Radio Andernach in Mali

Das unbekannte Land am Niger

Das unbekannte Land am Niger

Datum:
Ort:
Mali
Lesedauer:
5 MIN

1100  Bundeswehrsoldaten leisten zurzeit ihren Dienst im westafrikanischen Mali. Ein Land, zwei Missionen und unzählige Aufgabenbereiche. Unsere Redakteure Oberleutnant Janet W. und Oberfeldwebel Marc S. haben die Kameraden in Mali besucht. Hier berichten sie von ihren Eindrücken, vom Land und von den Einsätzen. 

Das Radio-Andernach-Mikrofon liegt auf einem Felsen

Radio Andernach ist für Sie zu den Soldatinnen und Soldaten nach Mali gereist und hat sich auch Land und Leute angesehen.

Bundeswehr/Radio Andernach

Anspruch und Wirklichkeit

Für unsere beiden Redakteure ging es zum ersten Mal nach Mali. Das Land, so heißt es oft in der deutschen Medienlandschaft, gilt aktuell als gefährlichster und verlustreichster Einsatz der Vereinten Nationen. Ein unter der Oberfläche brodelnder Konflikt, der jederzeit ausbrechen und auch die vor Ort eingesetzten Bundeswehrkräfte im hohen Maße gefährden könne. Und was ist mit der Flora und Fauna? Horrorgeschichten von hochgiftigen Skorpionen und Kamelspinnen, die fauchen, bevor sie angreifen, halten sich hartnäckig. Nur was ist dran an den Gerüchten, an den vielen Halbwahrheiten und angeblichen Gefahren? Wir haben uns vor Ort umgehört und das Gespräch mit den Kameraden gesucht. Sowohl bei MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali in Gao als auch bei EUTMEuropean Union Training Mission in Koulikoro. Die Antworten sind so vielfältig wie das Land an Niger und Senegal selbst.

Am Rande der Sahara

Die Ankunft in Mali bestätigt die erste Befürchtung. Es ist drückend heiß. Beim Verlassen des Flugzeugs schlägt einem auf der Rollbahn des Flughafens Bamako die Hitze ins Gesicht. Staub, Schweiß. Eine fremde Welt. Die Luft ist trocken. Bei Abflug aus Deutschland lagen die Temperaturen bei vier Grad Celsius an einem durchschnittlichen Novembertag. In Bamako zeigt das Thermometer 36 Grad. Winterwetter in Mali, die sanfte Variante der Akklimatisierung. Unbequemer, sagt man unseren Redakteuren im Ankunftsbereich des Flughafens, wird es im Sommer. Dann knacken die Temperaturen regelmäßig die Vierzig-Grad-Marke.

Oberleutnant Janet W. und Oberfeldwebel Marc S. auf dem Weg zu ihrem Shelter im Camp Castor

Oberleutnant Janet W. und Oberfeldwebel Marc S. auf dem Weg zu Ihrem Shelter im Camp Castor

Bundeswehr/Radio Andernach

Nach den Einreiseformalitäten heißt es dann erst einmal die Nacht in Bamako zu verbringen, bevor es am nächsten Morgen mit dem Flugzeug weiter ins knapp 1200 Kilometer entfernte Camp Castor geht. Das Lager liegt nicht weit entfernt vom Flughafen Gao am Rande der Sahara. Hier beginnt die sogenannte Sahelzone. Während des Fluges erkennt man aus der Maschine heraus, wie sich das Land merklich verändert. Während man um Bamako herum die typischen Trockenwälder und Akazien beobachten kann, dominiert das Rot der Wüste die Sahelzone bei Gao. Spärliche Vegetation, ein Wüstenland, das dann und wann sogar von einem Sandsturm heimgesucht werden kann.

Landschaftsaufnahme der malischen Wüste von oben.

Landschaftsaufnahme der malischen Wüste aus einem Flugzeug.

Bundeswehr/Radio Andernach

Einzig an den Ufern des Flusses Nigers durchbrechen grüne Flecken die Wüste. In dieser befremdlichen Umgebung liegt knapp fünf Kilometer vom Fluss entfernt das Camp Castor, das die Bundeswehr 2016 von den Niederländern übernommen hat. Das Feldlager hat seit seiner Entstehung 2014 bereits eine bewegte Geschichte hinter sich, beherbergte niederländische Kräfte ebenso wie deutsche Kampfhubschrauber Tiger. Ein internationaler Standort. Das Leben spielt sich innerhalb des Lagers auf wenigen Kilometern ab. Hier ist ein Großteil des deutschen Einsatzkontingents untergebracht. Fast 15.000 Soldaten und Soldatinnen umfasst die MINUSMAMission Multidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali-Blauhelmtruppe, bis zu 1.100 Soldatinnen und Soldaten stellt dabei die Bundeswehr.  

