ATALANTA: Der vorerst letzte Mann in Dschibuti

ATALANTA: Der vorerst letzte Mann in Dschibuti

  • Einsatz
  • Atalanta
Datum:
Ort:
Dschibuti

Seit 2008 beteiligt sich die Bundeswehr am EU geführten maritimen Einsatz am Horn von Afrika. Am 15. März 2021 hat Fregattenkapitän Michael Langhof die Führung über das deutsche Einsatzkontingent übernommen. Über seine besondere Rolle als vorerst letzter Kontingentführer und den Unterschied zu seinen früheren Einsätzen bei EUNAVFOREuropean Union Naval Forces SOMSkidmore, Owings & Merrill LLP Atalanta berichtet er im Interview.

5 Fragen an Michael Langhof

Fregattenkapitän Michael Langhof

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera
Dirk Jechow

Herr Fregattenkapitän Langhof, Sie waren bereits einmal Kontingentführer des deutschen Einsatzkontingents „Atalanta“. Wie haben Sie sich auf die erneute Aufgabe als Kontingentführer vorbereitet?

Zuletzt war ich als Kontingentführer im 28. deutschen Einsatzkontingent (EinsKtgt) Atalanta im Jahr 2019 eingesetzt. Damals lautete der operative Kernauftrag mit dem Seefernaufklärer P-3C Orion einen Beitrag zur Früherkennung von Piraterieaktivitäten zu leisten. Das Kontingent hatte eine personelle Stärke von ca. 75 Soldatinnen und Soldaten. Um den Seefernaufklärer P-3C Orion dauerhaft im Ausland operativ einsetzen zu können, bedarf es nicht nur des Luftfahrzeugs und dessen Besatzung. Luftfahrzeugtechniker sorgen für den technischen Klarstand des Fluggerätes, Missionsplaner- und Auswerter bereiten die Auftragsflüge vor beziehungsweise nach sowie werten diese aus und der Stab, angefangen vom S1 bis S6 Bereich inklusive Einsatzwehrverwaltungsstelle, administriert sämtliches Personal und Material des Einsatzkontingentes. Ich möchte damit ausdrücken, dass dieser Personalansatz notwendig ist, um letztendlich das Ziel, nämlich die Durchführung des operativen Flugbetriebs, zu erreichen.

Dieses gelingt nur wenn alle Teammitglieder gut und eng zusammenarbeiten, denn sobald ein kleines Ersatzteil fehlt, der Missionsflug nicht ordnungsgemäß angemeldet worden ist oder das Personal nicht rechtzeitig versorgt wird, hebt das Flugzeug nicht ab und der Auftrag kann nicht erfüllt werden. Der Kernauftrag des 32. DEU EinsKtgt Atalanta mit einer personellen Stärke von ca. 30 Soldatinnen und Soldaten unterschied sich inhaltlich völlig von dem im Jahr 2019. Er war diesmal ein logistischer und nicht operativer. Es ging hauptsächlich darum, den Einsatz hier vor Ort in Dschibuti zu beenden und das Material und Personal nach Deutschland zurückzuführen. Dazu musste zunächst sämtliches Material erfasst werden, um dann zu entscheiden, ob es nach Deutschland zurücktransportiert wird oder vor Ort ausgesondert beziehungsweise verwertet wird.

Danach musste die Steuerentscheidung zum Verbleib des Materials letztendlich auch umgesetzt werden. Die Soldatinnen und Soldaten arbeiteten daraufhin mit Hochdruck an der Organisation und Durchführung des Lufttransports. Dazu wurde das Transportflugzeug A-400M und für sehr großes und sperriges Material die Antonow AN-124 im Rahmen SALIS (gemeinsames Programm europäischer EU- und Natostaaten für militärischen strategischen Lufttransport) genutzt. Darüber hinaus mussten verschiedene Abfälle fachgerecht entsorgt werden oder altes aber noch intaktes Material, für das sich ein kostenintensiver Transport aus wirtschaftlichen Gründen schlichtweg nicht mehr lohnt, an befreundete Streitkräfte vor Ort übergeben werden. Das alles ist ein komplexer und sehr facettenreicher Prozess. Ich selbst bin kein Fachmann der Logistik, sondern Operateur, nämlich ausgebildeter Tactical Coordinator auf dem Seefernaufklärer P-3C.

