Essay

Afghanistan – Das Scheitern im Großen

Afghanistan – Das Scheitern im Großen

  • IF - Zeitschrift für Innere Führung
  • Zentrum Innere Führung
Datum:
Lesedauer:
5 MIN

Dringendes Lernen geht nur mit Ehrlichkeit und Konsequenz auf allen Ebenen. Die deutschen Einsatzkräfte wurden im vergangenen Jahr unbeschadet in die Heimat zurückgebracht. Wie aber der internationale Afghanistaneinsatz zu Ende ging, versetzte Millionen afghanische Menschen in Angst und Schrecken. Für Afghanistanveteranen war es schockierend.

Soldaten mit Gepäck auf dem Weg zu einem geöffneten Transportflugzeug

Einige der letzten deutschen Soldaten besteigen Ende Juni 2021 im afghanischen Mazar-e Scharif ein USUnited States-Transportflugzeug vom Typ C-17 Globemaster III

Bundeswehr / Torsten Kraatz

Veranlasst durch zwei USUnited States-Präsidenten, musste der Einsatz nach fast 20 Jahren bedingungslos und überhastet von allen Beteiligten abgebrochen werden. Im August 2021 endete der größte, teuerste und bei Weitem opferreichste Kriseneinsatz der westlichen Staatengemeinschaft und der NATO. Der Kollaps der Regierung und ihrer Sicherheitskräfte sowie das Chaos der Massenflucht am Flughafen Kabul sendeten Bilder eines großen Desasters um den Globus. Seit 2002 waren Männer und Frauen der Bundeswehr, aber auch des Auswärtigen Amts, der Entwicklungszusammenarbeit und der deutschen Polizei im multinationalen Einsatz in Afghanistan. Viele haben Kameradschaft wie sonst nie erlebt, haben gekämpft, wurden an Leib und Seele verwundet, haben Kameraden verloren. Im Auftrag von UNUnited Nations, Bundesregierung und Parlament sollten sie dazu beitragen, ein Land zu stabilisieren, sicherer zu machen und mit aufzubauen, das bis 2001 Rückzugsraum für internationale Terrorgruppen war. Das war notwendig, das machte Sinn. Und völlig richtig war die Absicht in der deutschen Führung wie bei etlichen anderen Verbündeten, ja nicht Besatzer werden zu wollen und die afghanische Übergangsregierung auf dem schwierigen Weg zu mehr Sicherheit und Frieden zu unterstützen und nicht zu bevormunden.

Als Mitglied des Verteidigungsausschusses bis 2009 war ich an den ersten 20 Afghanistan-Mandaten beteiligt. Bei 20 Besuchen vor Ort bis 2019 und vielen Begegnungen mit Afghanistanrückkehrern habe ich die Arbeit und Leistung der Entsandten schätzen gelernt: ihre Professionalität, Entschlossenheit, Besonnenheit und Verlässlichkeit.

Hörfassung des Beitrags: „Afghanistan – Das Scheitern im Großen" aus der IF - Zeitschrift für Innere Führung 2|22

Dass jetzt die Taliban an die Macht zurückkehrten, ist ein historisches Scheitern. Mehr noch, es ist zum Verzweifeln, vor allem für viele Menschen in Afghanistan, insbesondere die weibliche Hälfte der Bevölkerung. Es ist überdies zutiefst verstörend für Afghanistanveteranen. Der Schmerz wird verschärft durch die Art des internationalen Abzuges. Denn im Stich gelassen wurden sehenden Auges:

  • bisherige afghanische Verbündete, die allein gegenüber den Taliban nicht überlebensfähig waren, und Ortskräfte, ohne die die internationalen Kräfte taub, stumm und nicht handlungsfähig gewesen wären,
  • Menschen, die das Versprechen des Westens von Menschenrechten geglaubt hatten.
Viele Menschen in einem Transportflugzeug

Evakuierte Personen aus Afghanistan warten im August 2021 in einem A400M auf die Registrierung in Taschkent in Usbekistan

Bundeswehr / Marc Tessensohn

Die westliche Staatengemeinschaft traf damit den Grundwert Verlässlichkeit ins Mark. Dieser ist fundamental für kollektive Sicherheit wie für Kameradschaft. Der Schaden für die sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit des Westens, aber auch für die Einsatzmotivation, ist noch gar nicht absehbar.

Offenkundig wurden die strategischen Ziele des Einsatzes im Wesentlichen verfehlt:

  • Al-Qaida wurde geschwächt. Ob dadurch al-Qaida-Anschläge in Deutschland verhindert wurden, ist rein spekulativ. Eine nachhaltige Bekämpfung von dschihadistischem Terrorismus gelang jedoch nicht, teilweise wurde er eher beflügelt. Die Ausbreitung des IS„Islamischer Staat“ in Afghanistan 2021 ist beunruhigend.
  • Bei mindestens 66.000 gefallenen afghanischen Soldaten und Polizisten und über 47.000 getöteten Zivilisten seit 2002 wurden die Ziele sicheres Umfeld und Stabilisierung krass verfehlt. Teilfortschritte beim Staatsaufbau wurden durch exzessive Korruption konterkariert.
  • Die Bilanz der Entwicklungszusammenarbeit war gemischt. Komplexe Projekte, die auf wirtschaftliche Entwicklung, Verwaltungskapazitäten und Rechtsstaatlichkeit zielten, waren selten erfolgreich. Beachtliche Erfolge gab es in der Gesundheitsversorgung, Grundbildung, Infrastruktur und bei in der Bevölkerung verankerten Projekten. Entwickeln konnte sich eine außergewöhnliche Medienvielfalt, eine vitale Zivilgesellschaft. Teile der weiblichen und jüngeren Bevölkerung erlebten Entfaltungsmöglichkeiten wie nie zuvor.
Drei Talibankämpfer auf dem Dach eines Gebäudes

