Precise Response 2022

In der Hot Zone lauern tödliche ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoffe

Von einer Lagerhalle geht radioaktive Strahlung aus. Was ist die Ursache und wo ist die Quelle genau? Ein Fall für die ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr. Um auf solche Situationen vorbereitet zu sein, üben 380 Soldaten und Soldatinnen aus 13 Nationen bei Precise Response in Kanada mit echten ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoffen. Dabei sind Präzision und Teamarbeit gefragt.

Mehrere Soldaten in ABC-Schutzkleidung stehen im Gelände und messen mittels Messgeräten die Kontamination ihrer Kleidung.

Teamwork gefragt

Der schrille Ton der Sirene zerschneidet die idyllische Ruhe am frühen Morgen. Ein kurzer Moment des Aufschreckens. Dann absolute Konzentration. Jeder weiß, was zu tun ist. Jeder und jede Einzelne kennt die eigene Aufgabe.

Im Live Agent Training, dem Trainieren mit scharfen Kampfstoffen, üben die Frauen und Männer der Bundeswehr und elf weiterer Armeen aus NATONorth Atlantic Treaty Organization-Staaten sowie Österreich so realitätsnah wie möglich. Sie alle sind Spezialisteinnen im Umgang mit ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoffen.

Es geht dabei nicht nur darum, den Kampfstoff ausfindig zu machen, sondern auch, ihn zu identifizieren. Deshalb sind immer mehrere Teams daran beteiligt, atomare, biologische und chemische Gefahren abzuwenden. Das gelingt nur mit vereinten Kräften und den gebündelten Fähigkeiten von ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Aufklärung, Medizinischem ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Schutz und Kampfmittelräumern.

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  • Ein Soldat im Schutzanzug steht vor seinem Gepäck und überprüft seine Ausrüstung.
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    Sprengfallen mit ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoffen

    Sie sind die Ersten, die ins Feld gehen und sich einer noch unbekannten Gefahr aussetzen: die Soldatinnen und Soldaten der Kampfmittelabwehr. „Wir werden nur dann gerufen, wenn der Verdacht besteht, dass ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoffe in Zusammenhang mit einem Kampfmittel sind, als Beiladung in einer Bombe zum Beispiel“, erklärt Oberfeldwebel Timo*. Er ist ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Aufklärungsfeldwebel in Stetten am kalten Markt. Bei Precise Response bildet er mit drei Kameraden ein EODExplosive Ordnance Disposal-Team, also einen Trupp, der improvisierte, mit giftigen Stoffen bestückte Kampfmittel unschädlich macht. „Die normalen ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehrkräfte können keine Kampfmittel beseitigen, dafür gibt es uns.“ 

    Zudem sei jeder ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfmittelbeseitiger darauf spezialisiert, diese mit der Hand und somit aus unmittelbarer Nähe, statt aus der Ferne zu entschärfen. „Nicht alle in der Kampfmittelabwehr sind Handentschärfer, aber alle, die mit ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfmitteln zu tun haben“, sagt Timo und zieht sich seinen Schutzanzug an. Die entsprechende Maske gehört natürlich dazu. Wie lange ein Einsatz dauert, ist nie abzusehen. „Es sind schnell mal vier oder fünf Stunden, die man unter der Maske verbringt.“ Man gewöhne sich mit der Zeit daran.

    Drei Soldaten in ABC-Schutzanzügen heben einen Handwagen mit Ausrüstung auf die Ladefläche eines Fahrzeuges.

    Das EODExplosive Ordnance Disposal-Team: Mit dem Handkarren für das Material auf dem Pickup

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Es geht los. Mit Handwagen für das umfangreiche Equipment – schließlich muss man auf alles vorbereitet sein – geht es in die Hot Zone, den Bereich mit den scharfen Kampfmitteln. Hier hat nur Zutritt, wer die entsprechende Ausrüstung und Fachexpertise hat. Und hier beginnt die Arbeit des dreiköpfigen EODExplosive Ordnance Disposal-Teams. Die Soldaten müssen sich langsam an das Ziel herantasten. „Ich messe, ob ein ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Kampfstoff ausgebracht wurde. Und ein Kamerad überprüft Meter für Meter, ob Kampfmittel wie Sprengfallen ausgelegt wurden. So bewegen wir uns dann immer abwechselnd voran“, erklärt Timo.

