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„Das sicherste Fahrzeug der Bundeswehr“: Mit dem Dingo im Einsatz

Berlin, 28.12.2016.
„Muli“ kennt, schätzt und respektiert den Dingo. Der Hauptfeldwebel, den wir wegen seiner Einsätze nur mit seinem Spitznamen nennen, war mit dem Allschutz-Transportfahrzeug in Afghanistan und im Kosovo als Gruppenführer und Kommandant unterwegs. Mehrfach wurden er und seine Männer angesprengt. Immer verlief es dank des Dingos glimpflich.

Ein Dingo 2 auf einem Hügel im ISAF-Einsatz

Das geschützte Führungs- und Funktionsfahrzeuge Dingo wird seit dem Jahr 2000 in der Bundeswehr genutzt. (Quelle: Bundeswehr/Brandt)Größere Abbildung anzeigen

„Ich habe 167 Soldaten ausgebildet und alle heil nach Hause gebracht. Als Patrouillenführer oder Stellvertreter habe ich immer den Dingo genommen, auch im Kosovo. Ich habe mich mit dem Dingo 1 angefreundet, dann bin ich Dingo 2 gefahren. Ich glaube, das Auto hat mir und meiner Gruppe mehrmals das Leben gerettet." Davon ist der einsatzerfahrene Soldat überzeugt.

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500 Patrouillen, 40.000 Kilometer

Seine persönliche Statistik beinhaltet in insgesamt drei Jahren im Auslandseinsatz über 500 Patrouillen mit dem Dingo 1 und 2, das sind rund 40.000 Einsatz-Kilometer. „Der Dingo 2 bietet Schutz und Schlagkraft”, bringt Muli es auf den Punkt. Er hat viel in diesem tonnenschweren Gefährt erlebt – auch Todesangst. Er hat viel zu erzählen, nimmt kein Blatt vor den Mund und übt auch Kritik: „Der Dingo 1 war untermotorisiert, sein Fahrgestell zu weich abgestimmt, weswegen er sich oft aufschaukelte. Da wurde es für den Richtschützen schwer, das Ziel zu halten. Aber er ist nicht umgekippt, wenn der Fahrer sein Gefährt beherrschte.“

Seiner Ansicht nach sollte der Dingo immer mit einem Transportpanzer Fuchs im Buddy-Prinzip fahren: „Dieses Team ist wirkungsvoll gegen irreguläre Kräfte”. Die Sicht aus dem Dingo ist eingeschränkt, und er hat nur eine Bordwaffe. Da bringt der Transportpanzer mit seinen Waffen viel mehr Wirkung an den Feind. Dagegen setzt der Dingo seine Panzerung, mit der er auch durch Beschuss mit Handfeuerwaffen fahren kann. Im Wechsel ergänzen sich Fuchs und Dingo optimal. Auf den Patrouillen hat Muli das mit seinem Kameraden Nossi, dem Führer auf dem Transportpanzer Fuchs, immer wieder praktiziert.

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Der Dingo läuft – aber nicht von alleine

Dann zählt Muli weiter auf, was er und seine Soldaten am Dingo schätzen gelernt haben: „Die Scheiben sind sicher gegen Durchschuss. Beim Dingo 1 wurde zwar das Glas milchig und musste nach ein bis eineinhalb Jahren ausgetauscht werden. Diese Teile waren aber immer vorhanden”. Überhaupt wird der Hauptfeldwebel energisch, wenn es um die Materialerhaltung geht. „Der Motor ist noch so ein schöner alter, nicht so neumodisch. Aber er braucht Liebe und Pflege”.

Was bedeutet das? „Bin ich in einem Einsatz in Afghanistan oder ähnlichen Gebieten, habe ich bei jeder Pause den Filter herauszunehmen und mit der Druckluft des Fahrzeuges auszublasen. Es bringt nichts, das nur alle paar Tage zu machen. Mein Fahrer hatte nie technische Fehler zu beklagen. Er war in jeder freien Minute am Dingo, hat Filter gewechselt und, und, und.”