Der Job des Desinfektors – mehr als nur Hygiene

Eine der fast 1.000 Soldatinnen und Soldaten im Camp Castor ist Stabsunteroffizier Sophie M. Ihr Auftrag vor Ort ist „exotisch“. Als Desinfektor im Sanitätshygienetrupp ist sie nicht nur für die namensgebende Desinfektion zuständig, sondern auch für sämtliche Hygieneaspekte. So gehören auch der Umgang mit infektiösen Patienten oder die Desinfektion der Toiletten zu ihrem Aufgabengebiet. Ein nicht minder wichtiger Teil ihrer Arbeit geht allerdings auf Tuchfühlung mit der Flora und Fauna Malis. Zusammen mit dem Gesundheitsaufseher sorgt sie dafür, dass ungebetene, tierische Besucher im Camp gar nicht erst zur Gefahr werden können. 

„Wir entfernen die Kleintiere, die gefährlich werden könnten, und beseitigen diese“, sagt sie und lächelt bei der Nachfrage, mit welcher Art von Tieren sie zumeist zu tun hätte. „Skorpione, Schlangen, Borstenhörnchen, Käfer oder Spinnen.“

Käfer und Schlangen, eingelegt in Formaldehyd, die im Camp der Bundeswehr gefangen wurden.

Neben dem Radio-Andernach-Mikrofon sind einige Vertreter der malischen Fauna zu sehen

Radio Andernach

Für den Menschen potenziell gefährlich seien dabei nur der Gelbe Mittelmeerskorpion und die Weißbauchsandrasselotter. Kamelspinnen seien zwar für europäische Verhältnisse extrem groß und auch keine Freude für Arachnophobiker, wären aber grundsätzlich für den Menschen ungefährlich. Und sie schreien oder fauchen auch nicht, entkräftet Stabsunteroffizier Sophie M. ein gerne zitiertes Klischee. Eine gesunde Portion Aufmerksamkeit hilft dennoch vor möglichen unangenehmen Zusammenstößen mit der Tierwelt. Da viele der Tiere nachtaktiv sind und die in diesen Breitengraden rasch eintretende Dunkelheit, gerade bei fehlenden Straßenlaternen zum Problem werden kann, empfiehlt sie, darauf zu achten, wohin man sich setzt, die Augen offen und eine Taschenlampe griffbereit zu halten. Skorpione, Schlangen und Spinnen sind trotz allem eher selten innerhalb des Lagers anzutreffen. Kommt es dann doch zu einem tierischen Rendezvous, heißt es, Ruhe zu bewahren und den Gesundheitsaufseher oder den Sanitätshygienetrupp zu rufen. Meistens endet ein solcher Ausflug der Tierwelt dann in einem mit Klebeband verschlossenen Glas. Anschließend werden die Tiere vor die Tore des Camps verbracht. 

Getrennte Wäsche aus gutem Grund

Wesentlich häufiger als Schlangen oder Skorpione trifft man im Camp auf ein sehr viel kleineres, aber deutlich lästigeres Tier – die Sandmücke. Nicht nur, dass ihr Stich erhebliche Hautreaktionen einhergehend mit Juckreiz und Schwellungen auslösen kann, der winzige Blutsauger ist zusätzlich noch ein möglicher Krankheitsüberträger. Aus diesem Grund ist die Einsatzbekleidung der Truppe mit einem sogenannten Vektorenschutz ausgestattet.

„Der Vektorenschutz ist mit Permethrin imprägniert. Das hält die Mücken effektiv ab. Zusätzlich dazu sollte man sich unbedeckte Körperstellen mit Mückenspray einsprühen.“

Die spezielle Imprägnierung hat aber ihre Tücken. Die so verarbeitete Einsatzbekleidung muss zwingend mit einem Spezialwaschmittel und getrennt von der restlichen Wäsche gereinigt werden. Andernfalls kann der Mückenschutz nicht gewährleistet werden. Behandelt man seine Einsatzkleidung bei der Reinigung nach Vorschrift, ist allerdings die Schutzwirkung der Imprägnierung über mehrere hundert Waschgänge gegeben. Stabsunteroffizier Sophie gibt direkt Entwarnung: Das Permethrin an der Einsatzkleidung kann dem Menschen nicht schaden. Kleine, lästige Blutsauger haben damit allerdings erhebliche Probleme.

von Lars Neger  E-Mail schreiben

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