Marineinfanterie stellt sich für Kriegstüchtigkeit auf
Zäsur im Seebataillon: Küstenverteidigung statt internationales Krisenmanagement steht im Fokus. Die Marine passt Ausbildung und Struktur an.
Die deutsche Marineinfanterie richtet sich neu aus. Es braucht eine schlagkräftige Truppe, die mit den Verbündeten die Küsten und Inseln des Bündnisgebiets verteidigen kann. Darum übten etwa 200 Marineinfanteristen gemeinsam mit Fliegern von Heer und Marine im Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit einen Air Raid.
Jetzt muss alles schnell gehen: Spätestens mit Landung der Hubschrauber weiß der Feind, dass die Marineinfanteristen im Anmarsch sind.
Bundeswehr/Jana NeumannNoch drei Minuten bis zur Landung. Das signalisieren die drei ausgestreckten Finger des Bordmechanikers. Im Laderaum des CH-53 Transporthubschraubers greifen die Marineinfanteristen nach Waffe und Sturmgepäck, während sie im Tiefflug über Wälder und Felder jagen. Dann wenden sich die grünschwarz getarnten Gesichter wieder zum Bordmechaniker. Der zeigt nun einen Finger.
Sekunden später taucht vor der CH-53 eine Freifläche im Wald auf. Begleitet von vier weiteren Hubschraubern setzt sie rasch in der Landezone auf. Der Wind ihrer Rotoren bringt die alten Kiefern ins Wanken, während die Marineinfanteristen aus den Luftfahrzeugen springen. Etwa 60 Soldatinnen und Soldaten verschwinden kurz darauf im Unterholz.
Im aufgeweichten Boden sinken vor allem die Soldaten der schweren Gruppe ein. Sie schleppen Granatmaschinenwaffen und schwere Maschinengewehre in Richtung Angriffsziel. Der einsetzende Platzregen schluckt die Geräusche der unter den Kampfstiefeln knackenden Äste und des raschelnden Laubs. Immer wieder kommt das Handzeichen des Gruppenführers für einen kurzen Halt. Konzentriert blicken die Männer und Frauen in das Dickicht vor sich, auf der ständigen Suche nach unnatürlichen Geräuschen und Bewegungen.
Unhandlich aber mächtig: Das schwere Maschinengewehr mitzunehmen ist körperlich anstrengend. Im Gefecht bietet die Waffe aber eine überwältigende Feuerkraft.
Bundeswehr/Jana Neumann
Abseits der Wege geht es für die Marineinfanteristen zu ihrem Angriffsziel. Leise aber dennoch zügig, denn viel Zeit bis zum geplanten Angriff bleibt nicht.
Bundeswehr/Jana NeumannKnapp 200 Marineinfanteristen des Seebataillons sind im März 2026 ins Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit nach Celle bei Hannover gekommen. „Wir trainieren hier den Air Raid, also das Anlanden mit dem Hubschrauber, um feindliche Kräfte oder Objekte zu vernichten und anschließend wieder abzuhauen“, erklärt Korvettenkapitän Timm K., einer der Kompaniechefs im Bataillon.
Zwar übten in der Vergangenheit Soldatinnen und Soldaten des Seebataillons schon mal im Ausbildungszentrum, allerdings nicht in dieser großen Anzahl. Das solle nun aber regelmäßig geschehen, erklärt der Korvettenkapitän. Einen Air Raid in dieser Größe erfolgversprechend planen und durchführen zu können, sei Teil der neuen offensiven Ausrichtung des Seebataillons, so Timm K.
Im Übungsszenario haben feindliche Einheiten die Landesgrenze überschritten. Erste Kräfte sind tief vorgestoßen, um Brücken über einen breiten Fluss einzunehmen und für die nachfolgenden Einheiten offen zu halten. Die eigene Aufklärung hat ergeben, dass eine Versorgungseinheit aus einem Gebäudekomplex heraus die Angreifer an den Brücken mit Munition und Treibstoff versorgt. Wird die Versorgungseinheit bekämpft, können die Brücken vom Feind nicht lange gehalten werden. Also nehmen die Marineinfanteristen sie ins Visier.
„Drohne!“ ruft einer der Marineinfanteristen. Ob der Feind die Soldatinnen und Soldaten schon entdeckt hat, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass die Drohne runter muss, denn sie könnte Sprengstoff tragen oder Beschuss auf die knapp 60 Soldatinnen und Soldaten im Unterholz lenken. Aus ihren eilig eingenommenen Deckungen schießen die Männer und Frauen auf das unbemannte Flugobjekt. „Drohne bekämpft!“ heißt es schließlich.
