Frauen

Podiumsdiskussion: Frauen in der Bundeswehr

Podiumsdiskussion: Frauen in der Bundeswehr

  • Evangelische Militärseelsorge
  • Militärbischof
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Seit zwanzig Jahren stehen Frauen uneingeschränkt alle militärischen Laufbahnen in der Bundeswehr offen und seit dem Jahr 2013 steht eine Ministerin an der Spitze der Bundeswehr. Man sollte meinen, dass die Integration der Frauen in die deutschen Streitkräfte gelungen ist. Doch ist dem wirklich so? Sind Frauen vollumfänglich in alle Bereiche der Bundeswehr integriert und werden dort akzeptiert? Diesen Fragen wurde im Rahmen einer Diskussionsrunde genauer nachgegangen.

Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg spricht zum Thema

Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg spricht zum Thema

EAS

In der gut eineinhalbstündigen Podiumsdiskussion, die im großen Saal im Haus der EKD am Berliner Gendarmenmarkt stattfand, wurden neben der allgemeinen Frage nach gleichen Rahmenbedingungen im Bereich Vereinbarkeit von Familie und Dienst auch die veränderten Herausforderungen aufgrund der Corona-Pandemie betrachtet.

Es geht voran, jedoch noch zu langsam

Wie weit sind wir, zwanzig Jahre nachdem die ersten Frauen in der Bundeswehr ihren Dienst an der Waffe aufgenommen haben? Diese Frage stellte der Evangelische Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg in seiner Eröffnungsansprache in den Raum und verwies anschließend auf den aktuellen Bericht der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages Dr. Eva Högl. Aus diesem geht hervor, dass der Frauenanteil in der Bundeswehr bei 12,9 Prozent liegt und im vergangenen Jahr um lediglich 0,5 Prozent gestiegen ist. Abschließend appellierte Felmberg für „viel Tatkraft für die gemeinsame Arbeit an und in einer mitmenschlichen Bundeswehr, die Vielfalt als Bereicherung anerkennt“.

In die inhaltliche Diskussion führte Dr. Gerhard Kümmel im Gespräch mit Moderatorin Julia Weigelt ein. Kümmel forscht seit den 2000er Jahren als Leiter des Projektbereichs Innere Führung, Ethik, Militärseelsorge im Forschungsbereich Sicherheitspolitik und Streitkräfte am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam über Frauen in den Streitkräften. Seine wichtigsten Erkenntnisse zeigen auf, dass die Integration von Frauen in die Streitkräfte eine Daueraufgabe mit permanenter Überwachung ist und steuernder Eingriffe bedarf. Insbesondere mit Bezug auf die Pandemie gibt es soziologische Untersuchungen, dass „aufgrund der Rückwirkung von Corona tatsächlich Frauen in klassische Bereiche wieder zurückgedrängt worden sind und vermehrt wieder in Familienarbeit tätig werden“. Von daher ist die „Aufmerksamkeit, die Frauen in den Streitkräften zugeordnet werden muss, extrem wichtig“. Sein Fazit ist, dass die Bundeswehr bemüht ist, Anerkennungsfragen gerecht zu verteilen und gerecht zu behandeln – subjektiv muss jedoch noch einiges passieren.

Lebhafte Diskussion rund um das Thema Frauen in der Bundeswehr

Lebhafte Diskussion rund um das Thema Frauen in der Bundeswehr

EAS

Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Gesamtorganisation Bundeswehr

Bereits zu Beginn der Diskussionsrunde betonte die Wehrbeauftragte Högl, dass das Thema Frauen in der Bundeswehr einen Schwerpunkt im Jahresbericht 2021 darstellt. Frauen wollen Respekt und Anerkennung. Sie wollen Seite an Seite mit ihren männlichen Kameraden Dienst leisten und dabei keine Sonderbehandlung. Zuvor sagte sie, dass es mehr Frauen in Führungspositionen braucht, „mehr Frauen, die als Vorbilder in Betracht kommen, mehr Frauen, die Vorgesetzte sind, mehr Frauen, die andere Frauen auch gut in dem Blick haben, weil auch das eine ganz wesentliche Komponente ist“. Hauptbootsmann Yvonne Köhler, die seit 21 Jahren in der Bundeswehr dient, ergänzt, dass es nicht nur mehr Frauen in Führungspositionen braucht, sondern ebenfalls in der Karriereberatung, so dass Bewerberinnen frauenspezifisch beraten werden. Darüber hinaus ist es wichtig, ein Netzwerk zu bilden, um im ständigen Austausch zu bleiben.


Aus Sicht der Militärgeistlichen und persönlichen Gesprächen mit Bundeswehrangehörigen beschreibt Militärpfarrerin Ute Ravens, dass bestimmte Dienstposten, insbesondere Führungspositionen trotz Befähigung bewusst nicht mit jungen weiblichen Offizieren besetzt werden, da bei ihnen gegebenenfalls eine Familienplanung anstehen könnte, sie dann ausfallen und die „Lücke“ dann aufgefangen werden muss.

Das Podium zum Thema „Frauen in der Bundeswehr“

Das Podium zum Thema „Frauen in der Bundeswehr“

EAS

Systemische Karrierehindernisse für Soldatinnen können nicht festgestellt werden

Die Aufgabe des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVgBundesministerium der Verteidigung) ist es, Chancengleichheit herzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden im BMVgBundesministerium der Verteidigung entsprechende Maßnahmen und Mechanismen entwickelt. Abteilungsdirektorin Claudia Paul, Leiterin des Stabselements für Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion im Geschäftsbereich des BMVgBundesministerium der Verteidigung, verwies auf Untersuchungen, die gezeigt hätten, dass es keine systemischen Hindernisse, die Frauen von der Karriere ausschließen, gibt. Die meisten Vorfälle sind aus Sicht des BMVgBundesministerium der Verteidigung als Einzelvorgänge zu betrachten.

Abschließend dankte der Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EASEvangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V.) Generaloberstabsarzt a.D. Dr. Ingo Patschke allen für die lebendige Diskussionsrunde und betonte dabei, dass es der EASEvangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V. an der Seite der Militärseelsorge wichtig sei, Räume für Themen wie diese zu schaffen, die gesellschaftlich weiter vorangetrieben werden müssen. Darüber hinaus gilt es, für die Frauen in den Streitkräften besondere Entlastungs- und Unterstützungsangebote zu schaffen, und Patschke verwies auf die von der EASEvangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V. initiierten speziellen Angeboten für Familien, die Kinderferienbetreuung und die Auszeit für Soldatinnen. Diese gilt es, weiter voranzutreiben und auszubauen.

Nach einer lebhaften Diskussionsrunde auf Augenhöhe, in der sich auch das Publikum im Raum, sowie die Zuschauer des Livestreams aktiv über ein Online-Tool eingebracht hatten, nutzten die Gäste vor Ort im Anschluss die Gelegenheit, die Diskussion in Einzelgesprächen zu vertiefen.

von Claus Standke