Funkkreis

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Datum:
Lesedauer:
10 MIN

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Funkkreis #73: Podcast Reservistendienstleistende

Berufserfahrene in der Reserve: Was der Dienstgrad über die zivile Fachkompetenz sagt

S:                    Hauptmann Christin Schulenburg

OSG:              Oberstabsgefreiter Stefanie Schnakenberg,

HG:                Hauptgefreiter Jens Albrecht und

OG:                Obergefreiter Carsten Borgmeier.

Delta to all radio check. Over.
Hier ist Bravo. Kommen.
This is Tango. Over.
Funkkreis – Podcast der Bundeswehr.

S: Erst vorhin ist mir wieder einer auf dem Flur begegnet. Oft habe ich sie am Telefon, wenn ich bei verschiedenen Dienststellen recherchiere, oder ich treffe sie in den Kasernen von Berlin: Reservisten. Darum habe ich mich natürlich gefragt, was steckt hinter diesen Kameradinnen und Kameraden auf Zeit.

Damit herzlich willkommen zum heutigen Funkkreis. Ich bin Hauptmann Schulenburg aus der Redaktion der Bundeswehr.

Der übliche Reservist war für mich immer der Zeitsoldat oder Wehrdienstleistende, der nach seiner langjährigen Dienstzeit noch immer den Kontakt zur Truppe sucht. Da habe ich mich belehren lassen und habe gelernt, es geht auch anders. Wie zum Beispiel bei der Kameradin und den zwei Kameraden, die ich heute im Gespräch habe.

Ich begrüße Frau Oberstabsgefreiter Stefanie Schnakenberg,

                        Herrn Hauptgefreiter Jens Albrecht und

                        Herrn Obergefreiter Carsten Borgmeier.


OG: Ja, hallo!

HG: Hallo.

OSG: Hallo, schön, dass ich da sein darf.


S: Sie sind alle bei der Bundeswehr in der Reserve und haben keine langjährige Vordienstzeit. Wie kommt man zu sowas, Frau Oberstabsgefreiter?

OSG: Ja, das ist eigentlich ein Klassiker. Das ist nämlich über den Gartenzaun hinweg entstanden. Mein früherer Nachbar ist mein heutiger Kompanieeinsatzoffizier. Ich habe immer wieder gesehen, wie er im Feldanzug das Haus verlässt. Dann habe ich natürlich nachgebohrt. Ja, und irgendwann hat er mich mitgenommen. Nun bin ich seit sechs Jahren in der RSU-Kompanie Bremen beordert und habe es noch keinen einzigen Tag bereut.

S: Was sind die RSU-Kompanien, was machen die?

OSG: Ja, die RSU-Kompanien, da kommen tatsächlich noch viele Fragen auf. Das sind die regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanien. Sprich teilaktive Einheiten der Bundeswehr, die immer dem jeweiligen Landeskommando unterstehen. Also in unserem Fall Bremen. Der Name sagt es ja schon, regionale Sicherung und Unterstützung, wobei wir eigentlich komplett im soldatischen Handwerkszeug ausgebildet werden.

S: Also infanteristisch mit Einzelschützen sein, wie man das kennt, ja?

OSG: Ja, richtig. Genau.

S: Herr Obergefreiter, Ihr Grundwehrdienst liegt schon ein paar Tage zurück, sagten Sie mir vorher. Aber Sie hatten durch Ihren Job immer wieder mit Bundeswehr zu tun. Können Sie uns kurz sagen, in welchem Rahmen?

OG: Ich habe bei der Tageszeitung als Fotograf und Redakteur gearbeitet. Und habe parallel zu meiner Arbeit in der Redaktion auch immer Kontakt zur Truppe gehalten, indem ich auf der Suche nach spannenden Reportagen war. Ich habe in dem Zusammenhang die Bundeswehr in vier Auslandeinsätzen besucht. Ich war im Kosovo, in Bosnien, in Afghanistan und zuletzt auch bei UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon (Beobachtermission, Anm. d. Red.) im Libanon. Da habe ich ganze Zeitungsseiten über diese Besuche geschrieben und bebildert und auch Fotoausstellungen aus diesen Reisen bestritten.

