Militärseelsorger sprechen mit der Truppe über Seelsorge im Krisenfall
- Datum:
- Ort:
- Berlin
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Im Ernstfall und im Gefecht ist sie Anker und Anlaufpunkt für die Truppe: die Militärseelsorge. Welche Rolle Pfarrerinnen und Militärrabbiner bei der Landes- und Bündnisverteidigung spielen und wie sie konkret unterstützen, diskutierten Soldatinnen und Soldaten auf einer multireligiösen Rüstzeit der Evangelischen und Jüdischen Militärseelsorge.
Militärrabbiner und Militärpfarrer diskutierten mit Bundeswehrangehörigen während einer multireligiösen Rüstzeit im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim unter anderem über Verwundetenversorgung und Seelsorge im Gefecht
Bundeswehr/Cornelia RiedelZu einer multireligiösen Rüstzeit trafen sich im April 13 Bundeswehrangehörige und drei Militärseelsorger, um über Fragen rund um Dienst und Seelsorge und die besonderen Herausforderungen für die Truppe zu sprechen.
Was Soldatinnen und Soldaten konkret von der Seelsorge im Verteidigungsfall erwarten und vor welchen Herausforderungen Sanitätsdienst und Truppe im Krisenfall stehen, das waren Themen, die während der Veranstaltung kontrovers, aber mit gegenseitigem Respekt diskutiert wurden. Zu welchem Zeitpunkt im Gefecht und an welchem Ort Militärseelsorgende die Truppe betreuen sollten, um sich bestmöglich um die Kameradinnen und Kameraden kümmern zu können, war eine dieser Fragen.
Die Kameradinnen, Kameraden und zivilen Mitarbeitenden, die unter anderem von Bundeswehr-Dienststellen bundesweit angereist waren, diskutierten mit den Militärseelsorgern etwa über Fragen wie: „Jeden retten – um jeden Preis?“ Die Teilnehmenden sprachen über Einsatzerfahrungen aus Afghanistan, ihren Umgang mit schwierigen Situationen und tauschten Eindrücke aus aktuellen Übungen aus.
Im Max-Willner-Heim im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim, einem Ausbildungs- und Erholungszentrum der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V., nutzten die Teilnehmenden auch die Gelegenheit, sich mit jüdischen Traditionen bekannt zu machen. Gemeinsam mit ihren Counterparts der Evangelischen Militärseelsorge hatte das Team der Außenstelle Nord des Militärrabbinats die Rüstzeit-Woche organisiert.
Von der Vielfalt der Diskussionen zeigte sich der Hamburger Militärrabbiner Shmuel Havlin beeindruckt: „Ich bin positiv überrascht, in welcher Tiefe und mit wie viel gegenseitigem Verständnis hier der multireligiöse Dialog – auch über schwierige religiöse Themen – geführt wird.“
Zum ersten Mal seit Gründung des Militärrabbinats hatten sich Militärseelsorger der Jüdischen und der Evangelischen Militärseelsorge für eine gemeinsame Rüstzeit zusammengetan. „Wir wollen eine Plattform schaffen, wo Soldatinnen und Soldaten mit Militärrabbinern und Militärpfarrerinnen oder -pfarrern gleichermaßen ins Gespräch kommen und die Vielfalt religiöser Fragen im Hinblick auf den Dienst als Soldat besprechen können“, erzählt Deborah Ohayon, Leiterin des Referats Militärseelsorge im Militärrabbinat.
Die Militärseelsorge ist ein eigenständiger Bereich innerhalb der Bundeswehr. Sie ist organisatorisch unabhängig von der militärischen Befehlskette. Ihr Angebot richtet sich an alle Angehörigen der Bundeswehr. Zu den Aufgaben gehören seelsorgliche Gespräche, Begleitung in persönlichen und dienstlichen Belastungssituationen sowie die Durchführung von Veranstaltungen wie Gottesdiensten, Rüstzeiten und Bildungsformaten.
Für das Militärrabbinat war es die zweite Rüstzeit. Die Bundeswehr-Dienststelle, die die Jüdische Militärseelsorge organisiert, ist neben ihrer Zentrale mit Militärrabbinern an fünf Standorten bundesweit vertreten. „Ziel ist es, den Teilnehmenden Gelegenheit zur persönlichen Reflexion, zum Austausch in der Gruppe und zur Auseinandersetzung mit individuellen und beruflichen Fragestellungen zu geben“, sagt Ohayon. Das Besondere an einer multireligiösen Rüstzeit ist die Beteiligung von Angehörigen unterschiedlicher religiöser Traditionen innerhalb eines gemeinsamen Formats. So sollen unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehend gezeigt werden.
„Wir haben diese besondere Chance, dass wir trotz unserer Verschiedenheit hier zusammentreffen und uns austauschen und damit dem christlich-jüdischen Dialog in Deutschland ein weiteres Format hinzufügen können“, erzählt Militärdekan Martin Jürgens. Er hatte schon vor der Gründung des Militärrabbinats im Jahre 2021 mit dem heutigen Militärbundesrabbiner Zsolt Balla zwei gemeinsame Rüstzeiten angeboten.
Stimmten sich eng ab: Militärrabbiner Shmuel Havlin (links), Militärrabbiner Nils Ederberg (rechts) und Militärdekan Martin Jürgens (Mitte) hatten gemeinsam zur multireligiösen Rüstzeit eingeladen.
Bundeswehr/Cornelia Riedel
Für die Teilnehmenden gab es auch einen Einblick ins Judentum: Hier erklärt Militärrabbiner Shmuel Havlin, wie eine Torarolle entsteht.
Bundeswehr/Claudia BergerBegeistert zeigte sich auch Oberstabsarzt der Reserve Claudia Berger. Die Vorsitzende des Bundes jüdischer Soldaten e.V. hatte schon zum zweiten Mal an einer vom Militärrabbinat organisierten Rüstzeit teilgenommen: „Die multireligiöse Rüstzeit ist ein weiterer Ausdruck des aktiven und sichtbaren jüdischen Lebens in der Bundeswehr und bot Gelegenheit zu Begegnungen, Gesprächen und Diskussionen in offener, nicht wertender Atmosphäre”, so Berger.
Soldat Thomas P. war zum ersten Mal bei einer multireligiösen Rüstzeit dabei: „So viel Spannendes und Wissenswertes aus erster Hand, von jüdischen Menschen, die ihre Traditionen und Religion leben, das war für mich etwas ganz Besonderes. Das hatte ich bei dieser Rüstzeit nicht erwartet“, erzählt der Kamerad, der aus München angereist war.
„Ich habe hier wirklich das erste Mal überhaupt jüdische Menschen getroffen“, sagte eine weitere Teilnehmerin am Ende. „Man kann so viel lesen, wie man will, den persönlichen Kontakt ersetzt das nicht. Dass mir die Bundeswehr das hier ermöglicht, dafür bin ich besonders dankbar – genau das ist eine Öffnung, die wir schon viel länger gebraucht hätten“, sagte sie zum Abschluss der ersten multireligiösen Rüstzeit.
von Cornelia Riedel