Interview

„Keine Armee kann sich Ausfälle leisten, die sie nicht haben müsste.“

„Keine Armee kann sich Ausfälle leisten, die sie nicht haben müsste.“

  • Einsatzausbildung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Die israelischen Streitkräfte bilden ihre Soldatinnen und Soldaten seit einem Jahrzehnt in psychologischer Kameradenhilfe aus. Oberfeldarzt Heinrich Rau hat das israelische Konzept auf die Bundeswehr übertragen.

Eine Porträtaufnahme von Oberfeldarzt Rau

Oberfeldarzt Heinrich Rau hat das Konzept der psychologischen Kameradenhilfe der israelischen Streitkräfte an die Bundeswehr angepasst

Bundeswehr/Tom Twardy

Das Konzept der psychologischen Kameradenhilfe stammt von den israelischen Streitkräften. Dort wird es seit 2014 erfolgreich in der Truppe, im Zivil- und auch Katastrophenschutz umgesetzt und ist unter dem Namen „Schutzschild“ inzwischen in die Grundausbildung aller Rekrutinnen und Rekruten integriert. Die deutsche Adaption B.E.S.S.E.R wurde gemeinsam vom Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin und vom Psychologischen Dienst der Bundeswehr entwickelt. Federführend war Oberfeldarzt Heinrich Rau.

Rau leitet als Oberarzt die Station Psychiatrische Akutbehandlung im Psychotraumazentrum. Hier therapiert er psychisch erkrankte Soldatinnen und Soldaten sowie vereinzelt auch zivile Patientinnen und Patienten. Vor seiner Facharztausbildung zum Psychiater war Rau unter anderem als Rettungsmediziner in Kosovo und Afghanistan im Auslandseinsatz.

Was bedeutet psychologische Kameradenhilfe? 

Psychologische Kameradenhilfe ist eine Art psychische Erste Hilfe im Gefecht. Bei Schockzuständen wirkt sie unmittelbar in der Lage. Das bedeutet: Über sechs Schritte wird ein Soldat, der in einer Gefechtssituation nicht mehr ansprechbar ist, in seine Einsatzrolle zurückgeführt. Ziel ist, die Kampfbereitschaft wiederherzustellen und den Auftrag fortzuführen. Es gibt auch Hinweise, dass durch eine sofortige psychologische Intervention in emotionalen Belastungssituationen Traumafolgeerkrankungen wie PTBSPosttraumatische Belastungsstörung verhindert werden können. Für eine fundierte Bewertung fehlt hier jedoch noch die Datenlage. 

In sechs Schritten? Wie funktioniert das?

Mit B.E.S.S.E.R. Das Kürzel steht für Binden, Einstehen, Sprechen, Stabilisieren, Engagieren und Rückführen. Jeder einzelne Schritt dient dazu, die psychische Normalität sukzessive wiederherzustellen. Denn bei einer Einsatzstressreaktion überlagert der emotionale Teil des Gehirns, die Amygdala, das logisch denkende Frontalhirn. Die Betroffenen fühlen sich isoliert und hilflos. Über persönliche Ansprache signalisiert der helfende Soldat Unterstützung und aktiviert über Fragen das logische Denken. 

Zum Beispiel: Erst wird nach Namen und Dienstgrad gefragt, dann nach dem Brotaufstrich beim Frühstück und schließlich nach dem Geburtstag der Schwiegermutter. Danach wird der Betroffene aufgefordert, den Auftrag wiederzugeben und Routinetätigkeiten durchzuführen, beispielsweise die Sicherheitsüberprüfung der eigenen Waffe. Zuletzt wird die Rollenfunktion wiederhergestellt. Das heißt, der Soldat kann seine Aufgabe im Team wieder übernehmen. Er ist wieder einsatz- und gefechtsbereit, sodass der gemeinsame Auftrag fortgesetzt werden kann. 

Das klingt aufwendig. Ist BESSER in einer Gefechtssituation überhaupt realistisch anwendbar? 