Natürlich habe ich mich in der Einsatzvorbereitung schon mit den Grundsätzen des oben beschriebenen Prozesses und der besonderen Aufgabe vertraut gemacht. Allerdings bestand meine Hauptaufgabe darin das Deutsche Einsatzkontingent zu führen. Diese Führungsaufgabe unterschied sich nicht zu meinem letzten Einsatz als Kontingentführer im Jahre 2019. Die Gesamtverantwortung für den Auftrag und das Personal bleibt, egal um was für einen Kernauftrag es sich handelt, bestehen. Weiterhin war es ebenfalls meine Aufgabe das Deutsche Einsatzkontingent im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit nach außen zu vertreten und zu repräsentieren. Auch diese war mit meinem letzten Einsatz identisch. In Bezug auf die logistische und administrative Abwicklung des Deutschen Einsatzkontingents haben meine Fachleute hier vor Ort eine hervorragende Arbeit geleistet, um den Kernauftrag, nämlich die materielle und personelle Rückverlegung nach Deutschland, erfolgreich zu Ende zu bringen.

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera
Dirk Jechow

Bis zuletzt wurde der Seefernaufklärer P-3C Orion im Rahmen von Atalanta eingesetzt. Wie bewerten Sie persönlich die vergangenen Einsätze der P-3C Orion hier am Horn von Afrika?

Der erste Einsatz des Seefernaufklärers P-3C fand im Rahmen EUNAVFOR Somalia Operation Atalanta im Jahr 2009 statt. Die gesamte Marine und auch die Marineflieger aus Nordholz wurden aber schon viel früher am Horn von Afrika eingesetzt. Zunächst zum Zwecke der Bekämpfung des internationalen Terrorismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und seit Ende 2008 mit der Hauptaufgabe, der Abwehr von Piraterieaktivitäten. Ich will damit sagen, dass die Deutsche Marine und auch die Marineflieger viel Erfahrung im Einsatz in dieser Region haben und schon seit 18 Jahren ihren Auftrag hoch professionell erfüllen. In den Hochzeiten der Piraterie von 2009-2011 gab es jährlich durchschnittlich 170 Piratenangriffe. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass es zwei Orte an der somalischen Küste gab, vor denen insgesamt circa 30 entführte Handelsschiffe gleichzeitig auf Reede lagen.

Nicht nur das Material war in der Gewalt der Piraten, gleichermaßen waren ebenso die Menschen, die zur Schiffsbesatzung gehörten, als Geiseln in deren Händen. Meistens wurde damals Lösegeld von den Reedereien bezahlt, um die Handelsschiffe nach monatelangen Verhandlungen auszulösen. Seit 2012 ist die Zahl der Piratenangriffe rückläufig. Nach 2017 konnten die Piraten kein Schiff mehr erfolgreich in ihre Gewalt bringen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Reedereien setzten immer mehr auf bessere Sicherheitsvorkehrungen wie zum Bespiel das Meiden der somalischen Küstengewässer unter Nutzung des IRTC (International Recommended Transit Corridor) im Golf von Aden, das Verlegen von Stacheldraht um die Schiffswand herum oder den Einsatz von bewaffnete Sicherheitsteams. Zivile internationale Organisationen setzten sich vor Ort für die Stabilisation ein.

Militärisch wurden Handelsschiffskonvoys durch Kriegsschiffe begleitet und Seefernaufklärer beobachteten mit ihren Sensoren die Küstenbereiche oder Seegebiete, um Piraterieaktivitäten frühzeitig zu erkennen und zu melden. Die Angriffstaktik der Piraten war fast immer die gleiche. Sie nährten sich mit gut motorisierten schnellen Holzbooten, sogenannten Skiffs, den Handelsschiffen an und enterten diese dann mit langen Leitern, die an die Bordwand angestellt wurden. Als die Reedereien begannen auf ihren Schiffen Sicherheitsteams einzusetzen wurden die Piratenangriffe oft von diesen zurückgeschlagen. Dieser Angriff wurde gemeldet und Seefernaufklärer wurden unverzüglich eingesetzt, um im Seegebiet in der Nähe der Angriffsposition nach verdächtigen Booten, die für den Angriff verantwortlich sein könnten, zu suchen. Diese Suchen waren oft erfolgreich und so wurden diese verdächtigen Boote, manchmal über mehrere Tage hinweg, verfolgt und letztendlich durch Kriegsschiffe gestoppt und kontrolliert.

