Unbekannte Kameraden – Die Serie: Uwe Hildenbeutel

Unbekannte Kameraden – Die Serie: Uwe Hildenbeutel

  • Innere Führung
  • Zentrum Innere Führung
Datum:
Ort:
Rheinland-Pfalz
Lesedauer:
7 MIN

Vorbild sein, Zusammenhalt schaffen

„Wie alt war ich? Vielleicht 12 oder 13. Es war im Sommerurlaub mit meinen Eltern in Spanien. Da fuhren auf einem Campingplatz tatsächlich die ersten Trabis vor.“ Oberleutnant Uwe Hildenbeutel muss überlegen, wenn er nach seinem persönlichen Bezug zu Wende und Wiedervereinigung gefragt wird. Den Kalten Krieg kennt er, wie die gesamte Generation der heute Ende Dreißigjährigen, nur aus Erzählungen seiner Eltern und Großeltern. Die innerdeutsche Teilung und die Phase des Zusammenwachsens von Ost und West in Bundeswehr und Gesellschaft sind in seinem Gedächtnis nur noch schlaglichthaft hängen geblieben. Worüber er aber etwas sagen kann, ist, wie die Bundeswehr heute mit Unterschieden umgeht und warum die Innere Führung bei der Integration von Menschen aus seiner Sicht so wichtig ist, um Zusammenhalt zu schaffen. Aus einem Interview mit Oberleutnant Uwe Hildenbeutel am 21. Juli 2020.

Norbert Bisky, „Niemandsland“, 2019, Öl auf Leinwand, 240 x 260 cm

Norbert Bisky, „Niemandsland“, 2019, Öl auf Leinwand, 240 x 260 cm
Courtesy: the artist & KÖNIG Galerie Berlin/London/Tokio

Norbert Bisky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Skeptisch schaut er unter seinem Bügelkopfhörer drein. Oberleutnant Hildenbeutel sitzt in Grünzeug vor der WebCam seines Corona-bedingten Heimarbeitsplatzes. Er weiß um das Thema und dass es wohl kaum jemanden gibt, der als Zeitzeuge für das Thema NVANationale Volksarmee und ihre Integration in die Bundeswehr weniger in Betracht kommt als er: westdeutsch, 38 Jahre alt. Der „Gegenentwurf“ zu den ehemaligen NVANationale Volksarmee-Soldaten mit 40 Jahren Dienstzeit in zwei Armeen. Aber genau das macht ihn interessant. Weil er noch ein Kind war und im Westen lebte als die Mauer fiel. Aber auch, weil er als Angehöriger der Zentralen Stelle für Ethikausbildung in der Bundeswehr (ZEthA) etwas zum Umgang mit sozialen, ethnischen und kulturellen Unterschieden in Bundeswehr und Gesellschaft heute sagen kann.

Oberleutnant Uwe Hildenbeutel

In seiner zweiten Episode bei der Bundeswehr ist Oberleutnant Uwe Hildenbeutel in der Zentralen Stelle für Ethikausbildung in der Bundeswehr eingesetzt.

Bundeswehr/Fabian Schier

Die DDRDeutsche Demokratische Republik? Für Hildenbeutel nur ein historisch politischer Raum

Seine Erinnerungen an den 9. November 1989 sind verschwommen. „Freudig, euphorisch und regelrecht elektrisiert“, seien die Eltern gewesen, sagt er. Dass es zwei deutsche Staaten gab, habe er zwar begriffen. Was das allerdings für beide Länder und die Menschen bedeutet, hat sich ihm erst später erschlossen. Hildenbeutel hat einen distanzierten Blick auf die ehemalige DDRDeutsche Demokratische Republik. Er nimmt sie als „historisch-politischen und geographischen Raum“ wahr. Ein „die und wir, ein Ossi und Wessi“, solche Zuschreibungen gibt es für Uwe Hildenbeutel nicht. „Vorurteile, gerade zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands werden sicher oft medial überbetont. Wenn ich einen Hamburger an einen Tisch mit Schwaben setze, dann würde ich da auch gewisse kulturelle Schwierigkeiten feststellen.“ Sein Credo ist, dass man sich am besten immer auf den einzelnen Menschen einlässt, auf dessen Persönlichkeit – und nicht auf eine eigene Voreingenommenheit. Das gelte natürlich für alle Beteiligten.

Oberleutnant Uwe Hildenbeutel im Sommer 2002 mit Angehörigen der 5. Kompanie des schweren Pionierbataillons 330 in Speyer.

Vergangene Zeiten, prägende Eindrücke. Oberleutnant Uwe Hildenbeutel (3. v. l.) im Sommer 2002 mit Angehörigen der 5. Kompanie des schweren Pionierbataillons 330 in Speyer (heutiges Spezialpionierbataillon 464).

