Heer

Afghanistan 2011: Vom Einsatz her denken

Brigadegeneral Heico Hübner bereitet sich als Bataillonskommandeur 2010 auf den Einsatz vor. Ihm war damals klar, dass es Gefechte, das es Verwundete und möglicherweise auch Gefallene zu beklagen geben würde. Im Juni 2011 verlor Oberstleutnant Heico Hübner einen seiner Soldaten bei einem Anschlag. Im Interview spricht er über seinen Einsatz bei der ISAFInternational Security Assistance Force, schwere Gefechte und Konsequenzen für seine täglichen Aufträge.

Vier Panzer fahren in weitem Abstand hintereinander. Dahinter erstreckt sich eine steinige Gebirgskette.
Bundeswehr

Hintergrund Afghanistan 2011

Im August 2010 wurde die Quick Reaction Force im Norden aufgelöst und in zwei Ausbildungs- und Schutzbataillone überführt, jeweils eines in Kundus und eines in Masar-i Scharif. Man will jetzt nicht mehr nur von Zeit zu Zeit per Patrouille Präsenz vor Ort zeigen, sondern in bestimmten Schwerpunktgebieten über Wochen vor Ort bleiben.

Auftrag des Ausbildungs- und Schutzbataillons (ASB MES) in Masar-i Scharif war es, zusammen mit den Kräften der afghanischen Armee sowie der afghanischen Polizei in der Provinz Baghlan Stabilisierungsoperationen zu führen. In Einzelnen waren Anfang 2011 dazu das sogenannte Highway Triangle zu sichern und der Quandahari Belt zu gewinnen und zu halten, um so den Anschluss nach Norden zur Provinz Kundus herzustellen und in Verbindung mit dem Ausbildungs- und Schutzbataillons Kundus den Kundus-Baghlan Korridor als eine der Hauptwirtschaftsrouten offenzuhalten.

Das ASB MES umfasste neben einer Stabs- und Versorgungskompanie, zwei Infanteriekompanien, eine Pionier-, eine Aufklärungs- und eine Sanitätskompanie. Insgesamt knapp 800 Soldatinnen und Soldaten.

Unterschied zwischen Qick Reaction Force (QRF) im Jahr 2010 und Ausbildungs- und Schutzbataillon im Jahr 2011:
Bereits 2010 wurde mehr und mehr deutlich, dass es, um die Lage erfolgreich stabilisieren zu können, darauf ankam, Schlüsselgelände in gemeinsamen Operationen von afghanischen Sicherheitskräften und ISAFInternational Security Assistance Force nicht nur offensiv zu gewinnen, sondern auch dauerhaft gegen die Aufständischen zu halten und eine Entwicklung hin zum Besseren anzustoßen.

Anders als die bisherige QRF war das ASB MES daher als ein Gefechtsverband so gegliedert, dass es vollständig autark zur eigenständigen Operationsführung im engen Schulterschluss mit den afghanischen Kräften befähigt war.

Inmitten der Provinz Baghlan sicherte sich das ASB MES auf dem Observation Post (OP) North selbst und wurde dort aus der Luft versorgt. Die Infanteriekompanien waren mit dem Transportpanzer Fuchs, dem Allschutz-Transportfahrzeug Dingo und dem Schützenpanzer Marder robust und durchsetzungsstark ausgestattet. Das ASB verfügte mit Mörsern und Panzerhaubitzen über eine eigene Steilfeuerkomponente und konnte über die Joint Fire Support Teams (gemeinsamer Feuerunterstützungstrupp) auch Kampfhubschrauber und Flugzeuge für den Close Air Support (Luftnahunterstützung) zur Unterstützung einbinden. Die Pionierkompanie konnte Gelände gangbar machen, Sprengfallen räumen und Combat Outposts (befestigte Außenposten) bauen, die dann zur Sicherung von Schlüsselgeländeabschnitten durch afghanische Kräfte gehalten wurden.

Die Aufklärungskompanie hatte unter anderem bodengebundene Spähkräfte, Drohnen und Feldnachrichtenelemente zur Verfügung. Zusätzlich gab es Elektronische Kampfführung, ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Einheiten und Kräfte für die zivil-militärische Zusammenarbeit. Die Sanitätskompanie stellte mit Rettungssanitätern und Ärzten die unmittelbare sanitätsdienstliche Unterstützung der Kampftruppe in jeder Lage sicher.

Bereits im Jahr 2010 hatte die QRF schon Operationen in der Provinz Baghlan geführt. Die damals gewonnenen Räume galt es zu Beginn des Jahres 2011 mit Patrouillentätigkeit und befestigten Außenposten zu behaupten. Dazu waren Tag und Nacht eigene und afghanische Kräfte im Raum, die einer Bedrohung durch Improvised Explosive Device (IEDImprovised Explosive Device, dt: selbstgebauter Sprengsatz) und Beschuss durch Handwaffen und Panzerfäusten unterlagen. Anfang 2011 hatten die Aufständischen allerdings bereits gelernt, dass sie sich in einem offenen Gefecht gegen einen verstärkten deutschen Infanteriezug nicht behaupten konnten und verlegten sich mehr und mehr auf IEDImprovised Explosive Device-Anschläge.

Die geschützten Fahrzeuge der Bundeswehr und Hinweise aus Gesprächsaufklärungsergebnissen mit der Bevölkerung sowie Route Clearing Operations, also das gezielte Aufspüren und Beseitigen von Sprengfallen, boten dagegen Schutz. Aber die Bedrohung war allgegenwärtig.

Im nördlichen Teil des Verantwortungsbereichs des Bataillons mussten die deutschen Kräfte selbst offensive Operationen führen, um Schlüsselgelände zu gewinnen. Die Speerspitze bildeten die Partnereinheiten der afghanischen Armee und der Polizei. Die deutschen Soldaten waren immer eng mit dabei, um die erforderlichen Aufklärungsergebnisse zu liefern, Kampfunterstützung einzubinden und die afghanischen Einheiten zu verstärken.

Ein Erfahrungswert war, dass umso robuster der eigene Kräfteansatz, desto verhaltener war der Widerstand der Aufständischen. Die Mobilität, der Schutz und die Wirksamkeit der eigenen Fahrzeuge und Waffen waren klar überlegen und drängte die Aufständischen aus dem Raum. Allerdings blieb die IEDImprovised Explosive Device-Bedrohung allgegenwärtig.