Ich möchte aus meiner persönlichen Erfahrung ein Bespiel für die Zusammenarbeit zwischen Kriegsschiffen und Seefernaufklären geben. Dieses ist der Piratenangriff auf das damals deutsch beflagge Mehrzweckschiff MS Taipan am 05. April 2010 etwa 500 Seemeilen östlich von Somalia. Ich war damals als junger Navigator an Bord der P-3C in meinem ersten Auslandseinsatz. Der Auftrag an diesem Tag war die routinemäßige Aufklärung eines Seegebietes. Kurz nachdem wir auf Patrouille waren, empfingen wir einen Notruf des Schiffes über den Seenotfunkkanal. Der Inhalt des Notrufs war, dass die MS Taipan gerade von Piraten angegriffen werde. Wir nahmen sofort Kontakt auf und änderten unseren Kurs in Richtung der Position der MS Taipan. Auf dem Weg dorthin berichtete das Schiff, dass sich die Besatzung in den Sicherheitsraum an Bord begeben würde. Nach circa einer halben Stunde waren wir mit der P-3C vor Ort und beobachteten, wie die Piraten über Leitern an Bord gingen.

Gleichzeitig nahmen wir Kontakt zur niederländischen Fregatte „HNLMS Tromp“ auf, die ungefähr zwei Stunden entfernt war. Die Aufgabe der Besatzung der P-3C war nun, das Kriegsschiff an die genaue Position heranzuführen, die Geschehnisse an Bord zu melden und besonders zu beobachten, ob die Seeleute nicht in der Hand der Piraten waren. Letztendlich wurde durch den Einsatz des niederländischen Bordingteams das Schiff aus Piratenhand befreit. Die Besatzung befand sich währenddessen unentdeckt im Sicherheitsraum der MS Taipan. In dieser Situation kam es darauf an, schnell und entschieden zu handeln. Die von der P-3C gelieferten Informationen waren dafür entscheidend. Die Piraten wurden angeklagt und in Hamburg im Jahr 2012 im ersten Piratenprozess in Deutschland seit dem Mittelalter verurteilt. Ich glaube, dass es durch den vernetzten Ansatz aus zivilem und militärischem Handeln gelungen ist, die Piraterie in Ostafrika heute auf ein tolerierbares sehr niedriges Level zurückzudrängen.

Meiner Meinung nach hat die Operation EUNAVFOR Somalia Operation Atalanta dazu entschieden beigetragen. Besonders die Kombination aus einerseits der Fähigkeit der Seefernaufklärer, große Gebiete abzusuchen und schnell dort zu sein, wo der Angriff geschieht und anderseits der Möglichkeit der Kriegsschiffe, Piratenboote aufzuhalten und zu kontrollieren, hat es den Piraten sehr schwer gemacht, weiter ihrem Geschäftsmodell erfolgreich nachzugehen.

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera
Dirk Jechow

Sie haben ja reichlich Erfahrung hier am Horn von Afrika. Aktuell ist es der elfte Einsatz. Welche Gedanken begleiten Sie bei der Tatsache, dass Sie der vorerst letzte deutsche Soldat in Dschibuti sein werden?

Zum ersten Mal war ich 2010 hier in Dschibuti im Auslandseinsatz als Teil der fliegenden Besatzung auf dem Seefernaufklärer P-3C. Diese Einsätze als Besatzungsangehöriger erfolgten fast jährlich wiederkehrend. In späteren Verwendungen war ich Teil des Stabes als Leiter Flugbetrieb und letztendlich Kontingentführer. Ich habe mittlerweile zusammengerechnet knapp zwei Jahre meines Lebens hier in Dschibuti im Auslandseinsatz verbracht. Dementsprechend habe ich viele Erfahrungen gemacht, sowohl beim operativen Einsatz im Seegebiet als auch im Stationierungsland Dschibuti. Dieser Auslandseinsatz hat mich und meinen militärischen Werdegang geprägt. Vor dem Hintergrund der persönlichen Erlebnisse habe ich ein lachendes und weinendes Auge, wenn ich über diese Frage nachdenke. Ich denke aber, dass der Mittelansatz einer Militäroperation eben auch vor seinem Zweck betrachtet werden sollte.

