Neue Ausgabe

Zwei Bärte für ein Halleluja

Zwei Bärte für ein Halleluja

  • Y-Magazin
  • Bundeswehr
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Während eines Pest-Ausbruchs im 16. Jahrhundert legten die Einwohner von Oberammergau ein Gelübde ab, an das sie sich bis heute halten. Alle zehn Jahre führen sie den Leidensweg Jesu auf. Auf der Bühne stehen auch zwei Soldaten der Bundeswehr. Y war vor Ort im Passionstheater und hat sie dort begleitet.

Zwei Soldaten stehen vor ihren Bussen

Die beiden Soldaten sind schon seit Jugendjahren befreundet. Mit ihren Bussen befördern sie bis zu 40 Personen. Beide sind für die Passionsspiele vom Haar- und Barterlass befreit.

Bundeswehr/Tom Twardy

Diese beiden Soldaten sehen außergewöhnlich aus. Wellig quellen ihre Haare unter den Gebirgsmützen hervor, ihre langen Bärte kräuseln sich an den Spitzen. Eine Vorschrift der Bundeswehr legt normalerweise fest, wie ihre Soldatinnen und Soldaten auszusehen haben. Sie fordert ein einheitliches Erscheinungsbild von Frauen und Männern. Der „Haar- und Barterlass“ schiebt wildem Haarwuchs einen Riegel vor: „Die Haartracht darf nicht die Funktionalität der militärischen Ausrüstung behindern.“ Für Matthias M.* und Patrick H.* wird jedoch eine Ausnahme gemacht. „Unsere Frisur ist von unseren Vorgesetzten genehmigt“, sagt H. „Das hängt mit unserem Wohnort und der Pest zusammen“, erklärt M.

Eine Begründung, mit der nur ein Oberammergauer Erfolg hat. Denn das Dorf hat eine besondere Geschichte. Während des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert brach in den Ammergauer Alpen die Pest aus und forderte dort zahlreiche Opfer. In der Not gelobten die Einwohner Oberammergaus, alle zehn Jahre die Passion Christi nachzuspielen – die Geschichte über das Leben und die Leiden von Jesus Christus. Göttlicher Beistand wegen der Pest ist mittlerweile nicht mehr notwendig. Trotzdem fühlt sich die Dorfgemeinschaft seit fast 400 Jahren an das Gelübde gebunden. Natürlich auch die beiden dort wohnhaften Oberstabsgefreiten M. und H. 

Die beiden Soldaten verrichten ihren Dienst an der NATO School in Oberammergau. An der militärischen Weiterbildungseinrichtung werden vor allem Führungskräftelehrgänge für Gäste aus aller Welt angeboten. Die beiden Oberammergauer sind für den Transport der Teilnehmenden verantwortlich. Am Flughafen München, wo viele der Gäste landen und wieder abfliegen, hat ihr Aussehen in Uniform schon für den einen oder anderen Kommentar gesorgt. „Jesus fährt heute wohl den Bus“ ist laut H. ein Standardspruch. Übel nimmt er das keinem. „So kommt man wenigstens schnell ins Gespräch“, sagt er.

Nur Oberammergauer dürfen

Mit Begeisterung erzählt M. von der Bedeutung der Passionsspiele für die Oberammergauer: „Als O’Gauer ist die Passion Tradition.“ Für den 35-Jährigen ist es nicht nur einfach etwas Besonderes, auf der Bühne zu stehen. Für ihn ist das ein Privileg. Spielberechtigt sind nämlich nur Einwohnerinnen und Einwohner, die seit mindestens 20 Jahre in Oberammergau leben.

M. ist zwar in der Region geboren, aber erst als Jugendlicher nach Oberammergau gezogen. Jetzt spielt er in den Massenszenen einen „Volkler“, einen einfachen Bewohner Jerusalems. Er ist ein Statist im Hintergrund. Es sind seine ersten Spiele, entsprechend groß sind seine Erwartungen. „Die Spiele 2000 und 2010 habe ich verpasst. Jetzt kann ich endlich mitmachen“, sagt der Oberstabsgefreite.

Ein Soldat sitzt auf dem Fahrersitz in einem Bus und schnallt sich an

„Heute fährt wohl Jesus den Bus. Das höre ich häufig von meinen Fahrgästen.“ Kamerad H. hat sich an Kommentare zu seinem Aussehen gewöhnt. Er nimmt sie gelassen hin.

Bundeswehr/Tom Twardy

Sein Kamerad H. spielt einen „Rottler“, einen jüdischen Tempelwächter. Er beschützt den Jerusalemer Tempel und gehört zu denen, die später Jesus von Nazareth gefangen nehmen. Wie alle anderen hat er ein maßgeschneidertes Kostüm. Es orientiert sich an historischen Vorbildern. Stolz zeigt H. seine Ausrüstung. In der Garderobe riecht es nach Leder und alten Kleidern. „Das hier tragen wir, egal, wie das Wetter ist. Bei den Proben im März war das manchmal zapfig kalt“, sagt H.

Für ihn sind es schon die vierten Spiele. Die zweiten seit er, genauso wie sein Kamerad M., 2006 bei der Bundeswehr anfing. Beide arbeiten im Schichtbetrieb, ein großer Vorteil für ihre derzeitige Doppelrolle. So können sie sich ihre Dienste rund um die Aufführungen einteilen.