  • Fünf Soldaten in Schutzanzügen und mit ABC-Schutzmaske stehen um ein Behältnis auf einem Tisch und besprechen sich.
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    Was ist die größere Gefahr?

    Nahaufnahme von einer Messkurve auf einem Display

    Gefahr erkennen: Die Messgeräte müssen die Soldatinnen und Soldaten immer im Blick haben

    Bundeswehr

    Das Messgerät schlägt aus: Hier strahlt etwas radioaktiv. Jetzt ist es Timos Job, die Kameraden zu warnen und ihnen zu sagen, wie lange sie sich in dem Bereich aufhalten können, ohne zu Schaden zu kommen. Das kann zum Wettlauf gegen die Zeit werden. Denn das Team muss noch alles auf Sprengkörper oder andere Kampfmittel untersuchen und diese unschädlich machen, sollten sie fündig werden. „Man muss in solchen Fällen Prioritäten setzen, was zuerst passieren soll: erst den Strahler entfernen und in Ruhe entschärfen oder andersrum.“ Das hänge von der Intensität der Strahlung ab – und mit welcher Auslösung das Kampfmittel versehen ist. „Es kommt darauf an, was die größere Gefahr ist.“

    Ein Soldat im ABC-Schutzanzug mit ABC-Schutzmaske geht mit einem Gerät zur Messung radioaktiver Strahlung durch ein Gebäude.

    Achtung, Strahlung: Wie hoch diese ist, misst der Soldat in allen Räumen

    DRDC Suffield Research Centre/Michael Franz/Matthew Tessmann

    Die Soldaten nehmen die Lagerhalle Zentimeter für Zentimeter unter die Lupe. Und sie werden fündig: eine Sprengfalle. Doch die gute Nachricht: Sie können sie entschärfen. Die erste Gefahr ist gebannt. „Wir geben einen Ort erst frei, wenn wir uns ganz sicher sind, dass keine scharfen Kampfmittel mehr da sind“, betont Timo. Doch die Strahlenquelle ist noch da. Jetzt kommt das SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Team zum Einsatz, die Frauen und Männer sind die Experten der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Aufklärung.

    Während das EODExplosive Ordnance Disposal-Team noch im Feld ist, bereitet sich der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Aufklärungstrupp bereits vor. Die Soldatinnen und Soldaten haben ebenso einen kniffligen Job. Sie müssen Proben des Kampfstoffes entnehmen und bereits vor Ort einschätzen, um was es sich handeln könnte. Es geht um Präzision, Gewissenhaftigkeit, aber auch Schnelligkeit – denn im Ernstfall könnten Menschleben davon abhängen.

  • Ein Soldat im Schutzanzug steht vor einem Container mit Ausrüstung und zieht Latexhandschuhe an.
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    Doppelt und dreifach geschützt

    Für jeden Kampfstoff – atomar, biologisch, chemisch – gibt es eine eigene Ausrüstung. Auch die Schutzanzüge variieren. Der Overgarment, ein Ganzkörperanzug, der vor den Kampfstoffen schützt, ist immer ein Muss. Im Fall einer A-Lage, wenn es sich um einen atomaren Stoff handelt, tragen die Frauen und Männer darüber einen speziellen weißen Anzug, der sie vor der Strahlung schützt. Entscheidend sind auch Schuhe, Maske und Handschuhe. Nicht ein Millimeter Haut darf frei liegen. Das könnte schwere Erkrankungen oder gar den Tod für die Soldatinnen und Soldaten bedeuten, wenn sie mit dem Kampfstoff in Berührung kämen. 

