Neustart auf der Südhalbkugel: Vom Waffensystemoffizier zum Piloten
- Datum:
- Ort:
- Australien
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Major Konstantin B.* wagt den Neustart: Mit 36 Jahren schult er noch einmal um. Zwölf Jahre war er als Waffensystemoffizier im Taktischen Luftwaffengeschwader 33 im hinteren Cockpit des Tornados eingesetzt. Mit der geplanten Ausmusterung des Kampfjets im Jahr 2030 eröffnet sich für ihn eine neue Perspektive: die Ausbildung zum Piloten. Und die findet im australischen Perth statt.
Zurück am Boden nach einem erfolgreichen Ausbildungsflug: Flugschüler Major Konstantin B. und sein Fluglehrer, Oberstleutnant Joe E., verlassen das Flugfeld. Doch mit der Landung ist der Tag noch nicht zu Ende.
Bundeswehr/Francis HildemannDer Kontrast hätte kaum größer sein können, als Major Konstantin B. im Januar 2026 seinen Dienst in Perth an der Westküste Australiens antrat. In Deutschland war er bei minus fünf Grad ins Flugzeug gestiegen, rund 24 Stunden später landete er bei 35 Grad im australischen Sommer. Doch das war nicht der einzige Unterschied. Bei der Wohnungssuche lernte er eine weitere Besonderheit der Südhalbkugel kennen: „Unsere Wohnung ist nach Norden ausgerichtet. Anfangs dachte ich deshalb, dass wir dort niemals Sonne haben würden. Dann wurde mir klar, dass es hier genau umgekehrt ist: Auf der Südhalbkugel steht die Sonne im Norden.“ Willkommen in Australien.
Dass der Waffensystemoffizier seine Ausbildung zum Piloten in Australien absolviert, hat einen einfachen Grund: Die Luftwaffe braucht mehr Pilotinnen und Piloten. Gemeinsam mit der Royal Australian Air Force (RAAF) schafft die Deutsche Luftwaffe damit einen neuen Ausbildungsweg. Grundlage hierfür ist ein Abkommen, das im Juli 2025 von den Inspekteuren beider Luftstreitkräfte im britischen Fairford unterzeichnet wurde.
Die geplante Ausmusterung der Tornados kam für Konstantin B. und seine Kameradinnen und Kameraden nicht unerwartet, jedoch früher als gedacht. Sie hatten ursprünglich auf ein Nachfolgemodell mit zwei Sitzen gehofft, sodass sie weiterhin als Waffensystemoffiziere hätten arbeiten können. Doch die Wahl fiel auf die F-35, einen Kampfjet, der ebenso wie der Eurofighter mit einem Piloten oder einer Pilotin auskommt.
Gemeinsam mit drei weiteren deutschen und den australischen Flugschülerinnen und Flugschülern absolviert der Major die Ausbildung im Down Under. Alle vier Deutschen hatten sich freiwillig für das Austauschprogramm in Perth gemeldet und nahmen zuvor erfolgreich an einem Auswahlverfahren teil. Dieses ähnelte bereits dem jetzigen Ausbildungsalltag: Eine Woche lang standen Unterricht, Tests und Briefings auf dem Programm.
Alle Trainees, wie die Flugschülerinnen und -schüler genannt werden, absolvieren unabhängig von ihrer Nationalität die gleiche Ausbildung mit den gleichen hohen Anforderungen. An dem Programm schätzt Konstantin B. besonders, dass sich Ausbilder und Schüler auf Augenhöhe begegnen. Abgesehen von der Sprache sieht er nur einen großen Unterschied zwischen den deutschen und australischen Trainees: das Alter. Die meisten der australischen Flugschülerinnen und Flugschüler sind Anfang 20, während die vier Deutschen alle deutlich älter sind.
Ganz neu ist das Fliegen für den Major allerdings nicht. Bereits während seiner fliegerischen Grundausbildung, die auch ein Waffensystemoffizier durchläuft, sammelte er erste Erfahrungen im Cockpit und absolvierte bereits rund 15 Flugstunden. Grundlagen, von denen er heute profitiert. Was sich jetzt ändert, ist seine Rolle im Cockpit. Nun sitzt er vorn im Cockpit der roten Pilatus PC-21, dem Ausbildungsflugzeug der RAAF, und steuert das Flugzeug allein.
Helm, Weste oder Kommunikation mit dem Lotsen sind für Konstantin B. nichts Neues. Auch die Hitze und Enge im Cockpit kennt er aus seiner Zeit als Waffensystemoffizier. Diese Erfahrungen helfen ihm auch in der jetzigen Ausbildung.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Vor dem Flug besprechen Fluglehrer Oberstleutnant Joe E. und sein Flugschüler Major Konstantin B. die anstehende Mission. Flugzeugmodelle veranschaulichen die Manöver und Abläufe, bevor es für beide ins Cockpit der Pilatus PC-21 geht.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Bevor es zur PC-21 geht, holt Konstantin B. seine persönliche Flugausrüstung. Helm, Maske und Fliegerkombi begleiten ihn bei jedem Flug. Nach zwölf Jahren im Tornado ist ihm vieles davon vertraut – nur seine Rolle im Cockpit hat sich verändert.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Die PC-21 rollt zur Startbahn der RAAF Base Pearce. Für den Flugschüler beginnt jetzt der Teil, auf den er sich am Boden vorbereitet hat: Manöver, Navigation und Verfahren müssen in der Luft sicher umgesetzt werden.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Vor jedem Flug wird das Flugzeug gründlich überprüft. Sowohl der Fluglehrer als auch der Flugschüler kontrollieren Lufteinlässe, Bremsen und weitere Bauteile der PC-21 auf Schäden und Fremdkörper.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Beim Instrumentenflug ist Konstantin B. besonders gefordert. Die Orientierung auf Sicht fällt hierbei weg und er muss sich auf die Anzeigen im Cockpit verlassen und das Trainingsflugzeug danach steuern.