Die Vorbereitung auf die Spiele begann vor drei Jahren. Aschermittwoch 2019 hing im Dorf die Bekanntmachung aus, dass alle männlichen Darsteller ihre Haare ein Jahr nicht schneiden dürfen. Da wussten die beiden Oberammergauer schon, dass sie mitspielen würden. Im Dorf ist die Rollenverteilung ein Politikum. Wer Jesus oder eine andere Sprechrolle spielt, wird vom Gemeinderat und von Christian Stückl, Spielleiter der Passionsspiele und Intendant des Münchner Volkstheaters, persönlich ausgewählt.

M. ist froh, überhaupt dabei zu sein. H. freut sich auf seine Rolle als Rottler. „Das ist eine besondere Rolle mit toller Verkleidung“, sagt er. Im Gegensatz zu den Römern braucht er auch nicht auf eine ordentliche Rasur zu achten. Doch dann kam Corona. Die Aufführung 2020 wurde abgesagt und zwei Jahren nach hinten verlegt. Die Haare wuchsen derweil weiter. Anfang 2022 fiel die endgültige Entscheidung: Die Passionsspiele finden statt. „Wir waren alle sehr erleichtert'', sagt M. Endlich konnte es losgehen.

103 Vorführungen sind angesetzt 

Die Zeit der Proben und des Wartens ist nun längst vorbei. Seit Anfang Mai sind die Soldaten an fünf Tagen in der Woche im Passionstheater in Oberammergau zu sehen. Die Vorführungen starten am Nachmittag und gehen bis in den späten Abend. Urlaub ist jetzt nicht mehr drin. Das gilt für alle Beteiligten bis Anfang Oktober. Für H. gehören der Stress und die Entbehrungen dazu: „Für meine Frau ist das natürlich nicht einfach. Aber bei den Spielen will jeder dabei sein“, sagt der frisch gebackene Vater.

Die Vorführungen sind lang. Mehr als fünf Stunden wird die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zur Kreuzigung nacherzählt. Zumindest so, wie es sich die Dorfgemeinschaft unter Stückls Regie vorstellt. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Bühne gestaltet und die Inszenierung geplant. Besonders bekannt sind die aufwendigen Darstellungen biblischer Szenen als „lebende Bilder“. Das bedeutet, dass die Darstellerinnen und Darsteller minutenlang stillstehen müssen. Dadurch wirken die Szenen auf das Publikum wie Gemälde.

H. ist gläubiger Christ. Für ihn sind die Spiele deshalb schon allein wegen der Geschichte ergreifend. Um beim Publikum Emotionen zu wecken, setzt der erfahrene Spielleiter Stückl auf ein bewährtes Stilmittel: Massenszenen. Es ist später Abend und lauthals fordern hundert Dorfbewohner auf der Bühne den Tod von Jesus. Im normalen Leben sind das Lehrer, Verkäuferinnen und Angestellte, jetzt rufen sie aus vollen Kehlen in den dunklen Nachthimmel: „Tod dem Messias, er schimpft sich Gottes Sohn.“ Das lässt niemanden im Publikum kalt. Beim Weg Jesu zur Kreuzigung leidet man förmlich mit. Das Wehklagen der Mutter Maria beim Anschlag ans Kreuz geht ins Mark.

H. und M. sind auf der Bühne mittendrin. Sprechtext haben sie keinen. Lampenfieber? Fehlanzeige. Ihre Aufgabe ist es vor allem, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu stehen. Die beinahe täglichen Aufführungen sind natürlich ein Höhepunkt, auch wenn sie sich langsam in die Alltagsroutine einreihen. „Morgens Dienst, am Nachmittag kurz nach Hause, dann Umziehen und ab auf die Bühne“, beschreibt M. sein Darstellerleben. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe steht für M. und H. das Bergfest an. Die Hälfte von insgesamt 103 Aufführungen liegt hinter ihnen.

Weltbekannte Aufführung 

1.500 Dorfbewohnerinnen und -bewohner machen bei den Passionsspielen mit. M. geht es nicht nur darum, auf der Bühne zu stehen. Es geht ihm um mehr: „Hier kommt das ganze Dorf zusammen. Generationen treffen sich im Theater.“ Von den 4.500 Einwohnerinnen und Einwohnern ist knapp die Hälfte eingebunden. Fast die gesamte Fußballmannschaft, in der M. aktiv ist, spielt mit. Bei den Passionsspielen gebe es eine Gemeinschaft, die der Kameradschaft in der Truppe sehr ähnelt, so der Oberstabsgefreite. 

Eine halbe Million Besucherinnen und Besucher werden in dieser Spielzeit in dem kleinen Ort an den Alpen erwartet. Ein Großteil des Publikums aus Übersee kommt aus den USA. Viele von ihnen waren schon mal in den Ammergauer Alpen bei der NATO School. Wenn die Spiele im Oktober vorbei sind, haben H. und M. eine klare Vorstellung, wie es weiter gehen soll. M. will wieder soldatischer aussehen: „Die Haare müssen ganz schnell ab.“

H. geht davon aus, dass er nach der intensiven und anspruchsvollen Zeit erschöpft sein wird: „Ich freue mich auf den gemeinsamen Urlaub mit meiner kleinen Familie.“ Jeder der Teilnehmenden wird dann wieder seinem normalen Alltag nachgehen – bis in wenigen Jahren das gesamte Dorf wieder für die Passionsspiele zusammenkommt. So, wie das fast 400 Jahre alte Gelübde es einfordert.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Matthias  Lehna

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