Bundeswehr trainiert Unfall mit nuklearer Gefahrenlage
Sanitätsdienst- Datum:
- Ort:
- Hamburg
- Lesedauer:
- 4 MIN
Die Bundeswehr übte im Oktober 2026 gemeinsam mit zivilen Behörden in Hamburg eine besondere Form der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Das Szenario: ein Unfall im Hafen. Radioaktive Strahlung wurde freigesetzt. Drei Soldaten wurden verletzt, die Betroffenen sind belastet. Jetzt heißt es handeln – und zwar schnell, um weitere Gefahren abzuwenden.
Auch ein Szenario, das niemand real erleben möchte, muss geübt werden: Hier die Bergung von Verletzten aus einem Gebiet, das durch freigesetzte radioaktive Strahlung belastet ist
Bundeswehr/Roland AlpersEs sieht aus wie am Drehort eines Science-Fiction-Films: Dutzende Helferinnen und Helfer in Schutzanzügen kümmern sich um die teils Schwerverletzten. Weitere Kräfte sichern das Areal im Hamburger Hafen, wo die drei Männer eigentlich nur Material verladen wollten, als es zu einem „Unfall mit radionuklearer Gefahrenlage“ kam, wie es in der Sprache der Rettungsdienste und dem Katastrophenschutz in einer Notfallmeldung heißt. „Strahlung macht nicht vor Grenzen halt“, sagt Oberfeldarzt Dr. Andreas L.* und meint damit, dass sich die unsichtbare Gefahr, die von Radioaktivität ausgeht, schnell ausbreiten kann – wenn man nichts unternimmt.
Und so üben Bundeswehr, zivile Behörden und Blaulichtorganisationen unter Aufsicht des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr in München, was in einem solchen Szenario zu tun ist und überprüfen die Belastbarkeit einer gemeinsamen zivil-militärischen Rettungskette. Diese umfasst die Sichtung und Priorisierung der Verletzten, die sogenannte Triage, und deren akutmedizinische Versorgung am Unfallort, die Verlegung und Dekontamination der Patienten sowie die ärztliche Behandlung in einer zivilen Klinik.
Wenn es bei einem Großschadensereignis – beispielsweise einem Unfall mit einer großen Anzahl an Verletzten oder Erkrankten – zu einer Freisetzung von Strahlung kommt, müssen zahlreiche Menschen schnell und gleichzeitig versorgt werden. Die Kräfte der 6. Kompanie des Feldjägerregiments 1 sind daher mit ihrem Einsatzfahrzeug, einem Duro 3 Yak, zum Unglücksort geeilt, um das radioaktiv kontaminierte Gebiet abzusichern. „Aufgrund der unklaren Lage setzen wir dieses Fahrzeug wegen des ABC-Schutzes ein“, erklärt Kompaniechef Hauptmann Lars B.*
Währenddessen führen Teile der mobilen Kräfte „Medizinischer A-Schutz“ des Instituts für Radiobiologie unter Vollschutz die erste medizinische Sichtung der Strahlenverunfallten durch und leiten lebensrettende Maßnahmen ein. Erste Messungen der Radioaktivität werden direkt am Unfallort vorgenommen, um das Ausmaß der Gefährdung abschätzen zu können. Die Polizeikräfte vor Ort übernehmen – ebenfalls in strahlengeschützter Bekleidung – weitere Messungen und ergreifen Maßnahmen zur Absicherung. So wird beispielsweise der Unfallort zum militärischen Sicherheitsbereich erklärt und darf nur noch mit Erlaubnis der Bundeswehr betreten werden. Darüber hinaus organisieren die Kräfte den weiteren Transport der Unfallopfer.