S: Das klingt ja richtig spannend. Da haben Sie ja sicherlich auch mehr erlebt, als was man sonst in einem Büro einer Tageszeitung erleben würde.

OG: Also, ich muss ganz klar sagen, die Reisen mit der Bundeswehr waren die intensivsten Erfahrungen, die ich als Journalist machen durfte. Sie haben auch meinen Blick aufs Leben verändert, weil ich dadurch auch die Situation in Deutschland ganz anders sehe.

S: Ja, das kann ich aus eigener Erfahrung auch bestätigen, ja.

OG: Also zu sehen, wie sich Kriege ausgewirkt haben, wie sich falsche Politik ausgewirkt hat in diesen Krisenländern. Aber auch zu sehen, was die Bundeswehr dort an Maßnahmen leistet, das hat mich schwer beeindruckt.

S: Herr Hauptgefreiter, Sie sind für vier Wochen in der Redaktion der Bundeswehr. Was machen Sie eigentlich im zivilen Leben?

HG: Ich bin eigentlich freiberuflicher Software-Entwickler und baue für Unternehmen meistens Softwarelösungen, meistens den Workflow begleitende Programme zur Optimierung von Kundenkontakten oder von internen Abläufen.

S: Okay, also ein sogenannter Programmierer, ja?

HG: Genau, ja.

S: Wie lange sind Sie insgesamt bei der Bundeswehr?

HG: Ich habe noch klassisch den Wehrdienst gemacht, habe dann freiwillig verlängert auf 18 Monate, bin dann wieder ins Zivilleben rein. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal wieder auf einer Wehrübung für vier Wochen und jetzt dieses Jahr erneut.

S: Aber der Wehrdienst liegt schon eine Weile zurück, oder?

HG: Ja, definitiv. Ich bin 2009 raus, also sind wir bei knapp elf Jahren, die ich jetzt im Zivilen unterwegs bin.

S: Das ist schon eine ganz schön lange Zeit. Und ausgerechnet jetzt, da die ITInformationstechnik-Branche boomt, entscheiden Sie sich für eine Wehrübung bei der Bundeswehr. Machen Sie da nicht irgendwie Minusgeschäfte?

HG: Ja, um ganz ehrlich zu sein, das stimmt schon. Gerade als freiberuflicher Softwareentwickler – und das in einer Zeit, wie Sie schon sagen, in der die Branche boomt und gerade bei den Preisen auch ein wenig Wild-West-Stimmung ist – ist die Bundeswehr vielleicht nicht der zahlungskräftigste Kunde, den ich im Portfolio habe. Das stimmt schon. Aber ich muss zugeben, die Entscheidungen schon zur letzten Wehrübung und auch zu dieser sind nicht des Geldes wegen gefallen. Ich mache das ein Stück weit aus Kameradschaft, aus guter Erinnerung – und am Ende ist Geld auch nicht alles.

S: Das ist wohl wahr. Das heißt, Sie machen das, was sie auch im Zivilen machen? Also Sie können hier programmieren und Ihre Fähigkeiten voll einbringen?

HG: Ja, definitiv. Ich bin 100 Prozent fachspezifisch eingesetzt und mache quasi das, was ich auch draußen machen würde, bloß dann intern für Bundeswehrabläufe.

S: Nun kommen Sie alle aus unterschiedlichen, fachlichen Bereichen und sind bereits seit vielen Jahren erfolgreich, teilweise auch selbstständig in den Jobs. Ist es eine Überwindung, in der militärischen Hierarchie nicht so weit oben zu stehen wie im Zivilen?

OG: Dazu muss ich sagen, dass ich als Obergefreiter bislang keinerlei Nachteile in meiner Arbeit in der Dienststelle erfahren habe. Ich bin von allen Beteiligten, die ich angerufen habe in Bezug auf meine Recherchen stets ernstgenommen worden.