    Bis zu vier Paar Handschuhe tragen sie übereinander: Unterzieher aus Baumwolle, Gummihandschuhe und zwei weitere Paare aus Latex. „Wenn man etwas Kontaminiertes angefasst hat, kann man das Paar Handschuhe ausziehen und hat darunter noch ein frisches Paar“, so Marcel* während er sich auf den Einsatz vorbereitet. Die Kameraden helfen sich gegenseitig beim Anziehen. Wer nicht mit rausgeht, geht den anderen zur Hand. Dichtet alles an Schuhen und Händen ab, zieht die Kapuze über den Rand der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Maske. Alles muss stramm sitzen und dicht sein. Die vielen Handschuhe stören, die Maske behindert die Sicht, die Ausrüstung schränkt die Bewegungsfreiheit ein – die Männer und Frauen sind auf diese Unterstützung angewiesen.

    Ein Soldat hilft einem anderen Soldaten beim Anlegen der ABC-Schutzmaske

    Marcel ist Stabsunteroffizier aus der 2. Kompanie des ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehrbataillons 7 in Höxter, bereits sehr erfahren – und die Ruhe selbst. Als gelernter Biologisch-Technischer Assistent kam er zur ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr der Bundeswehr. Seit 2011 ist er dabei und führt das SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Team. Das international gebräuchliche Kürzel steht für Sampling and Identification of Biological, Chemical and Radiological Agents, also die Probennahme und Identifizierung von biologischen, chemischen oder radioaktiven Kampfstoffen.

    Bei Precise Response 2022 übernimmt Marcel aber eine andere Aufgabe: Er ist für die Dokumentation verantwortlich. Marcel war bereits sechsmal bei dieser Übung. Daher hält er sich mehr im Hintergrund, damit die Kameraden Erfahrungen sammeln können. 

    Ein Soldat im ABC-Schutzanzug steht vor seinem Gepäck und schaut prüfend auf ein kleines Gerät in seiner Hand.

    Vorbereitung: Bevor es in die Hot Zone geht, überprüft Stabsunteroffizier Mirko H. alle Geräte

    Bundeswehr/Amina Vieth

    So wie Stabsunteroffizier Mirko H.*, der zum ersten Mal dabei ist. Er ist der Spürer 1 und bedient die Messgeräte, um herauszufinden, um was für einen Stoff es sich handelt. Der Dokumentator hält jeden Schritt fest, macht Fotos und Videos, notiert die einzelnen Punkte, Messungen und Ergebnisse.

    Der Spürer 2 hat das Material dabei, um den Kampfstoff erst einmal ausfindig zu machen und Proben zu nehmen. Er versorgt das Team mit den nötigen Utensilien. „Damit diese nicht kontaminiert werden, steht der Spürer 2 etwas außerhalb und gibt bei Bedarf die Sachen an“, erklärt Marcel.

    Noch weiter weg steht der Soldat oder die Soldatin für das Protokoll. Über Funk wird alles an den Gefechtsstand übermittelt, wo die Taskforce den Überblick über das gesamte Geschehen hat.

  • Drei Soldaten in Schutzanzügen und mit ABC-Masken steigen mit ihrer Ausrüstung aus einem Fahrzeug.
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    Wer die Banane riecht, ist raus

    Während das EODExplosive Ordnance Disposal-Team schon auf dem Weg zur Dekontamination ist, geht es für die Aufklärer erst los. Doch vor der Hot Zone muss noch ein Zwischenstopp beim „Banana Hat“ gemacht werden. Schon aus mehreren Metern Entfernung riecht man deutlich, dass diese Station ihren Namen wahrlich verdient hat: In der Umgebung riecht es stark nach Bananen oder noch besser gesagt: nach Bananeneis. Den Geruch erzeugt ein spezielles Gas, das in der kleinen Kabine versprüht wird. Wer ihn trotz Schutzmaske riecht, darf nicht in die Hot Zone, denn dann ist die Maske nicht dicht und es muss Ersatz her.

    Ein Soldat im ABC-Schutzanzug überprüft die Dichtigkeit seiner ABC-Schutzmaske, indem er seine Hand am Filter ansaugt.

