Cyber- und Informationsraum

Thema Künstliche Intelligenz – Ein Interview

Thema Künstliche Intelligenz – Ein Interview

  • Digitalisierung
  • Cyber- & Informationsraum
Datum:
Ort:
München
Lesedauer:
5 MIN

Die Bundeswehr befindet sich mitten in der digitalen Transformation. Der Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIRCyber- und Informationsraum) ist Treiber der Digitalisierung der Bundeswehr. CIRCyber- und Informationsraum verfolgt Projekte, die sich beispielsweise mit Künstlicher Intelligenz oder Quantencomputing beschäftigen und erschließt digitale Innovationen für die Weiterentwicklung der Bundeswehr. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Oberstleutnant Matthias Frank aus der Abteilung Planung/Digitalisierung des Kommando CIRCyber- und Informationsraum ist seit September 2018 am Forschungsinstitut Cyber Defense (FI CODE) an der Universität der Bundeswehr in München und forscht zum Thema Künstliche Intelligenz.

Ein Portätbild eines Soldaten

Oberstleutnant Frank forscht am Forschungsinstitut Cyber Defense (FI CODE) zum Thema Künstliche Intelligenz.

Bundeswehr

Herr Oberstleutnant Frank, alle reden heute von Künstlicher Intelligenz (KIkünstliche Intelligenz). Können Sie erklären, woher der Begriff kommt und was genau KIkünstliche Intelligenz ist?

Die Grundlagen für KIkünstliche Intelligenz wurden bereits Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gelegt. Alan Turings Publikation „Computing Machinery and Intelligence” aus dem Jahre 1950, in der er den später nach ihm benannten Turing-Test vorschlug, darf als Ursprung für das Forschungsfeld der KIkünstliche Intelligenz angesehen werden. Der Begriff KIkünstliche Intelligenz selbst wurde 1956 während eines Workshops geprägt. Die Entwicklung verlief in Wellenbewegungen, von absolutem Enthusiasmus über mehrere „KIkünstliche Intelligenz-Winter“, in denen Forschung und Entwicklung aufgrund enttäuschender Ergebnisse und damit entzogener Finanzierung gestoppt wurden. In den letzten Jahren ist die Forschung insbesondere im zivilen Bereich durch die immensen Fortschritte in der Rechen- und Speicherleistung stark fortgeschritten. KIkünstliche Intelligenz selbst ist in mehrere Teilbereiche aufgegliedert. Die bekanntesten davon sind Machine Learning, Natural Language Processing und Computer Vision. Inzwischen wird KIkünstliche Intelligenz tagtäglich genutzt. Wichtig dabei ist der Unterschied zwischen einer „starken” und einer „schwachen” KIkünstliche Intelligenz.

Können Sie Beispiele geben für „starke“ und „schwache“ KIkünstliche Intelligenz?

Die Unterstützung durch eine KIkünstliche Intelligenz im Alltag basiert auf einer sogenannten „schwachen” KIkünstliche Intelligenz, sei es durch virtuelle persönliche Assistenten wie Google Assistant, Siri oder Alexa, oder aber im Bereich der Routenplanung, Einkaufsempfehlungen etc. Hier fokussiert sich KIkünstliche Intelligenz auf die Lösung eines konkreten Anwendungsproblems. Innerhalb ihrer Anforderungen ist die KIkünstliche Intelligenz in der Lage, sich selbst zu optimieren, sie erlangt dabei allerdings kein tieferes Verständnis für die Problemlösung. Sie ist zur Erfüllung klar definierter Aufgaben ausgelegt und variiert ihre Herangehensweise nicht. Im Grunde kann man statt KIkünstliche Intelligenz auch den Begriff Algorithmen benutzen, die aufgrund großer Datenmengen, Mustererkennung und Feedbackschleifen lernen.

Als Gegensatz dazu gilt die „starke” KIkünstliche Intelligenz, deren Ziel es ist, dem Menschen vergleichbar intellektuelle Fähigkeiten zu erlangen bzw. diese zu übertreffen. Nach heutigem Stand ist es noch nicht gelungen, eine starke KIkünstliche Intelligenz zu entwickeln. In der Diskussion, ob die Entwicklung einer starken KIkünstliche Intelligenz möglich ist, sind sich Forscher einig darüber, dass dafür eine Zeitspanne von 20 bis 40 Jahren als realistisch gilt.

Woher kommt Ihr Interesse an dem Thema KIkünstliche Intelligenz?

