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Interview: „Unsere Reserve neu denken“

Berlin, 06.03.2019.

Vizeadmiral Joachim Rühle ist seit 2017 Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und damit zugleich Beauftragter für Reservistenangelegenheiten. Im Interview erklärt er, was er von der „Reserve der Zukunft“ erwartet. Noch in diesem Jahr wird er eine umfassende Strategie vorstellen.

Rühle im Interview
Zwei Ämter: Rühle ist Stellvertreter des Generalinspekteurs und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten. (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Herr Admiral, es gibt im Moment rund 25.000 aktive Reservisten in Deutschland. Welche Bedeutung haben sie für die Bundeswehr?

Die Reservisten sind sehr wichtig und werden noch wichtiger werden. Wir sehen dies gerade bei der Neuausrichtung und der neuen Konzeption der Bundeswehr. In den vergangenen Jahren stand die Personalreserve im Fokus. Wir brauchen die Reservisten, um unsere Einsätze abzudecken und vor allem im Inland, um Soldaten in den Einsätzen oder Vakanzen zu ersetzen. Mit der gestiegenen Bedeutung der Landes- und Bündnisverteidigung wird sich der Blick aber deutlich verändern.

In den 1990er Jahren ist die Zahl der Reservisten stark gesunken. Werden sie als Scharnier zwischen Truppe und Gesellschaft nicht mehr gebraucht?

Die Reduzierung der Reserve ging einher mit der damaligen Ausrichtung der Bundeswehr, die sich immer stärker auf Auslandseinsätze konzentriert hat. Dementsprechend entwickelten sich auch die Aufgabenschwerpunkte der Reservisten. Die Scharnierfunktion in die Gesellschaft hat sich aber nicht verändert. Im Gegenteil, die Reserve trägt maßgeblich zum Bild der Bundeswehr in der Öffentlichkeit bei. Engagierte Reservisten sind wichtige Multiplikatoren – darüber sind wir sehr dankbar.

Warum wird das Thema Reserve wieder wichtiger?

Der Grund ist die offensichtliche sicherheitspolitische Entwicklung. Wir lebten lange in einer friedlichen Welt, umgeben von Freunden und Partnern. Beginnend mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 hat sich die Weltlage gravierend verändert. In der neuen Konzeption der Bundeswehr steht die Landes- und Bündnisverteidigung wieder gleichrangig zu den Auslandseinsätzen.

Für die Reserve heißt das im Klartext: ein neuer Aufgabenschwerpunkt. Allein unter dem Aspekt der Inneren Führung müssen wir die Reservisten auf ihre neuen Aufgaben vorbereiten. Veränderungen müssen ordentlich kommuniziert werden. Daher ist das Thema Reserve derzeit so präsent.

Rühle gestikulierend
Überzeugt: Die Reserve wird weiter wachsen. (Quelle: Bundeswehr/Sebastian Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Die Reserve soll wieder wachsen. Welche Größe streben Sie an und wie wollen Sie die Zielmarke erreichen?

Die Neuausrichtung der Bundeswehr verlangt ein anderes Fähigkeitsprofil. Dazu gehört ein Aufwuchs an Personal und Material. Ich habe den Abteilungsleiter Planung und meinen „Beraterkreis“ – die Stellvertretenden Inspekteure der Teilstreitkräfte – beauftragt zu beziffern, wie viele ihrer Aufgaben von Reservisten abgedeckt werden können und müssen. Es ist derzeit noch zu früh, um die genaue Zahl abgeleitet zu beziffern.

Ich denke aber, dass wir in Zukunft wieder weit mehr Reservisten haben werden, als die rund 60.000, die wir heute beordern können. Um das zu erreichen, richten wir künftig einen noch stärkeren Fokus auf unsere ausscheidenden, gut ausgebildeten Soldatinnen und Soldaten. Aus dem aktiven Dienst zu entlassen, heißt für uns, für die Reserve zu gewinnen.

Gibt es Bereiche, in denen die Truppe besonders auf Reservisten angewiesen ist?

Ich mache keine Abstufungen, wenn ich auf die „Reserve der Zukunft“ schaue. Bei genauer Hinsicht werden vor allem die Truppenreserve und die Territoriale Reserve eine neue, größere Bedeutung erhalten. Wir brauchen in Zukunft auch Spezialisten, um zum Beispiel komplexe logistische Verlegungen zu organisieren oder Bedrohungen im Cyberbereich zu erkennen und zu begegnen. Für mich sind die Reservisten insgesamt extrem wichtig. Wir brauchen sie alle und zwar in größerer Anzahl!

Muss der Reservedienst noch attraktiver werden?

Wir machen uns bei der Ausarbeitung der zukünftigen „Strategie der Reserve“ viele Gedanken, wie die Reserve noch attraktiver werden kann. Ein erster Schritt war die Neuordnung des Unterhaltssicherungsgesetzes. Wir können außerdem wieder mehr Übungsmöglichkeiten anbieten, vergangenes Jahr waren es im Schnitt schon über 3.500 Reservistinnen und Reservisten pro Tag, die Zahl wird weiter wachsen.

Es geht aber auch darum, auf die Reservisten noch mehr zuzugehen und ihnen die vielfältigen Reservemöglichkeiten aufzuzeigen. Wir müssen noch mehr auf die Bedürfnisse der Menschen, die uns freiwillig unterstützen, eingehen. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass sie angeben können, wo sie aktiv werden wollen – in ihrem Verband, auf einem Schiff oder alternativ nahe am Wohnort.