BESSER ist sogar darauf ausgelegt, unter Beschuss angewendet zu werden, um die Zeit außer Deckung zu vermindern und eingefrorene Einsatzkräfte in Sicherheit zu bringen. Die gesamte Intervention dauert nur zwei bis fünf Minuten. Zudem ist B.E.S.S.E.R eine Jedermanns-Kompetenz: schnell zu erlernen, einfach umsetzbar, mit sehr hohem Wirkungsgrad. Die überwiegende Mehrheit der Schockreaktionen in Gefechtssituationen lassen sich durch psychologische Kameradenhilfe auflösen. Das zeigen die Erfahrungen der israelischen Streitkräfte.

Ein Soldat verdeckt sich die Augen, weitere Soldaten befinden sich im Hintergrund. In der Luft befindet sich eine Staubwolke.

Einfrieren oder Kopflosigkeit: Ein seelischer Schock kann dazu führen, dass ein Soldat in einer Gefechtssituation handlungsunfähig wird.

Bundeswehr/Kai La Quatra
Zwei Soldaten sitzen im Gelände auf dem Boden, reichen sich dabei die Hände und sprechen miteinander

Verbindung herstellen: Über die psychologische Kameradenhilfe wird der betroffene Soldat – hier bei einer Übung im Rahmen der BESSER-Ausbildung – aus seiner Isolation und Hilfslosigkeit zurück in seine militärische Rolle geführt.

Bundeswehr/Anne Weinrich

Die Einsatzsituation der israelischen Streitkräfte ist aber nicht mit der Bundeswehr vergleichbar. Warum braucht die Truppe psychologische Kameradenhilfe? 

Keine Armee kann sich Ausfälle leisten, die sie nicht haben müsste. Zumal die Versorgung jedes verletzten Soldaten immer mindestens einen weiteren Soldaten als Helfenden bindet. Das gilt auch für psychische Verletzungen. Im Zweifel bedeutet das, dass ein Auftrag nicht ausgeführt werden kann. 

Außerdem greift hier Fürsorgegedanke: Wenn es eine einfache Methode gibt, Menschen in psychischen Extremsituationen zu unterstützen und Folgeerkrankungen vorzubeugen, gibt es keinen Grund, diese nicht anzuwenden. Aus Sicht der Betroffenen – und der Mission – ist es viel sinnvoller, jemanden in seine Rolle zurückführen, als ihn aus der Situation zu nehmen. Denn aus den Einsätzen in Afghanistan und Kosovo wissen wir, dass Soldaten, die aufgrund eines kurzzeitigen psychologischen Schockzustandes zurück in die Heimat geflogen wurden, nachträglich Schuld- und Versagensgefühle bis hin zur PTBSPosttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Eine Bewältigung vor Ort mithilfe der Kameraden hätte solchen Schuldgefühlen die Grundlage entzogen.  

Ein dritter Punkt ist, dass wir Hilflosigkeit vermeiden. Wie viele Menschen zögern, im Alltag Erste Hilfe zu leisten, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen und dann gar nichts tun. Bei der Bundeswehr ist es selbstverständlich, dass Einsatzkräfte als notfallmedizinische Ersthelfer qualifiziert sind. Auch psychische Erste Hilfe leisten zu können, gibt den Soldatinnen und Soldaten Sicherheit, angemessen reagieren zu können. Das ist auch das Feedback aus den B.E.S.S.E.R-Lehrgängen.

Warum beschäftigt sich die Bundeswehr erst jetzt mit psychologischer Kameradenhilfe?

Ideen zur psychologischen Kameradenhilfe gibt es bereits seit rund 20 Jahren in der Bundeswehr. Aber damals waren psychische Einsatzbelastungen einfach noch kein Thema. Das hat sich gewandelt. Zudem haben Selbst- und Kameradenhilfe in der Landes- und Bündnisverteidigung einen anderen Stellenwert als im internationalen Konflikt- und Krisenmanagement. Wenn Gefechte in Brigadestärke geführt werden, steigt entsprechend auch die Zahl der Betroffenen. Schnelle Hilfe ist dann wesentlich – für den Einzelnen und die Einsatzbereitschaft.

Deswegen werden derzeit auch alle für die NATO-Eingreiftruppe VJTFVery High Readiness Joint Task Force Einsatzkräfte in B.E.S.S.E.R geschult. Die Gefechtsverbände wollen auf den Ernstfall vorbereitet sein und die Kameradenhilfe – ob notfallmedizinisch oder psychologisch – gibt den Soldatinnen und Soldaten die Sicherheit, sich gegenseitig den Rücken stärken zu können.

von Simona Boyer

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