Während meines Informatik-Studiums an der Universität der Bundeswehr in München Anfang der 2000er bin ich erstmals mit KIkünstliche Intelligenz in Kontakt gekommen. Da es damals allerdings nur am Rande behandelt wurde, ist das Thema nach dem Studium bei mir ein wenig in Vergessenheit geraten, obwohl meine Verwendungen, etwa als Kompaniechef im Deutschen Anteil 1st NATO Signal Battalion in Wesel oder beim Zentrum Cyber-Operationen immer einen Bezug zur Informatik hatten. Mit dem Aufkommen der zivilen KIkünstliche Intelligenz-Projekte, wie IBM Watson bei Jeopardy oder Siri, ist das Thema KIkünstliche Intelligenz dann wieder in meinen Blickpunkt geraten.

An was forschen Sie im FI CODE?

Zu meinen Forschungsfeldern gehören unter anderem die Analyse sozialer Netzwerke, Natural Language Processing, Visualisierungen und Vorhersagen. Die inzwischen sehr breite Anwendungsmöglichkeit von KIkünstliche Intelligenz macht das Thema für mich so reizvoll. Neben der Recherche von aktuellen Veröffentlichungen zu KIkünstliche Intelligenz stehe ich im Austausch mit Kameradinnen und Kameraden und verschiedenen Forscherinnen und Forschern. Dabei werden auch immer wieder kleinere Programme entwickelt, um beispielsweise die Anwendung von Machine Learning und Natural Language Processing genauer zu testen. Dies kann beispielsweise bei der Analyse großer Datenmengen helfen, die Masse an Informationen zeitnah zu filtern, zu extrahieren und aufzubereiten. 

Wozu braucht die Bundeswehr KIkünstliche Intelligenz?

Eine Soldatin hält ein Tablet in der Hand

Auch im medizinischen Bereich kommt KIkünstliche Intelligenz in bildgebender Diagnostik und Telemedizin zur Anwendung. (Symbolbild)

Bundeswehr/Markus Dittrich

Die Nutzung von KIkünstliche Intelligenz bringt viele Vorteile mit sich und kann sogar in Konfliktsituationen als „Game-Changer“ betrachtet werden. Sie kann Personal bei der Bearbeitung großer Datenmengen unterstützen und von wiederkehrenden Aufgaben entlasten, die ein Computer schneller und besser übernehmen kann, sodass vorhandene Ressourcen besser genutzt werden können. Im Bereich Cybersicherheit kann KIkünstliche Intelligenz beispielsweise dabei helfen, Anomalien zu erkennen und neue bzw. bessere Erkenntnisse aus vorhandenen Daten zu gewinnen. Auch im medizinischen Bereich kommt KIkünstliche Intelligenz in bildgebender Diagnostik und Telemedizin zur Anwendung, etwa bei der Auswertung von Röntgenbildern. Allerdings ist der Einsatz von KIkünstliche Intelligenz auch kein Allheilmittel, dem man blind vertrauen kann – auch KIkünstliche Intelligenz kann gezielt getäuscht werden – und sollte daher mit Bedacht eingesetzt werden.

Welche Chancen sehen Sie beim Einsatz von KIkünstliche Intelligenz?

Als Chancen sehe ich die Entlastung des Personals von Routineaufgaben und die Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Das bedeutet, dass der Mensch sich auf die kreativen Aspekte seiner Arbeit konzentrieren kann, denn KIkünstliche Intelligenz wird auf absehbare Zeit nicht kreativ arbeiten können. Allerdings führen die neuen Prozesse in der Arbeitswelt zu veränderten Anforderungen für Führungskräfte und Personal und den Umgang mit der eingesetzten Technologie.

Welche Risiken sehen Sie?

Trotz der vielen Möglichkeiten, die KIkünstliche Intelligenz bietet, ist der Einsatz von KIkünstliche Intelligenz im militärischen Umfeld sehr sorgfältig abzuwägen. Es bleiben noch rechtliche, moralische und ethische Bedenken, die geklärt werden müssen. Tatsächlich gibt es Akteure, die bei der Entwicklung und dem Einsatz autonomer Waffensysteme stark voranschreiten, so dass wir mit deren Einsatz konfrontiert werden könnten. Die Bundeswehr muss sich diesen Herausforderungen zeitnah – immer unter Berücksichtigung des geltenden Rechtsrahmens und mit einem strengen ethischen und moralischen Maßstab – stellen, um den Anschluss in diesem Bereich nicht zu verlieren und Chancen als auch Risiken beurteilen zu können.


von Martina Pump  E-Mail schreiben
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