Porträt: Luftrettungsmeisterin

Porträt: Luftrettungsmeisterin

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In waldreicher Landschaft liegt der Fliegerhorst Schönewalde/Holzdorf keine 100 Kilometer südlich von Berlin. An dem Standort der Bundeswehr wurde Anfang 2013 die Lufttransportgruppe des neu aufgestellten Hubschraubergeschwaders 64 in Dienst gestellt. Beim dort stationierten Such- und Rettungsdienst, dem SARSearch and Rescue-Kommando Land, ist Stabsfeldwebel Barbara Schafferhans als Luftrettungsmeisterin tätig.

Eine Bundeswehrsoldatin im Porträt vor einem SAR-Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D

„An meinem Job mag ich, dass man nie weiß, was kommt“, sagt die Luftrettungsmeisterin.

Bundeswehr/Jane Schmidt

Die 47-Jährige mit geflochtenem Pferdeschwanz trägt den SARSearch and Rescue typischen Overall in Orange. Bei einem Einsatz zieht die Luftrettungsmeisterin als Teil der Arbeitskleidung noch die Stahlkappenstiefel an, die seitlich mit Reflektorstreifen versehen sind.

Ein Rucksack für alle Fälle

Neben dem Rücksitz der „guten alten“ Bell UH-1D, dem SARSearch and Rescue-Hubschrauber Land, ist ein roter Rucksack verstaut. „Hier ist alles drin, was ich brauche: nicht nur Infusionsbesteck, Verbandszeug, Dreiecktücher, Nadelsätze und ein Blutdruckmessgerät. Größere Geräte wie ein Überwachungsmonitor für Blutdruck, Herzfrequenz sowie Beatmungsgerät und EKG werden im Hubschrauber mitgeführt. Was im Prinzip jeder Notarztwagen am Boden auch dabei hat.“

Noch arbeitet Schafferhans mit Sanitäts-Rüstzeug, das seit etwa 15 Jahren im Einsatz ist. Eine modernere Ausstattung ist geplant. Alle zwei Jahre prüft der TÜV das Gerät. Alle sechs Monate muss die Elektrik geprüft werden. Direkt hinter den Piloten ist die Liege mit Vakuummatratze samt Bergetuch verzurrt, die dank beweglicher Kunststoffkügelchen formbar ist. Auf der werden bei der Erstversorgung Trauma-Patienten fixiert und ruhiggestellt. Drei Sätze Bettzeug, ein Bergesack für den Einsatz der Rettungswinde – sie hebt maximal 275 Kilogramm –, Gegengifte, Geschirr für den Luftretter fliegen in einem Gitterkasten, der „Kartoffelkiste“, hinten mit.

SARSearch and Rescue-Mittel ersten und zweiten Grades

Die Bell UH-1D in Holzdorf in Sachsen-Anhalt ist ein sogenanntes SARSearch and Rescue-Mittel ersten Grades, besitzt also die vollständige Ausrüstung für ihren Hauptauftrag Suchen und Retten. Das gilt auch für die beiden anderen Hubschrauber des SARSearch and Rescue-Kommandos Nörvenich in Nordrhein-Westfalen und Niederstetten in Baden-Württemberg.

Eine Bundeswehrsoldatin hockt vor einem geöffneten Notfallrucksack

Der Rucksack der SARSearch and Rescue-Rettungskräfte wiegt gut 20 Kilogramm.

Bundeswehr/Jane Schmidt

Ansonsten kann jeder Hubschrauber der Bundeswehr bei Bedarf für Rettungseinsätze ausgerüstet werden und wird dann als sogenanntes SARSearch and Rescue-Mittel zweiten Grades genutzt. „Als Standardbesatzung sitzen wir zu dritt im SARSearch and Rescue-Hubschrauber: zwei Piloten und ich. Standardmäßig ist Platz für einen Patienten vorgesehen. Nicht standardmäßig fliegt bei Bedarf ein Notarzt mit, der nach der Versorgung am Boden die Weiterbegleitung eines Patienten als notwendig ansieht“, fährt Schafferhans fort. SARSearch and Rescue fliegt auch auf Anfrage für zivile Einrichtungen wie etwa die Uniklinik in Leipzig, wo eine schwere Intensivtrage steht. Da kommt zu der dreiköpfigen Besatzung noch neben Patient und Arzt eine Krankenschwester für die Intensivversorgung beziehungsweise ein Bediener für die Trage hinzu.

