2010 in Afghanistan: Das Karfreitagsgefecht

Das Jahr 2010 werden die Angehörigen der Bundeswehr nie vergessen. Der Konflikt in Afghanistan eskaliert. Immer häufiger werden die deutschen ISAFInternational Security Assistance Force- Soldaten Ziel von Anschlägen und Angriffen. Es wird das verlustreichste Jahr der Bundeswehr seit ihrem Bestehen. Trauriger Höhepunkt: das Karfreitagsgefecht.

Soldaten mit Handwaffen zu Fuß auf Patrouille, im Hintergrund stehen Militärfahrzeuge
Bundeswehr/Michael Schreiner
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  • Zwei vermummte und bewaffnete Taliban-Kämpfer posieren vor einem brennenden deutschen Militärfahrzeug
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    Blutiger Auftakt

    Das Video von Talibankämpfern vor einem brennenden Fahrzeugwrack der Bundeswehr geht um die Welt. Bei der Suche nach Sprengfallen geraten am 2. April 2010 Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 373 aus Seedorf in einen Hinterhalt. Stabsgefreiter Robert Hartert wird im Kugelhagel schwer verwundet. Er erliegt später im Feldlager seinen Verletzungen. Bei dem Versuch auszubrechen, gerät das Fahrzeug von Hauptfeldwebel Nils Bruns und Hauptgefreitem Martin Augustyniak in eine Sprengfalle. Beide sterben noch vor Ort. Die eingeschlossenen Fallschirmjäger kämpfen mit acht Schwerverletzten ums Überleben. Fast neun Stunden lang.

    USUnited States-Pilot Captain Jason La Cross wird aus der Ferne Zeuge des Gefechts. Er will den Deutschen helfen und startet seinen Rettungshubschrauber. In der Luft erhält er über Funk den Befehl zur Umkehr. La Cross landet trotzdem, lädt Tote und Verwundete ein. Insgesamt vier Mal. Mit seinem Begleithubschrauber, der in die Stellungen der Taliban feuert, verhindert er das Schlimmste. Für die Aufständischen wird das Karfreitagsgefecht trotz hoher eigener Verluste zum Propaganda-Erfolg, für die Bundeswehr zum Auftakt des blutigsten Jahres in ihrer Geschichte.

    Bildquelle: REUTERS/Wahdat

  • Panzerhaubitze 2000 im scharfen Schuss
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    Klartext

    Das Feldlager Kundus wird von einem ohrenbetäubenden Knall erschüttert. Die Druckwelle lässt die Panzerhaubitze 2000 in einer Wolke aus Staub verschwinden. Dann feuert das Geschütz weitere vier Granaten ab. Kurz zuvor hatten Bodentruppen Unterstützung angefordert, um die Erbeutung eines zurückgelassenen Fahrzeugs durch vorrückende Talibankämpfer zu verhindern. Vorausgegangen war ein Sprengstoffanschlag im Unruhedistrikt Chahar Darreh, bei dem zwei deutsche Soldaten auf Patrouille verletzt wurden. Es ist der erste Kampfeinsatz von Artillerie in der Geschichte der Bundeswehr. Karl-Theodor zu Guttenberg, deutscher Verteidigungsminister von 2009 bis 2011, zieht damit erste Konsequenzen aus dem Karfreitagsgefecht und die sich zuspitzende Lage in Afghanistan. Seine Vorgänger hatten den Einsatz von schweren Waffen stets abgelehnt. Zu Guttenberg spricht Klartext: In einem Interview räumt er ein, man könne in Afghanistan „umgangssprachlich von Krieg“ reden.

    Bildquelle: Bundeswehr/Walter Wayman

  • Deutsche Soldaten sitzen im Freien zusammen und essen, im Hintergrund stehen Militärfahrzeuge
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    Die neue Strategie: „Partnering“

