Einsatzweiterverwendung

Mit PTBSPosttraumatische Belastungsstörung zurück in den soldatischen Alltag

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBSPosttraumatische Belastungsstörung) kann für Soldaten im beruflichen Alltag sehr belastend seinsowie das Privatleben so erschweren, dass man glaubt, keinen Ausweg mehr zu finden. Stabsunteroffizier Kai R. berichtet von dem langen Weg mit der seelischen Verletzung - und wie er trotz aller Umstände wieder positiv in die Zukunft blicken kann.

Junger Soldat steht auf dem Rollfeld, im Hintergrund ein E-3A Awacs-Aufklärungsflugzeug der NATO.
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  • Soldaten in Flecktarn marschieren mit Gefechtshelm, Rucksack und Gewehr einen Feldweg entlang.
    2008

    Der Beginn bei der Bundeswehr

    Kai R. beginnt seine soldatische Laufbahn im Logistikbataillon  in Unna und wird nach der ersten Ausbildung in seine Stammeinheit nach Augustdorf versetzt. Eine Vielzahl an militärischen Ausbildungen in mehreren Standorten in Deutschland schließt sich an. Zwei Jahre nach seinem Dienstantritt beginnt der junge Soldat mit seinen Kameraden die Einsatzvorausbildung.

     Mit hoher Motivation blickt der Stabsunteroffizier in die kommende Phase. „Ich war aufgeregt! Wir waren bereits eine gute Truppe und letztendlich trainiert man als Soldat, um in den Einsatz zu gehen. Es stand für mich außer Frage, dass das das Ziel meiner Ausbildung ist.“

    Die kommenden Monate verbringt er viel Zeit auf Truppenübungsplätzen und im Gefechtsübungszentrum, um sich auf die Aufgaben im Einsatz vorzubereiten.

     

  • Vier Soldaten in Wüstenflecktarnanzug stehen vor einem beigen gepanzerten Fahrzeug in lockerer Pose.
    2011

    Es geht in den Einsatz

    Der junge Stabsunteroffizier geht mit seiner Einheit in den Afghanistan-Einsatz nach Masar-e-Sharif. Er ist Teil der sogenannten Recovery Task Force, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn z.B. Fahrzeuge außerhalb des Lagers liegengeblieben sind und zurück ins Camp müssen. So musste Kai R. die Unfallstellen oder den Transport militärisch absichern oder als Kraftfahrer unterstützen. „Der ADAC in grün“, wie R. es nennt. 

    Allerdings kommen die Bergungsteams auch zum Einsatz, wenn ein Anschlag auf Fahrzeuge verübt wurde. So kam Kai R. an Unfallstellen, bei denen es nicht nur um den Abtransport von beschädigten Fahrzeugen, sondern auch um die Bergung sterblicher Überreste ging. Trotz seiner Einsatzvorausbildung war er auf diese Konfrontation nicht vorbereitet. Doch die strikte Routine im Einsatz, die vielen Aufgaben, die einen täglich erwarten, und die Notwendigkeit, zu funktionieren, bringen Kai R. durch diese Zeit.

  • Mann in Flecktarnanzug entnimmt einem Metallregal ein Kleinteil.
    2011/2012

    Zurück in Deutschland

    Nach der Heimkehr aus dem Einsatz verrichtet Kai R. wieder seinen normalen Dienst in Deutschland. Ein paar Monate nach der Rückkehr fallen ihm jedoch erste Veränderungen auf. Kleine Dinge des Alltags machen ihn nervös oder reizen ihn. Ein zu dicht auffahrendes Auto, der Geruch von Kraftstoff oder das Zuschlagen einer Tür im Windzug belasten ihn mehr als seine Kameraden.

    „Ich fing an zu zittern, hatte Rauschen in den Ohren und hatte plötzlich Funksprüche aus dem Einsatz im Ohr. Das waren die ersten Momente, bei denen ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt“, berichtet der junge Mann. Hinzu kamen Erinnerungslücken, so dass Kai R. sich in Situationen wiederfand, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen war. 

    Schnell entscheidet er sich, dass er sobald wie möglich in den nächsten Einsatz möchte. „Ich hatte das Gefühl, dass ich in meinem normalen Leben nicht mehr ankam. Ich war davon überzeugt, dass das Leben im Einsatz einfacher war. Man arbeitet seine Aufgaben ab und hat seine Struktur, so dass man nicht zu viel nachdenken kann“, resümiert der junge Soldat. 

    Doch die Symptome werden immer deutlicher und die Ablenkung mit Dienst und Sport funktioniert nicht mehr. Auch seinem Kompaniefeldwebel fällt die Veränderung an dem Soldaten auf; er schickt ihn zum Truppenarzt. Der Truppenpsychologe versteht, dass die Einsatzerfahrungen Kai R. belasten und nimmt den jungen Soldaten in Beobachtung. Der Wunsch nach dem nächsten Einsatz bleibt aber bestehen. 

