Transkription

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10 MIN

Sprecher: Barbara Gantenbein (BG), Oberfeldwebel Marvin (Ma), Oberfeldarzt Melanie (Me), Patientendarsteller (P)

Delta to all. Radiocheck. Over.
Hier ist Bravo. Kommen.
This is Tango. Over.
Funkkreis – Podcast der Bundeswehr

Atmo: (Stöhnen, Schmerzenslaute) Ich kann nicht! Andreas, versuch mit anzufassen. 

BG: Schreie, Blut, jede Menge Hektik. Wir sind in Sliac auf dem Flugplatz und hier findet gerade eine Übung statt zum Thema MasCasualty, Massenanfall von Verletzten. Mehrere Soldaten haben hier einen Unfall erlitten. So ist das Szenario. Die liegen also teilweise noch auf dem Boden, werden von Ersthelfern gerade versorgt. Die Sanität ist unterwegs. Am Horizont tauchen jetzt gerade die Sanitätsfahrzeuge auf und gleich geht die Übung los. Die Männer sind stark geschminkt, die haben die unterschiedlichsten Verletzungsmuster. Und jetzt, bei dieser Übung, wird trainiert, wie die Triage funktioniert, wie die Menschen versorgt werden, die hier verletzt sind und man hört es an den Schreien, die Rollendarsteller machen das richtig, richtig gut und spielen ganz toll. Herzlich willkommen zum Funkkreis. Hier ist Barbara Gantenbein, und ich habe bei mir den Oberfeldwebel Marvin. Marvin ist Sanitäter und er erklärt uns, was für eine Lage in dieser Übung eingespielt wird.

Ma: Also die Lage besteht darin, dass es beim Betankung eines Generators, der hier steht, von einem Fünftonner aus, zu einer unklaren Verpuffung kommt und dadurch ein Lagebild entsteht, wo eine unklare Anzahl von Verletzten für uns gefordert ist und wir erst vor Ort erkennen können, um wie viele Verletzte es sich überhaupt handelt und damit unsere Maßnahmen ergreifen.

BG: Und was genau haben Sie vorbereitet? Also, wo legen Sie die Leute hin, können Sie es so ein bisschen beschreiben?

Ma: Wir rechnen damit, drei Schwerstverwundete zu haben. Die liegen in der Nähe des Generators, weil da ja der Ursprung ist der Explosion. Dazu noch zwei Soldaten, die leicht verletzt sind, die eigentlich quasi nur Bystander des Ganzen waren, aber trotzdem im Lagebild sind. Und dann drei Helfer vor Ort, die uns die Lage erklären und uns mittels Trägertrupp unterstützen. Prinzipiell ist ein MasCal oder Massenanfall immer, wenn ich mehr Patienten als Helfer und Material zur Verfügung habe.

Atmo: (Stöhnen) Das wird jetzt! Wie spät ist es? (Schmerzenslaut) Alles gut, alles gut. Du bist an den Generator ran und weiter? (Stöhnen) Da wollten wir tanken und da gab es eine Explosion. Okay. Und wo tut es jetzt noch weh? Die Lunge! Die Lunge, die tut weh, ja. Und der ganze Hals, ich krieg kaum Luft. Du kriegst kaum Luft, okay, check. Pass auf, guck mich mal an. Guck mich mal an, mach mal die Augen auf. Kannst du mir sagen, wie spät es ist? Ich glaub 10 Uhr? Ja, das kommt gut hin. I need him for two more minutes, than you can get him.

BG: Zum Ersten Mal üben hier heute deutsche und niederländische Sanitäter und Ärztinnen gemeinsam. Vor Übungsbeginn hat mir Oberfeldarzt Melanie erklärt, mit was für Verletzungen die Mediziner es hier zu tun bekommen.

Me: Wir haben insgesamt fünf Verletzte, drei davon sind schwer verletzt. Der eine hat eine Brandwunde am Brustkorb und an der linken Seite und auch ein bisschen im Gesicht. Also vor allem eine Brandwundenverletzung, eine schwere. Dann haben wir einmal eine Schrapnellwunde am linken Bein und ein Beckentrauma. Dann haben wir als dritten schweren Verletzten auch eine offene Wunde am Brustkorb und ein verbranntes linkes Bein. Und Patient vier hat eine Kopfwunde und ist ein bisschen schockig, mental sehr schockig tatsächlich. Und der fünfte Patient hat einen gebrochenen Arm und auch einen mentalen Schock.

BG: Wie fühlt sich das an, jetzt gerade als Verletzter geschminkt zu werden? Und was haben Sie nachher, wenn sie fertig geschminkt sind?

P: Fühlt sich erst mal noch ganz normal an und ich soll eine Gesichtsverbrennung haben. 

Ma: Und ein Beckentrauma kriegt er noch geschminkt.

P: Und ein Beckentrauma, ja.

BG: Wie schminkt man denn ein Beckentrauma?

