Operation Aspides

Luftverteidigungsoffizier auf der Fregatte „Hessen“

Luftverteidigungsoffizier auf der Fregatte „Hessen“

Datum:
Ort:
Rotes Meer
Lesedauer:
4 MIN

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Als Luftverteidigungsoffizier der Fregatte „Hessen“ bin ich für den taktischen Einsatz des Schiffes beziehungsweise Verbandes unter Luftbedrohung verantwortlich sowie für dessen Vorbereitung. Die Gesamtverantwortung liegt immer beim Kommandanten. Mein Arbeitsplatz befindet sich in der Operationszentrale des Schiffes links neben dem Kommandanten.

Mehrere Soldaten in einem Raum mit vielen Bildschirmen

Kapitänleutnant Marius W. vor seiner Konsole in der Operationszentrale der Fregatte „Hessen“

Bundeswehr/Dennis Keßler

In der Operationszentrale versorgen mich die Teams des Luftlagebildaufbaus sowie der elektronischen Kampfführung mit Informationen zur Entscheidungsfindung. Der Waffenleitoffizier links von mir koordiniert für mich den Flugkörper- und Rohrwaffeneinsatz. Neben dem Bereich Luftverteidigung werden in der Operationszentrale bei Bedarf auch die U-Boot-Jagd und die Abwehr der Bedrohung durch gegnerische Überwassereinheiten koordiniert. Hierfür sind weitere Offiziere und deren Teams verantwortlich.

Die reale Bedrohung aus der Luft

Fregatten der Klasse 124 sind auf Luftverteidigung im Verbandsrahmen spezialisiert. Bei der Operation EUNAVFOREuropean Union Naval Force Aspides ist die Fregatte „Hessen“ einer Luftbedrohung ausgesetzt, wie wir sie bisher nur in Übungen und Manöver simuliert haben. Hier ist die Bedrohung real. Die Huthi-Milizen greifen im Roten Meer und im Golf von Aden seit Ende 2023 Handels- und Kriegsschiffe an, um ihre Interessen im Nahostkonflikt auf skrupellose Art und Weise durchzusetzen. Damit gefährden sie die internationale Schifffahrt und somit auch unmittelbar die Interessen der Bundesrepublik Deutschland.

Die Huthi-Milizen setzen neben klassischen Seezielflugkörpern auch Drohnen und anti-ship ballistic missiles (ballistische Antischiffsraketen) ein. Letztere haben eine vergleichsweise große Reichweite und folgen einer gekurvten Flugbahn mit Lenkung im Endanflug. Dabei erreichen sie Geschwindigkeiten im hohen Überschallbereich. Dadurch ist es eine besondere Herausforderung, sie aufzufassen und zu bekämpfen. 

Keine andere Plattform der Deutschen Marine verfügt über weitreichendere Sensoren und Effektoren als die Fregatten der Klasse 124. Kurzum: Es gibt kein anderes Waffensystem der Deutschen Marine, das zur Verbandsluftverteidigung in diesem Einsatz besser geeignet wäre.

Eine neue Einsatzrealität 

Mehrere Soldaten mit Weste und Helm auf der Brücke eines Schiffes

Die Brücke der Fregatte „Hessen“, während Air Warning Red gilt. Eine Bedrohung aus der Luft ist identifiziert, ein Treffer jederzeit möglich.

Bundeswehr/Dennis Keßler

Doch nicht nur die Fähigkeiten des Schiffes sind gefragt – auch der Ausbildungsstand und die Belastbarkeit der Besatzung sind elementar, um in dieser neuen Einsatzrealität zu bestehen. Ob im Lagebildaufbau, elektronischen Kampf oder Waffeneinsatz: In der Luftverteidigung kommt es auf die Fähigkeit jedes Einzelnen an. Sie ist die schnellste Domäne der Überwasserseekriegsführung. Die Besatzung der Fregatte „Hessen“ hat deshalb in den vergangenen Jahren unter anderem ein vollständiges Einsatz- und Ausbildungsprogramm der Marine erfolgreich durchlaufen.

Im Anschluss an die Teilnahme an der Einsatzzertifizierung eines amerikanischen Flugzeugträgerverbandes führte die „Hessen“ ein Live-Flugkörperschießen durch. Dabei erwarb die Besatzung wichtige Erfahrungen für Aspides. Zuletzt stellte die „Hessen“ das Flaggschiff der Very High Readiness Joint Task Force (Maritime): als schnelle Speerspitze an der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Nordostflanke. Mehr hätte in der gegebenen Zeit nicht abgebildet werden können. 