    „Die Bundeswehr wird nicht den Poncho mit den Afghanen teilen, aber viel enger zusammenarbeiten“, sagt Verteidigungsminister zu Guttenberg. Gemeint ist die neue „Partnering-Strategie“ nach USUnited States-Vorbild: Ab Ende 2010 soll die afghanische Armee (ANAAfghan National Army) noch stärker in der Praxis, notfalls auch im Kampfgebiet, ausgebildet werden. Zwei Bataillone der ANAAfghan National Army mit je 700 Soldaten sind dafür vorgesehen. Nach dem Willen zu Guttenbergs soll die Bundeswehr gemeinsam mit den Afghanen mehr Präsenz in der Fläche zeigen. Konkret bedeutet das für die Patrouillen, dass sie seltener in den gut geschützten Feldlagern und häufiger draußen im Feld übernachten. In Deutschland ist diese Strategie umstritten: Während der Bundeswehrverband darin ein erhöhtes Risiko für die Truppe sieht, verteidigt zu Guttenberg die Pläne. Er räumt allerdings ein: „Wir müssen damit rechnen, dass weitere Soldaten fallen und verwundet werden.“ Die Operation „Taohid“ wird zum Vorläufer für das Partnering. Die politischen Voraussetzungen für ein noch stärkeres Militär-Engagement am Hindukusch hatte der Bundestag bereits im Februar geschaffen und die maximale Stärke des deutschen Afghanistankontingents von 4.500 auf das Rekordniveau von 5.350 Soldaten und Soldatinnen aufgestockt.

    Bildquelle: REUTERS/Fabrizio Bensch

  • Soldaten enthüllen Gedenktafeln am Ehrenhain
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    Höhepunkt der Gewalt

    Wieder werden Gedenktafeln im Feldlager in Masar-i Scharif angebracht. Erneut sind vier deutsche Soldaten gefallen. „Taohid“ steht in der afghanischen Sprache „Dari“ für Einheit. „Taohid“ heißt auch die gemeinsame Offensive der ISAFInternational Security Assistance Force und der afghanischen Armee, die gegen die aufständischen Taliban aus dem Distrikt Baghlan vorgehen. Dabei wird zu Guttenbergs Prognose zur bitteren Gewissheit.

    Am 15. April, gegen 14.30 Uhr Ortszeit, stoppt die Marschkolonne einer deutschen Patrouille vor der „Dutch Bridge“, einer umkämpften Brücke über dem schlammigen Baghlan-Fluss. Als die Soldaten aus ihren gepanzerten Fahrzeugen aussteigen, explodiert ein Sprengsatz, den Aufständische gelegt haben. Major Jörn Radloff, Hauptfeldwebel Marius Dubnicki und Stabsunteroffizier Josef Kronawitter sind auf der Stelle tot, fünf weitere deutsche Soldaten werden schwer verwundet. Ein heftiges Gefecht entbrennt. Nach späteren Angaben des örtlichen Polizeisprechers Habib Rahman waren daran rund 400 Taliban beteiligt – auch mit schweren Waffen.

    Oberstabsarzt Dr. Thomas Broer will den Verwundeten helfen. Doch beim Anmarsch auf die „Dutch Bridge“ gerät auch sein Beweglicher Arzttrupp (BATBeweglicher Arzttrupp) unter feindlichen Beschuss. Broer stirbt, als eine Granate sein gepanzertes Fahrzeug trifft. Er ist der vierte deutsche Gefallene dieses Tages.

    Bildquelle: Bundeswehr/Burkhard Schmidtke

  • Zwei Panzer vom Typ Fuchs und Marder fahren eine unbefestigte Straße entlang
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    Mehr Panzer für Afghanistan

    „Wir rüsten nicht generell auf, sondern wir reagieren auf die jeweilige Notwendigkeit vor Ort“, sagt Verteidigungsminister zu Guttenberg. Tage zuvor hatte er 15 zusätzliche Schützenpanzer vom Typ Marder sowie Pionierpanzer und Panzerschnellbrücken für die deutsche ISAFInternational Security Assistance Force-Truppe bereitgestellt. Zu Guttenberg zieht damit weitere Konsequenzen aus dem Karfreitagsgefecht. Und er merkt an: „Manche überrascht es wohl immer noch, dass unsere Soldaten dort auch in Gefechten stehen.“ An anderen Orten im Land würden aber keine Schützenpanzer gebraucht, sondern mehr ziviles Engagement. Bis zu diesem Zeitpunkt waren bereits rund zehn modernisierte Schützenpanzer Marder im Feldlager Kundus im Einsatz. Obwohl der Marder, das Hauptwaffensystem der Panzergrenadiere, schon im Kalten Krieg entwickelt wurde, hat sich der gut bewaffnete Stahlkoloss nach Ansicht der meisten Soldaten auch im Afghanistan-Einsatz bewährt.