    Test: Ob die ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Maske dicht ist, lässt sich mit der Hand vor dem Filter schon überprüfen, bevor es in die Kammer mit dem Reizgas geht

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Das SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Team aus Höxter besteht den Test. Alle Masken sind dicht. Es geht los. Das Ziel ist klar: die Lagerhalle. Dass es sich um atomaren Kampfstoff handelt, wissen sie bereits. Dennoch ist absolute Konzentration gefragt. Routine gebe es nicht, jeder Einsatz sei anders. Und: „Man darf sich keine Fehler erlauben“, betont Marcel. Am Ort des Geschehens angekommen, werden erst einmal alle Zugänge wie Türen und Fenster begutachtet und die Stärke der Strahlung gemessen. „Wenn sie schon durch die geschlossenen Türen und Fenster sehr stark ist, muss ein anderer Weg gefunden werden, das Gebäude zu betreten.“ Denn je stärker die Strahlung, desto weniger Zeit dürfen die Frauen und Männer dort verbringen.

    Nahaufnahme von einer Folie mit der Aufschrift „Initial situation Urzustand“

    Dokumentation: Das Team für die Probennahme dokumentiert jeden Arbeitsschritt in der Hot Zone

    Bundeswehr

    Die Strahlung ist moderat, das Team kann in die Lagerhalle. „Als Erstes müssen wir Aufnahmen von dem Urzustand machen“, so Marcel. Dann machen sich die Soldatinnen und Soldaten auf die Suche nach Hinweisen, die Aufschluss über den konkreten Kampfstoff oder den Attentäter geben könnten. „Wir schauen, ob es Notizen auf mögliche Ziele gibt, die etwas über das Vorhaben verraten, ob es bestimmte Geräte zur Herstellung oder Aufbewahrung von Kampfstoffen gibt.“ Sind alle Bereiche durchsucht, tauscht sich das Team über die Erkenntnisse aus. „Der Truppführer entscheidet dann, welche Proben genommen werden.“ Dazu gehöre auch immer Erfahrung, die das Auge für gefährliche Flüssigkeiten und Co. schärfe.

  • Ein Soldat im Schutzanzug und mit ABC-Schutzmaske hockt mit einem Messgerät an einem Auto und misst radioaktive Strahlung.
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    Hektik kann tödlich sein

    Der Spürer 1 ist am Zug: „Er muss mit allen Messmöglichkeiten, die wir haben, an die Sache gehen.“ Es werde versucht, gleich vor Ort eine Doppelbestimmung zu erhalten: zwei Geräte, die denselben Wert anzeigen. „Dann hat man eine klare Richtung, um was es sich handelt.“ Im Idealfall passt diese mit der Vermutung des Truppführers überein. Und auch wenn nicht – was eher selten vorkomme – gehe es darum, den Stoff erst einmal zu bestimmen und weitere Schlüsse daraus zu ziehen.

    Zwei Soldaten stehen an einem vollen Tisch und überprüfen ihre Ausrüstung für die Probennahme von ABC-Kampfstoffen.

    Die Stabsunteroffiziere Marcel F. (l.) und Mirko H. kontrollieren das Material, ob alles vorhanden und funktionsfähig ist

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Für die Probennahme gibt es einen großen Rucksack, in dem alles Nötige verstaut ist: Handschuhe, Tüten, Pipetten, Zangen, Skalpelle, Trichter, Wischpads und mehr, um Proben aus verschiedenen Stoffen oder Flüssigkeiten entnehmen zu können. „Notfalls muss man improvisieren.“ Denn vorab wisse man nie, welchen Aggregatzustand eines Stoffs man vorfinde. „Egal, was es ist, man muss möglichst gut eine Probe davon herausbekommen.“ Viel Fingerspitzengefühl muss der Spürer 1 beweisen. Eine Herausforderung mit den mehreren Lagen Handschuhen und der eingeschränkten Sicht. Jeder Handgriff ist ruhig, sehr bedacht und absolut sicher. Auch wenn die Zeit drängt, dürfen die Soldaten nicht in Hektik verfallen. Die Gefahr ist ihnen in jeder Sekunde bewusst.

