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Konteradmiral Axel Schulz im Interview

Eine Soldatin und ein Soldat sitzt sich an einem Tisch gegenüber. Er hat ein Mikrofon vor sich.

Bundeswehr/Christoph Kassette

Zwischenbilanz Neuer Wehrdienst

„Wir sind sehr zufrieden mit dem personellen Aufwuchs“

Mit dem Inkrafttreten des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes 2026 hat Deutschland einen Neuen Wehrdienst. Wie ist er angelaufen?

Der Neue Wehrdienst verbindet Freiwilligkeit und Verpflichtung – und soll die Truppe stärken. Wie das Konzept auf Rekrutinnen und Rekruten wirkt und was es für länger dienende Soldatinnen und Soldaten bedeutet, das erläutert Konteradmiral Axel Schulz im Interview. Als stellvertretender Hauptabteilungsleiter Aufwuchs im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) zieht er eine erste Bilanz.

Herr Admiral, seit Januar 2026 haben wir den Neuen Wehrdienst. Wie sind die ersten Erkenntnisse?

Momentan sind wir sehr zufrieden mit dem personellen Aufwuchs. Ende Juli 2026 hatten wir rund 186.700 aktive Soldatinnen und Soldaten und damit 3.700 mehr als zum Stichtag letztes Jahr. Es gibt saisonale Schwankungen, die einstellungsstarken Monate sind Juli und Oktober. Die Zahlen sind ein großer Erfolg. Der Neue Wehrdienst ist mehr als ein Fragebogen und eine Musterungsorganisation beziehungsweise Wehrerfassung. Er umfasst finanzielle Anreize aus dem Wehrdienstmodernisierungsgesetz, etwa bessere Bezahlung sowie Zuschüsse zum Auto- oder Lkw-Führerschein. Zusätzlich gibt es eine standardisierte Ausbildung. Insgesamt ist das ein Vorteilspaket, von dem Soldatinnen und Soldaten im Neuen Wehrdienst mit Dienstzeiten ab einem Jahr aufwärts profitieren sollen.

Das BMVg hatte Mitte des Jahres die ersten Zahlen zur Wehrerfassung veröffentlicht. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Wehrerfassung ist de facto das Erfassen derjenigen, die Wehrdienst ableisten können. Für einen Staat, wenn man eine Wehrpflicht wieder einsetzen sollte, ist es wichtig zu wissen, wer wehrdiensttauglich ist und wer nicht – und wer über welche Qualitäten und Kompetenzen verfügt. Wir haben Anfang des Jahres mit dem Versenden der Fragebögen begonnen – hälftig Männer, hälftig Personen anderen Geschlechts, adressiert werden Geburtsjahrgänge ab 2008. Ende Juli hatten wir rund 378.000 Fragebögen versandt. Knapp 96 Prozent derer, die antworten müssen, haben fristgerecht geantwortet. Damit sind wir durchaus zufrieden.

Ein lachender Soldat im Porträt Konteradmiral Axel Schulz Bundeswehr/Christoph Kassette
„Uns ist daran gelegen, die Menschen langfristig an uns zu binden.“

Knapp 20 Prozent der wehrpflichtigen Männer bekunden im Rücklauf grundsätzliches Interesse an einem Wehrdienst. Bis Ende Juli hatten rund 2.630 Personen ein Assessment durchlaufen. Insgesamt konnten 865 Bewerberinnen und Bewerber für eine Verwendung in der Bundeswehr eingeplant werden. Ich will auch noch dazu sagen: Uns ist daran gelegen, die Menschen langfristig an uns zu binden. Auch wenn jemand für einen freiwilligen Wehrdienst unter einem Jahr zu uns kommt, versuchen wir Interesse zu wecken, länger zu dienen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr ist zuletzt noch weiter gestiegen. Wie kommt der Neue Wehrdienst in der Bevölkerung an?