Sie haben die Ausarbeitung einer „Strategie der Reserve“ angesprochen. Wie ist der aktuelle Stand?

Die aktuelle Konzeption der Reserve von 2012 hat sich auf die Einsätze der Bundeswehr und die Aufrechterhaltung des Grundbetriebs konzentriert. Truppen- und Territoriale Reserve kamen kaum vor – mit Ausnahme der Verbindungskommandos und der Unterstützung bei Amtshilfe oder Naturkatastrophen im Inland.

Die Strategie soll im Herbst 2019 erscheinen und die Grundlinien der Reservearbeit definieren: Aufgaben, Personal, Strukturen und Ausrüstung. Wir wollen Pfade anlegen, die zum Aufbau, der Ausstattung und der Ausbildung einer angemessenen und glaubwürdigen Reserve führen, die zudem zeitgerecht aktiviert werden kann. Wie das Fähigkeitsprofil der Truppe wird auch die Strategie nicht in Stein gemeißelt sein. Sie wird zukünftig regelmäßig überprüft und aus dem Fähigkeitsprofil der Bundeswehr abgeleitet.

Soldaten auf schneebedecktem Dach
Beispiel Schnee-Einsatz: Immer wieder verstärken Reservisten die aktive Truppe. (Quelle: Bundeswehr/Weber)Größere Abbildung anzeigen

Anfang des Jahres waren viele Reservisten bei der Schneekatastrophe in Bayern im Einsatz. Welche Rolle haben sie gespielt?

Die Reserve hatte nicht nur bei der Schneekatastrophe eine entscheidende Rolle, sondern auch bei den Waldbränden im vergangenen Jahr. Die Kreisverbindungskommandos (KVK) werden oft als Erstes aktiv. Die Kameraden haben die Erlaubnis, im Katastrophenfall schnell die Uniform anzuziehen und vor Ort zu sein. Sie sind gut vernetzt und schnell vor Ort, um zu helfen.

In Bayern haben wir zudem über 100 Reservisten der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräfte (RSU) einberufen - ausnahmslos Freiwillige. Sie haben die Gebirgsjäger dabei unterstützt, die Dächer von den gewaltigen Schneelasten zu befreien. Das war eine tolle Leistung, für die ich sehr dankbar bin.

Um den heimatnahen, flexiblen Einsatz geht es auch bei den Landesregimentern. Im April wird das erste in Bayern gegründet. Was versprechen Sie sich davon?

Wir brauchen heute wieder mehr Reservisten. Wir sehen auch, dass die Kreisverbindungskommandos einen sehr hohen Besetzungsstand haben. Daran wollen wir anknüpfen und sowohl bei der Beorderung als auch bei Übungen in der Region flexibler werden. Gleichzeitig wollen wir uns an den Bedürfnissen der Reservisten orientieren. Oftmals ist dies der Einsatz in der Heimatregion.

Das Landesregiment in Bayern ist ein Pilotprojekt der Bundeswehr, bei dem RSU-Kompanien eine übergeordnete Struktur erhalten. Damit wollen wir über einen Zeitraum von zwei Jahren überprüfen, wie wir sie zukunftssicher aufstellen. Dabei kooperieren wir mit dem Reservistenverband. Wenn die Resonanz gut ist, ließe sich die Idee ausweiten. Auch in anderen Bundesländern gibt es ein großes Interesse daran.

Viele Reservisten sehen sich als „Soldaten zweiter Klasse“. Die Ministerin hat nun eine Gesetzesinitiative angekündigt, die Reservistenkordel abzuschaffen. Warum?

Die Kordel dokumentiert, dass ein Reservist, der die Uniform trägt, aber nicht einberufen ist, in keinem Vorgesetztenverhältnis steht. Mir erschließt sich diese Unterscheidung zwischen Soldaten und Reservisten nicht. Ich sehe so viele gute Reservisten. Wenn sie die Uniform anhaben, dann gehören sie zu uns. Wir sollten sie nicht durch die Kordel abgrenzen. Die Initiative wird nun von der Bundesregierung ins Parlament eingebracht. Ich gehe davon aus, dass das Gesetz noch in diesem Jahr in Kraft tritt.

Aufschiebeschlaufe Reserve
Soll wegfallen: Viele Reservisten sind mit der Reservistenkordel nicht glücklich. (Quelle: Bundeswehr/Schindler)Größere Abbildung anzeigen

Was wünschen Sie sich von der Reserve und wo sehen Sie diese in zehn Jahren?

Ich stelle mir vor, dass wir dann wieder eine vollintegrierte Truppen- und Territoriale Reserve haben, die beim Auftrag der Bundeswehr immer mitgedacht werden. Die aktive Truppe und die Reserve sollen wieder stärker zusammenwachsen.

Ich wünsche mir viele engagierte Reservisten, die unsere aktive Truppe vielfältig unterstützen und als Mittler sowie Botschafter für unsere soldatischen Blickwinkel in die Gesellschaft wirken. Zugleich wünsche ich mir, dass ihr Dienst von der Öffentlichkeit als wichtiger Bestandteil der Verteidigung unserer Heimat anerkannt wird.


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Stand vom: 07.03.19 | Autor: Florian Stöhr


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