Sanitätsdienst

Auszeichnung für Sonderforschungsprojekt am Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Auszeichnung für Sonderforschungsprojekt am Bundeswehrkrankenhaus Berlin

  • Medizin & Gesundheit
  • Sanitätsdienst
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Weite Anfahrten, lange im Wartezimmer sitzen, wenn ein Arztbesuch ansteht kostet das oft viel Zeit. Nicht nur deshalb erforschten und testeten Ärzte und Patienten in einem Sonderforschungsprojekt am Bundeswehrkrankenhaus Berlin das Modell der Online-Videosprechstunde (O-VS). Diese Arbeit wurde mit dem Paul-Schürmann-Preis 2020 ausgezeichnet.

Eine junge Ärztin sitzt am Computer und unterhält sich mit einem Patienten, der auf dem Bildschirm live zugeschalten ist.

Online-Videosprechstunden bringt viele Vorteile bei der Patientenbehandlung

Bundeswehr/Thio Pulpanek

Angesichts des Fortschritts der Digitalisierung in der Medizin stellt sich die Frage, inwieweit Abläufe im Sanitätsdienst durch moderne Technologien sinnvoll ergänzt werden können. Das Pilotprojekt startete im Fachbereich der Orthopädie und Unfallchirurgie (FU XIV) im Bundeswehrkrankenhaus Berlin (BwKrhsBundeswehrkrankenhaus Berlin). Hier haben fünf Fachärzte, zwölf Truppenärzte und insgesamt 98 Patienten über mehrere Monate die O-VS getestet.

Im Vorfeld der anonymisierten Studie wurden die Patientinnen und Patienten hinsichtlich einer freiwilligen Teilnahme angesprochen. Jederzeit konnten sie ohne Angaben von Gründen und ohne Konsequenzen für ihre Behandlung zurücktreten. War eine persönliche Vorstellung oder gar eine Operation erforderlich, konnte dies gleich in der O-VS besprochen und terminiert werden. Speziell die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie 2020 wirken sich in vielen Ländern aus. Das steigert die Relevanz von O-VS bei Arzt-Patientenkontakten, auch bei der Bundeswehr.

Die Leitung steht – online ins Wartezimmer

Die Echtzeit-Videokonferenzen wurden nach gültigem nationalem Recht (Gesetze, Verordnungen, technische Regeln) durchgeführt. Hierbei wurden über einen zertifizierten Anbieter Ende-zu-Ende-gesicherte Breitband-Verbindungen zwischen Patienten und Ärzten hergestellt. Vor einem Online-Termin erhielten die Patienten per E-Mail oder SMSSystem-Management Stiewi GmbH einen Link mit Passwort. Damit loggten sie sich in einen geschützten Wartebereich ein und wurden vom Orthopäden aufgerufen. Die Verbindung war unabhängig vom Endgerät - zum Beispiel Mobiltelefon, Tablet, Betriebssystem oder Hersteller - möglich.

Teilnahmekriterien

Alle Studienteilnehmenden sollten militärische Angehörige der Bundeswehr und über 18 Jahre alt sein und nach entsprechender Aufklärung freiwillig an der Studie teilnehmen. Die reguläre Behandlung beispielsweise nach Schulter- oder Knie-OP, zur Wundkontrolle nach chirurgischem Eingriff oder andere Krankheitsbilder war Voraussetzung, ebenso die internetgestützte Computerkommunikation. Hierzu nutzten die Patienten ihre privaten Geräte wie Smartphones, Tablets oder PC.

Bei einem klassischen „Live“-Termin im BwKrhsBundeswehrkrankenhaus Berlin wäre für die Patienten eine durchschnittliche Anfahrt von 108 km erforderlich gewesen. Hier sahen die Fachärzte die Vorteile einer O-VS, um die lange Anreise zur persönlichen Vorstellung des Patienten zu vermeiden. Es könne somit zeitnah geplant und die erforderliche Behandlung beschleunigt werden. Ein aktueller Zwischenstand zum Gesundheitszustand des Patienten lässt sich schneller abfragen und diagnostizieren.

Ab März 2020 wurden teilnehmende Truppenärzte und -ärztinnen aus den Sanitätsversorgungszentren (SanVersZ) mit der notwendigen Technik (Tablets, Tablet-Halterungen, Headsets, SIM-Karten) ausgestattet. Ab diesem Zeitpunkt konnten mit Hilfe einer neu eingerichteten O-VS-Hotline und Lotus-Notes- Adresse Arzttermine für orthopädisch-unfallchirurgische Patienten vereinbart und durchgeführt werden.

Projekt weiterhin erprobt

Das hier vorgestellte Sonderforschungsprojekt wurde seit 2018 durch Ärzte der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des BwKrhsBundeswehrkrankenhaus Berlin in Zusammenarbeit mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) entwickelt. Im derzeit laufenden Projekt - welches durch die Ethikkommission genehmigt wurde - beteiligen sich verschiedene zuständige Institutionen der Bundeswehr, neben den Fach- und Truppenärzten auch Spezialisten für ITInformationstechnik und Datenschutz. Das Projekt wurde als Pilotprojekt vom CIHBw finanziert.

Ausblick

Ein Arzt sitzt am Schreibtisch vor einem Computer und unterhält sich mit einem Mann, der auf dem Bildschirm zu sehen ist

Der „kurze Draht“ statt lange Anfahrt und Wartezeiten in der Klinik hilft Patienten und Patientinnen bei ihrer Behandlung und Genesung

Bundeswehr/Thio Pulpanek

Die hier vorgestellten bis Juni 2020 erhobenen Daten werden fortlaufend durch weitere Daten ergänzt. Unter anderem wird ausgewertet, ob es wesentliche Unterschiede bei Online-Videosprechstunden versus „Live“-Konsultation gab und ob diese sich auf die empfohlene Weiterbehandlung der Patienten ausgewirkt hätte.

Im Kontext der COVID-19Coronavirus Disease 2019-Pandemie kann das Projekt langfristig eine entscheidende Grundlage für die weitere digitale und telemedizinische Ausrichtung des Sanitätsdienstes in Deutschland legen. Perspektivisch konsequent wäre, das Angebot auf die truppenärztlichen Sprechstunden ebenso wie auf Dienststellen im Ausland auszuweiten, so das Fazit der Studienteilnehmenden.

Telemedizin in der Orthopädie und Unfallchirurgie

Telemedizin in der Orthopädie wurde schon in verschiedenen Ländern genutzt, speziell bei der Versorgung ländlicher Bevölkerung. Erste Studien zeigten bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts, dass telemedizinische Ansätze bei ambulanten orthopädischen Kontrollen genutzt werden könnten. In den letzten Jahren konnten für die Orthopädie, aber auch andere Fachbereiche, viele Vorteile von Online-Konsultationen nachgewiesen werden.

Telemedizin ist unter den digitalen Werkzeugen ein schon fast „alt“ zu nennender, weit gefasster, Begriff und beinhaltet den Austausch von medizinischen Informationen zwischen entfernten Teilnehmern, mit dem Ziel, ähnlich einer Live-Konsultation zu kommunizieren und den Gesundheitszustand von Patienten zu verbessern.

Was ist der Paul-Schürmann-Preis?

Der Paul-Schürmann-Preis wird seit 1968 durch die Deutsche Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V.eingetragener Verein (DGWMP e. V.eingetragener Verein) alle zwei Jahre für herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Wehrmedizin und Wehrpharmazie vergeben. Er ist nach dem Militärpathologen und Tuberkuloseforscher Paul Schürmann benannt.

von Bianca Jordan