Ma: Das ist etwas schwieriger darzustellen, aber wir können die Beckenkämme mit ein bisschen Blau und ein Hämatom nachbilden und somit ist es erkenntlich, wenn der Patient dazu auch noch Schmerzen äußert im Becken, dass er dort wahrscheinlich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verletzung hat.

BG: Ist Ihre Erfahrung, dass sie gerne solche Übungen mitmachen?

Me: Ja, das ist meine Erfahrung schon. Das macht sowohl den Soldaten, die Patienten simulieren, Spaß, als auch den Sanitätern, die das einfach mal durchtrainieren dürfen. Also das ist insgesamt immer eine schöne Sache.

BG: Und wie kompliziert ist das so, diese Verletzungen zu schminken?

Me: Es gibt tatsächlich in der Bundeswehr einen Lehrgang für “Verletzungsmuster schminken lernen„ und den kann man belegen. Und dann hat man natürlich auch eine Schminkkiste, und dann kann man wunderbar Wunden simulieren.

BG: Ich habe auch gesehen, da gibt es ja dann so herausquellende Gedärme und Prothesen und so die Simulation, wenn Amputationen quasi stattfinden müssen. Wie realitätsnah sind die dann?

Me: Das sieht schon echt aus. Also gerade mit einer offenen Bauchwunde ist es so ein Plastikgestell, was das simuliert hat. Das wird umgebunden, und dann sieht man das ja im Endeffekt auch sofort, dass der Bauch offen ist. Das ist natürlich auch eine schwere Verletzung, das muss man dazu sagen, aber das kann man dann schon gut erkennen, und dann kann man auch seine Verfahren, die man medizinisch anwendet, sehr gut sehen anhand des Verletzungsmusters von dieser tollen Wundendarstellung.

BG: Ist das dann auch so ein bisschen eine Art von Desensibilisierung für die Sanis, dass die, wenn sie das öfter gesehen haben, im Zweifel bei einer echten Verletzung nicht total schockiert sind, wenn sie das das erste Mal in echt sehen?

Me: Je besser wir vorbereitet sind, desto besser kann man auch hinterher damit umgehen. Wie das dann im Realfall ist auf jeden Einzelnen, ist ja eine rein individuelle Verarbeitung. Also kann man sagen: Training hilft. Aber ob das jetzt bei dem Einzelnen dann im Ernstfall tatsächlich nicht doch zu einem Trauma führt, kann man nicht voraussagen.

BG: Das ist klar. Das weiß man erst hinterher. Ich komme noch mal auf unsere Darsteller zurück. Die müssen ja nachher auch schreien und die wissen ja dann auch ungefähr, was sie simulieren müssen an Verhalten. Woher wissen die das? Geben Sie denen eine Art Briefing?

Me: Ja, natürlich. Das macht unser Notfallsanitäter.

Ma: So, du hast hier einen Treffer an der Brust gekriegt. Das ist ein Schrapnell. Es ist nicht ganz klar erkenntlich, ob da was drin steckt oder nicht. Deine Atemfrequenz ist sehr hoch, du sagst auch die ganze Zeit: “Ich krieg total schlecht Luft. Was ist das hier?„ und hältst schon mal ein bisschen deine Hand einfach so schützend drauf. Sobald er die Wunde verschließt, geht's dir langsam besser. Liegt halt daran, weil immer weniger Luft in deinen Thorax eindringt, okay? Du bist: “Mein Becken, mein Becken„ und alles ganz schlecht. Du kannst keine klare Aussage treffen dazu. Das können wir nicht zu 100 Prozent durchspielen, weil wir müssten dich intubieren. Wir müssten dich in Narkose legen, dir einen Tubus legen, und alles das können wir nicht machen.

Me: Also, wir können das schon, aber.

Ma: Ungünstig, ungünstig, also das wäre rein theoretisch der Ablauf. Okay.

BG: Melanie, können Sie mir bitte noch erklären, wie nachher die Übung ablaufen wird?

Me: Also, der Notfallsanitäter hat die Übung ausgeplant, auch die Verletzungsmuster festgelegt und hat dem restlichen Team aber nichts davon gesagt, was für Verletzungsmuster sie vorfinden werden. Wenn die Leute hier fertig geschminkt sind, fahren die wieder in die Role 1 zurück und bekommen dann über Telefon eine Alarmierung. Der Notfallarzt, der BATBeweglicher Arzttrupp-Arzt, der dort sitzt, arbeitet dann im Endeffekt die Informationskette, die Meldekette, ab und dann kommen alle hierher gefahren. Und bis auf den Notfallsanitäter und die Nurse von den Niederländern, die jetzt hier sind und schminken, weiß niemand was über die Verletzungsmuster. Das heißt das wird eine wilde Überraschung für die.

BG: Und die machen dann eine Triage. Und wie läuft so eine Triage ab?

