Die Luftwaffe in Litauen
Vom Grenzschutz bis zu Luftoperationen
Ob bei Luftraumverletzung oder für Luftoperationen im Verteidigungsfall – von hier werden Kampfjets und Flugabwehreinheiten taktisch geführt.
Die Luftwaffe hat drei Gefechtsstände, von denen aus Soldatinnen und Soldaten den Luftraum im Blick haben. Zwei von ihnen sind in festen Gebäuden untergebracht. Diese sogenannten Control and Reporting Center (CRC) stehen in Schönewalde in Brandenburg und in Erndtebrück in Nordrhein-Westfalen. Sie sind rund um die Uhr besetzt und überwachen einen der meistgenutzten Lufträume der Welt: den über der Bundesrepublik Deutschland.
Der dritte Gefechtsstand der Luftstreitkräfte besteht dagegen aus Containern und Zelten. Das Deployable Control and Reporting Center (DCRC) mit dem Funknamen „Red Hawk“ wurde entwickelt, um temporär Luftverteidigungs- und Luftüberwachungsfunktionen von unterschiedlichen Standorten auf der Welt zu leiten. Beispielsweise kann das DCRC zur Unterstützung befreundeter Nationen direkt in ein Einsatzgebiet gebracht werden. So war es in den vergangenen Jahren mehrere Male im Baltikum stationiert, um bei der Sicherung des dortigen Luftraums zu helfen.
Aber auch im Verteidigungsfall hat die Mobilität des DCRC einen großen Vorteil: Für den Gegner ist nicht berechenbar, wo das DCRC aufgebaut wird und wie lange es dort steht. Das erschwert eine Bekämpfung erheblich.
Vom Grenzschutz bis zu Luftoperationen
Über leistungsstarke Netzwerke wird das DCRC mit Daten von unterschiedlichsten Sensoren versorgt. Sie sind die Augen des Gefechtsstandes. Dabei kann es sich beispielsweise um festinstallierte Radare handeln, aber auch um Radare auf Schiffen oder von AWACS-Überwachungsflugzeugen der NATO.
Dass diese Verbindung gewährleistet ist, alle Server laufen und auch die Einbindung in die Integrierte Luftverteidigung der NATO sicher steht, ist Aufgabe der Techniker des DCRC. Sie verlegen bei jedem erneuten Aufbau des Gefechtsstands über 15 Kilometer Kabel, sorgen für die Stromversorgung und das Funktionieren der IT – insbesondere von GIADS. GIADS steht für German Improved Air Defence System und ist die zentrale Software des DCRC wie auch der CRCs.
Mithilfe von GIADS werden die Daten der Radaranlagen verarbeitet und im Luftlagebild auf Bildschirmen dargestellt. Jedes Luftfahrzeug und jeder Flugkörper taucht hier auf. Diese zu identifizieren und auf eine mögliche Bedrohung zu überprüfen, ist Aufgabe der Track Production Officers.
Mithilfe des so erstellten Lagebilds können andere Spezialisten ihre jeweiligen Waffensysteme führen: Die Aircraft Controller verantworten die Planung und Koordination aller Flugbewegungen der eigenen Luftfahrzeuge. Sie stehen im engen Kontakt mit den Piloten und weisen den Kampfjets ihre Angriffsziele zu. Die SAM Allocater hingegen entscheiden wiederum über den Einsatz der bodengebundenen Flugabwehr, beispielsweise der Flugabwehrraketensysteme Patriot. SAM steht hier für Surface-to-Air-Missile, also Boden-Luft-Rakete. Unter Führung des Master Controllers ermöglichen SAM Allocater und Aircraft Controller eine koordinierte Luftverteidigung und erfolgreiche Luftoperationen.
Die Männer und Frauen des DCRC müssen in ihrem Luftraum – sei es über Deutschland oder über dem Baltikum – jede Bewegung erkennen und identifizieren. Sollte die Identifizierung nicht möglich sein oder sich ein erkanntes Flugobjekt nicht kooperativ verhalten, müssen Kampfjets aufsteigen und Sichtkontakt zum unidentifizierten Flugobjekt herstellen. Denn es kann sein, dass ein fremdes Luftfahrzeug den eigenen Luftraum verletzt. Oder dass schlichtweg ein Problem mit dem Funk vorliegt.
Die Abfangjäger werden dabei von den Aircraft Controllern zum Ziel geführt. Der Grund: Das Radar in den Jets zeigt den Piloten nur, was sich in einem schmalen Sektor vor ihnen befindet. Die Aircraft Controller dagegen haben durch ihr umfassendes Luftlagebild alles im Blick und können den schnellsten Abfangkurs an die fliegenden Kräfte durchgeben. Im Friedensbetrieb erfolgt dieser Prozess in enger Abstimmung mit der zivilen Flugsicherung.
Aktuell braucht es noch mehrere Tage, bis das DCRC mit seinen Arbeitsplatz- und Servercontainern abgebaut und an einem neuen Standort wieder aufgebaut ist. Um diese Zeit zu verkürzen und damit den Schutz des Gefechtsstandes vor gegnerischer Aufklärung zu erhöhen, arbeitet die Luftwaffe daran, den Gefechtsstand modular und weitgehend mobil zu machen. Dazu sollen die einzelnen Module allein arbeitsfähig und auf Lkw verlastet werden, sodass diese je nach Auftrag nur noch untereinander vernetzt werden müssen, um betriebsbereit zu sein. Bis dahin wird „Red Hawk“ in seiner jetzigen Form für Sicherheit im Luftraum sorgen und im Ernstfall seinen Beitrag zu erfolgreichen Luftoperationen leisten.
von Ole Henckel