Ein Jahr Afghanistan: Interview mit Brigadegeneral Brötz

Ein Jahr Afghanistan: Interview mit Brigadegeneral Brötz

  • Einsatz
  • RSM
Datum:
Ort:
Masar-i Scharif
Lesedauer:
5 MIN
Portrait Brigadegeneral Brötz

Bundeswehr/PAO Resolute Support

Nach über 18 Jahren Einsatz: Was wurde erreicht, wo steht Afghanistan heute?

Um den Erfolg der Mission bewerten zu können, muss man sich zunächst der Tatsache bewusst sein, dass man Anfang 2002 quasi bei null angefangen hat. Daran gemessen wurden in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Dank unserer Hilfe werden die Sicherheitskräfte immer effektiver, was eine wesentliche Grundlage für den Friedensprozess vor Ort ist.

Unser Engagement zur langfristigen Stabilisierung des Landes, durch unseren Auftrag der Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Streitkräfte, ist ein ganz konkreter Beitrag mit konkret messbaren Erfolgen – dies spiegelt sich auch in der enormen Wertschätzung unserer Arbeit durch unsere afghanischen Partner wider. Dass man Anfang 2015 die Mission auf eben diesen Kernauftrag ausrichten konnte, ist wiederum dem nachhaltigen und sehr erfolgreichen Engagement der Vorgängermission „ISAFInternational Security Assistance Force“ zu verdanken. Wir sehen somit seit Beginn des Einsatzes einen schrittweisen, auch langwierigen, dennoch aber nicht weniger erfolgreichen und nach wie vor vielversprechenden Prozess einer Verbesserung der Gesamtlage in Afghanistan.

Diese Verbesserung der Sicherheitslage hat unmittelbar positive Auswirkungen auf die afghanische Zivilgesellschaft. Ich möchte dies beispielhaft an der gesellschaftlichen Stellung von Frauen festmachen. Sie partizipieren am öffentlichen Leben in Afghanistan, sind im Erziehungswesen, in der Gesundheitsversorgung, in Verwaltung und Politik, ja sogar in den Streitkräften aktiv – all dies war unter den Taliban undenkbar.  Der Bildungssektor ist ein anderes gutes Beispiel. 2001 besuchten weniger als eine Million Kinder eine Schule. Heute sind es acht Millionen Kinder, die Hälfte davon Mädchen. Insgesamt hat somit auch das Engagement der Bundeswehr, im Rahmen der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Missionen, die Grundlage für ein freies und selbstbestimmtes Leben einer jungen und medienaffinen Generation geschaffen – unabhängig davon wie sich die Lage in den nächsten Jahren entwickeln wird. Von diesen Fortschritten wird Afghanistan langfristig profitieren.

Wie hat sich Afghanistan in dem Jahr Ihres Einsatzes verändert?

Rückblickend betrachtet habe ich vor einem Jahr mit voller Überzeugung einen Auftrag übernommen, dessen Wichtigkeit und Erfolg ich nun, auch auf Grundlage zahlreicher persönlicher Erfahrungen, untermauern kann. Ich sage dies ganz bewusst vor dem Hintergrund eines extrem dynamischen Jahres:

Zunächst habe ich eine Präsidentschaftswahl mit zwei selbst erklärten Siegern erlebt. Eine tragfähige Einigung zwischen den beiden politischen Lagern scheint erreicht, der Beginn des intra-afghanischen Dialogs zwischen Regierung und Taliban steht unmittelbar bevor. Dies allein sind schon sehr positive Entwicklungen. Das Friedensabkommen zwischen den USAUnited States of America und den Taliban war sicherlich ein weiterer herausragender Meilenstein, ebenso die damit einhergehende beginnende Optimierung der Präsenz der USUnited States-Streitkräfte in Afghanistan und dessen Auswirkung auf die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Mission. Natürlich hat auch die COVID-19Coronavirus Disease 2019-Pandemie unseren Auftrag hier im Camp Marmal und den Standorten unserer Advisory-Teams massiv herausgefordert. Ebenso konnte daher der von mir forcierte „Outreach“, also die Präsenz der Bundeswehr, in alle neun Provinzen im Norden nicht zu hundert Prozent erfolgen.

Im Hinblick auf unsere enge Kooperation mit den afghanischen Streitkräften bestätigt mich unser Erfolg bei der Beratung zu einem unserer Schwerpunktthemen, der Reduzierung von Checkpoints und deren effizienterer Einsatz. Ebenso konnte ich deutliche Fortschritte bei der „Institutional Viability“ unserer afghanischen Partner beobachten, also der Fähigkeit mittel- bis langfristig erfolgreich zu planen, zu wirtschaften und zu operieren. Ein sehr gutes Beispiel ist das elektronische Bezahlsystem der Sicherheitskräfte. Hier konnten wir im vergangenen Jahr eine deutliche Steigerung der Nutzerzahlen feststellen, sichere und planbare Bezahlung erhöht die Attraktivität der Sicherheitskräfte als Arbeitgeber massiv und verbessert deren Durchhaltefähigkeit.

