Sanitätsdienst

Medizinische Allrounderin in der Steppe

Medizinische Allrounderin in der Steppe

Ort:
Ulaanbaatar
Lesedauer:
5 MIN

Zuhause in Deutschland ist Oberfeldärztin Dr. Claudia Leuchs Leiterin des Sanitätsversorgungszentrums in Bischofswiesen. Aktuell trennen sie jedoch knapp 6.500 Kilometer von ihrem Heimatstandort. Denn Dr. Leuchs hat in der Mongolei die medizinische Gesamtverantwortung für die dortige Ausbildungsunterstützung des Mobilen Trainingsteams. Mitten in der Steppe, zwei Stunden weg vom nächsten Krankenhaus, spricht sie über die Eindrücke der ersten Wochen.

Zwei Soldatinnen und ein Soldat stehen an einem Sanitätsfahrzeug in der mongolischen Steppe.

Oberfeldärztin Dr. Claudia Leuchs (r.) hat mit ihrem Team die medizinische Gesamtverantwortung für die Ausbildungsunterstützung in der Mongolei

Bundeswehr/Claudia Leuchs

Was hat dich dazu bewogen, als Ärztin mit in die Mongolei zu kommen?

Oberfeldärztin Dr. Leuchs: Tatsächlich hat mich meine Schwiegermutter schon vor vielen Jahren für das Land begeistert. Sie selbst hat zahlreiche Bücher über die Mongolei und die dortigen alternativen Heilmethoden. Das hat bei mir als Medizinerin natürlich ein gewisses Interesse geweckt. Und als ich dann von der Ausbildungsunterstützung gehört habe, war für mich klar: Da möchte ich dabei sein. Und da mein letzter Einsatz im Kosovo bereits mehr als zehn Jahre zurückliegt, habe ich nach einigen Gesprächen mit meinem Mann und den Kindern auch direkt zugesagt.

Mit welchem Team bist du nach Ulaanbaatar gereist?

Wir sind insgesamt mit zwei Beweglichen Arzttrupps, kurz BATBeweglicher Arzttrupp, in die Mongolei gekommen. Die beiden BATBeweglicher Arzttrupp sind unabhängig voneinander agierende Teams. Sie brauchen wir, um beide Ausbildungsstationen, die knapp 70 Kilometer auseinanderliegen, im sanitätsdienstlichen Sinn der Role 1 voll abdecken zu können. Jeder BATBeweglicher Arzttrupp besteht aus einem Arzt, einem Notfallsanitäter und einem Kraftfahrer, der bestenfalls als Einsatzsanitäter ausgebildet ist. Auch beim Material sind wir sehr gut aufgestellt. Mit dabei haben wir jeweils eine komplette Notarztausrüstung, dazu gehören beispielsweise Beatmungsgerätschaften, Defibrillatoren und Systeme zum Patientenmonitoring. Die BATBeweglicher Arzttrupp-Fahrzeuge sind mit diesen Geräten ausgestattet. Kurzum: Wir sind für den Auftrag bestens ausgerüstet.

Detaillierte Absprachen mit mongolischen Partnern

Eine Soldatin sitzt hinten in einem Militärfahrzeug. Im Fahrzeug ist medizinische Ausrüstung zu sehen.

Oberfeldärztin Dr. Claudia Leuchs muss im Ernstfall sicherstellen, dass verletzte Soldaten richtig erstversorgt werden

Bundeswehr/Jennifer Ratliff

Wie gestaltet sich der Auftrag vor Ort?

Im Endeffekt spielen wir bei dieser Mission auf der großen Klaviatur der medizinischen Versorgung – vom allgemeinem Gesundheitscheck mit truppenärztlicher Versorgung über die Anordnung und Überwachung von Corona-Isolationen bis hin zum potenziellen Extremfall, einer schweren Verletzung während der Ausbildung. Was das bedeuten kann, haben unsere Sanitäter vor einigen Jahren hier vor Ort erlebt. Ein deutscher Kamerad hatte sich bei der Ausbildung schwer verletzt. Er hatte einen offenen Knochenbruch, sodass ein Host Nation Support, also die medizinische Behandlung in einem mongolischen Krankenhaus, notwendig war. Das hat dank der guten Vorabsprachen mit dem örtlichen Klinikum in Ulaanbaatar dann auch gut funktioniert. Der verletzte Soldat wurde schnell behandelt, notoperiert und versorgt und im Anschluss daran nach Deutschland gebracht.

Ein wichtiger Bestandteil meines Auftrages hier vor Ort ist es, detaillierte Absprachen mit unseren wichtigen mongolischen Partnern auf medizinischer Seite zu treffen, und das bereits lange bevor die Hauptkräfte anreisen. Hier habe ich mich persönlich davon überzeugt, dass die mongolischen Einrichtungen mit unseren medizinischen Standards mithalten können. In den Kliniken hier hat sich in den letzten Jahren vieles getan, was mich freut. Beispielsweise hat die städtische Traumaklinik eine hochmoderne Intensivstation, wo insgesamt zwölf Patienten untergebracht werden können.

Wie sieht die Rettungskette genau aus, wenn sich ein Soldat in der mongolischen Steppe verletzt?

