„Manche Medikamente sind Mimosen“: Medizinlogistik für die NATO Response Force

„Manche Medikamente sind Mimosen“: Medizinlogistik für die NATO Response Force

  • NATO Response Force
  • Sanitätsdienst
Datum:
Ort:
Quakenbrück
Lesedauer:
4 MIN

Vom Antibiotikum bis zum Röntgengerät: Die Sanitätsmateriallogistik aus Quakenbrück (Niedersachsen) sorgt dafür, dass die sanitätsdienstlichen Einsatzkräfte der schnellen Eingreiftruppe, der NATO Response Force, im Alarmierungsfall alles zur Verfügung haben, um verletzte oder erkrankte Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vor Ort zu behandeln.

Zwei Soldaten schieben einen Verwundeten auf einer Trage in ein Militärfahrzeug mit Sanitätskreuz.

Notarzt für die Einsatzkräfte: Bewegliche Arzttrupps (BATBeweglicher Arzttrupp) retten und versorgen verletzte und verwundete Soldaten im Feld (Symbolfoto)

Bundeswehr/Sebastian Wilke

„Wir füllen den Rezeptblock der Ärztinnen und Ärzte mit Leben – ob in der Heimat oder im Einsatz“, sagt Flottenapotheker Martin Pape, der das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum für Sanitätsmaterial (VersInstZ SanMat), also die Bundeswehrapotheke in Quakenbrück, leitet.

Von hier aus werden nicht nur Corona-Impfstoffe für ganz Deutschland umgeschlagen. Auch das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede und alle Truppenärztinnen und Truppenärzte in Norddeutschland sowie die Bundeswehrapotheke Wilhelmshaven einschließlich aller Auslandseinsätze der Marine werden von den Quakenbrückern mit Arzneimitteln, Medizinprodukten und -geräten ausgestattet.

Seit Jahresanfang 2022 sind die Bundeswehrapotheke und die Sanitätsstaffel Sanitätsmaterialversorgung Einsatz (SanStff SanMatVers Eins) Quakenbrück zusätzlich als nationaler Unterstützungsverband für die schnelle Eingreiftruppe NATO Response Force (NRFNATO Response Force) geplant. In den kommenden drei Jahren sorgen  sie dafür, dass – sollte die NRFNATO Response Force aktiviert werden – der Sanitätsdienst im Einsatzraum alles zur Verfügung hat, um die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vor Ort zu behandeln.

NRFNATO Response Force-Kampfverbände: Sanitätskräfte fahren immer mit

„Jeder Soldat, der im Einsatz erkrankt, verletzt oder verwundet wird, soll medizinisch so betreut werden, wie es in Deutschland geschehen würde. Das gilt natürlich auch für die Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten“, erläutert Pape.

Die Kampfverbände der NATO Response Force werden daher stets von Einsatzkräften des Sanitätsdienstes begleitet. Diese – ob Forward Surgical Element mit notfallchirurgischer Versorgung, beweglicher Arzttrupp (BATBeweglicher Arzttrupp) oder andere Sanitätskräfte – halten eine Kampfausstattung an Medikamenten und Verbandsmaterial vor. Auch Diagnosegeräte und Labortechnik gehören dazu.

Sind die Vorräte aufgebraucht, können sie in der Einsatzapotheke aufgefüllt werden. Die Einsatzapotheke ist ein Teil des Unterstützungspunkts Sanitätsdienst, der als logistischer Knotenpunkt, Material- und Umschlagzentrum für Sanitätsmaterial im Einsatzraum dient. Für die NATO Response Force 2022-24 stellt das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial Blankenburg dabei die logistische Unterstützung.

Zwei Soldaten in medizinischer Kleidung versorgen eine verwundete Soldatin in einem Container mit medizinischen Geräten.

Patientenschutz: Alle Soldatinnen und Soldaten sollen sich darauf verlassen können, dass sie im Einsatz auf demselben medizinischen Niveau versorgt werden, wie es in Deutschland geschehen würde (Symbolfoto)

Bundeswehr/Patrick Grüterich
Ein Soldat mit Sanitätskreuz packt in einem Zelt seinen Notfallrucksack. Hinter ihm stehen Regale mit medizinischem Material.

Abholbereit: Die Einsatzkräfte des Sanitätsdienstes können ihre Vorräte in der Apotheke eines Rettungszentrums auffüllen (Symbolfoto)

Bundeswehr/Patrick Grüterich

Antibiotika, Defibrillatoren, Schießbrillen und mehr

Die Aufgaben der Bundeswehrapotheker beschränken sich nicht allein auf die Versorgung mit Arzneimitteln wie Antibiotika, Schmerzmitteln und Medizinprodukten wie sterilen Handschuhen, Skalpellen oder Sonden-Nahrung für künstliche Ernährung nach Operationen. Auch Defibrillatoren, Röntgen-, Ultraschall- und andere Geräte werden bereitgestellt, gewartet, repariert und, wenn nötig, ausgetauscht.