  • Ein Mann sitzt mit dem Rücken zum Bild und spricht mit einer Ärztin in weißem Kittel.
    Ende 2012

    WDBWehrdienstbeschädigung-Verfahren beginnt

    Doch sein Körper spielt nicht mehr mit. Es folgt der Zusammenbruch – und bereits wenige Tage später die Einlieferung ins Bundeswehrkrankenhaus. „Die Bundeswehr hat zu dem Zeitpunkt schnell reagiert. Ich wurde komplett aus dem Dienst genommen, so dass ich mich nur noch auf mich konzentrieren konnte.“

    Truppenärzte, Psychologen, Sozialdienst und Traumazentren in den Bundeswehrkrankenhäusern arbeiten verstärkt daran, dass Einsatzgeschädigte in dieser Situation die nötige Unterstützung erhalten. Es ist vergleichbar mit einem großen Spinnennetz, das zusammengeführt und koordiniert werden muss.

    Die Zentrale Ansprech-, Leit- und Koordinierungsstelle für Menschen, die unter Einsatzfolgen leiden (ZALKZentralen Ansprech-, Leit- und Koordinierungsstelle für Menschen, die unter Einsatzfolgen leiden) im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr nimmt sich dieser Aufgabe an. 

  • Ein Mann in Heeresuniform sitzt an einem Tisch und beschreibt mit seinen Händen eine große Spannbreite.
    Ab 2013

    Das Netzwerk der Helfenden greift

    „Meist stationär wird festgestellt, ob die Betroffenen eine Belastungsstörung im Einsatz erlitten haben. Wenn die Diagnose durch das danach einsetzende Wehrdienstbeschädigungsverfahren sowie den Einsatzunfall bestätigt wird, beginnt die Schutzzeit,“ erklärt Thorsten M. aus der ZALKZentralen Ansprech-, Leit- und Koordinierungsstelle für Menschen, die unter Einsatzfolgen leiden den Beginn des teils langwierigen Verfahrens. 

    Aber auch, wenn die beteiligten Stellen ihre Arbeit leisten, müssen die Fäden zusammengeführt werden. Stabsfeldwebel Andreas B. beschreibt engagiert den notwendigen Aufwand der Koordination. „Das Ziel ist am Ende ein gemeinsamer Strang, an dem gezogen wird, damit der steinige Weg zu schaffen ist,“ holt er die symbolischen Fäden hervor, um die Hürde verständlich zu machen.

    „Das funktioniert, auch über Organisationsbereiche hinweg und trotz der Anzahl der beteiligten Stellen, immer besser, aber das intensive Engagement einzelner Personen macht immer noch den größten Unterschied.“

  • Soldat mit Glatze sitzt vor einem Blackboard und füllt mit grünem Stift eine Fluginformationstafel aus.
    2022

    Ende einer Dekade des Auf und Ab

    Kai R. schätzt sich glücklich, denn gleich mehrere Personen kommen ihm zur Hilfe und unterstützen ihn bei seiner Reise nach allen Kräften. Allen voran der engagierte Stabsfeldwebel der Schwerbehindertenvertretung Andreas B. Er fährt ihn zu Arztterminen, fragt immer wieder nach, wenn Informationen fehlen, und findet letztendlich einen geeigneten Dienstposten in seinem Heimatort. 

    In der fliegenden Staffel der NATONorth Atlantic Treaty Organization in Geilenkirchen wird ein Disponent im Schichtbetrieb gesucht. Stabsunteroffizier R. will die Herausforderung annehmen, auch wenn er etwas Bedenken hat. „Ich war mir nicht sicher, ob ich zuverlässig meinen Dienst verrichten kann,“ äußert er seine Sorgen. Doch das Gefühl gebraucht zu werden und eine feste Aufgabe zu haben, motiviert ihn und hilft bei der Genesung. 

  • Ein Mann in Uniform überreicht einem jüngeren Mann in Uniform eine Urkunde.
    2023

    Der Blick in die Zukunft

    Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Einsatz blickt Kai R. wieder mit Optimismus in die Zukunft. „Es gibt immer noch bestimmte Trigger, die mich sofort in Alarmbereitschaft bringen. Aber meine Motivation ist ganz klar: ich will nicht so enden, wie ich das bei einem Kameraden miterlebt habe. Ich will weiterhin für meine Familie, vor allem meine Kinder da sein!“

    Mit Stolz nimmt der Familienvater die Urkunde zur Ernennung zum Berufssoldaten entgegen. Er hat genaue Pläne, wie die Zukunft aussehen soll. „Ich strebe die Laufbahn als Feldwebel an und ich möchte mich schulisch weiterbilden,“ hat Kai R. seine Ziele klar vor Augen.

    Und das möchte er Anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, mit auf den Weg geben: „Meine Geschichte soll zeigen, dass man sich helfen lassen soll! Dann kann es einen Weg aus der psychischen Belastung und eine Zukunft geben.“