Land, Luft, See und Cyber

Militärische Fähigkeitsprofile werden in Dimensionen betrachtet

Militärische Fähigkeitsprofile werden in Dimensionen betrachtet

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Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Konflikte werden über mehrere Dimensionen hinweg – Land, Luft/Weltraum, See und Cyber – ausgetragen. Daher ist es erforderlich, dass die Streitkräfte handlungsfähige Kräfte und militärische Fähigkeiten für alle Dimensionen vorhalten. Wir erklären, was darunter zu verstehen ist und woher diese Einteilung stammt.

Generalinspekteur Zorn sitzt zum Interview seinem Gesprächspartner gegenüber.

„Die Dimensionen sind durch die NATO vorgegeben, um Fähigkeiten zu clustern und zuzuordnen“, erläutert Generalinspekteur Eberhard Zorn in Folge 13 von „Nachgefragt“

Bundeswehr/Jana Neumann

Die Grundlage für die Unterteilung militärischer Fähigkeiten entlang der vier Dimensionen Land, Luft/Weltraum, See und Cyber ist in NATO-Dokumenten zu finden. Bereits im Jahr 2018 wurden diese Grundlinien in die „Konzeption der Bundeswehr“ übernommen.

Als jüngste Dimension trat der Cyber- und Informationsraum an die Seite der althergebrachten Dimensionen Land, Luft und See mit den dazugehörigen Fähigkeiten der Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche. Die Dimension Luft wurde durch die Ergänzung des Weltraumes als Operationsraum erweitert. Aus diesen Festlegungen abgeleitet wurde die nationale Führungsorganisation der Bundeswehr entlang der vier Dimensionen angepasst. Im gemeinsamen Eckpunktepapier der damaligen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und des Generalinspekteurs der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, vom Mai 2021 heißt es dazu:

Eckpunkte für die Zukunft der Bundeswehr
„Unsere Streitkräfte müssen in der Lage sein, der politischen Führung flexible militärische Optionen zur Verfügung zu stellen und lageangepasst in allen Dimensionen handlungsfähige Kräfte und Fähigkeiten bereitzustellen. Sie müssen rasch und bruchfrei dimensionsübergreifend agieren und im gesamten Spektrum der Dimensionen zeitgleich bestehen können.“

Inzwischen werden Planungen für die Bundeswehr in Dimensionen erarbeitet, weil dies anschlussfähig zu den Vorgaben der NATO und den dort eingegangenen Verpflichtungen der Bundeswehr ist. So ist beispielsweise auch der Wirtschaftsplan zum Sondervermögen Bundeswehr nicht mehr in Beschaffungsvorhaben der Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche, sondern in Dimensionen unterteilt.

Wichtig ist, die Dimensionen nicht mit den Fähigkeiten der Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche gleichzusetzen. Dass beispielsweise die Luftwaffe die in der Dimension Luft/Weltraum gebündelten Fähigkeiten nicht allein stellt, zeigt sich am Beispiel der zu beschaffenden Seefernaufklärer. Diese sind weiterhin exklusiv für die Marineflieger vorgesehen. 

Der Cyber- und Informationsraum

In dieser Dimension werden ITInformationstechnik-Systeme und Fähigkeiten für Cybersicherheit und Kommunikation gebündelt. Die Festlegung des Cyber- und Informationsraumes als militärischer Operationsraum in modernen Konflikten zeichnete sich mit einem längeren zeitlichen Vorlauf ab: Mit Blick auf aggressive Cyberattacken und Hackerangriffe im Kontext steigender Spannungen mit Russland beschlossen die Verteidigungsminister der NATO im Juli 2016, künftig den Cyberraum als Dimension zu betrachten: die Dimension Cyber- und Informationsraum (CIRCyber- und Informationsraum). 

Jens Stoltenberg spricht am Rednerpult auf der Münchner Sicherheitskonferenz.
NATO Generalsekretär Jens Stoltenberg Bundeswehr/Sebastian Wilke
„Heutzutage kann ein Cyberangriff genauso zerstörerisch sein wie ein herkömmlicher Angriff und praktisch jeder Konflikt hat eine Cyberdimension. Sich im Cyberspace verteidigen zu können, ist also genauso wichtig wie die Verteidigung an Land, zu Wasser und in der Luft.“ 

Bereits im Jahr 2014 legte die NATO nach langer Debatte fest, dass ein Cyberangriff auf Netzwerke und ITInformationstechnik-Infrastruktur der Bündnisstaaten das Niveau eines militärischen Angriffes erreichen kann. Vorausgegangen waren Einbrüche in ein ITInformationstechnik-Netz des Pentagons und in NATO-Computernetzwerke, welche Russland zur Last gelegt wurden. Beschlossen wurde zudem, dass auch Operationen in der Dimension Cyber- und Informationsraum einen Bündnisfall gemäß Artikel 5 auslösen können. Dies würde es den NATO-Mitgliedstaaten ermöglichen, sich bei der kollektiven Verteidigung eines angegriffenen Mitgliedstaates zu beteiligen. 