Ziel des Transports ist das Krankenhaus der Berufsgenossenschaften (BG) – die BG-Klinik – in Hamburg. Diese zivile Einrichtung ist für die Behandlung kontaminierter Patientinnen und Patienten ausgestattet und vorbereitet. Speziell trainiertes Klinikpersonal übernimmt die drei betroffenen Soldaten in einer zur Schleuse umgebauten Notaufnahme. Der Umbau musste schnell geschehen, noch während der Transport unterwegs zur Klinik war.
Die drei Verstrahlten werden gründlich mit speziellen Waschlotionen in einer abgeschirmten Umgebung dekontaminiert und im Anschluss weiter notärztlich versorgt. Jeder Handgriff muss hier sitzen, die Verfahrensabläufe müssen akribisch eingehalten werden – auch um das behandelnde Personal nicht zu gefährden. Kleidung, Ausrüstung und Material verstaut das Dekontaminationsteam anschließend in Spezialbehältern.
„Auf Nummer sicher“: Für ein erstes Lagebild wird die Strahlungsbelastung an einer der verunfallten Personen gemessen
Bundeswehr/Roland Alpers
Die Rettungskette steht: Zivile Rettungskräfte übernehmen den Patienten für den Weitertransport in die Klinik
Bundeswehr/Roland Alpers
Vor der Notaufnahme des Krankenhauses wird noch einmal die aktuelle Strahlenbelastung des Patienten gemessen
Bundeswehr/Roland Alpers
Die Notaufnahme des Krankenhauses wurde zur Schleuse umfunktioniert. Der Patient wird dort dekontaminiert.
Bundeswehr/Roland Alpers
Speziell geschultes Klinikpersonal übernimmt die Dekontamination und weitere Versorgung des Patienten. Hier ist Präzision gefragt, es darf nichts übersehen werden.
Bundeswehr/Roland Alpers
Zusammenarbeiten, wenn es drauf ankommt: Während der Strahlenschutz-Übung in Hamburg trainieren Teams der Bundeswehr gemeinsam mit der Polizei und zivilen Rettungskräften
Bundeswehr/Roland AlpersFrau Oberstabsarzt Mandy K.* hat die Übung MedA HH alpha in Hamburg mit organisiert und erklärt, warum ein solches Übungsszenario für den Ernstfall trainiert werden muss: „Wir müssen die Rettungskette gemeinsam üben, damit sie im Ernstfall reibungslos funktioniert. Denn wir sind alle dringend auf eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen. Bei einem radionuklearen Großereignis bedarf es nicht nur ziviler Einrichtungen und Logistik, sondern auch militärischer Einsatzerfahrung und medizinischer Fachexpertise zur Strahlenkrankheit, insbesondere in atomaren Bedrohungssituationen, die nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern auch die zivile Bevölkerung betreffen könnten.“
Wichtig sei, so die Expertin vom Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, dass man zivil wie militärisch ein gemeinsames Verständnis von Sicherheit und Zusammenarbeit habe. Die Übung dient daher unter anderem auch dazu, gemeinsame Verfahren und Vorgehensweisen aufeinander abzustimmen, das Meldewesen für Unfälle mit Strahlung zu optimieren und schließlich auch, „um sich persönlich zu begegnen und den richtigen Ansprechpartner im Notfall zu kennen“, fasst es Mandy K. zusammen.
Die Übung MedA HH alpha in Hamburg ist mit ihrem spezialisierten Fokus zwar die erste ihrer Art, aber insgesamt bereits die dritte in einer Reihe von Übungen der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Auf Getex 2026 im März folgte im September die Übung Red Storm Charlie 2026, ebenfalls in Hamburg. Der Schutz der Bevölkerung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, in die sich die Bundeswehr mit zahlreichen Expertisen und spezialisierten Fähigkeiten einbringen kann. In der Bewältigung von Lagen, die durch die Freisetzung von Strahlung oder Radioaktivität ausgelöst werden und die Auswirkungen auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland haben können, sind die Unterstützer der Bundeswehr Vorreiter.
von Ralf Wilke E-Mail schreiben