Bundeswehr/Uwe Hildenbeutel

Selbstverständliche westdeutsche Freiheit

1982 wird Uwe Hildenbeutel in Worms am Rhein geboren, in einer industriell geprägten, Anfang der 90er-Jahre wirtschaftlich prosperierenden Gegend, hart südlich der Wirtschaftsmetropole Frankfurt am Main. Die Eisenbahntrassen und Verkehrsknotenpunkte schmälern das Landschaftsbild in Rheinhessen schon damals mehr als das rheinaufwärts der Fall ist. Dafür ging und geht es den Menschen hier gut. Keine 4% Arbeitslose, politisch weder eine Hochburg der Sozialdemokratie noch eine eindeutig konservativ dominierte Ecke Deutschlands. Geselligkeit zählt etwas im südlichen Rheinland. Ab September trifft man sich gern auf der „Kerb“ (lokale Weinfeste) oder in Weinlokalen, um bei Federweißem und Zwiebelkuchen zu diskutieren. Zu Karnevalszeiten wird das politische Establishment mit scharfzüngigem Witz karikiert. Überhaupt: Kritisch sein, seine Meinung offen sagen und auf die Straße gehen zu dürfen: es sind Freiheiten, die selbstverständlich sind für das Deutschland, in dem Uwe Hildenbeutel in den Neunzigern aufwächst. Ein Deutschland, das die Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger schützt, in dem Rechtstaatlichkeit und Interessenpluralismus praktiziert werden und die Demokratie nicht bloß ein Tarnbegriff ist. Während Hildenbeutels Jugendtagen kommt in Worms noch niemand auf die Idee, dass diese Region 2020 mit deutlich höheren Arbeitslosenquoten, Problembezirken, Politikverdrossenheit, Fremdenfeindlichkeit oder Landflucht der Bevölkerung zu kämpfen haben könnte. Phänomene, wie man sie im Osten der Republik seit der Wende längst kennt.

Wichtiger als der Dienstgrad ist für Hildenbeutel ist der kameradschaftliche Umgang miteinander.

Hat die Bundeswehr in zwei Dekaden als 'Mannschafter' und Offizier erlebt. Wichtiger als der Rang und Status ist für Hildenbeutel, "dass wir kameradschaftlich miteinander umgehen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Dienstgrad."

Bundeswehr/Uwe Hildenbeutel

„Innere Führung ist kein sozialwissenschaftliches Konstrukt“

Im Gegensatz zu den neuen Bundesländern ist das beschauliche Rheinhessen keine Gegend, in der die Bundeswehr viel Nachwuchs rekrutiert. Hildenbeutel geht dennoch zum Bund. Vielleicht, weil er in die Fußstapfen seines Vaters und seines Bruders tritt, die ebenfalls „gedient haben“. „Das gesamtgesellschaftliche Engagement nach dem Abi“ sei ihm wichtig gewesen, sagt er. Das Abenteuer Bundeswehr beginnt für ihn im Juli 2001. Als freiwillig Wehrdienstleistender (FWDLFreiwillig Wehrdienst Leistende) leistet er zwölf Monate Dienst in der 5. Kompanie des schweren Pionierbataillons 330 in Speyer, unweit seiner Heimat. Die Eindrücke dort wirken nach. „Vom Schulabbrecher bis zum Abiturienten waren alle dabei. Jeder konnte mit jedem, weil einfach jeder mit jedem auskommen musste. Alle hatten die gleichen Klamotten an und alle arbeiten als Gemeinschaft, man tut zusammen Dinge und plötzlich können Panzer über Flüsse fahren. Das war ein starkes Gefühl“, erinnert er sich. Auf Sympathien und Antipathien könne man in so einem Umfeld nicht viel Rücksicht nehmen, das rücke nach hinten. Das fördere eine geistige Haltung, die Unterschiede und Spannungen aushält und nicht unterdrückt. Ob er Ablehnung erlebt hat? „Es gab tatsächlich bestimmte zwischenmenschliche Barrieren. Einige haben auch nur Dialekt gesprochen, da hatte der Kompaniechef bisweilen Zugangsschwierigkeiten. Und trotzdem: Die Truppe war als Gruppe unschlagbar.“ Wie funktioniert das? Für den Soldaten Uwe Hildenbeutel „steckt keine hochgeistige Formel dahinter. Innere Führung ist kein sozialwissenschaftliches Konstrukt“, viel wichtiger sei, dass sie vorgelebt werde.