Für kontinuierlichen Nachschub aus der Heimat sorgt der Basisversorgungspunkt Sanitätsmaterial, den die Bundeswehrapotheke Quakenbrück stellt. Der Basisversorgungspunkt Sanitätsmaterial funktioniert wie ein Pharmagroßhandel und kann sich auch außerhalb des Operationsgebiets oder – je nach zu überbrückender Entfernung – auch in Deutschland befinden.  Dazu Pape: „Wir sind weit mehr als eine Apotheke. So sind beispielsweise auch eine komplette Optikwerkstatt und eine Sauerstofferzeugungsanlage Teil unseres Leistungsspektrums.“

Diagnosegeräte mögen keine Schlaglöcher

Die Bandbreite der Produkte, die für die NRFNATO Response Force-Kräfte bereitgehalten werden, ist mit rund 1.600 verschiedenen Artikeln immens – mit höchst unterschiedlichen Anforderung an Transport- und Lagerbedingungen.

Entsprechend herausfordernd gestaltet sich die Logistik für diese Materialien. So können Temperaturschwankungen und Erschütterungen Medikamente unbrauchbar machen – nicht nur ein finanzieller Schaden, sondern potentiell eine Gefahr für Leib und Leben.

Ein Soldat spricht in die Mikrofone von Pressevertretern.
Martin Pape, Flottenapotheker Bundeswehr/Patrick Grüterich
„Patienten- und Produktschutz sind unsere Handlungsmaximen.”

„Manche Medikamente sind Mimosen. Einer Infusion aus Kochsalzlösung ist es egal, ob sie beim Transport durchgeschüttelt oder auf 40 Grad erhitzt wird. Doch bei einem Blutgerinnungsmittel ist unter denselben Umständen die Erfahrung des Apothekers im Einsatz gefragt: Was ist noch nutzbar, was muss vernichtet werden?“, erläutert Pape. Auch empfindliche Diagnosegeräte vertragen es nicht, „wenn man mit ihnen durch Schlaglöcher brettert“. Sauerstoff in Druckgasflaschen wiederum kann – unsachgemäß behandelt – als Brandbeschleuniger wirken oder sogar explodieren.

22 Seecontainer Erstausstattung für die Kampfverbände

Neu sind die Herausforderungen für die Medizinlogistik nicht, denn auch in den Einsätzen des internationalen Konflikt- und Krisenmanagements ist die Qualitätssicherung eine Kernaufgabe der Bundeswehrapotheken. Allerdings ist die logistische Dimension eine andere. Pape sagt: „Für Mali wird der Versand palettenweise geplant. In der NATO Response Force entspricht die Grundausstattung für Kampfverbände einem Transportvolumen von 22 20-Fuß-Seecontainern – für drei Tage.“

Vom ersten Tag an muss daher eine Nachschubkette geschaffen und aufrechterhalten werden. Pape sagt: „Was wir bei der NATO Response Force anders als in Mali oder Irak nicht wissen, ist, wieviel Bedarf wo wann entsteht. Hier arbeiten wir in der Planung mit Prognosen, die in Übungen überprüft und verfeinert werden.“

Mehrere Lkw beladen mit Containern mit Sanitätskreuz parken hintereinander am Straßenrand.

Strikt getrennt: Militärkonvois dürfen das Schutzzeichen nur nutzen, wenn sie dem Patiententransport dienen oder Medikamente, Verbandsmaterial sowie anderes Sanitätsmaterial transportieren (Symbolfoto)

Bundeswehr/Minh Vu
Mehrere Container und Zelte mit Sanitätskreuz stehen verbunden miteinander auf einem Platz.

Rotes Kreuz: Nach der Genfer Konvention stehen medizinische Behandlungseinrichtungen und ihr Personal unter besonderem Schutz, sofern sie mit dem Schutzzeichen gekennzeichnet sind (Symbolfoto)

Bundeswehr/Minh Vu

Schutzstatus erfordert Trennung von regulärer Logistik

Ein weiterer Aspekt: Die Medizinlogistik muss, wenn beispielsweise die NATO Response Force zur Verteidigung eines NATO-Bündnispartners aktiviert wird, von der übrigen Logistik strikt getrennt sein. Der Grund: Nach den Vorgaben des humanitären Völkerrechts genießen sanitätsdienstliches Personal, Einrichtungen und Material besonderen Schutz in bewaffneten Konflikten. Gekennzeichnet mit einem roten Kreuz, dürfen sie nicht angegriffen werden.

Doch der Schutzstatus greift nicht bei Beiladungen oder gemischten Transporten. „Ein Konvoi mit Munition oder auch nur Bekleidung darf sich nicht 'schützen' mit einem Rotkreuz-Fahrzeug“, erklärt Pape. Für Sanitätsmaterial sei daher in einem NRFNATO Response Force-Szenario eine eigene Logistikkette erforderlich, die unabhängig von der übrigen Logistik geplant, aufrechterhalten und gesichert werden müsse.

Pape ist zuversichtlich: „Die Impfstoffverteilung in ganz Deutschland im Rahmen der Corona-Amtshilfe hat gezeigt: Wir können komplexe Medizinlogistik – mit hochempfindlichen Produkten, an unterschiedlichste Abnehmer, im Inland und im Ausland. Das ist unsere Blaupause für weitere Herausforderungen.“

von Simona Boyer

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