Was waren ihre schönsten Momente und größten Herausforderungen?

Ich habe im Laufe meiner Zeit mit einer Vielzahl hochmotivierter und professionell denkender und handelnder Menschen, in mitunter extrem fordernden Situationen, arbeiten dürfen. Dies gilt gleichermaßen für die mir anvertrauten Frauen und Männer in meinen unterstellten Einheiten, als auch für unsere afghanischen Partner. Ich bin stolz auf mein Team, wie es z.B. in auch sehr gefährlichen Situationen, wie dem Beschuss unserer Liegenschaft in Kunduz oder auf unsere Hubschrauber, umgegangen ist. Ebenso habe ich eine vorbildliche Disziplin im Camp Marmal bei der Umsetzung der notwendigen COVID-19Coronavirus Disease 2019 Präventionsmaßnahmen erleben dürfen.

Mit Blick auf unsere afghanischen Partner hat mir meine einjährige Verwendung im Einsatz den Vorteil ermöglicht, die Erfolge unserer Arbeit eben mehr als nur kurzfristig beobachten zu können. Ich habe das als extrem motivierend und zufriedenstellend empfunden. Die große und authentische Wertschätzung unserer Arbeit, sowohl im Bereich der afghanischen Sicherheitskräfte, wie auch im zivilgesellschaftlichen Sektor, spricht hierbei für sich und zählt zu den schönsten Eindrücken die ich mit nach Hause nehme.

Als Kommandeur hatte ich aber auch schwere Tage. Man ist den Frauen und Männern seines Einsatzkontingentes sehr nahe, bekommt Schicksalsschläge seiner Soldatinnen und Soldaten unmittelbar mit. Besonders betroffen hat mich, wie damals alle im Camp Marmal, der Suizid eines Kameraden im vergangenen Jahr.

Nach 12 Monaten Afghanistan: Was nehmen Sie für sich mit nach Deutschland?

Die Verwendung als Kommandeur eines Train, Advise and Assist Commands der NATONorth Atlantic Treaty Organization und eines deutschen Einsatzkontingentes ist nicht nur eine herausgehobene Verwendung, ich selber habe dies als Ehre empfunden. Ganz gewiss wird sie einen ganz besonderen Platz in der Vielzahl meiner Verwendungen in der Bundeswehr einnehmen. Ich nehme zudem mit, dass ich unseren Einsatz vor Ort als zutiefst sinnvoll erleben durfte. Er hat zahlreiche wie nachhaltige Erfolge für die Sicherheit und damit die Zukunft des Landes hervorgebracht. Ich habe die Afghanen als respektwürdige Menschen erlebt, die, trotz eines vom Konflikt geprägten Lebens, mit Stolz und Zuversicht in die Zukunft schauen und sich für ihr Afghanistan engagieren – das hat mich sehr beeindruckt. Ich fasse zusammen: Es lohnt sich, sich hier vor Ort für Afghanistan zu engagieren.

Was wünschen Sie sich für die afghanischen Partner, das Land selbst?

Ich wünsche mir, dass der langersehnte Frieden für die afghanischen Menschen schnellstmöglich Realität wird. Die Menschen in Afghanistan fordern diesen Frieden nicht nur, sie verdienen ihn. Ich verlasse das Land in einer Zeit, in der die Möglichkeit eines langfristigen gesellschaftlichen Konsenses zwischen allen beteiligten Kräften so greifbar wie nie zuvor ist. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass alle Teilnehmer am Verhandlungstisch des intra-afghanischen Dialogs ebenso dieses unmissverständliche Zeichen der Zeit erkannt haben und im Sinne der Menschen in Afghanistan handeln und entscheiden werden.

Was werden Sie ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Eines der wichtigsten Erkenntnisse meiner Dienstzeit war, dass Fortschritt in Afghanistan weniger auf der Zeitachse, als an konkreten Ergebnissen gemessen werden kann. Den konsequent ergebnis- und damit auftragsorientierten Blick auf die Gesamtlage zu behalten, das ist sicherlich ein guter Ratschlag an einen neuen Kommandeur in Führungsverantwortung in Afghanistan. Darüber hinaus wünsche ich Herrn Brigadegeneral Ansgar Meyer viel Kraft für seinen sicherlich fordernden Einsatz – wie auch eine von Weisheit und, wo nötig, dem notwendigen Moment an Soldatenglück geführte Hand bei seinen Entscheidungen. Getreu meinem Lebensmotto „…the best is yet to come…!“ übergebe ich mit tiefer Dankbarkeit mein Kommando.

von PAO Resolute Support

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