Bundeswehr/Stefan Harnack
Für 18 Monate ist die No. 2 Flying Training School bei Perth Konstantin B.s Ausbildungsort. Gemeinsam mit drei weiteren deutschen Waffensystemoffizieren und australischen Kameradinnen und Kameraden absolviert er hier seine Ausbildung zum Piloten.
Bundeswehr/Francis Hildemann
Rund zwei Millionen Menschen leben in Perth an der Westküste Australiens. Die Stadt am Swan River gilt als abgelegenste Großstadt der Welt. Mit über 3.000 Sonnenstunden im Jahr ist sie zugleich eine der sonnigsten.
Bundeswehr/Francis HildemannJeder Ausbildungstag beginnt für die Flugschülerinnen und Flugschüler morgens um acht Uhr gleich mit einer Wissensabfrage. Ein Fluglehrer stellt den Trainees zehn Fragen. „Die Fragen wechseln täglich. Montags geht es beispielsweise um die verschiedenen Fluglimits – also darum, wie hoch oder wie niedrig man fliegen darf. Am nächsten Tag wird eine andere Kategorie behandelt. Die Themen wechseln regelmäßig und die Flugschüler wissen ungefähr, was auf sie zukommt“, erläutert Konstantin B.
Der Leistungsdruck ist dabei ständig präsent: „Die Möglichkeiten, einen Fehler zu machen, sind nahezu unbegrenzt. Man kann zu schnell oder zu langsam fliegen, das Fahrwerk vergessen oder in der Hektik andere Fehler machen“, sagt der Major. Zum Glück bleiben diese in den Morgenrunden zwar theoretisch, aber nicht ohne Folgen. Denn alle Antworten werden bewertet. „Es fühlt sich fast so an, als würde man täglich ein Zeugnis bekommen.“
Auch in der Luft ist die Ausbildung fordernd. Gerade die häufig auftretenden starken Seitenwinde erschweren den Flugschülerinnen und -schülern das Landen. In dieser Situation zeigt sich, wer die Pilatus PC-21 auch unter schwierigen Bedingungen unter Kontrolle hat. Dass nicht jeder die Ausbildung schafft, hat Konstantin B. bereits miterlebt: „Die Australier bemühen sich sehr darum, ihre Flugschüler im Programm zu halten. Irgendwann kann aber der Punkt erreicht sein, an dem gesagt werden muss: ‚Das Fliegen ist für dich nicht das Richtige.‘ Bei uns deutschen Flugschülern ist das zum Glück bislang nicht passiert – knock on wood. Ich war jedoch dabei, als einem australischen Flugschüler mitgeteilt wurde, dass er die fliegerische Ausbildung nicht fortsetzen könne.“
Nach zwölf Jahren im hinteren Cockpit ist es für Konstantin B. ein großartiges Gefühl, ein Flugzeug nun selbst zu führen. Die Pilatus PC-21 gilt unter den Trainees als gutes und benutzerfreundliches Flugzeug. „Die gesamte Avionik ist sehr übersichtlich angeordnet. Dazu gehören beispielsweise die Bedienung der Funkfrequenzen, die Navigation und die Einstellungen des Flugzeugcomputers. Alles befindet sich direkt vor einem. Das ist wirklich hervorragend.“ Die internationalen Flugregeln gelten hier in Australien genauso wie in Deutschland und überall auf der Welt, nur beim Funkverkehr und den Funksprüchen gibt es ein paar Unterschiede.
Ein besonderer Moment während der Ausbildung war für Konstantin B. der erste Soloflug. Nach fünf Flügen im Simulator und dreizehn Stunden in Begleitung seines Fluglehrers saß er zum ersten Mal allein im Cockpit der PC-21 – ohne den Instructor Pilot hinter sich. Für den erfahrenen Waffensystemoffizier ein ungewohntes Gefühl.
Mein bislang größter Erfolg war der erste Soloflug. Das ist der erste Flug, den man tatsächlich allein und ohne einen Fluglehrer auf dem hinteren Sitz absolviert.
Viel Zeit darüber nachzudenken, bleibt allerdings nicht, alle Handgriffe müssen sitzen. Der Inhalt des ersten Soloflugs ist klar begrenzt: „Man fliegt ausschließlich Platzrunden, also Kreise um den Flugplatz. Trotzdem war es ein tolles Erlebnis“, sagt Konstantin B.
Der Blick aus dem Cockpit unterscheidet sich von dem, was der Flugschüler aus Europa gewohnt ist. Rund um Perth im Westen Australiens erstrecken sich weite, kaum besiedelte Flächen. Auch am Boden zeigt sich schnell, dass Konstantin B. weit weg von Deutschland ist. Besonders in der Abenddämmerung stehen auf dem Weg zur Air Base immer wieder Kängurus rechts und links der Straße.
In einem Jahr endet Konstantin B.s Ausbildung in Perth. Danach geht es für die Familie zurück nach Deutschland und für Konstantin B. zur weiteren Schulung auf den Eurofighter, damit auch dort jeder Handgriff sitzt. Dann fliegt er wieder auf der Nordhalbkugel – mit der Sonne auf der gewohnten Seite.
Zwei Jahre flog Major Konstantin B. im Tornado hinten mit, jetzt übernimmt er das Steuer. Der Waffensystemoffizier schult im australischen Perth zum Piloten um. Zwischen hartem Drill, starken Seitenwinden und dem ersten Soloflug in der Pilatus PC-21.
*Name zum Schutz der Person abgekürzt
von Victoria Steingrüber