Gefecht bei Isa Khel: Das passierte am 2. April 2010

Karfreitag, 2. April 2010: Bundeswehrsoldaten geraten bei der afghanischen Ortschaft Isa Khel in der Provinz Kundus in schwere Kämpfe mit den Taliban. Drei Soldaten sterben, acht werden verwundet. Es sind die bislang höchsten Verluste der Bundeswehr in einem Gefecht.

Soldaten stehen an einem Militärfahrzeug, in dem sich ein Sarg befindet
EPA/ISAF

Die 1. Infanteriekompanie des Provincial Reconstruction Team (PRTProvincial Reconstruction Team) Kundus hatte den Auftrag, im Distrikt Chahar Darreh verschiedene Straßen nach improvisierte Sprengfallen (IEDImprovised Explosive Device) abzusuchen. Diese Aufgabe übernahm ein Infanteriezug zusammen mit Kampfmittelbeseitigern, während die anderen Kräfte der Kompanie die Suche überwachten sowie als Reserve eingesetzt waren. In einem Vorort von Isa Khel sicherte ein Teil des Zuges das Suchverfahren und klärten mit einer Drohne weiter nach Isa Khel auf. Doch die Drohne wurde vom Wind abgetrieben und stürzte ab. Ein Spähtrupp aus vier Soldaten machte sich auf die Suche nach ihr in einem angrenzenden Weizenfeld.

Das Agieren der Soldaten blieb nicht unbeobachtet. Gegen 13 Uhr Ortszeit griffen etwa 80 Aufständische mit Handfeuer- und Panzerabwehrhandwaffen an. Die Angreifer waren in Wohnhäusern verschanzt und nutzten Bewässerungsgräben zum Stellungswechsel. Sie tauchten auf, schossen und verschwanden wieder. Die Soldaten brachen daher die IEDImprovised Explosive Device-Suche ab und nahmen den Feuerkampf auf.

Besonders dramatisch war die Lage des Spähtrupps: Er war auf einem freien Feld nahezu eingeschlossen. Der Spähtruppführer wurde verwundet. Zwei Soldaten versorgten ihn und gaben Feuerschutz. Der vierte Soldat löste sich vom Feind und kämpfte sich mehrere Hundert Meter zurück zum Zug. Weitere Soldaten des Zuges rückten in den Vorort vor. Der Zugführer stellte eine Gruppe zum Entsatz zusammen, die er persönlich führte.

Die Bundeswehrsoldaten standen im Feuerkampf auf Nahdistanz. Die Angreifer waren teilweise bis auf 20 Meter herangekommen. Ein Soldat des Spähtrupps, der Hauptgefreite Martin Augustyniak, erhielt einen Helmtreffer, kämpfte aber weiter und war entscheidend an der Rettung des verwundeten Spähtruppführers beteiligt. Nach über einer Stunde konnte der Spähtrupp freigekämpft werden. Der Stabsgefreite Robert Hartert wurde dabei in den Oberkörper getroffen und brach zusammen. Drei Soldaten waren verwundet, zwei davon schwer. Hartert erlag später im Feldlager Kunduz seiner Verwundung.

Verstärkung war angefordert. Kampflugzeuge der USUnited States-Streitkräfte führten Tiefflüge zur Demonstration von Stärke („Show of Force“) durch. Am Boden stand der Zug noch immer im Feuerkampf. Beim Ausweichen detonierte gegen 14.50 Uhr unter einem geschützten Fahrzeug des Typs Dingo ein IEDImprovised Explosive Device. Fünf Soldaten in der Nähe wurden schwer, der Fahrer und der Bordschütze leicht verwundet. Hauptfeldwebel Nils Bruns und Hauptgefreiter Martin Augustyniak erlagen kurz darauf ihren Verwundungen.

Immer mehr Soldaten befanden sich im Gefecht: Neben den Kräften der 1. Infanteriekompanie war mittlerweile auch die Eingreifreserve, ein Zug der Schutzkompanie, aus dem PRTProvincial Reconstruction Team vor Ort. USUnited States-Hubschrauber des Typs „Black Hawk“ flogen in mehreren Wellen in die Kampfzone. Sie bekämpften den Gegner aus der Luft und landeten unter Beschuss, um die Verwundeten zu evakuieren. Die Hubschrauberbesatzungen erhielten für ihren Einsatz das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold.

Der Hinterhalt beschränkte sich nicht nur auf die Ortschaft Isa Khel. Am Nachmittag griffen rund 40 Taliban auch das etwa vier Kilometer entfernte Polizeihauptquartier von Chahar Darreh an. Dort lieferten sie sich ein Gefecht mit den zur Sicherung eingesetzten deutschen Soldaten sowie afghanischen Sicherheitskräften. Gegen 16.30 Uhr begann die 1. Infanteriekompanie auszuweichen. Am Abend erfolgte schließlich die Ablösung durch die 2. Infanteriekompanie.

Bei deren Marsch in den Einsatzraum kam es zu einem tödlichen Zwischenfall: Ein Panzergrenadierzug, vor Selbstmordattentätern in mit Sprengstoff beladenen Fahrzeugen gewarnt, beschoss gemäß der geltenden Einsatzregeln zwei entgegenkommende Pickups, welche die Warnzeichen nicht beachteten. Es waren jedoch Fahrzeuge der afghanischen Armee. Sechs afghanische Soldaten starben.

