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Ukraine-Unterstützung

NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine-General: „Eine starke ukrainische Armee dient uns allen“

Landes- und Bündnisverteidigung
Datum:
Ort:
Wiesbaden
Lesedauer:
8 MIN

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Die Ukraine steht kurz vor dem fünften Kriegsjahr. Für ihre Zukunft ist internationale Unterstützung zentraler denn je. Mit NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine koordiniert die NATONorth Atlantic Treaty Organization Hilfeleistungen für das angegriffene Land. Generalmajor Maik Keller, bis Ende 2025 stellvertretender Kommandeur der Unterstützungsmission, erklärt, was im vergangenen Jahr wichtig war und wie die westliche Allianz die Ukraine jetzt stärken muss.

Ein Soldat im Porträt

Logistische Meisterleistung: NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine koordiniert und mobilisiert jeden Monat 18.000 Tonnen Militärgüter für die Ukraine von mehr als 30 Partnernationen. Generalmajor Maik Keller erläutert, wie sich die Zukunft der Ukraine jetzt entscheidet.

Bundeswehr

Herr Generalmajor Keller, es ist jetzt der vierte Kriegswinter in der Ukraine. Warum haben die Russen bisher keinen entscheidenden Durchbruch geschafft? 

„Das hat unterschiedliche Gründe. Ein wesentlicher Grund ist die internationale Solidarität für die Ukraine. Unser Ziel ist, die ukrainische Armee kontinuierlich zu stärken, damit sie die Front halten kann. Eine weitere Ursache ist schlicht, dass die militärischen Fähigkeiten der Russen immer noch nicht ausreichen, die ukrainische Armee zu schlagen. Sie lernen zwar dazu, aber ihre Ziele erreichen sie nach wie vor nicht. Vor allem aber hindert die Art und Weise, wie die Ukrainer kämpfen, die Russen daran, einen wirklichen Durchbruch zu schaffen. Sie sind nicht nur technisch innovativ, beispielsweise beim Bau von Drohnen, sondern auch extrem anpassungsfähig, wie sie diese Innovationen nutzen. Mit der Flexibilität der Ukrainer können es die Russen nicht wirklich aufnehmen.“

Neben Mut und Tapferkeit der ukrainischen Soldatinnen und Soldaten ist also die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft maßgeblich. Welche NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine-Unterstützungsleistungen für die Ukraine waren 2025 denn besonders wichtig?

NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine koordiniert und mobilisiert ja die Hilfeleistungen von mehr als 30 alliierten Partnern für die Ukraine. Dabei gibt es drei Bereiche: Materialunterstützung, Ausbildung sowie Fähigkeitsentwicklung. Letztere betrifft den kurz- und mittelfristigen Fähigkeitsausbau der ukrainischen Armee – ein oft vergessener, aber wichtiger Aspekt, der vergangenes Jahr auch eine große Rolle gespielt hat. Schließlich ist unser Ziel ja, die Ukraine durch westliche Unterstützung in die Lage zu versetzen, weiter kämpfen zu können, und das kann die ukrainische Armee nur, wenn sie so stark wie möglich wird. Wichtig war auch die Hilfe der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner bei der Fortführung der materiellen Unterstützung und der Instandhaltung der Systeme, um deren Einsetzbarkeit zu gewährleisten. Und natürlich geht nichts ohne die Materiallogistik. Hier wurden 18.000 Tonnen Material monatlich über Polen in die Ukraine geschafft. Außerdem spielte die Koordination der Ausbildung eine wichtige Rolle, sei es im Hinblick auf die Nutzung der Systeme als auch allgemeine Fähigkeiten. Die gesamte Ausbildung wurde unablässig an die Bedürfnisse der Ukrainer angepasst, um ihnen größtmöglichen Nutzen zu bringen. Wir müssen also immer alle drei Bereiche in der Summe sehen – denn nur so kann man etwas bewirken.“

Welche deutschen Beiträge sind hierbei besonders hervorzuheben?

