Ich bin iM EINsatz: Leitender Sanitätsoffizier

Ich bin iM EINsatz: Leitender Sanitätsoffizier

  • Ich bin im Einsatz
  • CD/CBI
Datum:
Ort:
Al-Asrak
Lesedauer:
4 MIN

Auf drei Kontinenten und zwei Weltmeeren: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr täglich ihren Dienst. Doch was tun sie genau vor Ort? Was ist ihre spezielle Aufgabe? Was bewegt sie, was treibt sie an? In der Serie „Ich bin iM EINsatz“ stellen wir einige von ihnen ganz persönlich vor.

Ein Soldat sitzt auf einem schwarzen Fahrrad. Auf dem Gepäckträger ist ein Blaulicht montiert

Manchmal kommt man im Camp mit all seinen Verwinkelungen und Kreuzungen mit dem Fahrrad schneller voran

Bundeswehr/PAO Jordanien

Ich heiße Stefan P. und bekleide den Dienstgrad Oberfeldarzt. Aktuell bin ich der Leitende Sanitätsoffizier in Jordanien. Wenn ich nicht gerade im Einsatz bin, leite ich das Sanitätsversorgungszentrum Sondershausen im Norden von Thüringen. Dort bin ich Vorgesetzter von etwa 20 Frauen und Männern, die sich mit mir gemeinsam um die medizinische Versorgung des dort ansässigen Bataillons des Heeres und des Versorgungs- und Instandsetzungszentrums in Blankenburg kümmern.

110 Kilometer von Sondershausen entfernt wohnt meine Familie. Ich pendele täglich, denn gemeinsame Zeit mit meiner Frau, meinen beiden Töchtern und meinem Sohn ist jede Fahrt wert. Nun bin ich mehr als 3.000 Kilometer Luftlinie von ihnen entfernt und mit einer ganz anderen Umgebung und Verantwortung betraut. Als Leitender Sanitätsoffizier koordiniere und kontrolliere ich alles, was die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten aufrechterhält. Meine Ausbildung und Erfahrungen in meiner über 20-jährigen Dienstzeit in der Bundeswehr haben mich sehr gut auf diese Aufgabe vorbereitet.

Das ist meine Aufgabe im Einsatz.

  

Zwei Soldaten stehen vor einem Regal mit Arzneimitteln. Beide tragen Mund-Nasen-Schutz.

Zusammen mit dem Truppenarzt kontrolliert Stefan P. die Bestände und Vorräte in der Apotheke des Camps

Bundeswehr/PAO Counter Daesh

Ich bin die sprichwörtliche „Schutzmaske des Kontingents“: Meine Empfehlungen zu Hygienemaßnahmen sind vielleicht nicht immer beliebt und manchmal mit zusätzlichem Aufwand verbunden – doch am Ende verhindern sie Schlimmeres. Zum Beispiel verantworte ich hier vor Ort die Qualität der Verpflegung, die Sauberkeit der Küchen sowie der Sanitäreinrichtungen. Dies geschieht in Absprache mit der Force Health Protection. Diese ist in Deutschland ansässig und besteht aus Veterinärmedizinern, Apothekern sowie Hygienikern der Überwachungsstelle für öffentlich-rechtliche Aufgaben. Unabhängig von Schutzmaßnahmen vor Corona möchte man den Soldatinnen und Soldaten schließlich zu verstehen geben, dass die Nahrungsmittel hier im Ausland aus zuverlässigen Betrieben mit angemessenen Standards stammen.

Im Einsatz empfehle ich die Maßnahmen direkt dem Kontingentführer. Ich versuche immer wieder, fachmedizinische Bewertungen für die Allgemeinheit so zu formulieren, dass sie auch verstanden werden. Da in der Wüste eine ganz andere Flora und Fauna vorherrscht, beschäftige ich mich auch mit Gifttieren. Skorpione oder Kamelspinnen sind hier keine Seltenheit. Damit es gar nicht erst zu Tierbissen kommt, ist Aufklärung und Vorbeugung das Mittel der Wahl.

Das macht meine Tätigkeit hier besonders.

