ILAInternationale Luft- und Raumfahrtausstellung 2024

„Das unbemannte Fliegen auf dem Gefechtsfeld wird kommen“

„Das unbemannte Fliegen auf dem Gefechtsfeld wird kommen“

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Auf der ILAInternationale Luft- und Raumfahrtausstellung 2024 wurde vor der Kulisse innovativer Luftfahrttechnologien die Zukunft der fliegenden Kampfverbände der Bundeswehr diskutiert. Aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ziehen auch die Heeresflieger wichtige Lehren.

Zwei Soldaten und drei Zivilisten sitzen in einer Messehalle nebeneinander vor einem Hubschrauber

Oberst Guido Krahl (ganz links) moderierte ein Fachpanel zur Zukunft der Heeresfliegerei. Teilnehmer waren (v.l.n.r.) Oberst i. G. Bodo Schütte, Prof. Dr. Axel Schulte, Achim Leukel von Airbus Helicopters und Florian Seibel von Quantum Systems.

Bundeswehr/Ralf Nöhmer

 „Die bisherigen Heeresfliegereinsatzgrundsätze können wir vergessen,“ ist sich Oberst i. G. Bodo Schütte, stellvertretender Kommandeur des Hubschrauber-Kommandos, sicher. „Das unbemannte Fliegen wird kommen, es ist nur die Frage in welcher Art und Weise.“

Das Stichwort der Stunde ist dabei Manned-Unmanned Teaming, die gemeinsame Kampfführung von bemannten und unbemannten Fluggeräten. Die Besatzung agiert hier nicht nur einzeln oder mit Kameradinnen und Kameraden in anderen Hubschraubern. Als Verbundoperatoren – oder sogenannte Battlefield Operators – sollen Pilotinnen und Piloten mithilfe von Automatisierungen und Künstlicher Intelligenz auch unbemannte Systeme kommandieren können.

Die Rolle von Hubschraubern in der Zukunft

Nichtsdestotrotz spielen Hubschrauber auch weiterhin eine nicht wegzudenkende Rolle. Die Möglichkeit, sie überall einzusetzen, die hohe Flexibilität in der Verlagerung des Gefechts und der Angriff mit größerem Abstand als etwa bei Kampfpanzern seien Vorteile, die auch auf dem modernen Gefechtsfeld essenziell blieben. 

„Auch in Zukunft kann ich mir einen Einsatz in allen Szenarien nicht ohne Hubschrauber vorstellen. Ob diese dann bemannt oder unbemannt sind, werden wir sehen,“ sagt Schütte.

Die Chancen der technologischen Entwicklung

Eine Entwicklung von bemannten und unbemannten Fluggeräten und die Zusammenarbeit beider Systeme beschäftigt Forschende der Universität der Bundeswehr München seit Jahren. Axel Schulte ist einer von Ihnen. Der Dekan der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik arbeitet seit mehr als zehn Jahren an dem Thema. Seiner Ansicht nach seien verschiedene Lösungen für das zukünftige Einsatzgebiet denkbar: „Es kann sich um einzeln ferngesteuerte Systeme handeln, die zentral, dezentral oder selbstorganisiert arbeiten. Auch automatisierte Schwarmkonzepte sind eine Option.“ Der größte Vorteil dieser unbemannten Systeme liege vor allem darin, dass Menschenleben geschützt würden. Gleichzeitig hätten sie aber auch große Reichweiten und ermöglichten bei Bedarf, nah am Geschehen zu sein.

Durch Automatisierung oder Künstliche Intelligenz könnte die klassische Führung einer Drohne durch eine oder zwei Personen dann der Vergangenheit angehören. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Drohnenbediener unbemannte System nicht mehr direkt steuern müssten, sondern lediglich Befehle an ein oder mehrere Drohnen gäben, die dann anhand eines Programms mögliche nächste Schritte bewerteten und ausführten. Beim Einsatz von Waffen werde aber weiterhin der Mensch die letzte Entscheidung treffen. Das Ziel hierbei sei es, die Führungsreichweite zu erhöhen und die Koordination zwischen den einzelnen Fluggeräten zu verbessern, sagte Schulte.

Eine Bildcollage die grafisch aufgearbeitet wurde, wie Schiff-, Land- und Flugsysteme verknüpft sind

Ein militärisches Verbundsystem in der Theorie. Einige der Fluggeräte könnten zukünftig auch unbemannt sein.

ESG

Die Zukunft der Heeresflieger

Wenn der Feind fast die gleichen Fähigkeiten habe wie die Bundeswehr und die Kriegstüchtigkeit entscheidend sei, dann stehe der Schutz der Menschen weiter im Fokus. „Ich möchte, dass meine Leute weit weg von der Gefahrensituation sind und wir weiterhin voll einsatzfähig sind,“ legt Schütte seine Priorität fest. Ob das mit Abstandswaffen oder mit unbemannten Systemen gewährleistet werde, spiele keine Rolle, so der Oberst im Generalstabsdienst.

Zusätzlich werde das Gefechtsfeld immer komplexer und die Anforderungen an die Führenden der Kampfsysteme immer fordernder. „Für die steigende Belastung werden wir um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nicht herumkommen, um eine Überforderung zu vermeiden,“ konstatiert Professor Schulte.

Sein Forschungsinstitut konzentriere sich derzeit auf drei Einsatzbereiche, die näher erforscht und weiter entwickelt werden sollen:

  • Computer Vision: eine computerbasierte Erkennung der Umgebung, wie sie auch in selbstfahrenden Autos eingesetzt wird
  • Planning and Tasking: eine Unterstützung in der Planung und Entscheidungsfindung, indem zum Beispiel eine schnelle Auswertung von großen Datenmengen vorgelegt wird
  • Interface Assistance: eine automatisierte Unterstützung des Kampfführers

Der unbemannte Flug ist nicht das Allheilmittel

Bemannte Hubschrauber blieben auch in Zukunft unverzichtbar. Der alleinige Einsatz von Drohnen werde nicht das Maß aller Dinge sein, aber eine Kombination von unbemannten und bemannten Fluggeräten erfülle nach heutiger Sicht alle Anforderungen an moderne Gefechtsführung, waren sich Oberst Schütte und Professor Schulte einig. Die operativen Vorteile des Manned-Unmanned Teamings würden bereits in Forschungsreihen mit Kampfpiloten untersucht, sodass diese Erkenntnisse bereits in die Ausbildung einfließen könnten. 

Dabei sei die Neuorganisation der Arbeitshierarchien auch in Zusammenarbeit mit Künstlicher Intelligenz neu zu beurteilen. Die klassische Befehlsausgabe an eine Maschine wäre in dem Zusammenhang veraltet, denn die KIkünstliche Intelligenz dürfe als Teammitglied betrachtet werden. Der zukünftige Schwarmführer müsse sich daran gewöhnen, dass Teile der fliegenden Rotte dann unbemannt sind. „Mit der jahrzehntelangen Erfahrung in der Heeresfliegerei sehe ich in diesem Bereich ein enormes Potenzial für die Bundeswehr,“ resümiert Schütte die ausführlichen Anregungen des Panels.

von Dana Read

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