„Was Deutschland angeht, ist die Lieferung von Waffensystemen und deren Munition extrem wichtig. Insbesondere PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target- oder IRIS-TInfra-Red Imaging System–Tail/Thrust Vector-Controlled-Systeme zur Luftverteidigung wurden zuverlässig und konstant geliefert. Aber auch gepanzerte und ungepanzerte Fahrzeuge sowie Munition wurden der Ukraine in großem Umfang übergeben. Ganz zentral ist außerdem die deutsche industrielle Unterstützung im Land. Dazu gehört unter anderem die Finanzierung der ukrainischen Industrie und die Zusammenarbeit mit Firmen in der Ukraine, die zum Beispiel weitreichende Drohnen herstellen. Deutschland engagiert sich zudem stark in der Ausbildung ukrainischer Truppen. Hier ist ganz besonders die europäische Ausbildungsmission EUMAMEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine und deren Kommando in Strausberg hervorzuheben, mit dem NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine bei der Koordinierung von Ausbildungen eng zusammenarbeitet. Auch hier macht es also der Mix: Material, Instandhaltung, Ausbildung und Ausrüstung. In allen Bereichen ist Deutschland prominent vertreten.“

Hat sich der Schwerpunkt im Laufe des Jahres verändert?

„Luftverteidigung war und bleibt einer der entscheidenden Schwerpunkte. Hier hat Deutschland Qualität und Quantität geliefert. Und das ist auch bitter nötig: Die Ukraine wird in manchen Nächten von bis zu 600 Drohnen und 20 bis 30 ballistischen Raketen beziehungsweise Marschflugkörpern attackiert. Das würde jedes Land der Welt an seine Grenzen bringen. Aber die Ukrainer sind aktuell sicher diejenigen, die damit noch am besten umgehen können. Russland führt gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung durch. Das war im vergangenen Jahr so stark wie nie zuvor. Entscheidend ist deshalb auch die Finanzierung der Drohnenproduktion in der Ukraine. Hier besitzt die Ukraine eine starke Expertise, ist also gegenüber Russland durchaus im Vorteil. Aber auch die Lieferung von Artilleriemunition hat – trotz aller Entwicklungen im Bereich der Drohnen – nach wie vor einen hohen Stellenwert. Außerdem ist die Ukraine zunehmend in der Lage, weit in die Tiefe russischer Gebiete einzuwirken. Sie hat unter anderem eine neue Langstreckenrakete entwickelt, Flamingo genannt, die mittlerweile in Serie produziert wird. Außerdem stellt sie Drohnen wie zum Beispiel die FP-1 oder die UJ-26 her, die 1.000 Kilometer und darüber hinaus fliegen können. Damit kann die Ukraine militärisch relevante Ziele flächendeckend im russischen Hinterland treffen.“

Welche Hilfeleistungen müssen 2026 schwerpunktmäßig fortgeführt werden? Was wird vielleicht neu hinzukommen?

„Unser Auftrag bleibt es, den ukrainischen Bedarf angemessen und insbesondere kontinuierlich zu decken. Wir müssen diesen deshalb immer wieder erfassen und prüfen – egal ob in Ausbildung, Fähigkeitsentwicklung oder Materialunterstützung. Perspektivisch könnte sich unser Schwerpunkt auf die Fähigkeitsentwicklung verlagern, doch im Moment scheint der Kriegsverlauf konstant zu bleiben: Es bleibt wohl ein Abnutzungskrieg. Und dann ist die Frage, wer länger durchhält: Russland oder die Ukraine – und damit auch der Westen. Entscheidend bleibt deshalb, dass die einzelnen Nationen unablässig weiter unterstützen, zum Beispiel im Rahmen der wichtigen tschechischen Munitionsinitiative, die im Jahr 2025 1,8 Millionen Schuss Artilleriemunition, rund 45 Prozent der Gesamtmenge, geliefert hat. Auch der NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine-Trustfund wird weiterhin eine große Rolle spielen und uns helfen, kurzfristige kleinere Bedarfe zu decken. Nur dadurch, dass dort seit April 2025 kontinuierlich die notwendigen Geldmittel bereitgestellt werden, kann flexibel Material beschafft werden. Letztendlich ist es unser Ziel, die ukrainische Armee so stark wie möglich zu machen, damit sie sich gegen Russland behaupten kann. Das ist auch aus Sicht der Allianz wichtig. Eine starke ukrainische Armee dient in erster Linie der Abschreckung und damit auch uns als Allianz.“

Wird 2026 ein kritisches Jahr für die Ukraine-Unterstützung?

„Natürlich ist im Krieg jedes Jahr kritisch. Unsere Unterstützung ist entscheidend. Vor allem aber wird es eine Herausforderung sein, die konstante Versorgung aufrechtzuerhalten. Die Ukraine braucht den ständigen Fluss wie in jedem vergangenen Kriegsjahr. Aber insbesondere für das Jahr 2026 heißt es: Je länger der Krieg dauert, desto stärker zeigen sich die Abnutzungserscheinungen der Ukraine, Russlands und auch der westlichen Allianz. Dass der Westen und die Ukraine diese überwinden, wird unsere größte Herausforderung sein.“

Was sind die entscheidenden Erkenntnisse, die die Bundeswehr 2025 aus dem Kriegsgeschehen in der Ukraine gesammelt hat und 2026 berücksichtigen sollte?