Der positive Trend setzt sich fort. Die Personalgewinnung basiert auf einem Mix aus personalwerblichen, zielgruppengerechten und regionalen Ansprachen, starker Online- und Social-Media-Präsenz sowie einer leistungsstarken Karriereberatung an nahezu 100 Standorten. Ein Detail darf man nicht außer Acht lassen: Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein stellen von G8 auf G9 um. Heißt: Die Gymnasialstufe, die auf eine achtjährige Schullaufbahn bis zum Abitur ausgerichtet war, kehrt zurück zum System mit neun Jahren bis zum Abitur. Dadurch stehen uns 50.000 junge Schulabgänger als Zielgruppe weniger zur Verfügung. Trotzdem gelingt der Anstieg der Personalgewinnung. Bis Ende Juli hatten wir insgesamt 47.300 Bewerbungen – eine Steigerung von 26 Prozent zum Vorjahresmonat.

Y-Magazin: Neuer Wehrdienst

Y-Magazin: Neuer Wehrdienst PDF, nicht barrierefrei, 15,9 MB
Das Cover vom Y-Magazin mit Schriftzug „Neuer Wehrdienst“ und links oben ein großes weißes Y.

Bundeswehr/C3

Neben dem Neuen Wehrdienst hat die Bundeswehr auch die Heimatschutzausbildung Streitkräfte neu eingeführt. Dadurch gelingt es, dass die Grundausbildung aller Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche gleich gestaltet ist. Warum ist das wichtig?

Die neue Heimatschutzausbildung Streitkräfte ist standardisiert, modern und umfasst unter anderem die Drohnenausbildung. Grundsätzlich erfolgen Einstellung und Ausbildung in der Teilstreitkraft oder dem Unterstützungsbereich, in der oder dem man später dienen soll. Durch die Standardisierung können wir Interessierte jedoch so einstellen, dass sie ihre Ausbildung an einem heimatnahen Standort absolvieren und zum Wunschzeitpunkt starten können. Danach können sie in die gewünschte Teilstreitkraft oder den Unterstützungsbereich überführt werden. Das berücksichtigt regionale Wünsche und optimiert landesweit Ausbildungskapazitäten.

Wie begegnen Sie den Herausforderungen durch den Aufwuchs der Streitkräfte, etwa bei Liegenschaften?

Wir haben eine ganzheitliche Immobilienstrategie. Ziel ist, den steigenden Bedarf zu decken, Kosten zu senken, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und die operative Einsatzbereitschaft zu sichern. Wir arbeiten eng mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben sowie mit Ländern und Kommunen zusammen. Ab 2027 sind containerisierte, modulare Liegenschaftsunterkünfte geplant. Aber das muss erst noch produziert werden. Der erhöhte Infrastrukturbedarf besteht aber bereits jetzt. Deshalb haben wir das Sofortprogramm Infrastruktur Personalgewinnungsorganisation, kurz SIPGO, gestartet. Damit können wir im vierten Quartal 2026 in 36 Liegenschaften kurzfristig 8.600 Unterkunftsplätze als Containerlösung bereitstellen – das ist in der Kürze der Zeit eine wirklich beeindruckende Leistung.

Was zeichnet die Musterungszentren an den acht neuen Standorten aus?

Insgesamt wird es 24 Musterungszentren geben, davon acht an neuen Standorten. Sie sind repräsentativ, funktional mit zeitgemäßer Ausstattung und von außen gut erkennbar. Da die Musterung innerhalb eines Tages erfolgen soll, sind die Zentren gut erreichbar zu Fuß, aber auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit guter Autobahnanbindung. Parkplätze sind vorhanden. Außerdem haben wir uns an Bevölkerungsverteilung und Bevölkerungsdichte orientiert, um aus einem großen potenziellen Bewerberaufkommen schöpfen zu können.

Wie sind Kasernen und Ausbildungseinrichtungen ausgerüstet, damit sie auf die neuen Rekrutinnen und Rekruten gut vorbereitet sind?