    Ist die Probe entnommen, kommen mehrere Behälter zum Einsatz, damit keine Gefahr von ihr ausgeht. Insgesamt gibt es drei Barrieren – eine aus Glas, einen Sicherheitsbeutel und einen Spezialbehälter mit Dämmmaterial. „Alles entspricht den Anforderungen für Spezialguttransport“, so Marcel. Auch hier muss alles sorgfältig dokumentiert werden. „Und zwar lückenlos. Damit alles vor Gericht Bestand hat.“ Jedes Behältnis wird versiegelt. „Sollte eines zu Schaden kommen, ist der Schutz trotzdem gewährleistet.“ So verfährt das Team mit jeder einzelnen Probe. „Dann müssen wir an unserem Einsatzort den Ausgangszustand wiederherstellen. Damit es so aussieht, als wären wir nie da gewesen.“ Dazu gehöre natürlich auch, dass der Müll mitgenommen wird. Dafür hat das Team extra eine verschließbare Tonne dabei. Der Inhalt muss fachgerecht entsorgt werden, alles ist kontaminiert.

  • Soldaten in Schutzanzügen und mit ABC-Masken stehen in einer Wanne und besprühen sich.
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    Jeder Millimeter muss dekontaminiert werden

    Dann geht es auch für die SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Kräfte zur Dekontamination. Die deutschen Kameradinnen und Kameraden sind aber noch mit der Dekontamination der internationalen Kräfte beschäftigt, die aus anderen Lagen zu ihnen gekommen sind. Alle Übungen laufen parallel und in allen Bereichen wird multinational zusammengearbeitet. Beispielsweise gehen auch EODExplosive Ordnance Disposal-Teams anderer Nationen mit den Kräften der Bundeswehr mit oder die deutschen Kampfmittelbeseitiger mit den ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Aufklärern aus einem anderen Land. So lernen alle voneinander. Die Vorgehensweisen unterscheiden sich, führen aber immer zum Ziel. Auch bei der Dekontamination. Während die USUnited States-Amerikaner ihre Kameradinnen und Kameraden aus den kontaminierten Anzügen herausschneiden, haben die meisten anderen Nationen Techniken, sie auszuziehen – mehr oder weniger einfach. Dafür ist immer eine zweite Person notwendig, um sich von dem Overgarment zu befreien – und die Kleidung oder den eigenen Körper nicht mit den Kampfstoffen zu kontaminieren.

    Das SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Team kommt an. „Als Erstes geben wir die Dokumentation und die Proben ab, das ist das Wichtigste“, so Marcel. Dann heißt es erst einmal warten. Denn die Dekontamination braucht Zeit und die mobile Station ist nur für jeweils eine Person ausgelegt. Mittlerweile wird es immer heißer in dem Anzug. „Die Temperaturen steigen schnell, wie in einem Auto im Sommer.“ Dabei vergehe die Zeit dennoch sehr schnell. „Unter der Maske kommt es mir wie eine Stunde vor, dabei waren es dann häufig schon zwei oder drei.“ Acht Stunden habe er die Maske und den Anzug bereits ununterbrochen getragen. Wie man das schafft? „Es muss dann einfach gehen.“ Zur Toilette gehen oder trinken kann man nicht. Einfach den Anzug öffnen oder die Maske absetzen, ist lebensgefährlich. „Man muss seinen Körper gut kennen und auch auf Signale achten, wann es zu viel ist.“ Denn bis man aus dem Schutzanzug befreit ist, kann es noch eine halbe Stunde oder länger dauern. Wichtig sei auch, ein Auge auf seine Kameraden zu haben, wie es ihnen gehe „Mal in den Schatten gehen oder im Ernstfall rausschicken.“ Im Notfall werde er oder sie bei der Dekontamination aus dem Anzug geschnitten. „Dann geht es einfach schneller.“

  • Soldaten beim Ablegen ihrer ABC-Schutzkleidung im Gelände
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    Nichts anfassen

    Das ist bei Marcel und seinem Team in diesem Moment aber nicht der Fall. Sie durchlaufen in Ruhe die einzelnen Stationen. Denn hier ist – wie bei allen anderen Bereichen auch – Gewissenhaftigkeit gefragt, kein Millimeter darf übersehen werden. Handschuhe und Schuhe werden mit einer speziellen Lösung eingesprüht. Das kontaminierte Wasser wird in Wannen aufgefangen und anschließend fachmännisch entsorgt. Auch die Maske wird dementsprechend behandelt. Dann geht es ans Ausziehen. An Knöcheln und Händen sind alle Zugänge fest verschlossen oder gar zugeklebt. Mit Vorsicht wird alles gelöst, langsam Handschuhe und Stiefel abgestreift.