„Alles in puncto Drohnen ist wichtig. Der Krieg wird sich nicht komplett ändern, aber im Drohnenkampf haben wir signifikante Entwicklungen gesehen, die nicht mehr verschwinden werden. Von jetzt an müssen wir berücksichtigen, wie man mit und auch gegen Drohnen kämpft. Das heißt, dass wir als Bundeswehr entscheiden müssen, wie wir mit den schnellen Entwicklungen umgehen. Bei den Drohnen ist der Innovationszyklus so schnell, dass es keinen Sinn macht, sich viele Systeme ins Lager zu legen, die dann schon nach sehr kurzer Zeit veraltet sind.“

Und wie geht die Bundeswehr damit um?

„Wichtig ist, dass die Industrie mit kurzem Vorlauf produzieren kann – unter anderem durch sogenannte Vorhalteverträge. Dazu gehört für mich auch, dass wir prüfen, welche zivil geprägte Industrie zum Beispiel Drohnen für militärische Zwecke produzieren könnte. Die Fähigkeit, sich an ein dynamisches, unvorhersehbares Umfeld anzupassen, gilt somit nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die Industrie und die Gesellschaft insgesamt. Genau das ist die Kernentwicklung: Die Veränderungen im Gefecht sind unglaublich schnell. Flexibilität ist das Entscheidende. Diese Flexibilität ist ein wesentlicher Grund, warum die Ukraine erfolgreich besteht.“

Das Ganze ist also auch eine Frage des Mindsets?

„Ja, natürlich. Was wir wirklich brauchen, ist Risikobereitschaft und zwar im positiven Sinne. Wir müssen also eine neue Fehlerkultur entwickeln. Nach dem Motto: Es läuft auch mal etwas schief, aber wir haben etwas Entscheidendes gelernt. Denn jeder macht mal Fehler und jeder befindet sich auch irgendwann in einer Sackgasse. Auch die Truppe selber sollte ein größeres Mitspracherecht in der Fähigkeitsentwicklung haben. Innovationsfähigkeit ist keine unterstützende Begleiterscheinung mehr, sondern der Kern des Krieges in der Zukunft.“

Das NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine-Hauptquartier befindet sich ja in der USUnited States-amerikanischen Clay-Kaserne, der Kommandozentrale der USUnited States-Armee für Europa und Afrika. Welche Rolle spielen also die USA?

„Wir stehen in ständiger Rücksprache mit der USUnited States-amerikanischen Seite. In meinem Verantwortungsbereich hier in NSATUNATO-Stab für Sicherheitsunterstützung und Ausbildung für die Ukraine ist die USA für die Ukraine ein absolut verlässlicher Partner. Selten habe ich so einen unermüdlichen Einsatz gesehen wie bei unserem Kommandeur, Generalleutnant Curtis Buzzard. Aber natürlich gibt es außer ihm hier noch zahlreiche andere USUnited States-amerikanische Kameraden, die sich mit viel Herzblut für die Ukraine einsetzen. Hier vor Ort ist also die Unterstützung für die Ukraine ungebrochen. Dass die Materiallieferung von USUnited States-Waffen so gut funktioniert, haben wir außerdem einer ganz bestimmten NATONorth Atlantic Treaty Organization-Initiative zu verdanken.“

Sie sprechen die sogenannte PURL-Initiative an.

„Genau. Diese Initiative wurde im Sommer 2025 von NATONorth Atlantic Treaty Organization-Generalsekretär Mark Rutte und dem USUnited States-amerikanischen Präsidenten ins Leben gerufen. Die sogenannte Prioritised Ukraine Requirements List (PURL) berücksichtigt die USUnited States-Fähigkeiten, die von der Ukraine am dringendsten benötigt werden. Die Idee ist: Europa und Kanada finanzieren die Lieferungen aus den USA. Dadurch wird kontinuierlich militärische Ausrüstung geliefert, die nur die USA bereitstellen kann. Und das klappt auch sehr gut. Die Ukraine kann sich voll und ganz darauf verlassen. Jüngst haben sich auch Australien und Neuseeland bereit erklärt, PURL-Pakete zu finanzieren. Insgesamt müssen wir es als Allianz schaffen, nicht nachzulassen. Damit senden wir eine klare Botschaft nach Moskau: Wir lassen es nicht zu, dass im 21. Jahrhundert Grenzen mit Gewalt verschoben werden.“  

von Kristina Stache

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