Erstligareif: Bundeswehr präsentiert sich bei Hertha-Spiel

Erstligareif: Bundeswehr präsentiert sich bei Hertha-Spiel

  • Bundeswehr und Gesellschaft
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Der große Augenblick steht kurz bevor. Siebzehn Kinder im Grundschulalter stehen Spalier vor dem Spielertunnel. Sie tragen die blauweißen Trikots von Hertha BSC, halten Fahnen in den Händen. Aufgeregt trippeln sie herum, ihre Blicke wandern Richtung Tunnel. Endlich kommen sie aufs Feld gelaufen: die Spieler von Werder Bremen und von Hertha BSC. 58.000 Zuschauer im Olympiastadion begrüßen die Bundesligisten mit tosendem Applaus. Ein beeindruckender – vielleicht auch einmaliger – Moment für die Kinder am Spielfeldrand. Ihre Trikots und ihre Fahnen dürfen sie zur Erinnerung behalten.

Spalierkinder im Stadion

Gleich geht’s los: Vor dem Anpfiff herrscht bei den Spalierkindern der Bundeswehr ausgelassen Stimmung – obwohl sie alle gerade auf einen Elternteil verzichten müssen, weil dieser im Auslandseinsatz ist.

2020 Bundeswehr / Jonas Weber

Alle siebzehn Kinder müssen im Moment auf ihre Mutter oder ihren Vater verzichten. Es sind die Kinder von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die im Auslandseinsatz sind. Sie und ihre Angehörigen – insgesamt mehr als 100 Menschen – wurden vom Familienbetreuungszentrum Berlin eingeladen. Schon Stunden vor dem Anpfiff hatten sie sich in der Julius-Leber-Kaserne getroffen, Neuigkeiten ausgetauscht und gemeinsam Mittag gegessen . Drei Busse hatten sie zum Stadion gebracht.

Partnerschaft mit dem Hauptstadtklub

Die Bundeswehr und Hertha BSC verbindet eine langjährige Zusammenarbeit. Der Verein unterstützt die Truppe, wo es geht: Regelmäßig werden Soldatinnen und Soldaten zu Spielen des Hauptstadtklubs geladen, können die Jugendakademie und die Trainingseinrichtungen des Vereins besichtigen. Ein besonders großes Herz hat der Klub für die Kinder von Bundeswehrangehörigen. Dafür war Hertha BSC vor drei Jahren mit dem Preis „Bundeswehr & Gesellschaft“ ausgezeichnet worden.

Verteidigungsministerin AKK bei ihrer ersten Regierungserklärung
Die Bundeswehr gehört erkennbar und sichtbar in die Mitte unserer Städte und Gemeinden

Heute wird das nächste Kapitel der gar nicht so ungewöhnlichen Beziehung geschrieben: Hertha BSC geht eine Partnerschaft mit dem Ubootgeschwader aus Eckernförde ein, Klub und Bundeswehrverband werden sich künftig gegenseitig unterstützen. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und Fregattenkapitän Timo Cordes – Kommandeur des Geschwaders – besiegeln die Partnerschaft auf der Tartanbahn des Olympiastadions. „Das ist definitiv ein besonderer Tag für uns“, sagt Cordes hinterher. „Einen Ankerpunkt in der Gesellschaft zu haben, so in Erscheinung treten zu können: das ist eine tolle Sache.“

Die Bundeswehr sichtbar machen

Verteidigungsministerin AKK im Gespräch beim Bundesligaspiel Hertha BSC gegen SV Werder Bremen

Höchste Konzentration: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer lässt sich am Stand des UBootgeschwaders Eckernförde die Funktionsweise eines U-Bootes erklären.

