Schneller als der Götterbote
Landes- und Bündnisverteidigung- Datum:
- Ort:
- Kastellaun
- Lesedauer:
- 3 MIN
Ein modernes Gefecht erfordert neben der Koordinierung unterschiedlicher Waffensysteme auch eine schnelle und allzeit bereite Versorgung mit IT-Services. Mit Service Delivery Points können auf die Lage zugeschnittene Lösungen für die Kommunikation schnell verlegt und die erforderlichen IT-Services der Führung zur Verfügung gestellt werden.
Jeder Handgriff sitzt und die Arbeiten zur Verlegung des Service Delivery Points laufen auf Hochtouren. Es wird abgebaut, neue Befehle werden gegeben und dann geht es los zu einem neuen Platz.
Um die IT-Fähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung zu vertiefen, wird bei der Übung Gelber Merkur der „Sprung“ des IT-Systems im Gefecht trainiert. Für die in den Bundesländern Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein eingesetzten IT-Bataillone des Organisationsbereiches CIR bedeutet das: Innerhalb von zwei Wochen die verschiedenen Service Delivery Points (SDPs) immer wieder aufzubauen, zu betreiben und nach wenigen Tagen wieder alles abzubauen, um zum nächsten taktischen Ziel zu verlegen.
Springt der Brigadegefechtsstand, also wechselt er seinen Platz, springt auch der SDP. Dieses Jahr beteiligen sich auch die anderen militärischen Organisationsbereiche mit eigenen IT-Kräften sowie taktischen Elementen, um für die übenden IT-Kräfte den Nutzer darzustellen. Dies steigert das gegenseitige Verständnis davon, welchen IT-Service der eine braucht und wie der andere ihn bereitstellt.
Dem Leitenden der Übung, Oberst i. G. Dirk Paul, geht es vor allem um ein realistisches Szenario: „Die Soldatinnen und Soldaten bewegen sich in einer realistischen taktischen Lage eines LV/BV-Szenarios, was durch seine stetig wechselnden Lagen besondere Herausforderungen an die 320 Soldatinnen und Soldaten stellt.“
Eine davon ist der Umstand, dass vieles von dem Material, das für die IT-Bataillone beschafft wurde, auf eine langfristige Stabilisierungsoperation ausgelegt ist und inakzeptabel viel Zeit für die Verlegung und Herstellung der Betriebsbereitschaft benötigt. Trotzdem sieht die Übungsleitung bereits am zweiten Tag viel Gutes und viele Möglichkeiten zur weiteren Ausbildung.
Insbesondere der völkerrechtswidrige Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, wie wichtig Mobilität und Flexibilität für die militärische Führung sind und wie essenziell die Kaltstartfähigkeit der Bataillone ist. Diese Lehren müssen jetzt schnell Anwendung finden, um die IT in der Bundeswehr wirklich kriegstüchtig zu machen.
„Wir müssen das Mindset LV/BV in allen Bereichen der Übung verfolgen. Ohne diese Fertigkeiten werden wir das Bereitstellen von IT-Services im Gefecht nicht lange erfüllen können.“
Auch technisch werden die Teilnehmenden der Übung herausgefordert. Ausgehend von der zentralen Betriebsführungseinrichtung im Übungsraum, die an einen imaginären Divisionsgefechtsstand angeschlossen ist, werden die verteilten SDPs sowie fachlich unterstellte Betriebsführungselemente betrieblich geführt und überwacht. Hier werden Veränderungen im IT-System gemanaged und möglichst schnell umgesetzt, um auf alle notwendigen Anpassungen des IT-Netzes im beweglichen Gefecht reagieren zu können.
Auch hier gilt: Lieber eine 80-Prozent-Lösung, die schnell funktioniert, als eine hundertprozentige Lösung, die zu lange braucht. Hauptmann Florian H.*, Führer der Betriebsführungseinrichtung, hat in den ersten Tagen viel mit seinem Team zu tun: „Die Auslastung ist hoch, gerade am Anfang muss sich da viel geschüttelt werden.“ Trotzdem ist die Motivation hoch und die Arbeit kann gut aufgefangen werden.
Zusätzlich spielt auch die Cybersicherheit eine große Rolle. In den neu zu etablierenden Security Operation Centres (SOCs) werden neue Möglichkeiten der Absicherung eigener Netze beübt und neue Werkzeuge im Kampf gegen Cyberattacken eingebracht. Major Marco J.*, ein Angehöriger der SOCs, versucht, mit automatischen Systemen und einem eigenen Meldesystem für die Nutzer die Probleme der IT möglichst schnell zu lösen. „Wir sichern hier auf der Übung IT ab“, sagt er stolz und bezieht sich dabei auf die speziellen, ausschließlich militärisch genutzten Systeme und Computer.
Bereits gegen Mitternacht kam der neue Befehl zum Sprung. Um fünf Uhr wurden die Soldatinnen und Soldaten geweckt und trafen letzte Planungen für den Marsch zum neuen Aufbauort, den der Staffelführer kurz vorher erkundet hat.
Bundeswehr/Stefan Uj
Der Kabelbau bleibt eine zeitlose und jederzeit aktuelle Fähigkeit. Auch wenn die Kabel heute Lichtsignale übermitteln, muss jede Verbindung noch einzeln gezogen oder wie hier, abgebaut werden.
Bundeswehr/Stefan UjBei der Umsetzung der Befehle haben die Staffelführer der SDPs viel Freiraum. Sie sollen ihre Aufbauplätze möglichst realitätsnah auswählen und dabei auch auf taktische Grundsätze achten. Auflockerung, Tarnung und Deckung sind essenziell für die wichtigen Systeme. Also muss sich an Infrastruktur oder an Waldstücken orientiert werden.
Zur Not bedeutet das, dass das System abgebaut und an einen anderen Ort verlegt werden muss. „Wir haben hier eine ausgeprägte Fehlerkultur. Gutes und auch weniger Zweckmäßiges wird einmal am Tag mit den SDP-Führern offen besprochen, um voneinander zu lernen. Manches lernt man eben nur durch Praxis“, resümiert Oberst i. G. Paul.
*Namen zum Schutz der Personen abgekürzt.
von Luna van Balen E-Mail schreiben