Bundeswehr-General: „Die Ukraine kämpft auch für unsere Freiheit“
Lage in der Ukraine- Datum:
- Ort:
- Strausberg
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- 9 MIN
Die russische Vollinvasion der Ukraine jährt sich am 24. Februar 2026 zum vierten Mal. Das Special Training Command (ST-CSpecial Training Command) der EUEuropäische Union-Ausbildungsmission EUMAMEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine koordiniert Ausbildungen von Truppen des angegriffenen Landes in Deutschland. ST-CSpecial Training Command Kommandeur Generalmajor Olaf Rohde erklärt, worauf es jetzt – und auch nach einem Friedensschluss – ankommt.
Bereit zum Gefecht: Im Anschluss an ihre Ausbildung in Europa kehren die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten direkt an die Front zurück. EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine unterstützt passgenau alle Bedarfe: von der Grundausbildung bis hin zum Spezialisten-Training.
BundeswehrHerr General, am 24. Februar 2026 jährt sich zum vierten Mal der russische Überfall auf die Ukraine. Die Front scheint überwiegend stabil. Wie schafft es die ukrainische Armee, den Angreifern unermüdlich Paroli zu bieten?
Ganz wesentlich dafür ist für mich an erster Stelle die enorme Widerstandskraft und der große Wille der ukrainischen Bevölkerung insgesamt in dieser schwierigen Lage. Das ist sehr beeindruckend. Hinzu kommen die große Tapferkeit und Klugheit, mit der die ukrainischen Streitkräfte bisher so erfolgreich kämpfen. Das sind ganz entscheidende Elemente. Aber eine wesentliche Grundlage für diese Durchhaltefähigkeit ist natürlich die breite Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. Diese zeigt sich nicht nur in den umfangreichen Materiallieferungen für die Ukraine, sondern auch in der Ausbildung, die für die ukrainischen Streitkräfte in großem Umfang geleistet wird. Dazu tragen wir im ST-CSpecial Training Command unter Flagge der EUEuropäische Union ja auch maßgeblich bei. All diese Faktoren zusammen machen die Ukraine stark.
Wie kann man sich diese Ausbildungsunterstützung denn konkret vorstellen?
Das ST-CSpecial Training Command als Teil der EUEuropäische Union-Mission EUMAMEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine koordiniert und plant alle Ausbildungsleistungen für die ukrainischen Streitkräfte in Deutschland. Der recht schlanke Stab des ST-CSpecial Training Command ist dafür multinational aufgestellt. Derzeit leisten Soldatinnen und Soldaten aus zahlreichen Ländern dort ihren Dienst, wobei Deutschland den größten Anteil stellt. Die Anfrage für eine konkrete Ausbildung oder den Wunsch, eine Ausbildung zu verändern, erhalten wir im Stab in der Regel durch unseren ukrainischen Verbindungsoffizier. Beispielsweise die Anfrage zur Durchführung der Grundausbildung in einer bestimmten Anzahl in einem bestimmten Zeitraum. Im Stab wird dann in Zusammenarbeit mit den Teilstreitkräften und Organisationsbereichen bewertet, wer diese Ausbildung wann und wo durchführt. Es sind aber nicht nur Kräfte der Bundeswehr, die hier ausbilden, sondern auch eine Reihe von Partnernationen, die die Ukrainer mit ihren Kontingenten in verschiedenen Bereichen in Deutschland ausbilden. Dazu gehören nicht nur Staaten der EUEuropäische Union, sondern auch Norwegen und sogar Neuseeland. Wir agieren also immer gemeinsam mit und für die Ukraine als multinationale Familie. Die Ukraine kann sich auf uns verlassen, über die EUEuropäische Union-Grenzen hinweg, bis nach Ozeanien. Das hat doch Symbolkraft.
Worin liegen die Stärken der Ausbildungsmission?
Die Stärken des ST-CSpecial Training Command liegen in seiner hohen Flexibilität und dem multinationalen Ansatz. Wir sind in der Lage, innerhalb einer sehr kurzen Zeit, auch weil unser Stab recht klein ist, Ausbildungen anzupassen und zu verändern. Das wird immer dann notwendig, wenn unsere ukrainischen Kameradinnen und Kameraden an der Front Entwicklungen beobachten, auf die zügig reagiert werden muss. Diese Multinationalität führt dazu, dass alle Länder ihre eigenen spezifischen Fähigkeiten für eine Ausbildung bereitstellen können. Außerdem können wir uns so gegenseitig entlasten, indem jeder seinen Beitrag für eine bestimmte Zeit leistet. So ergänzen wir uns bei den Ausbildungserfordernissen und garantieren damit den Erfolg der Ausbildungsmission und deren hohe Qualität.
Wenn sie die bisherigen vier Kriegsjahre in der Rückschau betrachten: Wie hat sich die Ausbildungsunterstützung für die Ukraine entwickelt? Und welche deutschen Beiträge haben sich dabei besonders bewährt?