Die traurige Bilanz des 2. April 2010 waren drei deutsche Gefallene: Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak. Am 4. April, Ostersonntag, gaben die Soldaten im Feldlager Kundus ihren toten Kameraden das letzte Geleit. Eine Woche nach dem Gefecht, am 9. April, fand im niedersächsischen Selsingen die offizielle Trauerfeier unter Beteiligung des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und der Bundeskanzlerin Angela Merkel statt.

Für die Kameraden ging trotz der Verluste der Einsatz in Afghanistan weiter. Innerhalb von zwei Wochen trafen Reserven aus Deutschland in Kundus ein. Erst nach der Rückkehr in die Heimat begann dann für viele die Verarbeitung der Geschehnisse.

Nicht nur das Leben der Familien der Gefallenen, auch das der Verwundeten hatte sich geändert. Einige von ihnen suchten nach neuen Wegen, mit den Folgen des Kampfes weiterzuleben. Zwei der Verwundeten wurden Angehörige einer Sportfördergruppe und nehmen an internationalen Versehrtenwettkämpfen teil.

Der 2. April 2010 war eine Zäsur für die Bundeswehr. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen deutsche Soldaten in einem stundenlangen Gefecht. Die Einsatzrealitäten in Afghanistan hatten sich geändert. Aus dem reinen Stabilisierungseinsatz, wie er 2001 begonnen hatte, war spätestens mit dem Karfreitagsgefecht auch ein Kampfeinsatz geworden. Unter den Soldaten wurde von „Krieg“, in der Politik von „kriegsähnlichen Zuständen“ gesprochen. In der Abschreckungslogik des Kalten Krieges galt auch für die Soldaten der Bundeswehr Jahrzehnte lang: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Jetzt mussten deutsche Soldaten wieder kämpfen können, um ihren Auftrag zu erfüllen – und um zu überleben.

Die Auslandseinsätze und die Erfahrungen des direkten Kampfes wie etwa im Karfreitagsgefecht wirkten sich auf die Erinnerungskultur der Bundeswehr sowie deren Traditionsdiskurs aus. Vorbilder werden stärker in der eigenen Truppe gesucht. Es geht dabei aber nicht um Heldenverehrung, sondern darum, die persönliche Einsatz- und Opferbereitschaft als vorbildlich anzuerkennen. Eine gewissenhafte Pflichterfüllung und soldatische Tugenden wie etwa Tapferkeit und Kameradschaft sind, wie auch die Bewährung im Einsatz, Maßstäbe bei der Suche nach Vorbildern. Die Soldaten des Karfreitagsgefechts erfüllten die von ihnen geforderte Pflicht – und das in einer Extremsituation. Das tapfere Handeln einzelner Soldaten an diesem Tag kann daher traditionsstiftend und Vorbild für die Streitkräfte sein.

(Chris Helmecke)

Infografik zeigt Militärfahrzeuge und Soldaten im Gefecht auf einer Karte nahe der Stadt Isa Khel

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Höhe 432

Auf diesem Hügel, 432 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, errichtete die Bundeswehr einen schwer befestigten Außenposten zur besseren Kontrolle der Region. Er war im Schichtdienst mit circa 15 Soldaten besetzt.

IED Suche

IEDs (Improvised Explosive Devices) sind behelfsmäßige Spreng- und Brandsätze. Eine IED-Suche ist notwendig, um die Gefährdung der Truppe vor Ort zu reduzieren. Im April 2010 hat die Bundeswehr das Zentrum Counter-IED in Gelsdorf aufgestellt.

Black Hawk

Der Black Hawk ist ein US-Transport- und Rettungshubschrauber. Für die Evakuierung der im Karfreitagsgefecht verwundeten deutschen Soldaten wurde einer Besatzung das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit verliehen.

Marder

In Afghanistan war der Schützenpanzer Marder seit Ende 2006 im Einsatz. Er diente zur Lagersicherung und zur Unterstützung der Kampftruppe, beispielsweise der Quick Reaction Force (QRF). Im Gefecht wurde der Marder erstmals 2009 eingesetzt.

Dingo

Der im Karfreitagsgefecht zerstörte Dingo wurde zum wichtigen Symbol dieses Kampfes. Im September 2011 wurden bei der „Operation Tür“ seine Türen geborgen und später im Ehrenhain des Feldlagers Kundus aufgestellt.

Spähtrupp

Ein Spähtrupp dient der taktischen Gefechtsfeldaufklärung, um ein Lagebild mit Informationen über Feind, Gelände oder Infrastruktur zu erhalten. Zur Aufklärung standen in Afghanistan auch die Drohnen Mikado, Luna oder KZO zu Verfügung.

Isa Khel

Isa Khel ist eine kleine Ortschaft im nordafghanischen Distrikt Chahar Darreh, in der Provinz Kundus. Im Westen liegt eine wichtige Verbindungsstraße nach Norden und Süden, im Osten grenzt der Ort an den Kundus-Fluss.

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