Als Betriebsstofffeldwebel bei der Bundeswehr
Zwischen Labor und Tankstelle: Oberfeldwebel Dominic P. erzählt von seiner spannenden und wichtigen Aufgabe. Ohne ihn fährt nichts.
Auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord trainiert die 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 401 aus Hagenow. Für ihren Einsatz bei der Multinational Battlegroup in Litauen üben die Soldatinnen und Soldaten sowohl das Gefecht als auch die schnellstmögliche Behandlung von Verwundeten – die Rettungskette.
Ein Panzergrenadier beobachtet vor dem Schützenpanzer Marder die Umgebung während einer Übung des Panzergrenadierbataillons 401 auf dem Truppenübungsplatz in Munster
Bundeswehr/Jana NeumannKettengeräusche eines Panzers durchbrechen die Stille der Nacht, der Feind rollt an. Zwischen Bäumen springen neun Soldaten auf, werfen Isomatte und Schlafsack auf den mit Laub und Ästen getarnten Schützenpanzer Marder. Die Männer greifen Maschinen- und Sturmgewehre, Panzerfäuste und Granaten und laufen los. Ihre Stiefel versinken im Moos. Hinter Hügeln und Baumstämmen gehen sie in Stellung, ihre Gesichter sind mit grüner Farbe bemalt und auf ihren Helmen klebt Gras. Still warten sie auf weitere Anweisungen ihres Zugführers Oberleutnant Alexander T.*
Um zwei Uhr nachts erreicht Alexander T. im Nachtlager in der Nähe die Feindmeldung. Der 28-Jährige führt den Bravo-Zug der Panzergrenadiere, bestehend aus drei Schützenpanzern mit jeweils einem Kommandanten, Fahrer und Richtschützen sowie einem sechsköpfigen Trupp an Bord. Ein Funker und ein Soldat, der die Nahsicherung übernimmt, begleiten ihn ständig. Er ordnet an, dass sich alle bereit machen sollen. Kurz darauf greifen die feindlichen Kräfte an. Schüsse fallen und Funken fliegen, ein Soldat fällt. Dem Bravo-Zug gelingt es, vier der gegnerischen Panzer außer Gefecht zu setzen. Dann befiehlt Alexander T. ihnen auszuweichen.
So berichtet es der Zugführer nach Sonnenaufgang auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Munster Nord. Bei dem Angriff handelte es sich nur um eine Übung mit Manövermunition, und niemand wurde verletzt. Vier Tage trainiert die 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 401 aus Hagenow auf dem mehr als zehn Hektar großen Gelände in der Lüneburger Heide. Die Soldatinnen und Soldaten bereiten sich auf ihren Einsatz in der Multinational Battlegroup in Litauen ab Januar 2027 vor. Als Team Rot treten sie mit zwei Panzergrenadierzügen und einem Panzerzug mit Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 – Alpha, Bravo und Delta – gegen den Angreifer Team Blau an. Eine Kompanie des deutsch-niederländischen Panzerbataillons 414 in Lohheide spielt in diesem Szenario den Gegner. Und der Auftrag der roten Kräfte lautet: verzögern.
Die Panzergrenadiere sitzen auch ab – und bekämpfen den Feind gemeinsam am Boden
Bundeswehr/Jana Neumann
Oberleutnant Alexander T. führt den Bravo-Zug mit etwa 36 Soldatinnen und Soldaten
Bundeswehr/Jana Neumann„Dem Feind werden nadelstichartig Verluste zugefügt, möglichst ohne selbst viele Soldatinnen und Soldaten oder Gerät zu verlieren“, erklärt Oberstleutnant Jan S., stellvertretender Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 401. Bei der Verzögerungstaktik kämpft die Truppe in deutlicher Unterzahl. Es geht nicht darum, das Gebiet zu halten, sondern die gegnerischen Streitkräfte zu „binden“, zu „hemmen“ und „abzunutzen“, wie es im Militärsprech heißt. Im Grunde tauschen die Verzögerer Raum gegen Zeit, die eigenen Kräfte geben nach und nach von ihrem Gelände preis und weichen aus. Mit kleineren Gefechten greifen sie am Boden an, zusätzlich wird der Gegner durch geschickte Ausnutzung der Umgebung von Pionieren oder der Artillerie in eine günstige Richtung gelenkt oder auch gezogen. Das Ziel dabei: Zeit gewinnen, um den Gegenangriff vorzubereiten.