Es wird klar, dass Muli und seine Besatzung eine Beziehung zu ihrem Dingo hatten. Deshalb spricht Muli immer wieder von „unserem 381“. Man spürt seine Emotion, als er fortfährt: „Ich habe mir das älteste Fahrzeug ausgesucht, und das läuft und läuft und läuft”. Muli muss selbst lachen, als ihm beim Dingo dieser uralte Werbespruch für den legendären Käfer einfällt. Doch der Dingo läuft nicht von alleine: „Jeder hat mitgeholfen, in jeder freien Zeit. Der 381 war der Liebling seines Fahrers.“

Zwei Dingos auf Patrouillenfahrt im steinigen Gelände in Afghanistan

Hauptfeldwebel Muli war mit dem Dingo schon in Afghanistan und im Kosovo auf Patrouillenfahrten unterwegs. (Quelle: Bundeswehr/Weinrich)Größere Abbildung anzeigen

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Auf Platten aus dem Schlamassel

Der Dingo ist für die Einsatzsoldaten mehr als nur ein kantiges, fleckgetarntes Fahrzeug: „Man lebt im und auf dem Dingo”, sagt Muli. Doch alles hat seine Grenzen, wenn es um das Thema Schutz geht. „Also keine Musikanlagen reinstellen und auch keine harten Glücksbringer.” Denn was nicht niet- und nagelfest ist, fliegt bei einer Detonation im Fahrzeug herum und gefährdet die Besatzung. Insgesamt aber bietet das Fahrzeug den denkbar höchsten Schutz, wenn es angesprengt wird: Die Sitze fixieren die Soldaten und nehmen die Schockwelle auf, die Panzerung leitet die Explosionswirkung ab.


Dann schwenkt Muli um auf die Geländegängigkeit des Dingos: „Dass ich während der Fahrt den Reifenluftdruck verändern kann, lässt den Dingo in jedem Gelände fahren. Im tiefsten Schlamm oder Sand lasse ich Luft ab, fahre fast auf Platten und so aus der Geschichte heraus”, erklärt er. „Wir hatten einmal fast 45 Grad Neigung und unser Fahrer TJ hat durch Geschicklichkeit und Einstellen der Reifen das Fahrzeug wieder gerade bekommen. Wir wären sonst umgekippt und hätten geborgen werden müssen”. Man hört heraus, wie stark Muli dieses Erlebnis in Afghanistan noch immer bewegt.

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Reset – zurück in die Gegenwart

Dann wird Muli ernst. „Wenn ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug von der Seite kommt, egal wie viel es geladen hat, das wird den Dingo, wenn man richtig drinsitzt und angeschnallt ist, nur wegspülen. Dann fliegt das Ding halt zwei Meter, ich habe mir blaue Flecken geholt aber überlebt!“ leitet er ein. Doch was passiert eigentlich bei einer solchen Explosion? Wie fühlt sie sich an? Man merkt, wie seine Erinnerungen den Hauptfeldwebel einholen. „Mhm, okay, das ist so …, man muss sich vorstellen”, versucht er, die Gedanken in Worte zu bringen.

Schließlich hat Muli sich gefangen: „Man bereitet sich fast vor auf den Knall, und erfahrene Gruppenführer spüren, wenn etwas nicht stimmt. Bei mir war es eine breite Straße, auf der rechts ein Minibus stand. Wir waren der Kompanie voraus ,und ich dachte, wenn das Auto voller Ladung ist, dann müssen wir weit ausholen, da will ich mindestens 20 Meter Abstand haben. Wichtig ist, schon vorher zu reagieren. Deshalb rief ich der Besatzung den Alarm „Panzerschutz! Panzerschutz! Panzerschutz! Vermutlich IED (Improvised Explosive Device – selbst hergestellte Bombe) zu.”