HG: Ich glaube, wenn man dem Ganzen offen gegenübersteht, dann wird auch allen relativ schnell klar, dass die Schulter in dem Falle nicht wirklich die allgemeine Kompetenz widerspiegelt, sondern halt nur die militärischen Erfahrungen. Und diese sind dann halt auch realistisch, bei mir zum Beispiel, einfach elf Jahre her. Also da sagt die Schulter schon die Wahrheit irgendwo. Aber ich glaube auch, vielen wird relativ schnell klar, dass das kein Zeichen für die fachliche Kompetenz ist.

OG: Wer jetzt neu in ein Unternehmen reinkommt: Da fällt mir der Satz ein, im Fahrstuhl steigt man immer erst unten ein. Insofern bin ich da absolut zufrieden, ich fühle mich absolut wertgeschätzt und ernst genommen.

S: Das sind jetzt die beiden Meinungen aus dem Büroalltag. Frau Oberstabsgefreiter, wie sieht das bei Ihnen aus? Gibt es da manchmal doch die Momente, in denen man sich wünschen würde, dass das langjährige Fachwissen nach außen hin sichtbar zu tragen ist?

OSG: In meinen Augen ist die Bundeswehr noch nicht komplett auf die Reservisten sozialisiert. Da steht tatsächlich ganz oft der Dienstgrad im Weg. Dabei könnte man viel mehr von uns profitieren, wenn man wenigstens in Form von Projekten vergessen könnte, dass ich ein OSG bin. Im Reservistenverband in unserer Landesgruppe haben wir beispielsweise eine Kompetenzdatenbank für uns angelegt.

S: Was ist das?

OSG: Ja, da haben wir es im Prinzip genau andersherum gemacht. Wir wissen, wo unsere Schießlehrer sind, wir wissen, wo Sanitäter sind, wir wissen, wer welche ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnummer, Anm. d. Red.) hat und wer welche Ausbildung leiten kann.

In der Bundeswehr würde ich mir wünschen, dass es sowas auch gäbe, aber eben für die zivilen Fähigkeiten. Das würde aber bedeuten, dass man sich mal ein wenig von dem Dienstgraddenken löst. Ja, und dass man hinguckt und sagt: „Guck mal, die Oberstabsgefreiter Schnakenberg berät und schult zu strategischen Themen. Die wird nach 20 Jahren wohl wissen, was sie tut. Die lasse ich mal zu einem Workshop an die FüAkFührungsakademie der Bundeswehr (Führungsakademie, Anm. d. Red.) kommen.“ Oder wo auch immer. Also ich sage mal, sogar die Polizei setzt Leute wie mich zum Verhandlungstraining ein. Nur im meinem eigenen Umfeld kann ich bisher nicht zeigen, was ich kann, und das finde ich schade.

S: Empfinden Sie das ähnlich, Herr Obergefreiter?

OG: Ja, das auf jeden Fall. Ich hoffe ja auch, dass mir meine berufliche Qualifikation als Fotograf und Redakteur bei der Bundeswehr in irgendeiner Form in Zukunft anerkannt wird. Dann hoffe ich natürlich auch darauf, dass sich das in einem entsprechenden Dienstgrad widerspiegelt. Da bin ich gespannt, was da herauskommt.

S: Und trotzdem sind Sie ja alle entweder zur zweiten kurzen Übung hier, seit Jahren regelmäßig dabei oder planen, zurückzukommen. Was ist also der Mehrwert? Kann man die Zeit beim Bund für die zivilen Qualifikationen mitnehmen? Geht so etwas?

OSG: Für mich persönlich harmonieren mein militärisches und mein ziviles Leben in der Verbindung miteinander sehr gut.

S: Was machen Sie denn zivil?