„Dem Feind werden nadelstichartig Verluste zugefügt.“
Alexander T., der Zugführer von Team Rot, mag die Abwechslung und das dynamische Gefecht. Panzergrenadiere wie er kämpfen sowohl auf dem Schützenpanzer als auch abgesessen zu Fuß, ihre Kampfweise ändert sich schnell. „Unter Druck ist das besonders herausfordernd, aber ich lerne auch viel“, sagt Alexander T. Am Körper trägt er ein G36-Sturmgewehr sowie eine Schutzweste mit Magazinen und Munition.
Der stellvertretende Bataillonskommandeur Jan S. nutzt die Übung, um zu sehen, wie der Ausbildungsstand der Kompanie ist. Im August werden die Grenadiere für den Einsatz bei der Multinational Battlegroup Lithuania an der NATO-Ostflanke zertifiziert, bis dahin müssen Kommunikation und Abläufe in der Kampftruppe reibungslos funktionieren. Auch Alexander T. wird im Januar 2027 für sechs Monate nach Rukla gehen.
In einem anderen Waldabschnitt auf dem Truppenübungsplatz sitzt Oberfeldwebel Philip H. unter einem grünen Regenschirm mit Tarnnetz. Der 24-Jährige gehört ebenfalls zu Team Rot. Dank der Eigenkonstruktion ist er auf der Wärmebildkamera des Gegners schwer zu erkennen. Über der Lichtung surrt es, als er eine Drohne hochfliegen lässt. Auf dem Bildschirm in seiner Hand sind nun Aufnahmen des Geländes zu sehen. Sobald er feindliche Panzer oder Kräfte entdeckt, meldet er dies dem Kompaniechef. Philip H. ist so etwas wie das Auge der Verzögerer.
Spätestens seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sind Drohnen aus dem Gefecht nicht mehr wegzudenken. Das weiß auch Philip H. Um technologisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, besucht er auch Messen.
Auf seinem Display macht Philip H. vier feindliche Kampfpanzer ausfindig und meldet sie. „Fertig machen zum Ausweichen“, ruft der Drohnenbediener seinen Kameraden zu. Damit sie nicht in den Kampf geraten, müssen er, sein Funker und ein Soldat, der ihn sichert, aufbrechen. „Wir sind Weichteile, ungepanzert, an vorderster Front werden wir weggeschossen“, sagt Philip H. Die drei Männer bauen ab, steigen in ihre Fahrzeuge und fahren los.
Die Kompanie braucht das Lagebild der Drohne, um im Gefecht dynamisch reagieren zu können
Bundeswehr/Jana Neumann
Der Drohnenbediener Oberfeldwebel Philip H. spürt den Gegner aus der Luft auf
Bundeswehr/Jana NeumannDer nächste Morgen auf dem Truppenübungsplatz bricht an, das Gefecht läuft noch immer. Drei Soldaten mit roter Armbinde gehen unter einer Tanne in Deckung, sie bereiten sich auf den nächsten Angriff von Team Blau vor. Der Panzergrenadier Hauptgefreiter Marcel B. vom Alpha-Zug schnallt die elf Kilogramm schwere Panzerfaust um und schiebt seine Schießbrille mit rotgetönten Gläsern auf die Nase. „Ich frage mich schon, wie es ist, wenn das hier Realität wird. Der Gedanke ist beängstigend“, sagt er. „Aber ich übernehme eine wichtige Aufgabe.“
Für Litauen hat der 22-Jährige sich freiwillig gemeldet, es wird seine erste Stationierung im Ausland sein. Das Verzögerungsgefecht, das sie hier trainieren, ist für Frontlinien gedacht. Vergleichsweise wenige Kräfte halten den Angreifer so lang hin, bis sie von der Verstärkung abgelöst werden. Das verschafft der NATO in einem Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung Zeit.
