60 Jahre Sturmflut

Hamburg 1962: Erster Hochwasser-Katastropheneinsatz der Bundeswehr

Hamburg 1962: Erster Hochwasser-Katastropheneinsatz der Bundeswehr

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Ort:
Berlin
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Freitag, der 16. Februar 1962. Bereits am Vormittag nähert sich der Orkan „Vincinette“ der deutschen Nordseeküste. Während er über Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein hinwegbraust, drückt er immer größer werdende Wassermassen auf der Elbe Richtung Hamburg. Trotz Sturmwarnungen werden die Bewohner in der Nacht von der Flut überrascht.

Schwarz-Weiß-Aufnahme: Ein Hubschrauber fliegt über Häuser in einem Hochwassergebiet

Helikopter sind ein unverzichtbares Hilfsmittel während der Sturmflut im Februar 1962. Sie retten und versorgen eingeschlossene Überlebende und ermöglichen eine Gesamteinschätzung der Lage, was die Koordinierung der Einsatzkräfte erleichtert.

Bundeswehr

Hamburg „Land unter“: Zehntausende abgeschnitten

Gegen 12 Uhr nachts brechen die Deiche der Hansestadt an mehreren Stellen. Innerhalb kürzester Zeit werden rund 20 Prozent der gesamten Stadtfläche Hamburgs überflutet. Am schwersten betroffen ist der Stadtteil Wilhelmsburg, der mitten in der Metropole liegt. Drei Stunden später ist der Pegel bereits 5,70 Meter über den normalen Wasserstand gestiegen. Von der Außenwelt komplett abgeschnitten und auf sich allein gestellt, retten sich Zehntausende Menschen auf die Dächer ihrer Häuser oder auf Bäume. Neben dem Wasser wird nun auch die Kälte der Februarnacht zur tödlichen Bedrohung.

Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe kommen die zivilen Institutionen wie Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Polizei schnell an ihre Grenzen. Straßen sind unbefahrbar, Wasser-, Gas-, Strom- und Telefonleitungen unterbrochen. Die zur Verfügung stehenden Mittel und Geräte reichen bei weitem nicht aus, um allen akut Bedrohten zu helfen. An eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und warmer Kleidung ist schon gar nicht zu denken. In der aussichtslos scheinenden Situation schlägt die Stunde des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt.

„Rettende Engel“: Über 40.000 Soldaten im Hilfseinsatz

Schmidt, als ehemaliger Bundestagsabgeordneter, Verteidigungsexperte und Hauptmann der Reserve auch mit den Spitzen von Bundeswehr und NATO bestens vernetzt, nimmt das Zepter in die Hand. In vielen persönlichen Telefonaten und Telegrammen bittet er um schnelle Hilfe für seine in höchste Not geratene Heimatstadt.

Und sie kommt: Allein mehr als 40.000 Bundeswehrsoldaten stehen mit Hubschraubern, Booten und Fahrzeugen im tagelangen Dauereinsatz. Die Aufgaben sind vielseitig: Vorrangig werden von den Fluten eingeschlossene Menschen und Tiere aufgespürt, gerettet und mit dem Nötigsten versorgt. Parallel dazu müssen Dämme geflickt und Leichen geborgen werden.

Schwarz-Weiß-Aufnahme: Soldaten bauen mit Sandsäcken und Holzstämmen einen Damm

Noch während des Sturmes versuchen Tausende Soldaten der Bundeswehr, mit Sandsäcken die Deiche zu stabilisieren und Wassereinbruchstellen wieder zu schließen. Neun von ihnen verlieren während des Hilfseinsatzes ihr Leben.

Bundeswehr
Schwarz-Weiß-Aufnahme: Junge Männer und Soldaten laden Schutt von der Ladefläche eines Lkw

Nachdem der Sturm abgeflaut und das Wasser aus dem Stadtgebiet abgeflossen ist, beginnen die Aufräumarbeiten in Hamburg. Einheimische Jugendliche und Soldaten laden von der Flut mitgeschwemmten Schrott von Bundeswehr-Lastkraftwagen.

Bundeswehr/Strack

Insbesondere die eingesetzten Militärhubschrauber werden zum Hoffnungsschimmer der Hamburgerinnen und Hamburger. In teils halsbrecherischen Flugmanövern nehmen die „rettenden Engel“ allein am ersten Tag der Fluthilfe 400 Wartende von Hausdächern und aus Baumkronen auf und bringen sie in Sicherheit, oft mit nur wenigen Metern Abstand zu Wänden und gespannten Stromleitungen. Gleichzeitig lindern sie mit über 20.000 Litern Trinkwasser, 10.000 Litern Milch, 5.000 Broten, 400 Kilo Kartoffeln, unzähligen Notnahrungspaketen, Decken, Gaskochern und Kleidungsstücken die erste Not.

Bilanz: Erster Einsatz der Bundeswehr im Inland

Die Bilanz der Sturmflut 1962 ist erschreckend. Insgesamt sterben 340 Menschen, davon allein 315 in Hamburg. Darunter sind neun helfende Soldaten. Etwa 20.000 Hamburger Bürgerinnen und Bürger werden obdachlos und wohnen längere Zeit in Notunterkünften. Einige Hundert verlieren ihre Wohnung für immer.

Die Kosten für den Ersatz des verlorenen oder beschädigten Privateigentums sowie für die Instandsetzung und den Wiederaufbau der Infrastruktur lassen sich schwer in Zahlen fassen. Ohne den schnellen, damals aber verfassungsrechtlich nicht vorgesehenen Einsatz der Streitkräfte im Inland wären sicherlich noch mehr Tote zu beklagen gewesen. Schmidt räumt später ein, er habe mit bis zu 10.000 gerechnet.

Über eine Menschenkette befördern Soldaten und Zivilisten zerstörte Gegenstände aus einem Haus auf einen Schuttberg

2021 – Die Bundeswehr im Amtshilfeeinsatz nach der Sommerflut. Soldatinnen und Soldaten bilden mit zivilen Helfenden eine Menschenkette, um Einrichtungsgegenstände aus einem Wohnhaus auf einen der vielen Trümmer- und Schuttberge aufzutürmen.

Bundeswehr/Ralf Keller

Das Ansehen der Bundeswehr, das in der jungen Republik eher zwiegespalten ist, steigt mit dem Katastropheneinsatz. Aber erst 1968 legen durch eine Grundgesetzänderung die sogenannten Notstandsgesetze einen rechtlichen Rahmen fest, in dem die Bundeswehr im Inland eingesetzt werden darf. Zwar liegt die Kompetenz zum Einsatz der Streitkräfte weiterhin beim Bund, die Länder können jedoch im Rahmen der Amtshilfe um Unterstützung bitten.

Diese wird bis heute, aktuell bei der Corona-Hilfe oder jüngst bei der Sommerflut 2021, immer wieder in Anspruch genommen. Helmut Schmidt selbst wird später als Verteidigungsminister und Bundeskanzler noch großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Bundeswehr haben.

von Fabian Friedl

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