Der Zwischenfall hat Zeit gekostet. Zudem müssen die Soldatinnen und Soldaten davon ausgehen, dass der Feind nun ihre genaue Position kennt. „Wir müssen jetzt Geschwindigkeit aufbauen, dürfen aber nicht unkoordiniert werden“, kommentiert Hauptbootsmann Florian K., ein erfahrener Zugführer. Bald kommen die Hubschrauber wieder und bringen die zweite Welle Marineinfanteristen, die den Versorgungspunkt stürmen werden. Bis dahin müssen der Hauptbootsmann und die anderen ihre geplante Position erreicht haben, um ihnen aus der Flanke Deckung zu geben.
Hinter jeder kleinen Hügelkuppe, jedem Baum oder Laubhaufen könnte der Feind lauern. Und dann tatsächlich: „Kontakt vorn!“, ruft einer der Männer, wobei seine Worte im einsetzenden Feuer der Gewehre untergehen. Fünf Gestalten verschwinden zwischen den Bäumen und undurchsichtigen Schwaden der geworfenen Nebeltöpfe in ein nahegelegenes Haus. Eine Gruppe der Marineinfanteristen setzt ihnen sofort nach. Der Rest stößt weiter zum Waldrand vor, um sich für den Angriff in Position zu bringen. „In dieser Situation müssen die Gruppen- und Zugführer immer wissen, wer rechts und links von ihnen ist, wo die eigenen Männer hin schießen können und wo nicht“, erklärt Florian K. In den Gefechtslärm mischt sich das Geräusch von Hubschrauberrotoren. 50 Minuten war die erste Welle auf sich gestellt. Jetzt rückt Verstärkung an.
Zwar ist der Feind in Unterzahl, aber er erwartet die Marineinfanteristen bereits. Diese müssen spontan auf die Gegenwehr reagieren.
Bundeswehr/Jana Neumann
Ob Waldkampf oder Häuserkampf: die Marineinfanteristen müssen beides beherrschen und sich den Gegebenheiten sofort anpassen.
Bundeswehr/Jana Neumann„Wir brauchen sehr mobile Kräfte, die im Küstenbereich den Kampf an Land führen können“, erklärt Korvettenkapitän Timm K. den Grund für den aktuellen Wandel im Seebataillon. Bisher hat der Verband sehr speziell ausgebildete Soldatinnen und Soldaten für die Flotte bereitgestellt, die in kleineren Gruppen beispielsweise Häfen und Schiffe gesichert, amphibische Anlandungen im kleinen Rahmen trainiert oder zivile Schiffe nach verbotenen Dingen durchsucht haben. Die Bedrohungslage erfordert allerdings eine schlagkräftige Marineinfanterie, die in deutlich größerem Umfang operieren kann. So sieht es das Strategiepapier „Kurs Marine“ vor, das die Zukunft der Seestreitkräfte bestimmt.
„Wir richten uns deshalb klar offensiv aus“, sagt Timm K. Denn wenn man eine effektive Verteidigung beispielsweise der Ostseeküste erreichen wolle, müsse man dem Angreifer aktiv entgegentreten und dort zuschlagen, wo er am verwundbarsten sei. „Kein Soldat sitzt auf seinem Hintern und wartet, das etwas passiert. Wir erwarten den Feind. Das ist ein entscheidender Unterschied und setzt offensives Handeln voraus“, stellt der Kompaniechef klar. Das hat auch Konsequenzen für die Ausbildung der Marineinfanteristen.
Auf dem Übungsplatz liegen die Männer und Frauen der ersten Welle im Unterholz an der Waldkante. Zwischen den Bäumen hindurch ist der Gebäudekomplex des feindlichen Versorgungszugs zu erkennen. In ihrer Flanke, etwa zweihundert Meter entfernt, lauern ihre Kameradinnen und Kameraden der zweiten Welle im Dickicht des Waldes. Hauptbootsmann Florian K. blickt auf die Uhr. Sie haben ihre Stellung rechtzeitig erreicht. Dann kommt auch schon der Befehl: „Deckungsfeuer!“
Auf breiter Front blitzen die Mündungsfeuer der Maschinengewehre auf. Zwischendurch ist immer wieder das massive Wummern des schweren Kaliber .50 Maschinengewehrs zu hören. „Deckungsfeuer verlegt!“, lautet die Meldung, die die Männer und Frauen der zweiten Welle kurze Zeit später über Funk erreicht. Das ist ihr Stichwort. Gemeinsam eröffnen sie ebenfalls das Feuer, werfen Nebelgranaten und stürmen das erste Gebäude. Die feindlichen Schützen sind nur wenige Meter entfernt und werden überrannt. Ein Gruppenführer ruft seinen Männern über das Donnern der Gewehrsalven und den Schreien der ersten Verwundeten zu: „Männer! Lageinformation: Feind vor uns in Stellung gegangen! Auftretenden Feind vernichten!“
Während die Marineinfanteristen vorrücken, eilen ein Arzt und die Rettungssanitäter zu den Verletzten. Sie haben von ihren Kameraden teilweise schon Tourniquets angelegt bekommen, die Arme oder Beine abbinden und bei tatsächlichen Verwundungen einen tödlichen Blutverlust verhindern würden. „Wir haben unseren Auftrag erfüllt. Der Versorgungseinheit ist zerschlagen. Die Versorgung der weiteren feindlichen Kräfte im Raum ist damit unterbunden. Wir haben zudem nur wenige Verwundete und Gefallene“, berichtet Hauptbootsmann Florian K., nachdem der Kampf um den Gebäudekomplex abgeklungen ist.
