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Operation Atalanta: Auf Patrouille über gefährlichen Gewässern

Dschibuti, 12.12.2018.

Das Einsatzgebiet der Anti-Piraterie-Operation Atalanta ist größer als Europa. Nur per Flugzeug lässt sich dieses riesige Areal im Indischen Ozean effektiv überwachen. Unser Autor ist mit an Bord eines deutschen Seefernaufklärers des Typs Orion gegangen.

Orion von vorn
Klar zum Start: Die Orion ist das fliegende Auge der Marine. (Quelle: Bundeswehr/Carsten Vennemann)Größere Abbildung anzeigen

Um halb sechs morgens zeigt das Thermometer bereits 30 Grad – Tendenz steigend. Hitze und Luftfeuchtigkeit in Dschibuti sind für Europäer eine Herausforderung. Gerade machen sich die Techniker des Marinefliegergeschwaders 3 aus Nordholz auf den Weg zum Flugplatz der französischen Luftstreitkräfte.

Seit September ist dort das deutsche Einsatzkontingent der „European Union Naval Force Somalia – Operation Atalanta“ wieder auf mehr als 70 Soldaten angewachsen. Und das liegt an einem Seefernaufklärer der Marine vom Typ P-3C Orion mit dem Funkrufzeichen „Jester“.

Hotspot der Piraterie

Am Horn von Afrika beginnt dieser Tage die Zwischenmonsunzeit. Die See vor Somalia wird ruhiger und die Wahrscheinlichkeit von Piratenangriffen steigt. Entlang der somalischen Küste verläuft eine der weltweit wichtigsten Handelsrouten. Jahrelang war die Region ein Hotspot der Piraterie.

Seit dem Jahr 2008 schützt deshalb die Operation Atalanta die internationale Handelsschifffahrt. Deutschland ist von Anfang an dabei: Zweimal im Jahr für jeweils vier Monate patrouillieren deutsche Marineflieger über der Küste Ostafrikas.

Soldaten warten die Triebwerke der Orion
Bullige Motoren: Jedes der insgesamt vier Triebwerke leistet rund 4.600 PS. (Quelle: Bundeswehr/Carsten Vennemann)Größere Abbildung anzeigen

Auf der Base angekommen, beginnen die deutschen Soldaten mit der Vorfluginspektion. In drei Stunden soll Jester starten. Im „Mission Support Center“ (MSC), dem operativen Zentrum der deutschen Atalanta-Beteiligung, brennt schon länger Licht. Serverschränke brummen, flirrende Ventilatoren sollen den Raum kühlen.

In einer Ecke sitzt Oberbootsmann Hagen Klein* und blättert in einem Aktenordner. Er ist der Luftbildauswerter des Kontingents. Auch Kapitänleutnant Timo Brasch* und Werner Rudolph* hocken im MSC vor ihren Monitoren, erstellen Listen und gleichen Daten ab. Die beiden Tasking und Intelligence Officers bereiten das Crewbriefing vor.

„Die Missionen werden hier vorbereitet, begleitet und nachbereitet“, erklärt Rudolph. „Wenn die Maschine heute Abend zurückkommt, beginnt für uns die Hauptarbeit.“ Dann müssen hunderte neuer Fotos und Videos gesichtet werden. Auf den T-Shirts der Techniker zeichnen sich die ersten Schweißflecken ab, dennoch ist die Stimmung gelöst: Jester ist einsatzbereit.

Piraterie ist ein Schwelbrand

Pünktlich um sieben beginnt im MSC das Briefing. Heute geht es zur südlichen Küste Somalias. Zwölf Camps sollen angeflogen und erkundet werden, alles ehemalige Piratennester.

In den vergangenen fünf Jahren hat die Piraterie signifikant abgenommen. „Das liegt an Atalanta und dem Engagement der beteiligten Nationen“, erklärt Kontingentführer Etienne Wilke. Der 39-Jährige ist bereits sechsmal als Korvettenkapitän in Dschibuti stationiert gewesen. „Es ist hier einfach zu gefährlich für die Piraten geworden.“

Trotz der relativen Ruhe bleibt Atalanta wichtig. Denn ohne staatliche Strukturen und Arbeit kann es jederzeit einen Rückfall geben. „Mit der Piraterie ist es hier wie mit einem Schwelbrand. Es braucht nur einen Windhauch – und das Feuer ist von Neuem entfacht“, erklärt Wilke.