OSG. Ich berate und schule Unternehmen zu vertrieblichen-strategischen Themen. Mit einem Reservisten bekommt die Bundeswehr in den meisten Fällen ja einen gereiften Menschen von außen. Ich führe beispielsweise seit zehn Jahren ein eigenes Unternehmen, ich kann mich ausdrücken, ich habe einen gewissen Blick auf die Welt entwickelt und ich bringe insgesamt schon zwanzig Jahre in meinem Beruf mit. In zwanzig Jahren kommt ja mehr zusammen als nur auswendig Gelerntes. Das ist fundiert. Davon kann auch die Bundeswehr profitieren. Und im Gegensatz dazu profitiere auch ich, zum Beispiel vom Kreis meiner Kameraden: Da sind weitere Vertriebler und selbstständige Unternehmer und wir tauschen uns auch aus wie in einem Netzwerk. Ich kann also durchaus sagen, ich fahre öfters mal von einer Übung heim und habe neue Ideen im Gepäck.

S: Also ist das quasi eine Win-Win-Situation für die Bundeswehr und Sie.

OSG: Ja, ich gehe beispielsweise jedes Jahr mit dem Karrieretruck auf das Seestadtfest Bremerhaven, um eben für die Reserve zu werben. Dazu habe ich mir selber ein Team von Reservisten zusammengestellt, die ich alle selbst durchgeschult habe. Verkäuferische Fähigkeiten werden ja auch an diesen Schnittstellen gebraucht, wo es explizit darum geht, Menschen von etwas zu überzeugen, und das ist ja letztendlich das, was wir am Truck wollen.

S: Ach, und dann haben Sie die quasi als zivile Fachfrau geschult und stehen dann als Reservistin in Uniform vor dem Truck und bewerben, was sie im Reservistendienst tun?

OSG: Ganz genau so.

S: Aber ist Ihnen dann auch schon mal sowas untergekommen, dass Sie Menschen aus ihrem zivilen Netzwerk und Bundeswehrsoldaten in Verbindung bringen konnten. Gab es so etwas?

OSG: Ja, dazu fällt mir sogar eine ganz schöne Begebenheit ein, wo ich durch das Zusammenbringen dieser beiden Gruppen auch mal mit ein paar Vorurteilen aufräumen konnte.

S: Ach, wie war das denn?

OSG: Ich bin im Schützenverein und da bin ich auch mal Königin geworden. Einmal muss man das ja erlebt haben. Mein Königsjahr habe ich dafür genutzt, meine Reservisten mit meinen Schützendamen regelmäßig zusammenzuführen. Wir haben das sogar in einem kleinen Contest ausgeschossen. Und ja, am Ende mussten die Damen zugeben, dass Soldaten gar keine Rüpel sind und die Kameraden mussten zugeben, dass Sportschützen verdammt gut treffen können.

S: Klasse!

OSG: Ja, die gemeinsame Zeit hat die Sicht aufeinander völlig zum Positiven verändert. Da sind sogar neue Freundschaften entstanden. 

S: Das ist ja super. Das ist genau so, wie wir das gerne hören, wenn es denn auch echt ist und wenn es denn auch funktioniert. Klasse, tolle Idee, vielen Dank dafür.

Herr Obergefreiter, worin, denken Sie, liegt der Vorteil eines Reservisten, der im zivilen Leben auf den eigenen zwei Beinen steht? Sei es jetzt für die Truppe, aber auch für die Person an sich?

OG: Ich denke, dass das sowohl von der Lebenserfahrung als auch von der Berufserfahrung sinnvoll sein kann, das in die Bundeswehr einzubringen. Und das habe ich in den vergangenen drei Monaten auch erlebt, dass man wertgeschätzt wird für das, was man weiß und kann. Und dass das am Ende im Produkt, das man erstellt, auf jeden Fall vorteilhaft einfließt.

S: Das kann ich so bestätigen. Wir sind auf jeden Fall sehr froh, Sie bei uns im Team zu haben. Und damit danke ich allen Protagonisten heute für die Zeit und für das großartige Gespräch. Den nächsten Podcast gibt es wie gewohnt nächsten Donnerstag. Damit melde ich mich ab aus dem Funkkreis. Bleiben Sie gesund! Bis bald!



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