Auf Befehl eröffnen die MG-Schützen das Feuer. So zwingen sie den Gegner in Deckung und ermöglichen den Angriff ihrer Kameradinnen und Kameraden aus der Flanke.
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Mithilfe von Puppen, die verschiedenste Verwundungsmuster simulieren können, werden die Fähigkeiten des Arztes und der Sanitäter auf die Probe gestellt.
Bundeswehr/Jana Neumann„Ich muss so eine Operation präzise durchplanen, um die Kräfte so einzusetzen, dass ich örtliche Überlegenheiten gegenüber dem Feind schaffe. Denn dieser wartet in seiner Stellung auf uns, spätestens, wenn er die Hubschrauber hört“, erläutert Korvettenkapitän Timm K. die Herausforderung beim Air Raid. Gleiches gelte auch für die Annäherung mit dem Boot, die Alternative für die Marineinfanteristen im Küstenkampf.
„Dieses Einsatzverfahren erfordert ein hohes Maß an eigenständigem Handeln der eingesetzten Truppe. Durch die Bank weg müssen alle mindestens eine Ebene höher mitdenken, führen und planen können. Vom Mannschafter bis zum Offizier“, sagt Timm K. „Die Männer und Frauen operieren ohne Sicherung in der Flanke oder direkte Versorgung mit Munition. Das heißt, ich muss an alles gedacht haben, denn es kommt niemand, der einen raushaut.“
Dieser Anspruch schlägt sich seit einiger Zeit auch in der Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten des Seebataillons nieder. Mit der Neuausrichtung des Marineverbands werden hochspezialisierte Fähigkeiten einzelner Teileinheiten keine Priorität mehr haben. Dafür sollen alle Marineinfanteristen auf einen einheitlichen Stand gebracht werden, um großangelegte Operationen wie bei der Übung in Celle umzusetzen.
Dort hat sich der Gefechtslärm rund um den eroberten Gebäudekomplex inzwischen gelegt. Aus den Funkgeräten der Marineinfanteristen ist zu hören: „Feind zerschlagen. Auftrag jetzt: Rundumsicherung herstellen und auf Abholung vorbereiten.“ Das sei jetzt ein großer koordinativer Aufwand, sagt Hauptbootsmann Florian K. Denn dabei müsse sichergestellt werden, dass sensibles Material wie Funkgeräte mitgeführt oder vernichtet und alle Männer und Frauen Richtung Landezone gebracht werden. „Es wird keiner zurückgelassen, egal ob verwundet oder gefallen“, betont er.
Möglichst schnell mit allen Kräften raus aus der Kampfzone und gleichzeitlich bedacht vorgehen, um die Sicherung nach außen aufrechtzuerhalten: Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Marineinfanteristen jetzt buchstäblich Stück für Stück zur Freifläche bewegen, von der sie gekommen sind. Dort schweben bereits die ersten Hubschrauber ein. Auf das Zeichen der Bordmechaniker verlassen die Marineinfanteristen den schützenden Wald und verschwinden in den fliegenden Transportern. Kurze Zeit später ist es wieder totenstill. Die Aktion der Marineinfanteristen hat keine zwei Stunden gedauert.
Niemand wird zurückgelassen! Das gilt auch bei den Marineinfanteristen.
Bundeswehr/Jana Neumann
Der Feind ist vernichtet. Auftrag erfüllt. Jetzt gilt es, schnell die Landezone zu erreichen und den Einsatzraum zu verlassen.
Bundeswehr/Jana Neumann*Alle Namen zum Schutz der Personen abgekürzt.
von Ole Henckel