Als Militärpfarrer im Nord-Irak

Als Militärpfarrer im Nord-Irak

  • Syrien und Irak
  • Militärpfarrer
Datum:
Ort:
Erbil

Mein Name ist Jens Pröve, ich bin 54 Jahre alt, verheiratet und habe drei erwachsene Kinder. Seit März arbeite ich als Militärseelsorger im Evangelischen Militärpfarramt an der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen. Vorher war ich vier Jahre Militärpfarrer an der Logistikschule der Bundeswehr in Osterholz-Scharmbeck. Im ersten Teil meines Berufslebens war ich Gemeindepfarrer, anfangs im Landkreis Uelzen, dann 15 Jahre in Ostfriesland. Derzeit bin ich als Militärpfarrer beim Deutschen Einsatzkontingent Capacity Building Iraq eingesetzt. Dies ist mein erster Auslandseinsatz.

Ein Militärpfarrer und ein weiterer Soldat sitzen in einem Raum mit verzierten Wänden

Der Militärpfarrer ist für die Soldatinnen und Soldaten ein ständiger Begleiter

Aileen Tina Hufschmidt

In Deutschland sind meine drei Hauptarbeitsfelder die Seelsorge, das Halten von Gottesdiensten sowie das gemeinsame Gestalten des Lebenskundlichen Unterrichts mit den Soldatinnen und Soldaten. Aber auch sogenannte Rüstzeiten, also Freizeiten und Ausflüge, die man zusammen in der Gruppe erlebt, gehören dazu. Vieles davon findet sich auch im Einsatz wieder. Während es in Deutschland meist nur den monatlichen Standortgottesdienst gibt, haben wir hier die Möglichkeit, an jedem Sonntag Gottesdienst zu feiern.

Besonders wichtig ist die Seelsorge. Manchmal ganz klassisch, wenn eine Kameradin oder ein Kamerad auf mich zukommt und sich den Ballast von der Seele reden möchte, manchmal aber auch eher zufällig, wenn sich beim Sport spontan ein persönliches Gespräch ergibt oder wir abends zusammensitzen, um den Tag ausklingen zu lassen. Hauptsache, Zeit und Vertrauen sind da – das ist eine echte Chance im Einsatz. Ich verbringe mehrere Monate zusammen mit den Angehörigen des Einsatzkontingents, da gibt es immer wieder Berührungspunkte. Und wenn das Leben dann doch mal anders spielt, als man es sich erhofft hat, dann kann ich für die Kameradinnen und Kameraden da sein und sie begleiten.

Soldatinnen und Soldaten sitzen vor dem Militärpfarrer und hören ihm bei seiner Andacht zu

Gottesdienst unter Hygieneauflagen: Wo der Abstand nicht eingehalten werden kann, wird eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen

Aileen Tina Hufschmidt

Momentan scheint die ganze Welt in einer Ausnahmesituation zu sein. Auch in den Auslandseinsätzen machen sich die Auswirkungen der COVID-19Coronavirus Disease 2019-Pandemie bemerkbar. Das Bild des Gottesdienstes erinnert an das in der Heimat: Auch hier findet der Gottesdienst unter Hygieneauflagen statt. Die Alltagsmaske ist ebenfalls ein ständiger Begleiter und so lange die Witterungsverhältnisse mitspielen, findet der Gottesdienst unter freiem Himmel statt. Wie alle anderen trage auch ich Wüstentarn – und doch bin ich kein Soldat, sondern bleibe Zivilist. Deshalb nennt sich meine Uniform auch Schutzanzug. Auf den Schultern trage ich keine Dienstgradabzeichen, sondern das Kreuz, und ich trage keine Waffe.

Als Militärpfarrer bin ich überall dabei und begleite die Soldatinnen und Soldaten. Gleichzeitig bleibe ich ein Gegenüber, ein Gesprächspartner und Begleiter. Ich bin gleichermaßen Ansprechpartner für den Gefreiten als auch für den Kommandeur. Was mir unter vier Augen anvertraut wird, steht unter dem Schutz des Beichtgeheimnisses.

Ich selbst bin evangelisch. Aber Militärseelsorge beschränkt sich nicht auf die eigene Konfession. Ich verstehe meine Aufgabe so, dass ich für jeden da bin, der einen Gesprächspartner braucht, egal ob evangelisch, katholisch, andersreligiös oder gar nicht religiös. So erlebe ich es auch: Wenn Vertrauen wächst, dann spielt die Konfession nur noch eine untergeordnete Rolle.

Der Militärpfarrer unterhält sich mit zwei Bischöfen, sie stehen auf einer Aussichtsplattform

Eine besondere Begegnung im Mor-Mattai-Kloster: Jens Pröve tauscht sich mit orthodoxen Bischöfen aus

Aileen Tina Hufschmidt

Die Jahreszeiten, wie ich sie aus Deutschland kenne, gibt es hier nicht. Der Sommer geht wohl direkt in den Winter über. Den „goldenen Oktober“ mit seinen wunderschönen Farben vermisse ich hier. Und natürlich fehlen mir auch meine Frau und meine Kinder. Das Internet bietet ja viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben, sich zu sprechen und sogar zu sehen. Aber den persönlichen Kontakt, eine Umarmung oder einen gemeinsamen Abend bei einem Glas Wein kann das nicht ersetzen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Und ich vermisse das selbstgebackene Brot von zu Hause. Die Verpflegung hier ist gut, aber an den Duft und den Geschmack des heimatlichen Brotes kommt nichts heran.

Mehrere Soldaten und der Militärpfarrer sitzen an einem Holztisch und spielen Karten

Militärseelsorge muss nicht immer klassisch sein: Manchmal ergibt sich ein persönliches Gespräch auch beim Kartenspielen

Aileen Tina Hufschmidt

Mein Einsatz geht planmäßig Mitte Januar zu Ende. Vor uns liegt die Advents- und Weihnachtszeit und dann auch der Jahreswechsel. Ich bin gespannt auf das Weihnachtsfest im Einsatz. Das wird ja ganz anders als die Jahre zuvor. Viele Gedanken werden nach Deutschland gehen. Dennoch freue ich mich darauf, die Advents- und Weihnachtszeit mit den Kameradinnen und Kameraden hier im Einsatz zu gestalten. Ich wünsche mir, dass COVID-19Coronavirus Disease 2019 gebändigt wird und sich nicht mehr so ausbreitet wie in diesen Tagen. Ich grüße meine Frau, meine Kinder und meine Eltern. Ich grüße auch meine Freunde und Kolleginnen und Kollegen, die unseren Einsatz mit ihren Gedanken und Gebeten begleiten. Und nicht zuletzt grüße ich die Soldatinnen und Soldaten an den Standorten Appen und Garlstedt.

von Jens Pröve