Wir nutzen mit der Heimatschutzausbildung Streitkräfte moderne Geräte und digitale Lernsysteme, verkürzen die Ausbildungsdauer und erhöhen die Lernqualität. Bekleidung und persönliche Ausrüstung liegen uns am Herzen: Neue Rekrutinnen und Rekruten bekommen in der Heimatschutzausbildung die vollständige Kampfbekleidung und Schutzausstattung. Der persönliche Schutz mit modernsten Mitteln hat oberste Priorität.

Welchen Beitrag kann die aktive Truppe leisten, damit der Neue Wehrdienst ein Erfolg wird?

Der Beitrag der aktiven Truppe ist notwendig, weil die Ausbildung praxisnah, professionell und motivierend erfolgen soll. Der Fokus liegt auf Heimatschutz sowie Wach- und Sicherungsaufgaben, womit Fähigkeiten und Kompetenzen für die Einsatzbereitschaft vermittelt werden. Das Herzstück ist aber die Vermittlung von Werten: Kameradschaft, Zusammenhalt, Gemeinschaft. So begeistern wir die jungen Männer und Frauen für einen sinnstiftenden Dienst.

Was sind im Umkehrschluss Chancen und Vorteile des Neuen Wehrdienstes für die aktive Truppe?

Die Aufgaben sind aufgrund der sicherheitspolitischen Lage schnell gewachsen und komplexer geworden – insbesondere Landes- und Bündnisverteidigung. Das schaffen wir im Moment gut, brauchen aber Personalaufwuchs. Der Neue Wehrdienst liefert Personalzuwachs und entlastet somit die Stammeinheiten von administrativen sowie einsatz- und sicherheitsspezifischen Aufgaben durch einen Beitrag zum personellen Aufwuchs. Ziel sind mindestens 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten sowie mindestens 200.000 Reservistinnen und Reservisten. So meistern wir die Herausforderungen.

Medien berichten auch über die Abbruchquote nach den ersten Wochen. Warum war das ein Thema – und was bedeutet das?

Abbruch von Ausbildung ist nichts Neues. Bei der Bundeswehr meint Abbruchquote den Anteil der Rekrutinnen und Rekruten, die ihre militärische Ausbildung innerhalb der ersten sechs Monate abbrechen. Bedauerlicherweise liegt die Quote derzeit noch bei 25 Prozent. Die Gründe sind vielfältig: Heimweh, alternative Ausbildungs- oder Jobangebote, Unzufriedenheit oder Schwierigkeiten mit dem System Bundeswehr, wie weniger Schlaf oder frühes Aufstehen. Wir versuchen natürlich, mit einer Vielzahl von Maßnahmen die Abbruchquote niedrig zu halten. Die Abbruchquote ist aber kein Gradmesser für Attraktivität. Der Dienst ist unverändert attraktiv. Und für die persönliche Entwicklung ist es manchmal gut, wenn man schwierige Situationen fern der Familie meistert.

Was passiert mit den Rekrutinnen und Rekruten, die als Freiwillig Wehrdienstleistende sechs bis elf Monate bleiben, und was mit denen, die länger dienen?

Sechs bis elf Monate ist stark. Zugleich interessieren wir uns für längere Dienste – über zwölf Monate bis mehrere Jahre. Der Personalaufwuchs hat zwei Säulen: erfolgreiche Personalgewinnung von außen – Schulabgänger, Menschen, die ihre Ausbildung beendet haben und neue Herausforderungen suchen – und Bindung von qualifiziertem Personal in der Truppe. Wer den Dienst beendet, wird in die Reserve überführt, sofern wir ihn nicht länger binden können. So tragen sie zum Aufwuchs und zur Einsatzbereitschaft bei. Im Reservistendienst kann man weiterhin ausbilden, üben und Dienst am Land leisten.

Das Interview führte Maria Schönemann.

Y – Das Magazin der Bundeswehr
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