ASEM

In mir klingt ein Lied“

In mir klingt ein Lied“

Datum:
Ort:
Münster
Lesedauer:
3 MIN

Unter dem Motto „In mir klingt ein Lied“ fuhren Versehrte des Standortbereichs Münster mit Funktionspersonal am Pfingstmontag für eine Woche zu einer Maßnahme des „Arbeitsfeld Seelsorge für unter Einsatz- und Dienstfolgen leidende Menschen“ (ASEM) nach Steingaden.

Impressionen von der ASEM-Maßnahme: Gipfelglück/Ge(h)Zeiten-Wanderweg bei Nesselwang/In der Klamm

Impressionen von der ASEM-Maßnahme: Gipfelglück/Ge(h)Zeiten-Wanderweg bei Nesselwang/In der Klamm

Militärseelsorge

In der ersten Abendandacht hörten wir die Geschichte eines Mannes, der aufgrund einiger Schicksalsschläge mit dem Leben abgeschlossen und keinerlei Lebensfreude mehr hatte. Ein Freund, der ihm noch geblieben war, brachte ihm eines Tages ein kleines Säckchen mit sieben kleinen Steinchen darin mit und forderte ihn auf, diese Steinchen jeden Morgen in die rechte Hosentasche zu legen.

Immer, wenn er etwas Schönes erlebt(e), sollte er ein Steinchen aus der rechten in die linke Hosentasche legen, um so langsam wieder einen Blick für die wertvollen Augenblicke, die es in jedem Leben gibt, zu bekommen. Nach massiver Ablehnung und Verachtung für so einen „Mumpitz“, gelang es dem Verzagten nach und nach, wieder im Leben anzukommen. Die Steine waren zum Symbol für etwas geworden, was er völlig aus den Augen verloren hatte. So kamen wieder frohe Klänge in seine Lebensmelodie.

Jede(r) Teilnehmende unserer Gruppe bekam in dieser ersten Abendandacht ein kleines Säckchen mit sieben Halbedelsteinen. Immer wieder wurde die Woche über an die Steine erinnert: „Heute fand ich absolut keinen Zugang zu diesen Steinchen!“ – „Heute habe ich gleich mehrere Steine in meine andere Hosentasche rüber wandern lassen“ … usw.

In der gemeinsamen Gruppenarbeit aller Teilnehmenden, die täglich Raum fand, stellten alle „ihr“ Lied vor. Wir erfuhren davon, warum gerade dieses eingespielte Lied so wichtig war und ist. Ganz unterschiedliche Klänge und Texte wurden der Gruppe da zu Gehör gebracht.

Was bei dem einem Wunder wirkt, stört andere wie ein zusätzlicher Reiz. Tränen flossen, Sätze, die noch nie vor anderen geäußert wurden, konnten hier und da ausgesprochen werden. An manchen Tagen wurde ein eher trauriges oder melancholisches Lied ausgetauscht gegen ein fröhliches. So manches Lied bringt auch Negatives in Erinnerung und ich kann – mit diesem Lied als „Türöffner“ – darüber sprechen.

„Stell dich mit in die Sonne und geh ein kleines Stück mit“ – diese Aufforderung aus einem „unserer“ Lieder, das wir während unserer ASEM-Woche hörten, drückte auch den gewachsenen Zusammenhalt innerhalb der sieben Tage in der Gruppe aus. In allen Liedern ging es darum, dass jede(r) von uns von dem „Päckchen“, das es (momentan) zu tragen gilt, erzählen konnte.

Aus der Fülle der Gedanken ein paar wesentliche Sätze:

  • Jede(r) hat sein Päckchen zu tragen.
  • „Päckchen“ dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden.
  • Schlimmer geht immer.
  • Behalte deine eigenen Probleme nicht für dich.
  • „Schau` doch mal genau hin“, hieß es in einem „unserer“ Lieder.
  • „Ich rede über meine Erkrankung offen, aber ich rede niemals über meine Erlebnisse im Einsatz.“
  • „Ich rede über Erlebtes, damit meine Familie verstehen lernt, warum ich so bin, wie ich bin!“

Einig waren sich alle, dass Musik und die Unterstützung der Familie die beiden wesentlichen Faktoren waren und sind, die wieder zurück ins Leben holen bzw. holten.

Abwechslungsreiche Tage in Oberbayern: Walk & Talk/Badepause/Schlussandacht auf dem Hörnle

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Militärseelsorge

Während unserer täglichen Wanderungen und Spaziergänge gingen die Gespräche weiter, aber es gab auch viel Zeit, die wundervolle Natur zu genießen, das Gesicht in die Sonne zu halten, auszuruhen. Bei Wanderungen mit höherem Schwierigkeitsgrad, wie auf dem Passamani-Rundweg auf dem Karwendel über Mittenwald oder in der Höllentalklamm im Wettersteingebirge, war Teamgeist gefragt.

Am Standort Münster gibt es schon seit Längerem einen guten Kontakt unter den versehrten Soldatinnen und Soldaten. Ein im Militärpfarramt diensttuender Hauptfeldwebel, der selbst stark traumatisiert ist, erweist sich immer wieder als kompetenter Ansprechpartner. So gibt es viel Austausch zwischen Tür und Angel und gemeinsamen Meetings. Zwei unserer Spieße am Standort mit denen wir in dieser Arbeit eng in Verbindung stehen, leisten großartige Basisarbeit.

Alle, die im Bereich ASEM mit uns ins Gespräch kommen wollen, sind im Evangelischen Militärpfarramt Münster (immer) herzlich willkommen.

(Die Autorin Brigitte Pagnoux, leitet das Evangelische Militärpfarramt Münster.)

von Brigitte Pagnoux