Talibankämpfer auf dem Hügel von Wazir Akbar Khan im Norden Kabuls. Am 15. August 2021 nahmen die Taliban die Stadt ohne Widerstand durch die Regierung ein.

imago images / ITAR-TASS / Alexandra Kovalskaya

Das „strategische Scheitern“ (General Mark A. Milley, Chef des USUnited States-Generalstabs) hatte meiner Ansicht nach eine Fülle identifizierbarer Gründe. Auf Seiten der intervenierenden Staatengemeinschaft waren das – in unterschiedlichen Anteilen – vor allem:

  • das Fehlen einer gemeinsamen, kohärenten, zivilmilitärischen Strategie mit klaren und erfüllbaren Zielen und der andauernde strategische Dissens zwischen „War on Terror“, oft jenseits des Völkerrechts, und der Unterstützung legitimer und verlässlicher Staatlichkeit,
  • der oft krasse Mangel an Landeskenntnis und Konfliktverständnis bei vielen Führenden des Einsatzes, die Unterschätzung von Terrorbekämpfung und Staatsaufbau gepaart mit technokratischen Machbarkeitsillusionen, ja Hybris,
  • auf höchsten Regierungsebenen der Primat von Bündnisloyalität und innenpolitischen Rücksichtnahmen vor konsequenter Wirkungsorientierung,
  • eine Art von Partnerwahl in Afghanistan, die die Macht korrupter Warlords stärkte und damit die Förderung von Rechtsstaatlichkeit konterkarierte,
  • eine Realitätswahrnehmung, wo kritische Lageberichte aus dem Einsatz auf dem Weg nach oben ausgebremst und durch Schönfärberei ersetzt wurden, wo Wirkungsevaluierungen oft verweigert wurden, in Deutschland nach meiner Erfahrung über 15 Jahre,
  • die sehr halbherzige Förderung verlässlicher Staatlichkeit, wofür jahrelang viel zu wenig deutsche Zivilexperten und Polizisten entsandt wurden,
  • die Aufnahme von Verhandlungen mit den Aufständischen erst, als USUnited States-Präsident Donald Trump schnellstmöglich seine Truppen abziehen wollte.
Bilanzdebatte Afghanistan-Einsatz

Der Journalist Thomas Wiegold (l.) moderiert am 6. Oktober 2021 den Auftakt zur Bilanzdebatte Afghanistan-Einsatz in Berlin

Bundeswehr / Tom Twardy

Als Knackpunkt des gescheiterten Gesamteinsatzes sehe ich ein kollektives politisches Führungsversagen in vielen Hauptstädten. Das gilt auch für Berlin, wo man sich allerdings um mehr Nähe zur afghanischen Bevölkerung bemühte. Das Scheitern im Großen lag nach meiner Erfahrung eindeutig nicht am entsandten „Bodenpersonal“. Die deutschen Soldaten und zivilen Kräfte haben im Rahmen ihres legalen und grundsätzlich sinnvollen, wenn auch zu wenig klaren Auftrages ihre Aufgaben mit vollem Einsatz und Mut sowie viel fachlicher und interkultureller Kompetenz erfüllt.

Am scharfen Ende ihres Berufes haben sich die Bundeswehrsoldaten voll bewährt, sie waren vor allem ab 2010 durchsetzungsstark. Militärische Gewalt setzten sie kontrolliert ein und nahmen bei Gefechten Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Für diese Leistungen gebührt ihnen Interesse, Anerkennung und Dank. Das Scheitern im Großen überschattet das Engagement der Einsatzkräfte, macht es aber keineswegs sinnlos.

„Aus dem Einsatz lernen“ ist bei der Bundeswehr auf taktischer und operativer Ebene ständige Praxis. Jetzt ist es an der Zeit, dass Afghanistanveteranen auch ihre kritischen Einsatzerfahrungen zur Sprache bringen können. Verantwortungsträger in der Bundeswehr müssen sich kritisch hinterfragen, ob ihr militärischer Ratschlag deutlich genug war, oder ob sie zur Kaskade der Schönfärberei beigetragen haben. Zugleich sollten Veteranen offener aus ihrer so anderen Einsatzwelt berichten. Jetzt kann die verbreitete Sprachlosigkeit zwischen Gesellschaft und Einsatzsoldaten überwunden werden.

Drei Särge bedeckt mit Deutschlandfahne und Helmen

Mit einer zentralen Trauerfeier in Hannover nahm die Bundeswehr im Juni 2011 gemeinsam mit den Familien und Freunden von drei in Afghanistan gefallenen ISAFInternational Security Assistance Force-Soldaten Abschied

Bundeswehr / Marcus Rott

Wo politische Führungen für das strategische Scheitern in Afghanistan hauptverantwortlich waren, muss gerade auf der politisch-strategischen Ebene bilanziert und gelernt werden.

Einige wesentliche Lehren liegen aber längst auf der Hand: Erstens ist von vornherein ein tiefes Konfliktverständnis und eine ehrliche Interessendefinition notwendige Voraussetzung für einen klaren Auftrag mit erfüllbaren und überprüfbaren Zielen, eingebunden in eine – bisher nie vorliegende – zivil-militärische Strategie. Das Zweite ist eine konsequente Wirkungsorientierung. Sie ist zwingend angewiesen auf ein rücksichtslos-ehrliches Berichtswesen durch die ganze Hierarchie und regelmäßige, auch unabhängige Wirkungsanalysen. Kriseneinsätze in internationaler Verantwortung sind zwingend auf viel mehr Ehrlichkeit und Konsequenz angewiesen. Nicht zuletzt auch in Verantwortung für die Einsatzkräfte.   

von Winfried Nachtwei

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