Me: Es ist im Endeffekt eine Sichtung des Patienten, die nicht länger als 20 bis 30 Sekunden dauern sollte, wo ein kurzer Bodycheck gemacht wird vom Triage-Arzt, der dann festlegt: Okay, das Verletzungsmuster ist so und so schwer. Ich habe hier einen Schwerverletzten, also einen roten Kategorie Alpha Patienten. Oder ich habe einen, der zwar ein manifestes Verletzungsmuster hat, aber noch so stabil ist, dass der erstmal mit der Behandlung warten kann. Das wäre dann der Gelbe, also der Kat Bravo Patient, oder aber es ist ein leicht Verletzter, wie zum Beispiel ein Armbruch oder eine leichte Brandwunde oder eine Kopfplatzwunde. Das sind grüne Patienten, das sind die Kat Charlie Patienten. Und so kategorisiert er das durch. Und dann fängt die Behandlung im Endeffekt an. 

Atmo: (Schmerzlaute)

BG: Was genau machst du jetzt?

Ma: Ich lege jetzt einen Zugang, um den Flüssigkeitshaushalt etwas zu stabilisieren und des Weiteren, um ihm Schmerzmittel zu geben, um den weiteren Transport so angenehm wie möglich für ihn zu gestalten.

Atmo: (Stöhnen, Schmerzlaute) Ja, ja.

BG: Das war jetzt das Desinfektionsmittel. Und jetzt kommt gleich die Nadel, richtig?

Ma: Ja, genau, so ist es richtig.

BG: Und was hat er jetzt auf der Brust liegen bei den Verbrennungen?

Ma: Das ist ein Brandwundentuch der Holländer. Um das Ganze etwas angenehmer für ihn zu gestalten und die Wunde abzudecken.

BG: Jetzt als Training für Sie und auch den Arzt: Wie wichtig ist das? Also, kommt wirklich auch dieses Adrenalin, dieser Adrenalinschub, dann deutlicher, als wenn man anders übt? Wenn das so eine richtig realitätsnahe Übung ist?

Ma: Natürlich ist der Stressfaktor noch mal ein ganz anderer. Ja, wenn da wirklich ein Patient, ein simulierter Patient, vor mir liegt, mich anschreit, und auch von mir Hilfe verlangt. Natürlich macht das mehr Stress, der Adrenalinspiegel steigt automatisch. Das ist völlig normal. Aber man muss halt dann so professionell sein und einfach mit ihm zusammenarbeiten. Und wenn ich merke, dass ein Part, egal welcher es ist, einfach einen Tunnelblick entwickelt, ist es von jedem von uns die Aufgabe, den anderen anzugucken und zu sagen: Beruhig dich, wir schaffen das. 

Atmo: Kannst du ein bisschen mithelfen mit dem Bein? Ja. Welches? Mit beiden. (Schmerzenlaut) Genau. Ich stütze den Oberkörper, und wir rutschen da rein. Auf drei. Okay: Eins, Zwei, Schieben, schieben, schieben. So. (Schmerzenslaut) Was machst du mit mir? Ich guck mir jetzt erst mal deine Wunden an, okay?

BG: Nach gut einer halben Stunde ist die Übung vorbei. Die Verwundeten sind versorgt und sind auch fertig zum Abtransport, und Oberfeldarzt Melanie gibt der Truppe ein erstes Feedback.

Me: Die Abläufe waren gut. Am Anfang habt ihr direkt in der Gefahrenzone geparkt, aber das habt ihr korrigiert. Das fand ich gut. Also, ihr habt euch erst mal selbst in Sicherheit gebracht. Dann ist mir aufgefallen, die Docs haben Material geschleppt, statt mit dem Sichten anzufangen. Da habt ihr zwei Minuten verschwendet, aber ansonsten alles, was danach gekommen ist, gibt's keine Mängel, keine Mängel. Perfect! 

Atmo: (Applaus)

BG: Melanie, wie zufrieden sind Sie mit der Übung?

Me: Sehr, sehr. Das war fachlich richtig, richtig gut. Kleinigkeiten, die vielleicht nicht gepasst haben, die aber im Übungsszenario völlig normal sind, wenn man das zum ersten Mal übt. Aber ich bin mega zufrieden. Das war eine geile Übung.

BG: Das ist klasse. Und auch was die Zusammenarbeit angeht: Ich hatte den Eindruck, das ist, als wären das eingespielte Teams. Also jetzt schon.

Me: Kommunikation, astrein. Und das ist das Wichtigste. Da, wo Not am Mann war, ist einer hingesprungen, hat geholfen. Also die Abläufe waren wirklich sehr, sehr gut. Das war multinational ja das Ziel, dass wir mit den Niederländern tatsächlich eine Übung mal durchspielen und gucken, wie funktioniert das auf Englisch, auf Deutsch, die Kommunikation, helfen wir einander. Und das ist wirklich sehr, sehr gut gelaufen.

BG: Ganz herzlichen Dank. Super, das freut mich. Dankeschön! Das war's für heute mit dem Funkkreis. Hier ist Barbara Gantenbein aus der Redaktion der Bundeswehr, diesmal in Sliac und mit ganz viel Generatoren im Hintergrund. Und ich melde mich ab bis zum nächsten Mal. Tschüss.