    Ein Soldat in ABC-Schutzkleidung hilft einem stehenden Soldaten beim Ausziehen seines kontaminierten Schutzanzuges.

    Helfende Hände: Um die ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Schutzanzüge gefahrlos auszuziehen, gibt es bestimmte Techniken

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Marcel beugt sich mit dem Oberkörper nach vorn, streckt die Arme nach hinten. Der Kamerad, der ebenso einen Schutzanzug trägt, packt die Ärmel und befreit ihn aus dem Anzug, zumindest den Oberkörper. Die Maske bleibt dabei die ganze Zeit auf Marcels Gesicht. Er setzt sich auf eine Bank, streckt nacheinander die Beine in die Luft, damit der Anzug komplett ausgezogen werden kann, immerhin handelt es sich um einen Einteiler: mit den Füßen zuerst rein, mit den Füßen zuletzt raus.

    Ein Soldat in ABC-Schutzkleidung hilft einem sitzenden Soldaten beim Ausziehen seines kontaminierten Schutzanzuges.

    Jeder Handgriff muss sitzen: Mit dem kontaminierten Anzug darf der Soldat nicht mehr in Berührung kommen

    Bundeswehr/Amina Vieth
  • Ein Soldat in ABC-Schutzkleidung zieht einem anderen Soldaten die ABC-Schutzmaske vom Kopf.
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    Ausziehen bei anderen Nationen

    Die Hände hält der Stabsunteroffizier dabei auf der Brust verschränkt. So geht er sicher, nichts anderes anzufassen, erst recht nicht die kontaminierte Maske. Diese kommt als letztes runter. Kopf nach vorn gestreckt, ein geübter Handgriff des Kameraden und schon ist sie ab. Mit geschlossen Augen geht Marcel die letzten Meter der Dekontaminationslinie entlang. Am Ende angekommen, erwartet ihn bereits ein Kamerad mit Schuhen und Kleidung. Die Taschen packen die Frauen und Männer, bevor sie in die Mission gehen. Denn Schutzanzug, Maske und auch die Geräte und Rucksäcke müssen erst einmal vom Kampfstoff befreit, also dekontaminiert werden. Material, das die Dekontamination nicht übersteht, landet im Sondermüll.

    Ein Soldat im Schutzanzug und mit ABC-Schutzmaske legt ABC-Masken auf eine Plane am Boden.

    Sammelstelle: Die ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Schutzmasken werden von Kampfstoffen gereinigt und kommen dann wieder zum Einsatz

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Die Fachfrauen und -männer der Dekontamination verpacken den Müll und das Material, das dekontaminiert und somit später wieder genutzt wird. Da sie ebenso Schutzanzüge und Masken tragen, müssen sie natürlich auch dieselbe Linie durchlaufen, um von den Kampfstoffen befreit zu werden. Nur die letzten zwei müssen zu einer anderen Nation und sich dort dekontaminieren lassen. Ohne fremde Hilfe können sich auch die Experten nicht entgiften. 

    Im sicheren Abstand zur Hot Zone wartet am Ende der Dekontaminationslinie auch ein Kurier, der die Proben in die Labore bringt. Deutschland ist mit dem mobilen A-Labor für atomare Stoffe bei Precise Response vertreten. Hier werden die atomaren Stoffe analysiert, um die davon ausgehende Gefahr einschätzen und die militärische Führung entsprechend beraten zu können.

  • Ein Soldat steht mit erhobenen Zeigefinger in einem Zelt und hält eine Plastiktüte mit Röhrchen mit einer Greifzange
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    Das A-Team

    Von außen sieht es aus wie ein Container im Flecktarn, von innen ist es ein nahezu voll ausgestattetes Labor. „Es ist eine zum Labor umgebaute Fernmeldekabine“, sagt Hauptmann Roman L. Er leitet das Labor und das Team, dem drei Laborfeldwebel angehören. Sie sind jeweils ein Chemie-, ein Physiktechniker und ein Physiklaborant. Langenbach hat während seiner Offizierausbildung Physik studiert und ist aktuell an der Schule ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr und Gesetzliche Schutzaufgaben der Bundeswehr in Sonthofen. Die Arbeit fängt für das Team bereits im Zelt vor dem Labor an, wo die sicher verpackte Probe angenommen wird.