2020 Bundeswehr / Jonas Weber

Verteidigungsministerin AKK hatte schon bei ihrer Antrittsrede im vergangenen Sommer angekündigt, dass sie die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft sichtbarer machen wolle. Seitdem hat die Ministerin mehrere Initiativen angestoßen: Uniformierte können seit Anfang des Jahres kostenfrei mit dem Zug fahren, seit letztem Jahr wird auch der Gründungstag der Bundeswehr am 12. November mit Gelöbnissen in der Öffentlichkeit begangen – unter anderem vor dem Reichstag in Berlin. Ehrensache, dass die Ministerin heute auch im Stadion ist: „Fußball ist ein Teil von Deutschland, kommt aus der Mitte der Gesellschaft – genau wie die Bundeswehr“, sagt sie in der Halbzeitpause. Die Partnerschaft mit Hertha BSC sei ein Zeichen der Anerkennung für die Bundeswehr.

„Deshalb ist es schön, heute hier zu sein.“

Die Bundeswehr bezieht ihre Legitimität als Parlamentsarmee aus der Akzeptanz der Bevölkerung. Nur mit einer solidarischen Gesellschaft im Rücken können die „Staatsbürger in Uniform“ ihre schwierige Arbeit erledigen. Studien kommen aber zu ambivalenten Ergebnissen: Einerseits stehen drei von vier Bürgerinnen und Bürgern der Truppe positiv gegenüber – andererseits kommen sie eher selten mit ihr in direkten Kontakt. Auch ist die Hälfte der Menschen der Meinung, dass die Bundeswehr sich mehr um einen guten Draht zur Zivilgesellschaft bemühen könnte.

Rückhalt für die Streitkräfte erzeugen

Und genau das passiert heute um Olympiastadion. Ein Karrieretruck ist vorgefahren, Jugendoffiziere stehen für Fragen zur Verfügung, im VIP-Bereich präsentieren sich verschiedene Einheiten mit Berlin-Bezug wie zum Beispiel das Wachbataillon oder die Crew des Einsatzgruppenversorgers „Berlin“ der Marine. Es geht darum, mit den Fußballfans ins Gespräch zu kommen, die Bundeswehr selbstbewusst und bürgernah zu vertreten. Die Botschaft ist klar: Soldatinnen und Soldaten sind normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft – und als solche wollen sie auch wahrgenommen werden.

Eine Frau im Porträt

Sophie Kaufhold genießt die Stadionatmosphäre. Ihr Mann ist seit zehn Tagen im Einsatz in Afghanistan.

2020 Bundeswehr / Jonas Weber

Im Stadion sind sie jedenfalls schwer zu übersehen. Außer den Soldatenfamilien sind noch mehrere hundert weitere Bundeswehrangehörige gekommen, teils in Uniform, teils in zivil. Von Block 25.1 aus feuern sie ihre favorisierte Mannschaft an. Viele genießen auch einfach nur die Stadionatmosphäre – wie Sophie Kaufhold, deren Mann vor zehn Tagen in den Einsatz nach Afghanistan gegangen ist. „Ich bin vor allem aus Neugier hier, möchte mich mit Menschen in ähnlicher Situation austauschen“, sagt die Lehrerin. Zwar hätten ihr Mann und sie überwiegend positive Erfahrungen mit ihren Mitmenschen gemacht, wenn es um den Beruf ihres Mannes gegangen sei. Gerade in ihrer Wahlheimat Berlin spüre sie aber bisweilen Vorbehalte gegen die Bundeswehr. Es gebe viel Unwissenheit, auch weil es wenig Berührungspunkte zwischen Militär und Gesellschaft gebe. „Die Soldaten machen einen wichtigen Job für das Land“, so Kaufhold. „Da muss man mehr Aufklärungsarbeit leisten.“ Das ist der Bundeswehr an diesem Samstag in Berlin gelungen. Sie hätten viel Zuspruch bekommen, heißt es von Soldaten, die in Uniform ins Stadion gegangen waren. Das Spiel zwischen Hertha BSC und Werder Bremen endet übrigens mit einem 2:2-Unentschieden, die Berliner konnten einen frühen Rückstand aufholen. Auf dem Fußballplatz gibt es heute als keinen Sieger. Auf den Rängen des Olympiastadions, bei den Bundeswehrangehörigen, ist es genau andersrum: Heute sind sie alle Gewinner.

von Timo Kather

Impressionen: Die Bundeswehr beim Bundesliga-Spiel