    Bildquelle: REUTERS/Fabrizio Bensch

  • Hamid Karzai spricht am Rednerpult bei der Afghanistan-Konferenz
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    Streben nach Frieden – Die Afghanistan Konferenz

    „Frieden beginnt in den Köpfen“ steht heute auf dem Denkmal, das an die erste Afghanistan-Konferenz 2001 in Bonn erinnert. Sie ist der erste Versuch, den Wiederaufbau und die Zukunft des Landes zu koordinieren. Doch Afghanistan ist nicht bereit für den Frieden: Im Gegenteil, der Konflikt steht erst an seinem Anfang. In den Folgejahren sterben Tausende Menschen – Soldaten der ISAFInternational Security Assistance Force-Truppe, Aufständische aber auch unbeteiligte Zivilisten. Neun Jahre später, im Juli 2010 , soll die Afghanistan-Konferenz in Kabul nun endlich die erhoffte Wende im Konflikt bringen.

    Alle Augen sind auf den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai gerichtet. Wiederholt betont er, dass die afghanischen Kräfte bis 2014 die Verantwortung für Sicherheit im eigenen Land übernehmen werden. Der von der NATONorth Atlantic Treaty Organization avisierte Truppenanzug rückt damit in greifbare Nähe. In den Abschlussdokumenten werden als weitere Meilensteine die Bekämpfung der Korruption sowie ein Programm zur Wiedereingliederung der aufständischen Kämpfer festgehalten. Deutschland stellt dafür 50 Millionen Euro Finanzhilfen bereit.

    Bildquelle: imago/UPI

  • Soldaten tragen einen Sarg zu einem Hubschrauber
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    Acht Gefallene in einem Jahr

    Doch die Spirale der Gewalt dreht sich weiter: Am 7. Oktober stirbt der 26-Jährige Oberfeldwebel Florian Pauli bei einem Selbstmordattentat. Er ist der achte Gefallene im Jahr 2010. Bevor sich der Attentäter in die Luft sprengt, spricht er Pauli noch an. Pauli ruft einen Dolmetscher herbei, der sich einige Meter entfernt in der Wagenburg der Fallschirmjäger aufhält. Als der Übersetzter auf die beiden zuläuft, drückt der Attentäter den Auslöser. Mit underten Metallkugeln gespickt, zerstört der Sprengsatz alles in seiner Umgebung. Der Attentäter, in der Verkleidung eines Bauern, hatte den Sprengsatz verdeckt unter seiner Kleidung getragen. Der Schutzwall aus Fahrzeugen rettet den meisten Soldaten das Leben. Drei erleiden leichte Splitterverletzungen. Oberfeldwebel Pauli dagegen hat keine Chance.
    Den Fallschirmjägern gelingt es in harten Gefechten, wichtige Gebiete zwischen Kundus und Baghlan von den Aufständischen zu befreien. „Das waren einmal Hochburgen der Taliban“, sagt Kontingentführer Generalmajor Hans-Werner Fritz in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“. „Später konnten wir mit zivilen Kräften in diese Dörfer gehen und den Menschen erste Hilfe bringen.“ Das sei ein wichtiges Zeichen und eine Kehrtwende für die Bundeswehr gewesen.

    Bildquelle: EPA/Steffen Kugler

  • Guttenberg und Westerwelle im Gespräch im Bundestag
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    Westerwelle gegen Guttenberg

    In Deutschland schwindet unterdessen der Zuspruch für den unpopulären Einsatz. „Nichts ist gut in Afghanistan“, sagt die Vorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann, zu Beginn des Jahres im Berliner Dom. Mit ihrer Aussage stößt sie eine breite gesellschaftliche Debatte über den Einsatz in Afghanistan an, die von den steigenden Verlusten befeuert wird. Ende des Jahres plädiert Außenminister Guido Westerwelle im Alleingang im Bundestag für einen Truppenabzug. Verteidigungsminister zu Guttenberg widerspricht prompt: Man müsse einen Abzug „verantwortungsvoll gestalten“ und „nicht Hals über Kopf einfach Afghanistan verlassen“.

    Die Bundeswehr bleibt also. Im Folgejahr 2011 fallen weitere sieben deutsche Soldaten. Auf die ISAFInternational Security Assistance Force folgt am 1. Januar 2015 die Mission „Resolute Support“. Keine flächendeckende Stabilisierung, sondern die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte steht jetzt im Vordergrund. Doch auch der neue Auftrag ist nicht ohne Risiken. Bis heute haben 59 deutsche Soldaten ihr Leben in Afghanistan verloren, davon 35 bei Anschlägen und in Gefechten.

    Autor: Patrick Enssle / Bildquelle: Bundeswehr/Andrea Bienert

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