Militär und Sprache

„Auf Tauchstation gehen“ oder lieber „Breitseite geben“? – Seekrieg in der Sprache

„Auf Tauchstation gehen“ oder lieber „Breitseite geben“? – Seekrieg in der Sprache

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

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Militärische Begriffe und Redewendungen haben über Jahrhunderte auch die zivile Alltagssprache geprägt. Oft wurden sie so verinnerlicht, dass die meisten Menschen mittlerweile kaum noch wissen, wo ihr Ursprung liegt und was es eigentlich mit ihnen auf sich hat. Hier werden einige Beispiele rund um den Krieg zur See genauer erklärt.

Auf einem aufgetauchten U-Boot und dem daran anliegenden Speedboot stehen mehrere Menschen

Die modernen U-Boote der Klasse 212A können bis zu zwei Wochen „auf Tauchstation“ operieren und sind dank ihres äußerst leisen Antriebsystems vom Gegner nur schwer zu entdecken. Bei der Marine sind derzeit insgesamt sechs Boote in Dienst gestellt

Bundeswehr/Marcel Kröncke

„Auf Tauchstation gehen“

Herausforderungen gehören für viele zum Alltag. Wurde alles Mögliche versucht und es stellen sich dennoch keine Erfolge ein, ist es manchmal das Beste, die besonders fordernde Aufgabe nach hinten zu verschieben, abzuwarten und nach etwas Zeit einen neuen Versuch zu starten. Für Außenstehende hat es während dieser Konsolidierungsphase oft den Anschein, als wäre man von der Bildfläche verschwunden oder „auf Tauchstation gegangen“ – wie ein Unterseeboot, das sich in den Tiefen der Meere versteckt, bevor es zu einem neuen Angriff auf sein Ziel ansetzt.

Die im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingesetzten Unterseeboote waren in erster Linie als Überwasserkampfeinheiten gedacht. Beispielsweise fuhren sie über Wasser deutlich schneller als unter Wasser. Nach Möglichkeit setzten sie zu einem Überwasserangriff mit Torpedos oder der Bordkanone an. Von überlegenen Gegner entdeckt, versuchten sie, ihren Verfolgern unter die Wasseroberfläche zu entkommen. Sie gingen „auf Tauchstation“. Mit der ständigen Verbesserung des Sonars half diese Abwehrstrategie jedoch nur noch wenig, denn mit ihm lassen sich auch getauchte U-Boote aufspüren und bekämpfen.

„Breitseite geben“

Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert waren mächtige Segellinienschiffe das Premiumprodukt der Kriegstechnologie. Verteilt auf ihren bis zu vier Stockwerken, den Decks, konnten sie weit mehr als 100 Kanonen tragen. Diese waren zum Großteil an der linken und rechten Schiffshälfte neben- und übereinander positioniert. Sonderlich präzise waren die damaligen Geschütze allerdings nicht. Deshalb setzte man nicht auf gezieltes Einzelfeuer, sondern auf den Salvenschuss. Stand das eigene Schiff einmal in günstiger Position zum gegnerischen, schossen alle Kanonen auf der ganzen Breite einer Schiffsseite, um möglichst großen Schaden anzurichten. Es wurde also eine „Breitseite abgegeben.“

Schiffsartillerie wird auch heute noch eingesetzt. Einzelgeschütze sind auf vielen Kriegsschiffen weiterhin als Sekundärbewaffnung zu finden. Sie aber treffen über viele Kilometer hinweg punktgenau ihr Ziel. Eine Breitseite aus mehreren Geschützen wäre also unnötig. „Abgefeuert“ werden Breitseiten heute eher in zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, beispielsweise während einer Diskussion. Gekonnt gewählte, schnell aufeinanderfolgende Argumente prasseln auf den Diskussionsgegner mit voller Wucht ein und bringen ihn aus dem Konzept. Ist das eingetreten, hat die verbale Breitseite voll gesessen.