Unabhängig von politischen Interessen bin ich persönlich davon überzeugt, dass wir guten Gewissens das Deutsche Einsatzkontingent hier in Dschibuti auflösen konnten. Der ursächliche Hauptgrund, warum wir hier ein permanentes Einsatzkontingent im Rahmen der Operation Atalanta aufgestellt haben, nämlich die Bedrohung des internationalen Seeverkehrs durch Piraterie, ist de facto kaum noch existent. Der Auftrag von EUNAVFOR SOM Operation Atalanta hat sich mittlerweile im Schwerpunkt geändert. Es ist geplant, dass sich Deutschland weiterhin an dieser Mission beteiligt, allerdings nicht mehr mit einem permanenten Deutschen Einsatzkontingent vor Ort. Die Aufgabe das letzte Material und Personal zurückzuführen und als letzter Kontingentführer eingesetzt gewesen zu sein, ist für mich persönlich ein runder Abschluss meiner bisherigen Auslandsverwendungen im Rahmen des Einsatzes Atalanta.

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera
Dirk Jechow

Was sind die Aufgaben der noch in Dschibuti verbleibenden Soldatinnen und Soldaten?

Wir haben momentan noch eine deutsche OP-Gruppe bestehend aus einem Ärzte- und OP-Team im französischen Militärkrankenhaus vor Ort eingesetzt. Dort werden nicht nur die französischen Soldaten, sondern auch deren Familien behandelt. Dschibuti ist eine ehemalige französische Kolonie. Für die Franzosen ist die Verwendung in Dschibuti in der Regel mehrjährig und so sind es eben auch die Familien der Soldaten hier vor Ort, die medizinische Versorgung benötigen. Der Einsatz der deutschen OP Gruppe ist ein Beitrag im Rahmen einer deutsch - französischen Kooperation. Durch das Militärkrankenhaus wurde jahrelang auch die medizinische Versorgung (Role 2) des deutschen Einsatzkontingent sichergestellt. Darüber hinaus haben wir noch einen Sprachmittler, der fließend Arabisch und Französisch spricht, und einen Soldaten zur Bearbeitung von Verwaltungsangelegenheiten vor Ort. Ich selbst bin noch bis zum 31.05.2021 als stellvertretender Leiter des Logistikelementes (SEA) der EUNAVFOR Somalia eingesetzt.

Die Hauptaufgabe dort ist die Koordination von Versorgungsprozessen und Personalwechseln von internationalen Einheiten, die bei EUNAVFOR Somalia – Operation Atalanta eingesetzt sind. Danach werden alle Deutschen Soldaten Dschibuti vorerst verlassen.

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera
Dirk Jechow

Wie geht es nach dem Einsatz für Sie ganz persönlich weiter?

Ich werde nach dem Auslandseinsatz erst mal ein paar Tage Urlaub nehmen, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Gerade für meine Kinder ist es wichtig, dass sie ihren Vater wieder einmal längere Zeit bei sich haben. Danach werde ich wieder meine ursprünglichen Aufgaben im Grundbetrieb wahrnehmen. Ich bin in meinem Heimatverband, dem Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“, Staffelkapitän der 1. Fliegenden Staffel. Dort beschäftigt uns momentan sehr das Thema Nachfolge des Seefernaufklärers P-3C, da der Modernisierungsstopp für dieses Waffensystem letztes Jahr beschlossen und das Nutzungsende für Ende 2025 terminiert wurde. Wie wichtig die Fähigkeit Seefernaufklärung für den Erfolg des Einsatzes Atalanta war, habe ich erläutert. Das Einsatzspektrum eines Seefernaufklärers ist jedoch weit größer. Das Alleinstellungsmerkmal ist die Fähigkeit zur weiträumigen Ubootjagd (Anti Submarine Warfare). Diese Fähigkeit wird dringend im Landes- und Bündnisverteidigung benötigt und ein Verlust unbedingt vermieden werden.

Ein Soldat steht vor einer Bürocontainertür und schaut in die Kamera

von Dirk Jechow

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