Luftwaffe

Duell am Firmament

Duell am Firmament

  • Ausbildung
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Laage
Lesedauer:
4 MIN

Die Ruhe am blauen Himmel über Laage trügt. Ein Donnern. Zwei Eurofighter jagen einander in der Luft. In dem einen sitzt der Ausbilder. Er ist ein erfahrener Pilot und Waffenlehrer. In dem anderen sitzt ein ebenfalls erfahrener Pilot, der Waffenlehrer werden will, ein sogenannter Weapons Under Graduate (WUG). Sie üben den klassischen Luftkampf.

Zwei Eurofighter-Piloten trainieren den Luftkampf an ihren physischen und psychischen Grenzen

Die Weapons Under Graduates (WUGs) trainieren an der Waffenschule an ihren physischen und psychischen Grenzen

Bundeswehr/Petersen

Die Manöver in der Luft gehören zum Grundlagentraining, Basic Fighter Maneuvers (BFM). Sie sind Teil der ersten taktischen Phase des Waffenlehrerkurses an der Waffenschule Luftwaffe. Und es ist der erste praktische Schritt der Eurofighter-Piloten auf ihrem Weg zum Waffenlehrer.

Gemeinsam mit Tornado-, A400M-Piloten und Fachleuten aus dem Einsatzführungsbereich und dem Militärischen Nachrichtenwesen durchlaufen sie dazu an der Waffenschule eine sechsmonatige Ausbildung. Dabei lernen sie hier vor allem, ihre Kompetenzen zu vereinen und optimal aufeinander abzustimmen. Ihr Ziel ist es, als ausgebildete Waffenlehrer an anderer Stelle ihr Wissen weiterzugeben: etwa bei der Entwicklung oder Weiterentwicklung von fliegenden Waffensystemen und Einsatzverfahren, bei Ausbildungen und Einsätzen.

Am physischen, psychischen und technischen Limit

Das Niveau steigert sich im Laufe des Kurses stetig: Haben die Lehrgangsteilnehmenden zu Beginn noch gemeinsam theoretische Grundlagen vermittelt bekommen, geht es dann direkt in die praktischen Phasen und fachbezogene Spezialisierung.

Dazu trainieren die Eurofighter-Piloten in Laage, die Tornado-Piloten in Jagel und die A400M-Piloten in Wunstorf. Die Kursteilnehmenden aus den Fachgebieten des Militärischen Nachrichtenwesens und des Einsatzführungsbereiches sind derweil luftfahrzeug- und standortübergreifend eingebunden.
Ein Beispiel am Waffensystem Eurofighter: Nach dem Duell der Eurofighter-Piloten, einer gegen einen, folgt im Training der Kampf einer gegen zwei. Dabei nimmt der Ausbilder mit seinem Kampfjet die Rolle des Gegners ein. Ein Gegner, der mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar leistungsfähiger und besser bewaffnet ist als sein Gegenüber.

Auch in der Luft ein Team: Die Eurofighter-Piloten mit ihrem Waffensystem

Entscheidend bei der Ausbildung zum Waffenlehrer ist vor allem der Teamgeist der WUGs. In der Luft und am Boden heißt es: „Aufeinander achtgeben!“

Bundeswehr/Petersen

Die nächste Herausforderung der taktischen Phase liegt für die Eurofighter-Piloten im Air Combat Maneuvering (ACM): Auf engstem Raum kämpfen zwei angehende Waffenlehrer als Team gegen einen und später gegen mehrere gegnerische Kampfflugzeuge. Zunächst müssen sie den Gegner erfassen, dann identifizieren und schließlich mit ihren Lenkflugkörpern oder ihrer Bordkanone bekämpfen. 

Hier kann es durchaus passieren, dass der Jäger zum Gejagten wird. Verliert der Schüler etwa den Gegner aus dem Fokus, taucht dieser unter Umständen plötzlich hinter ihm wieder auf. Anstatt anzugreifen, muss sich der WUG nun verteidigen.