Zwei Soldaten im Cockpit
Im Cockpit: Letzte Absprachen vor dem Einsatzflug (Quelle: Bundeswehr/Carsten Vennemann)Größere Abbildung anzeigen

Eine halbe Stunde vor dem Start hat sich die Besatzung im Flugzeug versammelt. Der Navigationsoffizier erklärt die Route und erläutert die Kontrollpunkte. Dann rollt Jester ab. Dumpfe Schläge lassen das Flugzeug erzittern, bevor es abhebt.

Minuten später ist nur noch Wüste zu erkennen. Der Flug in das Operationsgebiet wird gut zwei Stunden dauern. „Das Einsatzgebiet ist riesig, die Wege lang“, erklärt Co-Pilot Torsten Maler*. Bis ins Zielgebiet gibt es für die Bediener der Sensorstationen wenig zu tun.

Abwechselnd auf Posten

Hauptbootsmann Marcus Bayer* schenkt sich in der kleinen Küche des Flugzeugs einen Kaffee ein. Bayer wird an Bord für die Überwasserortung eingesetzt. Für ihn ist es der dritte Einsatz bei Atalanta. Diesmal ist der 33-Jährige kurzfristig eingesprungen, mit dem Team war er schnell auf einer Wellenlänge.

„Wir wechseln uns an den verschiedenen Stationen immer ab. Nach einer gewissen Zeit ist es sehr anstrengend, konzentriert die Kamera oder das Radar zu bedienen. Auch als Observer an den Fenstern kann man nicht ewig aufs Wasser starren. Sieht einfach aus, ist es aber nicht.“

Luftaufnahme von einem Dorf
Einblicke von oben: Ein Dorf an der Küste Somalias (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die Küstenlinie Somalias kommt in Sicht, Jester hat das Operationsgebiet erreicht. In mittlerer Höhe wird das erste Camp überflogen. Eine Häuserruine ist zu erkennen und orangefarbene Planen, die einmal als Zelte gedient haben. Keine Menschen, keine Boote am Strand. Trotzdem wird alles fotografiert, um das Camp mit alten Aufnahmen abgleichen zu können.

Weiter zum nächsten Camp. An seinem Arbeitsplatz blickt Bayer gebannt auf den Monitor, zoomt mit der hochauflösenden Kamera. Alles wird automatisch aufgezeichnet. Trotz der Entfernung von mehreren Seemeilen: Auf dem Monitor ist alles gestochen scharf und zum Greifen nah. In dem Dörfchen sind Menschen, Autos und eine Kamelherde zu erkennen. Am Strand liegen eine Handvoll Skiffs, kleine Fischerboote, typisch für die Region.

Abermals wird das Camp überflogen, um kein Detail zu übersehen. Nach dem dritten Anflug dreht Jester ab. Konzentriert sitzen die Soldaten vor ihren Konsolen, fotografieren und protokollieren.

Fischer oder Piraten?

Nach der Hälfte der Liste wird an den Stationen getauscht. Ein Whaler bringt Abwechslung. Das große Fischerboot hat das Interesse der Crew geweckt – sie fliegt eine Schleife. Die Besatzung des Bootes blickt in den Himmel, geht dann aber wieder ihrer Arbeit nach.

„Nichts Auffälliges, sind wohl nur Fischer. Manchmal heben sie sogar ihre Planen hoch, um ihre Ladung oder Netze zu zeigen. Sie wissen, warum wir hier sind“, erklärt Bayer. Als alle Camps abgeflogen sind, geht es zurück.

Soldaten tragen einen großen Schlauch zum Flugzeug
Volltanken bitte: Gleich nach der Landung wird die Maschine für den nächsten Start klar gemacht. (Quelle: Bundeswehr/Carsten Vennemann)Größere Abbildung anzeigen

Auf der Base warten schon die Techniker. Kaum hat Jester seine Parkposition erreicht, ist das Flugzeug schon von Technikern umringt: Strom- und Klimaleitungen anschließen, Klappen an den Triebwerken und am Rumpf öffnen. Füllstände, Drahtsicherungen und Schrauben kontrollieren.

Jeder Schritt, jeder Handgriff, der ganze Ablauf wirkt wie eine einstudierte Choreografie. Alle haben ein Ziel: Jester schnellstmöglich fit für den nächsten Auftrag zu machen.

Ein wichtiger Einsatz

Für die Besatzung endet der Tag nach einer kurzen Nachbesprechung. Für die drei Soldaten im MSC dauert es noch Stunden bis der Missionsbericht geschrieben ist. Kapitänleutnant Rudolph ist zufrieden und bringt es auf den Punkt: „Jeder Seemann, der hier nicht entführt wird, rechtfertigt diesen Einsatz.“

*Name geändert


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Stand vom: 13.12.18 | Autor: Peter Mielewczyk


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