Ich selbst bin im Januar 2024 an Bord der Fregatte „Hessen“ gekommen – nach meiner Zeit als Brückenwachoffizier an Bord von Fregatten und meiner zweijährigen Ausbildung zum Principal Warfare Officer in den Niederlanden mit Schwerpunkten in der Luftverteidigung. Anfang Februar liefen wir dann gemeinsam zur Operation EUNAVFOREuropean Union Naval Force Aspides aus. Auf dem Weg in das Einsatzgebiet haben wir als Besatzung noch einmal jede Gelegenheit genutzt, um Verfahren zu trainieren, weiterzuentwickeln und uns auf die Lage im Roten Meer vorzubereiten. 

Permanente Bedrohung durch Angriffe der Rebellen

Seit dem Verlassen des Suezkanals befindet sich das Schiff im sogenannten Kriegsmarsch-Wachsystem. Ein großer Teil der Besatzung ist dabei in zwei Wachhälften mit abwechselnden Schichten zu jeweils sechs Stunden aufgeteilt. In der Zwischenzeit kann die abgelöste Wache sich ausruhen, essen oder Sport treiben. So gewährleisten wir langfristige Durchhaltefähigkeit durch ausreichende Ruhephasen und Regelmäßigkeit.

Mit Erreichen der Waffenreichweite der Huthi-Milizen geht das Schiff in erhöhte Abwehrbereitschaft. Jeder auf seiner Kriegsmarsch-Wachstation muss voll konzentriert sein, theoretisch können Angriffe auf die Fregatte oder Schiffe in der Nähe jederzeit beginnen. Alle sind fokussiert auf die Auftragserfüllung, sehr vertraut mit der Nutzung der Systeme und auf die Sicherheit von Kameradin oder Kamerad bedacht. Wie schon Verteidigungsminister Boris Pistorius bei seinem Besuch an Bord auf dem Weg in das Einsatzgebiet feststellte: „Ohne Sicherheit ist alles nichts.“ 

Aufs Oberdeck geht es ab sofort nicht mehr ohne Genehmigung. Wenn doch jemand dort arbeiten muss, dann nur noch unter besonderem Schutz. Zu gefährlich ist die permanente Bedrohung durch Angriffe der Huthi.

Ein Kriegsschiff fährt in einem Kanal unter einer Brücke durch

Die Fregatte „Hessen“ während der Passage durch den Suezkanal. Hier bei der Unterquerung der Freiheits-Brücke bei Al Qantara.

Bundeswehr/Dennis Keßler

Die Besatzung der „Hessen“ 

Je nach Auftrag im Einsatzgebiet erscheint die Lage bei allen Vorsichtsmaßnahmen auch schnell einmal für sechs Stunden sehr ruhig. Doch wie die letzten Tage eindrucksvoll gezeigt haben, kann sich das rasch ändern: Plötzlich nähern sich mehrere nicht identifizierte Luftkontakte. Schnell verdichtet sich der Verdacht, dass es sich um Drohnen der Huthi-Milizen handelt, die sie zum Angriff und zur Aufklärung potenzieller Ziele einsetzen. Wenn nicht die Drohnen selbst, wird spätestens das, was danach kommen kann, zur Herausforderung. Die Abstimmung mit internationalen Partnern bestätigt das.

Alle Beteiligten sind beeindruckend konzentriert, ohne jede Hektik oder Unruhe. Ein Zahnrad greift in das andere, der Rechtsberater äußert keine Bedenken und es kommt zur erfolgreichen Bekämpfung zur Selbstverteidigung. In Sekunden wurde durch meinen Counterpart aus der anderen Wachhälfte Geschichte geschrieben, irgendwo zwischen der Straße von Bab al-Mandab und al-Hudaida im Jemen: der erste scharfe Waffeneinsatz in der Geschichte der Deutschen Marine außerhalb eines Übungsszenarios gegen feindliche Kräfte – erfolgreich. 

Abgesehen von den Meldungen und Berichten, die in einem solchen Fall zu leisten sind, ist danach wieder alles so, als wäre nichts gewesen – all clear, back to normal. Die Besatzung der „Hessen“ ist wieder fokussiert und macht da weiter, wo sie aufgehört hat, Tausende Meilen entfernt von den Liebsten daheim. Zwar mit dem gebotenen professionellen Respekt vor der Aufgabe, aber auch mit Stolz auf das Geleistete und Enthusiasmus für die noch bevorstehenden Einsatztage im Roten Meer.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Marius W.

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