„Wir fuhren nach außen und es folgte ein dumpfer Knall, komischerweise leise. Man sieht ganz kurz die Straße, weil der Dingo abhebt und dann ist alles nur noch grau, dunkel orangebraun. Ich gab den Befehl zum Durchbrechen und erst, wenn man aus dem unmittelbaren Explosionsbereich herauskommt, dann wird es langsam wieder heller. Und dann fragen die Gruppenführer sofort den Status ab. Die Soldaten tasten sich selbst nach Verletzungen ab, prüfen ihren Bereich nach Schäden und melden dann an den Gruppenführer”, erklärt Muli. Er bezeichnet diesen Vorgang als „Reset“, um das Erlebte zu durchbrechen und die Soldaten wieder in die Gegenwart zu holen. Man merkt Muli an, dass er immer noch froh darüber ist, im Dingo geschützt gewesen zu sein.

Zwei Soldaten stehen neben einem zerstörten Dingo

Beim Karfreitagsgefecht am 2.April 2010 in Afghanistan wurde ein Dingo durch eine Sprengfalle zerstört. (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

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Mit 30 Sachen durch die Sperre

Auch während des zweiten Vorfalls setzte Muli sein ganzes Vertrauen in das Fahrzeug. „Beim zweiten Mal befanden wir uns in der Nähe von Baghlan mit einer Kolonne zur Unterstützung unserer Gebirgsjäger im so genannten Taliban-Dreieck. Ich war mit dem Dingo das erste Fahrzeug der Kompanie. Der Dingo sollte immer voraus fahren, denn er ist das sicherste Fahrzeug, das die Bundeswehr je hatte!” Schnell wird klar, dass Muli mit seinen Erinnerungen ringt, und der Dingo darin eine wichtige Rolle spielt. „Wir wussten, dass auf der ganzen Strecke von Kundus nach Baghlan vermutlich Hinterhalte gelegt werden. Die wussten wohl, dass die Kompanie komplett ausrückt. Nach drei Vierteln der Strecke fuhren wir in eine Ortschaft, in der es sehr still war. Da war mir klar, dass da was scheppern wird. Schon sehe ich auch einen Baumstamm mit geschätzten 30 Zentimetern Durchmesser bis zur Hälfte der Fahrbahn im Weg liegen. Wir dachten daran, um ihn herum zu fahren, aber ich war in Sorge, dass gerade dort Gefahr lauert.“ In dieser Situation greift Muli zum Funk: „Achtung! Vermutlich IED! Fahrt alle über den Baumstamm drüber", gibt er an die Kolonne durch. „Und das machten wir – mit circa 30 Kilometern Geschwindigkeit! Es war in dem Fall egal, ob die Achse gebrochen wäre: Der Dingo fährt auch noch mit diesem Schaden eine ganze Weile weiter!”

Muli ist immer noch gefangen von diesem Augenblick und gleichzeitig begeistert von seinem Fahrzeug. „Es hat kurz gescheppert, aber bei der späteren Überprüfung sahen wir, dass nichts kaputt war. Alle Fahrzeuge sind also über den Baum rüber. Die Aufständischen waren darauf nicht gefasst gewesen. Kaum war das zweite Fahrzeug, ein Fuchs, über das Hindernis hinweg, explodierte genau links von ihm eine IED. Der Transportpanzer war zum Glück weit genug entfernt. Bis auf einen zerstörten Reifen hatte er keinen weiteren Schaden”, sagt Muli und ergänzt: „Nach einem mehr als zehn Stunden andauernden Feuergefecht, und nachdem ich meine Jungs ausgetauscht hatte und wieder im Dingo saß, bin ich ohnmächtig geworden. Erst, wenn man sich sicher fühlt, und das tut man im Dingo, da passiert das dann”.

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Vertrautheit mit dem Panzer

Wenn man soviel gemeinsam durchgemacht hat – entwickeln Soldaten dann ein besonderes Verhältnis zu ihrer Lebensversicherung auf Rädern? Muli bestätigt diese Vermutung mit einem verschmitzten Grinsen: „Ja, das war eine richtige Bindung. Ich habe meinen Leuten stets gesagt, dass unser Dingo immer gewartet sein muss. Dadurch entstand die erste Bindung”, beginnt er aufzuzählen. „Nach den ersten IEDs und den Gefechten, in denen der Dingo fast umgekippt wäre aber wieder in die Spur kam, bekamen die Soldaten noch mehr Vertrauen. So kam es, dass jeder in seinem Bereich mitgeholfen hat, das Fahrzeug zu warten und einsatzbereit zu halten. Das ging so weit, dass in jeder freien Minute die Waffenanlage zum Schutz vor Staub abgedeckt wurde. Und TJ, der Kraftfahrer, ließ keine Fremden in die Nähe des 381. Er hat auch verstanden, wie man materialschonend fährt“.