Die Relevanz der Dimension ergibt sich aus dem Umstand, dass eine moderne Operationsführung auch in den anderen Dimensionen Land, Luft/Weltraum und See in hohem Maße von präziser Navigation sowie sicherer Kommunikation abhängt. So werden unter anderem Lagebilder von Feindbewegungen über Satelliten in Operationszentralen sowie an Einheiten vor Ort übermittelt. Stehen diese Daten wegen Störungen nicht zur Verfügung, sind auch militärische Fähigkeiten der anderen beeinträchtigt. 

Dimension Land 

Land ist Siedlungsraum der Bevölkerung, Quelle wichtiger Ressourcen, Wirtschaftsraum, Sitz staatlicher, gesellschaftlicher und kultureller Institutionen sowie Heimat der Menschen. Land ist der älteste Operationsraum für bewaffnete Konflikte und Kriege. In der militärischen Dimension Land werden Fähigkeiten und Kräfte gebündelt, die von Land ausgeführt werden. Die Aufgaben der Bundeswehr erfordern in dieser Dimension Fähigkeiten in nahezu allen Klimazonen, Geländeformen und -arten, vom alpinen Gelände bis zu Wüstenregionen. Der größte Truppensteller der Dimension Land ist die Teilstreitkraft Heer.

Darüber hinaus umfasst die Dimension Land auch weitere Fähigkeiten wie beispielsweise Logistik, ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr oder Feldjäger, die dem militärischem Organisationsbereich Streitkräftebasis zugeordnet sind. Auch in den Teilstreitkräften Marine und Luftwaffe sowie im Organisationsbereich der Sanität gibt es Fähigkeiten in der Dimension Land.

Dimension Luft/Weltraum

Die ungefährdete Nutzung des Luftraumes hat politische, wirtschaftliche und militärische Bedeutung. Sowohl im Frieden als auch in aktuellen und künftigen Einsätzen sind Kontrolle und uneingeschränkte Nutzung des Luftraumes entscheidende Voraussetzungen für die Operationsführung an Land und zur See. Luftstreitkräfte bieten der Politik und der militärischen Führung breit gefächerte und schnell verfügbare Handlungsoptionen mit großer Reichweite.

Das Einsatzspektrum in dieser Dimension erstreckt sich von der Abschreckung über Luftraumüberwachung, Air Policing bis zum Luftkampf oder den Einsatz von Luft-Boden-/Luft-See-Raketen. Die Fähigkeiten der Dimension Luft ermöglichen einen frühen politischen Einfluss mit der Möglichkeit zur schnellen, sichtbaren Schwerpunktbildung mit stufenweisem Eskalationspotenzial.
 
Auch für diese Dimension sind die Fähigkeiten der Bundeswehr über die Teilstreitkräfte hinweg verteilt. So finden sich Pilotinnen und Piloten für Hubschrauber in allen drei Teilstreitkräften. Exklusiv bei der Luftwaffe eingesetzte Waffensysteme und bodengebundene wie auch fliegende Plattformen und Sensoren werden durch spezifische Tätigkeiten erst möglich, wie beispielsweise im Einsatzführungsdienst, bei der Flugmedizin oder im Bereich Technik. 

Mit der Aufstellung des Weltraumkommandos der Luftwaffe erfolgte nicht nur die Erweiterung der Dimension Luft um Fähigkeiten im Weltraum, sondern auch die Festlegung der militärischen Zuständigkeit und dazugehörigen Führungsstruktur.   

Dimension See

Die deutschen Seestreitkräfte schützen die Küstengewässer und angrenzenden Seegebiete. Außerdem gewährleisten sie die uneingeschränkte Nutzung der Seeverbindungslinien und Handelsrouten im Bündnis. So trägt die Marine zur Landes- und Bündnisverteidigung und weltweit zum internationalen Krisenmanagement sowie im Rahmen der Mandatierung auch zur Piraterie- und Terrorismusbekämpfung bei. Die Fähigkeiten der Seeraumüberwachung stellen ein ressortübergreifend und international genutztes maritimes Lagebild zur Verfügung.

von Andreas Jensvold

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