Einsatzbegleitung SNMGStanding NATO Maritime Group 1

Begleiten und wertschätzen

Begleiten und wertschätzen

Datum:
Ort:
Eckernförde
Lesedauer:
6 MIN

Wenn man sich – neu an Bord einer Fregatte – nur einmal umdreht, weiß man schon nicht mehr, wo vorne und hinten ist: „In welche Richtung fahren wir eigentlich?“, frage ich, als das Schiff sich etwas stärker bewegt und mir kurz schummrig im Kopf wird. „Da lang“, zeigt mir der Erste Offizier und unser Gespräch in ihrer fensterlosen Kammer geht weiter. Wir haben den Marinestützpunkt Kiel hinter uns gelassen und nehmen nun Kurs auf Finnland.

Militärpfarrer Tröger begleitete die deutschen Besatzungen beim NATO-Verband SNMG 1

Militärpfarrer Tröger begleitete die deutschen Besatzungen beim NATO-Verband SNMGStanding NATO Maritime Group 1

Christian Tröger

Als ich fünfeinhalb Wochen später in Wilhelmshaven mit gepackten Taschen wieder von Bord gehe, geht es mir ähnlich: Weihnachten steht vor der Tür, doch ich weiß erst einmal nicht, wo es für mich langgeht. Ich brauche ein paar Tage, um mich wieder ins Leben an Land einzufinden.

Zwischen Kiel, Mitte November und Wilhelmshaven, kurz vor Weihnachten liegen meine ersten achttausend Seemeilen in der maritimen Einsatzbegleitung. Eine Urkunde über meine Zeit an Bord der Fregatte Hessen hängt nun gerahmt an der Wand meines Büros, sozusagen als Ausweis meiner Fleet Credibility: Marinesoldaten, die zum Gespräch kommen, sollen sehen, dass ihr Pastor keine Landratte ist.

Begleiten, ohne im System aufzugehen

Blick vom Flugdeck der Fregatte Hessen auf die Ostsee

Blick vom Flugdeck der Fregatte Hessen auf die Ostsee

Christian Tröger

„Wie kommt man als Pfarrer eigentlich zur Marine?“, fragt mich ein Besatzungsmitglied, als ich auf meinem Rundgang durch die Hessen auch an seinem Dienstort haltmache. „Man wird 40, die Beziehung geht in die Brüche und dann heuert man an“, sage ich halb im Spaß, halb ernst und der Soldat erzählt mir eine ganz ähnliche Geschichte aus seinem Leben, was ihn aufs Schiff geführt hat.

Als Militärseelsorger ist man als Zivilist an Bord unterwegs. Man ist für eine gewisse Zeit Teil der Besatzung, trägt den Bord- und Gefechtsanzug wie die Soldatinnen und Soldaten auch und findet sich irgendwie in die Ordnung des Schiffes ein. Aber man gehört andererseits nie voll und ganz dazu, tanzt aus der Reihe, mal bewusst und elegant, mal tollpatschig und ohne es zu wissen. So kann man die Besatzung ein Stück auf ihrem Weg begleiten und Gesprächspartner sein, ohne komplett im System aufzugehen. Mitten in einer militärischen Einheit ist es doch ein kirchlicher Auftrag, den ich da als Militärpfarrer übernommen habe.

Die Soldatinnen und Soldaten sind bald ein halbes Jahr unterwegs und der nächste Einsatz dieser Art ist bereits für das Frühjahr angesetzt. Gemeinsam mit anderen Nationen bilden sie die Ständige NATO-Bereitschaft in Nord- und Ostsee sowie im Nordatlantik: Seeraumüberwachung, militärische Präsenz, Manöver und Übungen, Ausbildung, Repräsentation – und bei all dem immer bereit, als „Speerspitze der NATO“ das Bündnis militärisch zu verteidigen, sollte es wirklich einmal zu einem Angriff kommen.

Dieser Dienst wird rund um die Uhr geleistet, im Schichtsystem der „Seewachen“. Über 230 Personen sind an Bord der Fregatte, davon ein beträchtlicher Teil von anderen Marineschiffen „ausgeliehen“, die zurzeit in der Werft liegen. Auch Soldatinnen und Soldaten anderer NATO-Staaten sind Teil der Besatzung, denn die Hessen ist im Jahr 2023 das Flaggschiff des Verbands. Viele Monate der Abwesenheit von zu Hause kommen übers Jahr zusammen. Familie, Freunde und überhaupt das Leben daheim sind oft Gesprächsthema bei meinen Rundgängen.

Hohe Motivation und hohe Belastung

Die Fregatte Hessen im verschneiten Hafen von Riga

Die Fregatte Hessen im verschneiten Hafen von Riga

Christian Tröger

Dabei begegne ich vielen hochmotivierten Menschen, was mich vor allem bei den jüngeren Besatzungsmitgliedern freut: Stolz bekomme ich gezeigt und erklärt, was da tags und nachts zu tun und worauf dabei zu achten ist oder was sie dafür zu lernen haben. Ich merke, wie sehr sich viele hier mit ihrem Dienst identifizieren. Aber mir wird natürlich auch von den Entbehrungen und Belastungen erzählt, die der Dienst auf See mit sich bringt. Manch einem sieht man seine Überlastung auch deutlich an.

