Irak: Übungsszenario für den Worst Case – Teil 2

Irak: Übungsszenario für den Worst Case – Teil 2

  • Einsatz
  • CD/CBI
Datum:
Ort:
Erbil
Lesedauer:
3 MIN

Am Morgen hat es im multinationalen Camp eine Explosion gegeben. Eine verwundete Kameradin stürmte panisch in die Operationszentrale – eine von vielen Verletzten. Zum Glück handelt es sich für das Deutsche Einsatzkontingent Capacity Building Iraq nur um eine Übung. Aber alle nehmen das Szenario ernst, denn jeder weiß, dass richtiges Handeln im Ernstfall Leben retten kann. Ein Arzt hat vor Ort die Führung übernommen. Die ersten Sanitätsmaßnahmen wurden umgesetzt, einige Verwundete bereits zur Rettungsstation transportiert.

Weitere Unterstützung dringend vonnöten

Ein Übungsverletzter liegt auf dem Rücken, seine Feldbluse ist aufgerissen. Um ihn herum stehen weitere Soldaten

Eine zweite Explosion fordert weitere Verletzte, die schnell aus der Gefahrenzone gebracht werden müssen

Bundeswehr/Maximilian Euler

Ein Erkundungstrupp wird eingesetzt, um nach weiteren Opfern zu suchen. Dabei kommt es zu einer erneuten Explosion und weiteren Verletzten. „Wir brauchen hier mehr Unterstützung!“, ruft ein Soldat lauthals. Die Opfer der Explosion werden von ihren Kameradinnen und Kameraden versorgt und abtransportiert. Der Bewegliche Arzttrupp ist bereits vor Ort, er hilft den Schwerverwundeten und leitet den Einsatz. Ein ziviler Mitarbeiter, der durch eine Puppe dargestellt wird, wurde schwerverletzt in einem Entwässerungsgraben gefunden und muss gerettet werden. Die Rettung der Puppe aus der Tiefe und über das Geländer ist ein Kraftakt und muss gut koordiniert werden.

Triage: die Überlebenswahrscheinlichkeit zählt

Über einem Übungsverletzten steht eine Ärztin mit einem Stift in der Hand. Sie trägt eine Maske und eine Brille

Eine schwere Aufgabe: Die Triage-Ärztin muss die Verwundeten nach der Schwere der Verletzungen sortieren

Bundeswehr/Maximilian Euler

Szenenwechsel: Vor der Rettungsstation steht Oberstabsarzt Daniela L. Jeder der eingetroffenen Verwundeten muss an der Triage-Ärztin vorbei. Mit einem standardisierten Ablauf bewertet sie die Patienten und entscheidet, mit welcher Dringlichkeit sie behandelt werden müssen. „Der MasCal ist dadurch definiert, dass er unsere Kapazitäten überlastet. Daher müssen wir umdenken. In der normalen Individualversorgung versuchen wir stets, dem Einzelnen die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Jetzt müssen wir versuchen, die vorhandenen Kapazitäten so zu nutzen, dass möglichst viele durchkommen.“

Die Ärztin erklärt, welche Konsequenzen dieses Vorgehen für alle hat: „Es bedeutet, dass wir manche nicht direkt versorgen können. Die Härte dieser Entscheidung liegt darin, diejenigen mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit schnell der Behandlung zuzuführen, um Behandlungskapazitäten nicht mit mutmaßlich hoffnungslosen Fällen zu belegen.“ Leicht Verwundete kommen in die Betreuungseinrichtung und werden dort von ihren Kameradinnen und Kameraden versorgt. Personen, denen man aktuell nicht helfen kann, werden in den Kraftraum gebracht, ein Seelsorger begleitet sie. Verstorbene werden nochmals separiert. Alle anderen werden in der Sanitätseinrichtung vom Fachpersonal behandelt.

Langsam stellt sich die Frage, wo Oberbootsmann Kira M ist. Sie ist, nachdem sie zu Beginn der Übung blutüberströmt in die Operationszentrale stürmte, weggelaufen und hat sich versteckt. Kein unübliches Szenario im Ernstfall. „Aufgrund der Verwundung der Kameraden und der angespannten Sicherheitslage im Einsatz kann so ein extremer Vorfall eine psychische Überlastungsreaktion hervorrufen und es kommt zum Schockzustand“, äußert sich Schiedsrichter Oberfeldwebel Jerry B. zu dem Vorfall. Schließlich wird Kira M. hinter einem Container gefunden und kann als „leicht verletzt“ eingestuft behandelt werden. Danach endet die anspruchsvolle Übung. Im Ernstfall würden die Verletzten in die nächsthöhere Versorgungseinrichtung transportiert. Diese umfasst die chirurgische sowie gegebenenfalls internistische oder anderweitige fachärztliche Behandlung.

Internationale Zusammenarbeit im OP

Ein deutscher Soldat und mehrere amerikanische Soldaten mit gelben Warnwesten und Mund-Nasen-Schutz stehen vor Containern

Im OP-Saal arbeiten Deutsche und Amerikaner Hand in Hand, heute sind die amerikanischen Ärzte jedoch nur zu Besuch

Bundeswehr/Maximilian Euler

Die Übung hat auch internationales Interesse geweckt, amerikanische Sanitätskräfte begleiteten sie als Zuschauer. Diese sind positiv überrascht: „Es war interessant zu sehen, wie realistisch die Deutschen alles inszeniert haben. Man hatte das Gefühl, sie waren wirklich in dem Szenario und haben professionell gearbeitet.“
Die deutschen Soldatinnen und Soldaten haben  im Nordirak eine wichtige Aufgabe. Sie kümmern sich nicht nur um deutsche Patienten, sondern sind auch für die sanitätsärztliche Versorgung der internationalen Kräfte im multinationalen Camp verantwortlich. Ob ein Niederländer mit Schnupfen oder die leichte Sportverletzung eines Slowenen – alle werden vom deutschen Truppenarzt behandelt. Kompliziertere Fälle, beispielsweise ein Knochenbruch, kommen auf den OP-Tisch. In der nächsthöheren Versorgungseinrichtung der Koalition operieren amerikanische und deutsche Ärzte gemeinsam. Damit ist sichergestellt, dass alle hier jederzeit die bestmögliche medizinische Versorgung erhalten. Die heutige Übung hat eindrucksvoll gezeigt, dass das auch im Extremfall gilt.   

von Maximilian  Euler
Auf Kiesboden brennen kleine Feuerstellen, dahinter kniet ein Soldat neben einem Übungsverletzten auf dem Boden

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