Notfallsanitäter mit Militärbesatzungsschein

„Nach meinem Abitur 1989 habe ich mich beim Roten Kreuz ganz normal in zwei Jahren zur Rettungsassistentin ausbilden lassen. Heute müssen Neueinsteiger eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter durchlaufen“, sagt Schafferhans. „Erst später erfuhr ich durch eine Kollegin, dass wir Frauen auch zur Bundeswehr gehen können. Also habe ich 1996 die Grundausbildung in Roth bei Nürnberg absolviert und die Uffz- und Fw-Lehrgänge zunächst ohne medizinische Weiterbildung durchlaufen.“

Für Nörvenich, das 2000 einen Luftrettungsmeister suchte, belegte sie die entsprechenden Lehrgänge bei der Bundeswehr mit Englisch, Überleben auf See und Land, Flugphysiologie und vielem mehr teil. Den fliegerischen Lehrgang zu Luftfahrtgesetz, Wetterkunde und Seilwindeneinsatz sowie Senkrechtlandungen hat sie 2002 in Diepholz mit dem Militärbesatzungsschein abgeschlossen.

„Jedes Jahr muss ich jetzt einen Prüfungsflug mit Suchverfahren, Senkrechtlandungen und Windenverfahren absolvieren und 100 schriftliche Fragen beantworten. Wie die Piloten müssen wir auch 50 Flugstunden im Jahr nachweisen und uns ebenfalls jedes Jahr ärztlich untersuchen lassen“, zieht sie die Parallele. „Seit 2003 bin ich in Holzdorf. Trotz der ganzen fliegerischen Ausbildung gehören die Luftretter noch zur Sanität, werden aber demnächst zum Heer versetzt.“

Zwei Bundeswehrsoldaten schauen in einem Büro auf eine Karte

Bei einem Notruf geht alles sehr schnell, innerhalb von 15 Minuten ist die Crew in der Luft.

Bundeswehr/Jane Schmidt

In 15 Minuten in der Luft

Der Alltag von Schafferhans beginnt in der Regel mit unspektakulären Routinearbeiten: Zusammen mit der Crew zieht sie den Hubschrauber aus der Halle, liest Vorschriften, betreut Besuchergruppen, desinfiziert die Maschine.

Der nächste Notruf könnte jederzeit eingehen, von der SARSearch and Rescue-Leitstelle Land in Münster. Die teilt knapp mit, was wo passiert ist. Weitere Details können während des Fluges geklärt werden. Dann bereiten die Piloten Karten vor, und los geht es. Hubschrauber und Besatzung sind tagsüber meist innerhalb von 15 Minuten startklar.

Bei der Landung leistet der Luftrettungsmeister Manövrierhilfe, weil die Piloten den hinteren Bereich unter dem Hubschrauber nicht einsehen können. „Ist ein Landeplatz ausgesucht und wir sind gelandet, schnappe ich mir meinen roten Rucksack und gehe zum Patienten, den ich versorge. Beim Einladen in den Hubschrauber helfen mir die Crewmitglieder oder andere wie etwa die Feuerwehr“, beschreibt Schafferhans den Ablauf.

24/7: Schichtbetrieb über 24-Stunden in sieben Tagen

Bei den sogenannten primären Einsätzen werden die Verletzten direkt am Unfallort aufgenommen. Ist eine Landung des Hubschraubers nicht möglich, werden Schwerstverletzte im Bergesack im sogenannten Doppelwinschverfahren in den Hubschrauber gezogen. Wer unverletzt und nur erschöpft ist oder aus einem von unten unzugänglichen Ort wie Schluchten oder aus Hochwasser befreit werden muss, hängt allein an der Winde.

Als sekundär werden Flüge bezeichnet, bei denen Patienten von einem Krankenhaus zu einer Fachklinik verlegt werden. Hier herrscht weniger Zeitdruck als bei den Primäreinsätzen.

Der Dienst der Luftrettungsmeisterin stellt hohe Anforderungen, aber Schafferhans betont: „Ich habe inzwischen viel Erfahrung in meinem Job. Deshalb nehme ich mir schlimme Fälle nach mehr als 20 Jahren Dienst nicht mehr so zu Herzen. Wir können uns ja auch nach sieben Tagen mit einem 24-Stunden-Schichtdienst in zweieinhalb Wochen Ausgleich zu Hause genügend erholen. Das macht auch die Pendelei von mindestens drei Stunden zu meinem Wohnort erträglich.“

von Gabriele Vietze