Zwei Soldaten sitzen einander in einem Büro gegenüber, beide tragen Mund-Nasen-Schutz

Multinationalität prägt den Einsatz: Der Austausch mit dem belgischen Arzt ist keine Seltenheit

Bundeswehr/PAO Jordanien

Das Besondere meiner Tätigkeit ist die internationale Zusammenarbeit vor Ort und über die Landesgrenzen hinweg. Da wir uns das Camp mit den Belgiern und den Niederländern teilen, spreche ich sehr viel mit unseren Verbündeten ab. Auch mit der gastgebenden Nation Jordanien stehe ich häufig in Kontakt, weil unsere Hygienemaßnahmen vor Ort und die Patientenversorgung in den Krankenhäusern entsprechend abgesprochen werden müssen.
Zusätzlich bin ich der medizinische Vorgesetzte für alle deutschen Anteile der Mission Counter Daesh/Capacity Building Iraq. Spezifische medizinische Fragestellungen unserer deutschen Soldatinnen und Soldaten werden mit mir abgesprochen. Ich koordiniere unter anderem Rettungsketten wie Flüge der medizinischen Evakuierungen, beispielsweise in Fällen von Corona-Infektionen.

Das vermisse ich hier am meisten.

Ein Soldat spielt Gitarre in der Kirche des Camps, links im Bild ein Notenständer, rechts im Hintergrund eine große Kerze

Innehalten im Dienstalltag: Stefan P. nutzt die Kirche im Camp, um ruhige Melodien zu spielen

Bundeswehr/PAO Jordanien

Ganz klar: Ich vermisse meine Familie. Was mir nicht fehlt, ist das tägliche Pendeln. Tatsächlich ist es angenehm, morgens im Camp aufzuwachen und in fünf Minuten am Arbeitsplatz zu sein. Dafür vermisse ich ein Wochenende – und einfach mal ausschlafen! Auch fehlen mir gewisse Sportarten im Einsatz. Als Hobbytriathlet genieße ich ausgedehnte Rennradtouren. Natürlich kann ich hier nicht einfach das Lager verlassen, um eine lange Tour durch die jordanische Wüste zu fahren. Zwar habe ich eine Gitarre vor Ort, aber jeder Musiker wird verstehen können, wenn diese mit dem eigenen Instrument zu Hause nicht mithalten kann. So schafft das hiesige Instrument zwar einen Ausgleich, ist jedoch kein vollwertiger Ersatz.

Ich vermisse auch mein Team im Sanitätsversorgungszentrum Sondershausen und finde es persönlich schade, dass ich gerade bei der Corona-Lage in Deutschland nicht für sie da sein konnte. Nichtsdestoweniger vertraue ich meinem Stellvertreter voll und ganz und weiß, dass das ganze Team einen tollen Job macht! Zudem vermisse ich meine Jungs aus meiner A-cappella-Gruppe, meine Freunde und zu guter Letzt: selbstgemachte Erdbeermarmelade!

Das sind meine Pläne, meine Wünsche und Grüße.

Ein Soldat macht den ersten Stoß beim Billard. Im Vordergrund sind die Kugeln angeordnet.

Konzentrierte Entspannung: Wenn Stefan P. die Zeit findet, schaltet er gern beim Billard mit Kameraden ab

Bundeswehr/PAO Jordanien

Da ich im Anschluss an meinen Einsatz erst einmal in häusliche Quarantäne muss, plane ich in dieser Zeit, mit meiner A-cappella-Gruppe neue Songs für eine CDCounter Daesh aufzunehmen. Das wird ein vollkommen neues Projekt, denn wir können ja aktuell nicht ins Tonstudio und nehmen daher den Gesang jedes Einzelnen getrennt voneinander auf. Irgendwann singen wir hoffentlich wieder zusammen!

Mit meiner Familie hoffe ich auf einen baldigen Urlaub. Erst einmal werde ich aber, so gut es irgend geht, die Zeit mit ihnen aufholen. Immerhin bin ich nun schon seit September letzten Jahres im Einsatz. Darüber hinaus freue ich mich sehr auf eine warme Badewanne. Hier in Jordanien lernt man erst, welch Luxus ein angenehmes Schaumbad wirklich ist.

Bis dahin grüße ich meine Frau, meine drei Kinder, meine Familie und Freunde und nicht zuletzt mein Team im Sanitätsversorgungszentrum. Haltet alle durch und bleibt gesund!


  

von Stefan  P.

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