Transportfahrzeug Dingo fährt im Konvoi

Muli: „Der Dingo sollte immer voraus fahren. Er ist das sicherste Fahrzeug, das die Bundeswehr je hatte.” (Quelle: Bundeswehr/Dorow)Größere Abbildung anzeigen

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Im Schutz des Fahrzeugs

Liebevoll habe die Gruppe ihren Dingo mit Symbolen verziert, erinnert sich Muli. „Und ganz besonders fällt auf, dass ganz viele Gruppenfotos immer vor oder auf dem Dingo entstanden sind”. Das verdeutliche „die Verbundenheit der Männer mit dem Fahrzeug”. Muli betont, wie „viele Stunden im und auf dem Fahrzeug verbracht und wie viel Gespräche darin geführt wurden.“

Im Einsatz appellierte Muli immer wieder an seine Soldaten: „So lange es geht, sucht euch den Schutz des Fahrzeugs.“ Ein größeres Lob kann es für ein Gerät wohl kaum geben.

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Fazit: Flink, wendig und geländegängig

In Afghanistan war der Dingo auch Hingucker und Messlatte für andere Nationen. „Sehr oft war es so, dass die Amerikaner uns beneidet haben. Die haben sich das Auto genau angeschaut und dann kam die Anfrage der amerikanischen Gebirgsjäger, ob sie nicht Dingos fahren könnten“, erinnert sich Muli. „Die Amerikaner hätten den Dingo gerne für ihr Route Clearing gehabt.” Aus verschiedenen Gründen wurde daraus aber nichts.

Während der Einsätze hat Muli seine Erfahrungen gemacht und so manche Idee, wie der Dingo noch verbessert werden könnte: Mit einer Nebelwurfanlage für den Nahbereich 30 Meter und anschließend für den Fernbereich zum Ausweichen beispielsweise. Auch für die Konstrukteure bei KMW hat er einige Ideen. Der Bildschirm der Rückfahrkamera spiegele und sei bei Helligkeit schlecht zu sehen. Die Panzerfaust-Halterung solle man hinten so ändern, dass man beim Aufklappen der Pritsche von jeder Seite, besonders der vom Feind abgewandten, schnell drankomme. Und nach kurzem Überlegen kommt noch: „Vielleicht auch eine Verbesserung beim Motor“.

Für die Macher des Dingos hat Muli trotzdem eine eindeutig positive Botschaft: „Der Dingo ist flink, wendig und geländegängig. Das ist eine ganz tolle Arbeit. Mit dem hohen Sitz und der kurzen Schnauze haben Fahrer und Kommandant eine gute Sicht. Die Ingenieure und Handwerker machen einen guten Job – bitte so weitermachen“.

Ein Dingo im Gelände in Afghanistan bei Nacht unter einem Sternenhimmel

Trügerische Idylle: Ein Dingo unter dem Sternenzelt Afghanistans. (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

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Der Dingo im Detail

  • Im Dingo 2 sind circa 3.500 Meter Kabel verlegt.
  • Eine Windschutzscheibe wiegt etwa 270 Kilogramm.
  • Der Dingo Patrouille besteht aus rund 52 Quadratmeter Stahl.
  • Sein Kompressor erzeugt 310 Liter Luft pro Minute bei 2.200 Umdrehungen pro Minute und 18 Bar Druck.
  • Das größte Bauteil ist die geschweißte Sicherheitszelle.
  • Das kleinste ist eine Schraube mit 1,6 mal 4 Millimetern Durchmesser und 5 Millimetern Länge.
  • Um einen Dingo zu bauen, braucht man zehn Personen.
  • Und bevor er ausgeliefert wird, erhält er eine Außenwäsche, die etwa eine Stunde dauert.

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Stand vom: 28.12.16 | Autor: Norbert Stäblein


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