Der Ausbildungsbedarf der Ukrainer ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs unverändert hoch und er betrifft alle Bereiche. Daher sind in der Bundeswehr auch alle Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche sowie Bundeswehrverwaltung mit in die Ausbildung eingebunden. Einen entscheidenden Beitrag hat dabei von Anfang an klar das Heer geleistet und da zeichnet sich keine Änderung ab. Aber egal wo die Ausbildung in Deutschland erfolgt und wer sie durchführt, nach meiner Beobachtung passiert das überall auf höchstem Niveau und bringt einen echten Mehrwert. Das wird uns von der ukrainischen Seite auch immer wieder bestätigt. Die Themenfelder der zu leistenden Ausbildungen sind seit Missionsbeginn im Wesentlichen unverändert und wir können das vorausschauend sehr gut planen. Aber natürlich haben sich Schwerpunkte über die Zeit verlagert und Ausbildungsinhalte verändern sich. Und das wird auch so bleiben, denn die Ukrainer leiten ihren Ausbildungsbedarf immer von den Entwicklungen an der Front ab. Das bedeutet für das ST-CSpecial Training Command, sich immer auf Änderungen einzustellen und zu reagieren. Diese Flexibilität und Qualität der Ausbildung sind seit Missionsbeginn unsere Erfolgsfaktoren. Und ohne auf spezifische Ausbildungsthemen zu schauen, sind wir derzeit in Absprache mit den Ukrainern dabei, sie mehr und mehr in die Lage zu versetzen, in ihrem eigenen Land vor Ort selbst auszubilden. Der Fokus verschiebt sich zunehmend in diese Richtung.
Sie spielen auf das Konzept „train the trainers“ an, also die Ausbildung der Ausbilder.
Ja genau. Der Vorteil dabei ist, dass die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten so nicht mehr weit weg ins Ausland geschickt werden müssen, um dort ausgebildet zu werden. Stattdessen sind sie weiterhin in der Ukraine und können dort auch sehr kurzfristig eingesetzt werden. Dazu gehört auch ein anderer Schwerpunkt: nämlich die verstärkte Ausbildung von Führungskräften und Offizieranwärtern auf europäischem Boden. Diese werden dann in der Ukraine als Multiplikatoren eingesetzt – das können alle sein: vom Truppführer bis hin zum Bataillonskommandeur.
Die Widerstandskraft der ukrainischen Bevölkerung ist beeindruckend.
Was wäre aus Ihrer Sicht 2026 das optimale Szenario für die Ukraine?
Ich wünsche mir sehr, dass es gelingt, zu einem Waffenstillstand zu kommen, und dass das tägliche Töten und Leiden zu einem Ende kommt. Bis es soweit ist, müssen wir aber alles dafür unternehmen, dass die Ukraine weiter erfolgreich ihren Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor führen kann. Und das machen wir im ST-CSpecial Training Command im Rahmen der EUEuropäische Union-Familie auch weiterhin mit viel Energie und großer Entschlossenheit. Das bleibt also eine Schwerpunktaufgabe. Und natürlich muss auch überlegt werden, was im Falle eines Waffenstillstandes alles erforderlich ist. Nach meiner Bewertung wird in diesem Fall eine Unterstützung der Ukraine mit militärischer Ausbildung auch weiterhin notwendig sein. Schließlich ist die Bedrohung nach Kriegsende nicht einfach verschwunden. Es wird darauf ankommen, die ukrainische Armee auch weiterhin militärisch auszubilden und sie von Grund auf neu aufzubauen, um die russische Armee so von erneuten Angriffen abzuhalten und abzuschrecken.
Die EUMAMEuropean Union Military Assistance Mission-Nationen zeigen großes Engagement für die Unterstützung der Ukraine. Wer lernt wie von wem bei der Ausbildung?
Hier lernen mittlerweile alle gegenseitig voneinander. Natürlich dient die Arbeit im ST-CSpecial Training Command immer dazu, unsere ukrainischen Partner auszubilden, das ist vollkommen klar. Wir bilden sie beispielsweise am Leopard 1, an Flugabwehrsystemen wie dem PatriotPhased Array Tracking Radar to Intercept on Target-System oder an anderen Geräten aus, die sie oft auch direkt in ihr Land mitnehmen. Die bei uns erlernten Fähigkeiten wenden sie dann unmittelbar nach der Rückkehr in die Ukraine im Kampf gegen die russische Armee an. Auf der anderen Seite lernen wir und unsere multinationalen Partner aber auch ganz viel von den Ukrainern, denn sehr häufig bilden auch kampferfahrene ukrainische Soldaten unsere Ausbilder aus. Das ist auch für uns ein enorm wichtiger Austausch, weil wir dadurch von ihren Erfahrungen lernen. Außerdem lernen wir im ST-CSpecial Training Command viel über die Ausbildungsmethoden und Taktiken unserer multinationalen Partner – und wenden diese dann auch selber an. Das ist unsere gemeinsame erfolgreiche Geschichte.
Was sind die entscheidenden Erkenntnisse, die die Bundeswehr aus dem bisherigen Kriegsgeschehen in der Ukraine gesammelt hat und auch weiterhin berücksichtigen sollte?