Eine Korvette F 260 Braunschweig auf offener See

Raketen sind heute die Hauptangriffswaffen moderner Kriegsschiffe. Doch präzise, über große Distanzen schießende Geschütze gehören weiterhin zur Bewaffnung. Beispielsweise können Kräfte an Land mit gezieltem Seeartilleriefeuer unterstützt werden

Bundeswehr/Kristina Kolodin

„Schuss vor den Bug bekommen“

Dass Übermut selten guttut, weiß der Volksmund schon lange zu berichten. Schnell wird die oder der Übermütige zu einem Ärgernis seiner Mitmenschen. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden und dem Treiben möglichst schnell Einhalt zu gebieten, ist es nun höchste Zeit für einen „Schuss vor den Bug“. Mit ihm wird klar kommuniziert: die Grenze ist überschritten, bis hierhin und keinen Schritt weiter! Sollte selbst diese letzte Warnung nicht verstanden werden, ist mit ernsteren Konsequenzen zu rechnen. 

Gegnerische Schiffe zu versenken, ist nicht das Hauptziel der Seekriegsführung. Vielmehr ist es das letzte Mittel der Wahl. Gelingt es, den Feind ohne ein Feuergefecht zur Aufgabe zu bewegen, hat das viele Vorteile. Einerseits werden die eigene Besatzung und das eigene Schiff geschont. Andererseits können das aufgebrachte Schiff und seine Ladung selbst weiterverwendet werden. Leicht und unbewaffnete Handelsschiffe sind daher schon seit jeher eine beliebte Beute kriegsführender Nationen. Reagierten sie nicht auf die Aufforderung zu stoppen, bekamen sie einen Schuss vor den Bug. Setzten sie die Fahrt dennoch fort, eröffneten die Angreifer das direkte Feuer.

„Segel streichen“

Gerade in angespannten, sich Schritt für Schritt zuspitzenden Situationen werden wir als Menschen immer wieder auf zwei wohl evolutionär veranlagte, tief verwurzelte Entscheidungsoptionen zurückgeworfen: Entweder kämpfen oder fliehen. Beides kann in einer Niederlage enden. Aber ob man im Kampf „mit wehender Flagge untergeht“, oder ob man resigniert die „Segel streicht“ und kapituliert, hängt wahrscheinlich von der Grundveranlagung jedes Einzelnen ab. 

Gerät ein Segelschiff in einen Sturm, dann werden die Segel gerefft oder eingeholt, um den tosenden Wind keine Angriffsfläche zu geben. Während einer militärischen Auseinandersetzung galt das Einholen der Segel, in diesem besonderen Fall „Streichen“ genannt, jedoch als Zeichen der Aufgabe. Zum einen war das Schiff ohne seinen Antrieb nicht mehr fahr- und zugleich manövrierfähig. Zum anderen waren die gestrichenen Segel ein unübersehbares Signal an den Gegner, die Kampfhandlungen einzustellen. Mit Einzug des Dampfantriebs verdrängte der Begriff „Flagge streichen“ diese Umschreibung der Kapitulation.

Das Segelschiff "Gorch Fock" liegt am Pier an und ist bereit zum Auslaufen

Die „Gorch Fock“ ist das größte Segelschulschiff der Marine. Ihre Segel zu setzen und einzuholen, gehört zum täglichen Routinedienst der Marineoffizieranwärterinnen und -anwärter. Die „Segel streichen“ musste die Dreimastbark aber hingegen noch nie

Bundeswehr/Björn Wilke

„Mit wehender Flagge untergehen“

Fahnen an Land und Flaggen auf See haben im Militär eine ganz besondere Bedeutung. Sie sind Orientierungspunkt im Gefecht, Symbol der Zusammengehörigkeit nach innen und Identifikationsmerkmal nach außen. Sie niederholen zu müssen, auf den Boden fallen zu lassen oder gar an den Feind zu verlieren, galt für lange Zeit als besondere Schmach. Um diese zu sühnen, nahm sich der eine oder andere glücklose Offizier selbst das Leben. In einem noch so aussichtslosen Kampf den Tod zu finden, galt hingegen als höchst ehrenvoll.

So lange an einem Kriegsschiff die Nationalflagge weht, gibt es sich faktisch nicht geschlagen. Folglich wird das sich im Gang befindende Gefecht unbarmherzig fortgesetzt – im Zweifelsfall bis zum sicheren Untergang. Auch heute noch drückt man mit der Floskel „mit wehender Flagge untergehen“ aus, dass man bis zuletzt für die eigene Sache beherzt einsteht, selbst wenn das Scheitern nur noch Augenblicke entfernt scheint und es kaum noch Aussichten auf Erfolg gibt.

von Fabian Friedl

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