Interview: Exzesse im Krieg

Interview mit Frau Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel: Appetitive Gewalt

Interview mit Frau Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel: Appetitive Gewalt

  • Konflikt- und Krisenmanagement
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Ganz normale Menschen können in kriegerischen Konflikten Freude an Gewalt entwickeln, sagt Frau Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel. Ein Gespräch über appetitive Gewalt, wie sie Gewaltspiralen und Gräueltaten begünstigen kann und warum das Konzept der Inneren Führung Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vor Eskalationen und Exzessen schützt.

Eine Soldatin im Porträt

Frau Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel hat nach einer Erklärung für Gewaltexzesse in militärischen Konflikten gesucht

Bundeswehr

Frau Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel dient als Taucherärztin im Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine (EAZSM) in Neustadt/Holstein und absolviert ihre Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. 

Seit 2009 bei der Bundeswehr, war sie nach ihrem Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie in der Notaufnahme am Bundeswehrkrankenhaus Berlin tätig. Als Taucherärztin begleitet sie seit 2020 Tauchvorhaben der Deutschen Marine und ist für die tauchmedizinische Lehre in Neustadt zuständig. Hier bietet von Stülpnagel Unterricht zur Stressreduktion für Taucher an, in denen Angstbewältigung und die Vermeidung von Panikreaktionen bei gefährlichen Situationen unter Wasser gelernt und geübt werden. Derzeit ist die 32-jährige Mutter zweier Kinder in Elternzeit.

Was ist appetitive Gewalt? 

Den Begriff der appetitiven Aggression, der Lust an der Gewalt, ist nicht neu. Geprägt wurde er von einer Forschergruppe, die Gewaltexzesse in afrikanischen Konflikten untersucht hat. Lust ist hierbei nicht als sexueller Lustgewinn zu verstehen. Im psychodynamischem Kontext wird Lust gleichbedeutend mit Freude verwendet, also dem Streben nach einem positiven Gefühl. Appetitiv bedeutet somit, dass Gewaltausübung ein Gefühl der Freude auslöst – ein großes gesellschaftliches Tabu. Denn Gewalt ist eher mit negativen Gefühlen verknüpft: Angst, Panik, Fluchtgedanken. Nur in Notwehrsituation wird Gewalt als angemessen und moralisch gerechtfertigt empfunden.

Was macht appetitive Gewalt so gefährlich?

Wenn Menschen Gewalt als appetitiv erfahren, löst jede Gewaltanwendung gegen andere einen glücklich machenden Endorphin-Schub aus. Von Suchterkrankungen wissen wir, dass Reize immer heftiger werden müssen, um einen ähnlich hohen Endorphin-Ausstoß – den gleichen Kick – zu erzeugen. Das scheint auch für appetitive Gewalt zu gelten.

Untersuchungen bei Kriegern aus Burundi, Kongo und Ruanda haben gezeigt, dass es hier eine Evolution der Taten gibt. Hat jemand erstmals Freude bei der Gewaltausübung empfunden, begibt er sich immer wieder in Situationen, die Gewalt gegen andere ermöglichen. Und die Taten selbst werden immer grausamer.

Neigen Soldatinnen und Soldaten eher zu Gewalt?

Soldatinnen und Soldaten sind Menschen. Jeder Mensch kann in eine Situation gebracht werden, in der er Gewalt anwendet, zum Beispiel, um sich oder seine Familie zu verteidigen. Ich halte Soldatinnen und Soldaten dabei nicht für grundsätzlich gewaltbereiter als andere. Sie haben aber einen besonderen Beruf, in dem sie eher in Situationen geraten, die Gewalt bis hin zum Töten erfordert. 

Jeder Mensch erlebt dabei das erste Töten als tief erschütternd – auch wenn es zur Selbstverteidigung oder zum Schutz der Kameradinnen und Kameraden geschieht. Aber die Wiederholung der Gewalt, die in einem kriegerischen Kontext erforderlich ist, birgt eben die Gefahr, dass sich appetitive Gewalt entwickelt.

Was kann zu Gewaltexzessen im Krieg führen?

Je länger die Bedrohungssituation anhält, desto größer wird das Risiko, dass appetitive Gewalt entsteht und es zu Gräueltaten kommt. Aber das allein genügt nicht. Denn in uns gibt es einen riesigen inneren Widerstand, gegen erlernte Moralvorstellungen und gesellschaftliche Normen zu verstoßen. 

Deswegen wird appetitive Gewalt immer auch ideologisch untermauert. Der Gegner wird entmenschlicht, beispielweise als Ungeziefer bezeichnet, das vernichtet werden muss. Elementare Menschenrechte werden so verneint, weil es sich beim Feind nicht um Menschen handle. 

Zugleich wirken diese Ideologien identitätsstiftend. Die offizielle Auszeichnung von Soldatinnen und Soldaten, die Gräueltaten begangen haben, ist dabei besonders perfide. Sie legitimiert Grausamkeiten außer Kontrolle geratener Kämpfer und Soldaten nicht nur moralisch. Sie ist zugleich eine Botschaft an die Zivilbevölkerung: Jede und jeder kann Opfer werden.

Was tut die Bundeswehr, um Gewaltexzesse zu vermeiden? 

Ein ganz wichtiger Punkt ist aus meiner Sicht das Konzept der Inneren Führung. Vom ersten Tag ihrer Ausbildung an wird den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr deutlich gemacht, dass sie immer auf der Basis und in den Grenzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung agieren. Moral und Werteverständnis sind Teil des soldatischen Selbstverständnisses. 

Jeder und jedem in der Bundeswehr ist klar, dass wahlloses Töten von Zivilistinnen und Zivilisten, Vergewaltigen und Foltern verbrecherisch sind. Und es besteht die Pflicht, einen derartigen Befehl zu verweigern, wenn er denn erginge. Ich halte Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr daher grundsätzlich für gefeit gegen Gewaltexzesse. 

Der Afghanistaneinsatz war beispielsweise prädestiniert für Gräueltaten. Die andauernde Unsicherheit und Bedrohungslage, das isolierte Agieren weniger Soldatinnen und Soldaten bei einzelnen Missionen, teils auch ungesunde Gruppendynamiken hätten den Boden dafür geboten. Doch Gewaltexzesse gab es nicht. Das ist das Verdienst der Inneren Führung.

Wieso beschäftigten Sie sich mit appetitiver Gewalt?

Ausgelöst hat das die Frage einer Twitter-Nutzerin angesichts der Gräueltaten im Ukrainekrieg: Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Junge Soldatinnen und Soldaten, keine Söldner, sondern Menschen wie du und ich. Meine Recherchen dazu haben mich zu verschiedenen Studien zu appetitiver Gewalt in militärischen Konflikten geführt. 

Noch mehr beschäftigt mich aber das psychiatrische Krankheitsbild der moral injuries, also moralische Verletzungen, die entstehen, wenn wir Menschen in Not sehen, ihnen aber nicht helfen können oder sogar die Rettung verweigern müssen. Den Eindruck, dass Menschen in Deutschland vor allem Luxusprobleme haben, bringen viele Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten aus ihren Auslandseinsätzen mit.

Auch ein Gefühl der Hilfslosigkeit angesichts menschlichen Elends ist normal und kann in den für Einsatzkräfte üblichen Einsatznachbereitungsseminaren aufgefangen werden. Eine moral injury löst dagegen massive Schuldgefühle aus, die schwer zu therapieren sein können.

von Simona Boyer