Die ukrainischen Streitkräfte sind derzeit die einzigen auf der Welt, die sich im unmittelbaren Kampf gegen Russland befinden und daher die vielfältigsten Erfahrungen haben. Dadurch sind sie für die Bundeswehr ein wichtiger Rat- und Impulsgeber. Wir tauschen uns daher eng mit ihnen aus und setzen die Erkenntnisse für uns auch um. Ein ganz zentrales Thema, als eine Art Leuchtturm, ist dabei ja der Kampf mit und gegen Drohnen. Weiterhin erhalten wir durch die Materiallieferungen an die Ukraine wichtige Erkenntnisse über die Eignung unserer Waffensysteme im Gefecht, die dann wiederum in eigene Folgeentwicklungen einfließen. Und auch die Erfahrungen aus der Organisation und Durchführung der Ausbildung der Ukrainer in Deutschland im Rahmen des ST-CSpecial Training Command bringen uns wichtige Erkenntnisse. Denn wir können daraus klar ableiten, wie wir in Deutschland selber militärische Ausbildung im Kriegsfall organisieren und durchführen müssen. Außerdem werden wir im Heer bald beginnen, kampferfahrene ukrainische Soldaten an unseren Truppenschulen bei der Ausbildung unserer Offiziere und Unteroffiziere einzusetzen. Damit bringen wir die Erfahrungen in die Breite und davon erwarten wir uns einen echten Mehrwert.
Was passiert, wenn kriegserfahrene Frontkämpfer aus der Ukraine und Soldaten der Bundeswehr, die meist keinen Kriegshintergrund haben, zusammentreffen und zusammenarbeiten?
Sie gehen professionell miteinander um und lernen voneinander. Die Ukrainer wissen, dass ihnen die Ausbildung in Deutschland trotz ihrer Erfahrung ganz viel bringt, denn sie lernen etwas Neues, das sie dann an der Front anwenden. Und für unsere Soldatinnen und Soldaten ist das natürlich auch ein außerordentlich wichtiger Erfahrungsaustausch. Sie erhalten einen Eindruck von dem, was auch auf sie zukommen könnte und was zu tun ist, um sich dafür einsatzbereit zu machen und es auch zu bleiben.
Welche Ausbildungsleistungen müssen 2026 schwerpunktmäßig fortgeführt werden? Was wird vielleicht neu hinzukommen?
Wir bilden das aus, was die ukrainischen Streitkräfte von uns benötigen und bei uns anfragen – und das ist einiges. Im Jahr 2026 wird aber die Durchführung von Grundausbildungen wieder stärker im Fokus stehen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auch die Ausbildung von Personal für Führungsstäbe sein. Und natürlich wird es 2026 weiterhin Materiallieferungen geben. Daher werden nach wie vor auch Spezialausbildungen für das jeweilige Waffensystem, wie zum Beispiel Kampfpanzer oder andere Systeme, notwendig sein. Sanitätsausbildung von höchster Qualität bleibt weiterhin ganzjährig im Fokus, denn sie ist überlebenswichtig und fundamental für die Moral der ukrainischen Soldatinnen und Soldaten. Außerdem werden wir die Kompetenz der ukrainischen Ausbilder weiterhin stärken, damit die Ukraine zukünftig selber mehr ausbilden kann. Das ist die Sicht und die Lage von heute, wir sind aber auf Änderungen eingestellt. Und die werden kommen, wie in den vergangenen Jahren auch.
Mit Blick auf das große Ganze: Was ist wirklich wichtig nach vier Jahren Angriffskrieg?
Aus meiner Sicht ist es notwendig und entscheidend, dass wir auch zukünftig wirklich alles tun, um die Ukraine in ihrem Kampf gegen Russland zu unterstützen. Denn die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten kämpfen auch für unsere Freiheit. Das muss uns klar sein und wir müssen dafür arbeiten. Jeder muss an seinem Platz und in seinem Bereich dafür sein Bestes geben. Im ST-CSpecial Training Command sind wir uns dessen sehr bewusst und alle Soldatinnen und Soldaten im Stab oder in der Ausbildung vor Ort setzen sich täglich mit großem Engagement ganz praktisch dafür ein. Außerdem müssen wir im Blick behalten, dass die Ukraine auch nach dem Ende der Kampfhandlungen weitere Unterstützung benötigt. Denn mit einem Waffenstillstand oder gar Frieden in der Ukraine wäre die Bedrohung durch Russland ja nicht zu Ende. Deshalb müssen wir auch bei uns in Deutschland unsere Verteidigungsfähigkeit weiter steigern und den eingeschlagenen Weg straff weiter gehen. Das gilt militärisch, aber auch gesamtgesellschaftlich. Denn um einem Angriff zu widerstehen oder besser noch, ihn abzuschrecken, braucht es nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern eine widerstandfähige Gesellschaft insgesamt. Alle müssen ihre Beiträge dazu leisten. Ich bin davon überzeugt, dass uns das gelingt. Wenn wir gemeinsam stark sind, wir es niemand wagen, uns militärisch anzugreifen.
von Kristina Stache