Gemeinsamer Auftrag schweißt zusammen

In der Bundeswehr gehe es zuallererst um das optimale Gelingen des Auftrages und letztlich darum, im Kampf zu bestehen, so Hildenbeutel. Das schweiße zusammen. „In der Schule oder im Studium ist im Prinzip ja jeder ein Einzelkämpfer.“ In der Bundeswehr müsse man sich dagegen blind aufeinander verlassen können. „Jeder ist für die gewissenhafte Erfüllung seines Auftrages selbst verantwortlich, aber man trägt immer Verantwortung für seine Kameradinnen und Kameraden, ist sogar dazu verpflichtet. Der Laden muss einfach funktionieren. Am Ende geht es um Menschenleben, dafür muss sich jeder Einzelne mit seiner Tätigkeit identifizieren und von der Sinnhaftigkeit seiner Aufgabe überzeugt sein. Eine solche Einstellung kann nicht befohlen werden.“ Das gehe nur mit Einsicht. Er habe immer wieder Vorgesetzte erlebt, die es geschafft hätten, auf die ganze Truppe positiv zu wirken: „Einige habe ich für ihre Offenheit und ihren Weitblick sehr bewundert. Es gibt Vorgesetzte, die sind offen und aufgeschlossen, sind vorurteilsfrei und neugierig. Solche Persönlichkeiten haben einfach Talent dafür, wie man mit Menschen umgehen sollte und auch umgehen muss. Es gibt so viele unterschiedliche Charaktere in der Bundeswehr. Aber alle fühlen sich wertgeschätzt, wenn der Vorgesetzte oder die Vorgesetzte mit ihnen kommuniziert und dem Einzelnen ehrliches Interesse entgegenbringt. Es gibt Einheitsführer die können das einfach, andere müssen sich das erarbeiten.“

Erst Hotelfachmann dann Grabungshelfer

18 Jahre liegt die erste Bundeswehr-Episode Uwe Hildenbeutel bei den Pionieren in Speyer zurück. Seine Erinnerungen und Erlebnisse: Hildenbeutel ruft sie ab, als lägen sie keinen Monat zurück. Es sind die prägenden Jahre für einen jungen Menschen, der am Beginn seines Berufslebens steht, dessen Weltbild sich aufbaut und der allmählich ein Gefühl dafür entwickelt, was er von seinem Arbeitgeber, Vorgesetzten und was er von guter Führung erwartet. Im Anschluss macht Hildenbeutel zunächst eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Anschließend studiert er Germanistik in Frankfurt, um noch im Referendariat umzuschwenken und nicht etwa Lehrer, sondern – Überraschung – archäologischer Grabungshelfer zu werden.

Oberleutnant Hildenbeutel bei den Dreharbeiten eines Films über die Entstehung der Himmeroder Denkschrift.

Kein Zeitzeuge der Wiedervereinigung, wohl aber der Entstehungszeit der Inneren Führung? Oberleutnant Hildenbeutel bei den Dreharbeiten eines Filmes über die Entstehung der Himmeroder Denkschrift: "Durch Perspektivwechsel zu neuen Einsichten".

Bundeswehr/Uwe Hildenbeutel

Menschen begeistern: mit Ehrlichkeit und Authentizität

Die weite Welt lockt ihn weniger als die Vielfalt der Herausforderungen. Ein Lebenslauf wie ein Kaleidoskop. Jede Station eine Entscheidung, neue Eindrücke zu sammeln. Überall nimmt er etwas mit, zieht Vergleiche, reflektiert. Dass die Hierarchien im Hotelgewerbe genauso straff seien wie bei der Bundeswehr zum Beispiel. Auch hier komme es auf gute Vorgesetzte – und verlässliche, selbständige Untergebene an. Alle Handgriffe müssten sitzen, um das Gelingen des Auftrages, das Wohlergehen der Gäste, optimal zu erreichen. In seiner Referendariatszeit macht Hildenbeutel die Erfahrung, wie er „mit Ehrlichkeit und Authentizität“ Menschen begeistern kann. Bei den Schülern das Interesse für eine neue Materie zu gewinnen, das sei schon etwas sehr Besonderes gewesen.
Was zieht einen Menschen mit derart unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zurück zur Bundeswehr? Hildenbeutel war „auf der Suche nach einer Tätigkeit, die mich fordert, die immer wieder Neues von mir verlangt und bei der ich Verantwortung für mich selbst, aber auch für andere tragen muss. Eine Tätigkeit, bei der ich mich gesamtgesellschaftlich engagieren kann. Das war nach meinen Erfahrungen einfach nur in der Bundeswehr möglich. Hier habe ich mich beruflich angenommen gefühlt. Die Kameradschaft, die Sinnhaftigkeit des eigenen Dienens, das damit verbundene demokratische und gesellschaftliche Engagement – das war und ist eine großartige Erfahrung.“

von Nathalie Steinhart und Wilke Rohde
Norbert Bisky, „Niemandsland“, 2019, Öl auf Leinwand, 240 x 260 cm

Unbekannte Kameraden

Am 3. Oktober 1990 begann nicht nur für Politik und Gesellschaft, sondern auch in der Bundeswehr eine Phase des Kennenlernens, der Integration und des Zusammenwachsens. Zeitzeugen haben uns an ihren Erinnerungen und Meinungen teilhaben lassen.