedical Evacuation

Bundeswehr/Miriam Altfelder

Letzte große Bühne als Air MedEvacMedical Evacuation

MedEvacMedical Evacuation (Medical Evacuation) steht für medizinische Evakuierungsoperationen, bei denen Verwundete, Verletzte und Kranke aus Krisen- und Katastrophengebieten nach Deutschland ausgeflogen werden. Die Luftwaffe konnte zwei der vier A310 MRT/MRTTMulti Role Tanker Transport in diese Konfiguration umrüsten. Dabei konnte die Anzahl der mitgeführten Intensivbehandlungsplätze (PTE, Patienten Transport Einheit), Tragen und Passagiersitzen auftragsangepasst variieren. Die Standardeinrüstung bestand aus sechs PTE, 38 Tragen und 32 Passagiersitzen. Zur schnellen Reaktion auf militärische oder katastrophale Ereignisse stand viele Jahre am militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn ein Airbus A310 in der MedEvacMedical Evacuation-Konfiguration in Bereitschaft.

Mit dem Rücktransport deutscher Staatsbürger aus dem chinesischen Wuhan zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 wurde dem Airbus A310 MedEvacMedical Evacuation erneut eine wichtige Aufgabe zuteil. Ebenso leistete die Bundeswehr im Rahmen der Operation Kleeblatt mit dem innerdeutschen Transport von Corona-Patienten mit seiner Hilfe einen besonderen Beitrag der Amtshilfe. Seine letzten großen Einsätze führte der A310 mit insgesamt zehn Flügen zur Evakuierung ukrainischer Staatsbürger zur medizinischen Versorgung nach Deutschland durch. Bis zu seiner endgültigen Außerdienststellung und Abrüstung war er somit mit seinen Fähigkeiten eine gefragte Ressource der Luftwaffe. Im Juni 2022 endete letztlich nach drei Jahrzehnten eine einzigartige und bewegte Einsatzgeschichte eines Flugzeugs der Luftwaffe.


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Ein A310 MRTT startet von der Airbase Al Azrak in Jordanien aus zu einem Einsatz

Der Airbus A310 war von 2015 bis 2019 als Luftbetankungsflugzeug bei der Mission Couter Daesh zuerst im türkischen Incirlic, später im jordanischen Al Azrak eingesetzt, bis er vom A400M abgelöst wurde.

Bundeswehr/Göttsche
Ein Airbus A310 wird von einem Lotsen in eine Halle eingewiesen.

Nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie holten Flugzeuge der Luftwaffe zuerst Betroffene aus dem chinesischen Wuhan und schließlich im März 2020 erste Erkrankte aus dem damals schwer getroffenen Italien zur Behandlung nach Deutschland.

Bundeswehr/Kevin Schrief
Ein Airbus A310 MedEvac startet in Richtung Zypern um erkrankte Soldaten auszufliegen.

Auch für die Auslandseinsätze der Bundeswehr stand der Airbus A310 MedEvacMedical Evacuation rund um die Uhr zur Verfügung. Sei es für Verletzte nach Anschlägen und Unfällen oder wie in den vergangenen Jahren auch häufig zur Rückholung an Corona erkrankter Soldaten.

Bundeswehr/Miriam Altfelder
Der Airbus A310 MRTT wird nach dem letzten Betankungsflug von Fahrzeugen der Flughafenfeuerwehr begrüßt.

Der Airbus A310 MRTTMulti Role Tanker Transport wird anlässlich der letzten symbolisch durchgeführten Luftbetankung am 10.09.2020 von der Flughafenfeuerwehr Köln-Wahn verabschiedet

Bundeswehr/Miriam Altfelder
Soldaten steigen aus den Flugzeugen A310 und A400M aus.

Soldaten der militärischen Evakuierungsoperation in Kabul (Afghanistan) landen am 27.08.2021 mit den Flugzeugen Airbus A310 und A400M in Wunstorf. Der A310 flog zuvor mehrmals zum Personen- und Materialtransport zwischen Deutschland und Usbekistan.

Bundeswehr/Jana Neumann
COVID-Patienten werden für den Weitertransport in den A310 MedEvac verladen

Im „Kleeblatt-Konzept“ verteilte die Bundeswehr mit dem Airbus A310 MedEvacMedical Evacuation Corona-Patienten innerhalb Deutschlands, um regionalen Überlastungen des Gesundheitsystems gegenzuwirken

Bundeswehr/Anne Weinrich

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von Toni Dahmen & Stefano Guagliano  E-Mail schreiben

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