    Ein Container zum A-Labor umgebaut, in dem ein Soldat die Kampfstoffprobe analysiert.

    Mobil: Das A-Labor in einem Container kann überall eingesetzt werden

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Im Gespräch mit dem Soldaten, der die Probe bringt, erfährt das vierköpfige Team, wo der Stoff gefunden wurde, welche Vermutung der Aufklärungstrupp hat, um was es sich handeln könnte, und wie die Probe genommen wurde. „Das bringt uns erste Hinweise darauf, wie wir weiter verfahren müssen.“ Wichtig sei, dass die Probe vorerst in den sicheren Schutzbehältern bleibe. Ein spezieller Detektor kontrolliert die Gammadosisleistung. „Gammastrahlung entsteht auch immer dann, wenn radioaktive Stoffe zerfallen oder sich spalten“, erklärt Roman L.

    Ein Dosisleistungsmessgerät hat auch der Aufklärungstrupp, um die Strahlung einschätzen zu können. Über eine Neutronenkugel verfügt hingegen nur das A-Labor. Hiermit werden – wie der Name schon sagt – Neutronen detektiert. „Neben Alpha-, Beta- und Gammastrahlung gibt es auch noch Neutronen. Diese entstehen beispielsweise, wenn schwere Atomkerne wie Uran sich spalten.“ Ist das Ergebnis unauffällig, geht die Probe in eine große Plastikkiste. Hier untersucht einer der Feldwebel die Verpackung auf Kontaminationen. Alles, was dabei verbraucht wird, kommt in eine gesonderte Mülltüte. „Es ist wichtig, dass alles, was mit der Probe zusammenhängt, entsprechend gekennzeichnet ist und immer bei der Probe bleibt.“ Auch hier sind Protokoll und Dokumentation entscheidend.

  • Ein Soldat bedient ein Gerät im ABC-Labor.
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    Hinweise auf den Ursprung

    Ist alles sicher, geht es zur Analyse ins Labor. Erst unter einem Abzug wird die Probe aus ihrem primären Schutzbehälter entnommen. Ein Feldwebel streckt seine Arme dafür durch die Öffnungen in einer Glasscheibe und arbeitet konzentriert mit dem Stoff. Handschuhe verhindern den direkten Kontakt. Ist die Probe entsprechend vorbereitet, durchläuft sie verschiedene Tests und Messungen, um den Strahlenwert und die genaue Beschaffenheit zu bestimmen. 

    Gespannt warten L. und sein Team auf das Ergebnis. Dann endlich ist die Analyse abgeschlossen: Technetium-99m. „Ein Nuklid, das in der Radiomedizin häufig genutzt wird“, sagt Roman L. und ergänzt: „Jetzt weiß man, woher der Stoff stammen könnte und in welchem Umfeld man nach dem Täter suchen sollte.“

    Zwei Soldaten in ABC-Schutzanzügen aus dem Bereich der Kampfmittelbeseitigung überprüfen ihre Ausrüstung.

    Fertig machen für die nächste Mission: Das EODExplosive Ordnance Disposal-Team macht sich bereit für den nächsten Einsatz in der Hot Zone

    Bundeswehr/Amina Vieth

    Jetzt geht die Probe in die fachgerechte Entsorgung. Währenddessen ist am anderen Ende des Camps die Pause für das EODExplosive Ordnance Disposal- und das SIBCRASampling and Identification of Biological, Chemical and Radioactive Agents-Team schon wieder vorbei. Eine neue Mission. Wieder Stunden im Schutzanzug und unter der Maske. Aber kein bisschen weniger Motivation. „Wir würden das nicht machen, wenn es uns nicht auch Spaß machen würde“, sagt Marcel, setzt die Maske auf und geht mit seinen Kameraden in die Hot Zone. Auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind.

    *Namen zum Schutz der Personen abgekürzt.

    von Amina Vieth