„Mit dem Geld aus der Seefahrt ermöglichst du deiner Familie ein gutes Leben, aber du hast selbst kein Leben mehr.“ Das ist sicher eine Momentaufnahme, aber in diesem Moment ist es bittere Wahrheit für einen Soldaten, der sich bei mir Luft macht.

„Ich liebe die Deutsche Marine!“, ruft ein anderer Soldat laut über den Gang vor meiner Kammer. Als ich rausschaue und sehe, womit er sich gerade beschäftigen muss, lache ich mit ihm über seine Ironie. „Ich liebe die Militärseelsorge“, denke ich seitdem, wenn es mir selbst mal bis oben steht.

Trotz solcher Tiefpunkte wünsche ich den Besatzungsmitgliedern, dass sie wertschätzen, was sie gemeinsam leisten. Ich meine damit nicht allein ihre oft anspruchsvollen Tätigkeiten an Bord: Als wir an einem Wochenende im Hafen von Klaipeda liegen, lerne ich meinen litauischen Militärpfarrerkollegen kennen. Wir verbringen den Samstag miteinander und bei unserem Gang durch die Stadt habe ich die Gelegenheit, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. So bekomme ich einen deutlichen Eindruck davon, wie wichtig die NATO-Präsenz für viele Menschen in dieser Region ist.

Letzte Fahrt für die Spessart

Der Betriebsstoffversorger Spessart betankt die Fregatte Hessen während der Fahrt

Der Betriebsstoffversorger Spessart betankt die Fregatte Hessen während der Fahrt

Christian Tröger

Die Woche auf See zwischen Klaipeda und Kopenhagen verbringe ich an Bord des Versorgungsschiffs Spessart. Dieser deutsche Tanker ist ebenfalls Teil der NATO-Bereitschaft, sozusagen ihre schwimmende Tankstelle. Die Spessart steht dabei zwar im Auftrag der Bundeswehr, die 42 Besatzungsmitglieder sind aber bis auf wenige Ausnahmen keine Soldaten, sondern zivile Angestellte.

„Und?“, fragt mich ein Besatzungsmitglied herausfordernd, „wie ist das, wenn man nicht nur mit Soldaten rumhängt, sondern auch mal mit echten Seeleuten?“ Wer nun wirklich die „echten“ Seefahrer sind, das kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber es war sehr interessant für mich zu erleben, wie unterschiedlich es auf einem Kriegsschiff und auf einem zivil geführten Versorger zugeht, obwohl sie ja beide in demselben Einsatz unterwegs sind.

Meine Mitfahrt auf der Spessart war übrigens die letzte Gelegenheit dazu: Von Kopenhagen aus fuhr das Tankschiff zurück in seinen Heimathafen nach Kiel, bevor es nun nach über 46 Jahren außer Dienst gestellt werden soll. „The Last Voyage“ stand auf einem großen Transparent in der Mannschaftsmesse, dazu viele Unterschriften, die auf dieser letzten Fahrt gesammelt wurden. Für ältere Besatzungsmitglieder geht mit der Spessart ein wichtiger Teil ihres Lebens zu Ende: Einer ist bereits im vierzigsten Jahr an Bord tätig. Auch viele Jüngere wirken mit dem Schiff sehr verbunden. Im Adventsgottesdienst in See haben wir diese besondere Zeit gewürdigt. 

Ankunft im Heimathafen

Ein Soldat beim Kontrollgang durch den Spessart-Maschinenraum

Ein Soldat beim Kontrollgang durch den Spessart-Maschinenraum

Christian Tröger

„Die Stelling ist freigegeben“, wird über Bordlautsprecher durchgesagt. Die Angehörigen der Soldatinnen und Soldaten dürfen also an Bord kommen. Gelöste Stimmung ist nun überall in den Gängen der Fregatte Hessen. Wegen der Sturmflut in Wilhelmshaven ist das feierliche

 Einlaufen im Heimathafen zwar weniger feierlich ausgefallen als geplant, dafür aber ist das Wiedersehen nach Monaten des Einsatzes umso herzlicher.

Ich hingegen werde professionell in Empfang genommen: Der freundliche Fahrer des Militärdekanats wartet am Kai mit dem Auto auf mich, um mich zurück nach Eckernförde zu bringen. Von der Besatzung habe ich mich bereits gestern verabschiedet. Eine zollfreie Stange Zigaretten nehme ich mit von Bord. Auch die Reisetabletten, die mir meine Gemeinde damals zum Wechsel in die Marineseelsorge mitgegeben hat, auch die kommen ungeöffnet wieder mit heim – der frühere Landpfarrer ist halt keine Landratte mehr!

von Christian Tröger