Marcel B. und die anderen vom Alpha-Zug werden angefunkt: Feindbewegungen in der Nähe. Dutzende Soldaten überqueren einen Sandweg mit metertiefen Panzerspuren. Sie sollen die Angreifer aus dem Hinterhalt attackieren. Dafür sind sie angewiesen auf die Informationen des Drohnenbedieners. In der Ferne hören sie Stimmen, die Angreifer kommen näher. Team Rot zündet Nebeltöpfe, der weiße Rauch erschwert die Sicht. Marcel B. und seine Kameraden feuern mit Übungsmunition. Mithilfe eines Lasers wird simuliert, wer getroffen wird. Der Gegenstoß scheint erfolgreich, der Feind zieht wieder ab.
„Dem Gegner ist klar: Jetzt weiter vorzudringen, das wäre das Todesurteil“, erklärt Jan S. Der stellvertretende Bataillonskommandeur begleitet Marcel B. und den Alpha-Zug und gibt ihnen während des laufenden Manövers Hinweise.
Der Panzerfaustschütze Hauptgefreiter Marcel B. wird mit der Kompanie 2027 nach Litauen gehen zur Multinational Battlegroup Lithuania
Bundeswehr/Jana NeumannEin Soldat von Team Rot sackt hinter einem Baum zu Boden, er wurde – so das Szenario – verletzt. Neben dem Kampf üben die Soldatinnen und Soldaten an diesem Wochenende auch die Rettungskette. Ein Kamerad drückt einen Verband auf die vermeintliche Blutung, ein anderer gibt Deckung. Gemeinsam packen sie den Verletzten an der Weste und tragen ihn hunderte Meter durchs Dickicht. Fernab der Schüsse öffnet einer von ihnen die Uniform des Verwundeten, er tastet Arme, Beine und Brustkorb nach Blut ab. Weitere Verletzungen kann er nicht feststellen.
„Ich kann Leben retten.“
Wenn es Verletzte gibt, wird Feldwebel Sirko W. alarmiert. Der 24-Jährige ist Notfallsanitäter bei der Sanitätsstaffel Einsatz Torgelow. In den vergangenen Stunden hatte er viel zu tun, allein am ersten Tag gab es 23 „Verwundete“ bei Team Rot. Zunächst untersucht Sirko W. sie hinten in seinem Unimog-Geländetruck, vier Tragen für je einen Patienten haben darin Platz. Diesmal liegt ein Soldat mit Armbinde vor ihm, auf der eine offene Fraktur abgebildet ist. Er legt dem Patienten einen Notverband an, ein eingerolltes Dreieckstuch soll verhindern, dass Druck auf die Wunde ausgeübt wird. Allergien, Vorerkrankungen und die letzte Nahrungsaufnahme fragt der Sanitäter der Reihe nach ab. Sein Patient ist stabil und kann zur Rettungsstation gebracht werden. Weil er sonst vor allem Ersthelfer A ausbildet, seien Übungen wie diese mit der Truppe wertvoll für ihn, sagt Sirko W.
Zugführer Alexander T., Drohnenbediener Philip H., Panzergrenadier Marcel B. und Notfallsanitäter Sirko W. haben unterschiedlichste Aufgaben bei der Übung. Doch wenn der Ernstfall eintreten sollte, stehen sie Seite an Seite. In Litauen schützen Soldatinnen und Soldaten wie sie die Bevölkerung und die NATO. Mit der Hoffnung, das Gelernte nicht anwenden zu müssen.
*Alle Namen zum Schutz der Personen abgekürzt.
von Wiebke Bolle