Als BATBeweglicher Arzttrupp sind wir immer in der Nähe des Ausbildungsortes. Sollte sich der Kamerad an einem für uns schwer zugänglichen Ort verletzen, wird dieser durch die Einsatzersthelfer erstversorgt und dann an einen vorab besprochenen Übergabeort gebracht. Dort übernehmen wir. Nachdem wir das Verletzungsmuster gesichtet haben, würde der verletzte Soldat durch uns notärztlich versorgt werden, das bedeutet vor allem die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung der Vitalfunktionen wie Kreislauf und Atmung, einschließlich der Gabe einer ersten Schmerzmedikation mit beispielsweise Betäubungsmitteln wie Fentanyl oder Morphin. Wir entscheiden dann, ob der Verletzte über Land transportiert werden kann oder Luftunterstützung benötigt wird. Für dieses Szenario habe ich bereits im Vorfeld mit der ärztlichen Direktorin der mongolischen SOS-Klinik in Ulaanbaatar Absprachen getroffen, sodass ich im Ernstfall hier nur noch eine schnelle Anforderung per Telefon abgeben muss. Für die Übergabe des Patienten über Landtransport haben wir eine in der Nähe befindliche Mautstation vereinbart. Dort wird der Verletzte im sogenannten Rendezvous-Verfahren übergeben, das heißt, an der verabredeten Stelle treffen die mongolischen und deutschen Rettungsdiensteinheiten zusammen (Rendezvous) und die Besatzungen werden gemeinsam tätig. Ich selbst bleibe beim Patienten bis dieser im Krankenhaus angekommen ist.

Ein sehr gutes Gefühl

Vor einer Mautstelle in der mongolischen Steppe fährt ein weißer Jeep.

Für die Übergabe von Patienten über Landtransport gibt es eine Mautstation. Dort werden Verletzte im sogenannten Rendezvous-Verfahren an den Host-Nation-Support übergeben.

Bundeswehr/Marco Dorow

Wie läuft generell die Zusammenarbeit mit den mongolischen Akteuren?

Das variiert von Fall zu Fall. Die SOS-Klinik zum Beispiel ist sehr international. Da laufen entsprechend auch die binationalen Kooperationen einwandfrei. Das ist einfach eine mit den Jahren gewachsene, gute Zusammenarbeit. Kurz: Man kennt sich. Auch beim Besuch in der städtischen Traumaklinik war ich positiv überrascht, was sich dort getan hat. Die Intensivstation ist vor wenigen Jahren modernisiert worden, entsprechend stolz war man, uns die technischen Neuerungen persönlich zeigen zu können. Sicherlich können die normalen Bettenstationen dort nicht mit den deutschen Standards mithalten, aber ich denke, da wird sich in Zukunft viel bewegen. In der ebenfalls voll ausgestatteten privaten InterMed-Klinik stießen wir beim diesjährigen „Erkundungs-Besuch“ auf eher mäßiges Interesse. Allerdings hatten wir mit der Klinik noch nicht so viel zu tun. Dorthin werden Patienten verlegt, wenn sie zum Beispiel einen Herzinfarkt erleiden. Für uns ist das ein eher unwahrscheinliches Szenario, da hier fast alle Soldatinnen und Soldaten jung und sportlich sind. Unterm Strich habe ich aber ein sehr gutes Gefühl, wenn es um die generelle medizinische Zusammenarbeit und die Erstversorgung unserer Soldatinnen und Soldaten hier in der Mongolei geht.

Du warst zweimal im Kosovo. Wie würdest du diese Einsätze mit der Ausbildungsmission in der Mongolei vergleichen?

Anders als im Einsatz sind wir hier mit zwei Stunden Fahrtzeit (oft auch mehr) westlich von Ulaanbaatar, zunächst mal auf uns allein gestellt. Das heißt, die hier eingesetzten Ärzte müssen die Erstversorgung verlässlich beherrschen, sich die stundenlange Erstversorgungszeit auch zutrauen und in Notsituationen flexibel handeln können. Nehmen wir das Beispiel eines Sturzes im Gebirge. Hier kann es im schlimmsten Fall passieren, dass der Arzt ein Polytrauma (Anm. d. Red.: Wenn mindestens eine Verletzung oder mehrere Verletzungen in Kombination lebensbedrohlich sind) auch mal zwei bis drei Stunden selbst versorgen muss. Im Kosovoeinsatz war die Anbindung im Vergleich zur mongolischen Steppe natürlich viel besser. Dort hatte die Bundeswehr mit ihren Partnern ihr eigenes Krankenhaus mit Ärzten und Sanitätern im Feldlager Prizren. Schwerverletzte Patienten konnten direkt in der Klinik weiterversorgt und notoperiert werden. Die Situation hier in der Mongolei nehme ich gerade daher als persönliche Herausforderung, an der ich letztlich beruflich weiterwachse.

Auch deswegen bin ich froh, hier sein zu dürfen und den Sanitätsdienst der Bundeswehr bei dieser Ausbildungsunterstützung vertreten zu können. Zudem ist es umso schöner, dass dieser Auftrag in einem solch faszinierenden Land liegt, das durch seine fremde Kultur und herzlichen Menschen begeistert und durch die unendliche Weite der sanft-hügeligen Steppe mit Horden an Wildpferden ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer aufkommen lässt.

Mehrere Soldaten stehen in einem Kellerraum um einen Soldatenherum, der am Boden liegend in Wärmedecken eingewickelt ist.

Neben dem Jagdkampf und Gebirgskampf erhalten die mongolischen Kameraden bei der Ausbildungsunterstützung Mongolei auch eine Sanitätsausbildung

Bundeswehr/Marco Dorow


von Maximilian Kohl
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