Während des Trainings erreichen die Piloten Geschwindigkeiten von über 600 Kilometern pro Stunde. Beschleunigungskräfte von bis zu 9 g wirken auf den menschlichen Körper. Das entspricht dem Neunfachen des eigenen Körpergewichts. Damit fliegen sie ihre Manöver am physischen, psychischen und technischen Limit.

Szenenwechsel: anderer Ort, anderes Waffensystem

Die Luftfahrzeugführer und Waffensystemoffiziere des Tornados stehen unter Anspannung. Der Schwerpunkt ihrer Ausbildung liegt auf taktische Angriffsverfahren. Im Laufe des Lehrgangs planen sie und erstellen sie diese, werten sie aus und entwickeln sie weiter. Der Höhepunkt dieser Phase liegt in der Anwendung der entwickelten Verfahren, in einem komplexen Szenario mit einer hohen Bedrohungslage: dem Bekämpfen von gegnerischen Flugabwehrsystemen oder Bodenzielen mit ihrer präzisionsgelenkten Bewaffnung und der Bordkanone. Und das bei Tag und Nacht.

Zwei Tornados üben am Himmel taktische Angriffsverfahren

In Jagel trainieren die Tornado-Besatzungen taktische Angriffsverfahren

Bundeswehr/Petersen

Zum ersten Mal dabei: A400M-Piloten

Der aktuelle Kurs ist der erste, den die Waffenschule Luftwaffe eigenverantwortlich durchführt, seit sie vor etwa einem Jahr gegründet wurde. Und zum ersten Mal in einem Waffenlehrertraining nehmen auch A400M-Piloten teil. An ihrem Heimatstandort in Wunstorf durchlaufen sie derzeit die theoretische Ausbildungsphase: Sie entwickeln Szenarien und bewerten die Gültigkeit von bereits bestehenden Verfahren – Absetzen von Lasten und Personal, Anlanden von Personal und Material, militärische Operationen auf Behelfsflugplätzen und unbefestigten Pisten, Tiefflugszenarien – unter Bedrohung aus der Luft und vom Boden.

Nach der Analyse der errechneten Vorgehensweise und deren Verifizierung im A400M-Simulator wird das Szenario im weiteren Verlauf der Ausbildung real mit einem A400M und mit Eurofightern durchlaufen. Die Eurofighter begleiten den A400M, um ihn vor gegnerischen Angriffen zu schützen.

Zwei Eurofighter geben dem A400M in der Luft Begleitschutz

Zwei Eurofighter schützen den A400M

Bundeswehr/Petersen

Ein Team – ein Gegner

Während der Übung Baltic Hunter, die im August 2021 geplant ist, sollen die angehenden Waffenlehrer ihr separat Erlerntes zusammenbringen. In kleinen verbundenen Luftkriegsoperationen müssen sie alle ihr Können unter Beweis stellen und ihre Fähigkeiten vereinen. Zum Einsatz kommen dann neben den fliegenden Waffensystemen Eurofighter und Tornado, der mittlere Transporthubschrauber CH-53G, das NATO-Frühwarnflugzeug E-3A AWACSAirborne Early Warning and Control System und der A400M in der Konfiguration Transporter und Tanker.

Zwei Eurofighter verschießen in der Luft Täuschkörper, sogenannte Flares

Die Eurofighter wehren eine Bedrohung für den A400M durch den Abschuss von Täuschkörpern ab

Bundeswehr/Petersen

Bewähren sich die WUGs, geht es weiter mit der alles entscheidenden Mission-Employment-Phase. Das ist die Abschlussphase des Waffenlehrerlehrgangs in den Niederlanden. In der müssen sich alle gemeinsam mit den angehenden Waffenlehrern der RNAF (Royal Netherlands Air Force) ein letztes Mal mit einem mächtigen Gegner am Firmament und am Boden duellieren. Jedenfalls ein letztes Mal in diesem Kurs.


von René Gutjahr